Berlin, 5:43, Tag 604

Heute erinnere ich mich nicht an meine Träume. Eine neue Woche beginnt. Meine Gedanken sind fast immer in Istanbul und bei den Protesten. Das Land wirkt tief gespalten. Selbst in meiner Familie wird jetzt gestritten und sich gegenseitig auf Facebook wegen jeweils zu konservativen oder zu liberalen Statusmeldungen geblockt.

In der Diskussion unter Defnes Blogpost kann man einen Eindruck davon bekommen, dort streiten in fast 1.000 Kommentaren Türken mit Türken, ob man Gesetze gegen öffentlichen Alkoholkonsum (wie es die auch in den USA gibt, Stichwort: brown bags) und öffentliches Küssen (wie vermtl. in allen arabischen Ländern) machen darf oder nicht.

Dabei ist es so einfach gegen etwas zu sein und sich zu empören. Sich aus diesen revolutionären Gedanken heraus aber zu organisieren, konkrete Forderungen abzuleiten, eine echte Alternative zu den existierenden Institutionen zu bieten, ist dagegen nicht so einfach. Es dauert, erfordert Geduld und andauernde Überzeugungsarbeit.

Es sei einfach mal an die Entwicklung der Piraten erinnert, die als Protestpartei gestartet mitten in diesem Übergang stecken. Die Attraktivität sinkt dabei automatisch für viele Menschen. Einige ziehen weiter und suchen sich den nächsten Skandal, das nächste Thema, gegen das sie sein können.

Dabei erinnere ich mich gerade an mein Unternehmersein: die Energie und die Ausdauer der Gründungsphase; das wenige Nachdenken, einfach Machen, vorwärts, weiter. Es ist klar, was zu tun ist. Es finden sich die richtigen Menschen. Die anstehenden Aufgaben bringen die richtigen Menschen zusammen. Ich habe das immer wieder erlebt.

Nachdem die Entscheidung für den Start getroffen war, ging es los. Immer wieder, eben nicht nur bei der Firmengründung von mtc, auch vorher bei der Gründung von FSS, aber auch bei meinem ersten Job, bei meinem zweiten Job und doch auch bei meiner Hochzeit, beim Vater werden, bei allen Neuanfängen.

Nachdem sich die Anfangseuphorie verzogen hat, kommt meistens eine Ernüchterung. Ein: OhmeinGott. Gefolgt von einem Washabeichgetan? Und dann die Erkenntnis: Nichtsistmehrsowieeswar. Ein abschliessendes: Esgibtkeinzurück!

Irgend etwas zieht uns durchs Leben. Manchmal wissen wir ganz genau, was wir wollen, was richtig und falsch ist, was als nächstes zu tun ist. Wir haben die Energie, die Kraft und den Mut, Dinge zu tun, die eben noch unvorstellbar, unmöglich schienen.

Ich denke auch oft über opd nach und den Status, den es aktuell hat. Auch irgendwie als Revolution und Alternative angetreten, kann die aktuelle Lösung, die wir in den letzten 9 Monaten entwickelt haben, mit meinen Erwartungen und den Erwartungen der ersten Benutzer noch nicht mithalten.

Jetzt aber heisst es, an der Sache dran zu bleiben. Nicht weiter ziehen, zur nächsten Revolution, sondern zu lernen und weiter zu machen. Ich möchte besser verstehen, was passiert oder auch, warum nichts passiert. Warum der Funke nicht überspringt und sich alles fügt. Oder fügt sich doch schon alles, ich sehe es nur durch meine wertende Brille einfach nicht?

Und bei all den Veränderungen um mich herum, stelle ich mich als Manager und Führungskraft wieder mal in Frage. Das passiert immer, wenn ich mich kritisch mit mir selbst auseinandersetze. Ich sehe, die Fehler der Vergangenheit, die Versäumnisse, die Nachlässigkeiten, die Ungenauigkeiten. Es ist einfach, gegen sein altes Ich zu sein und sich zu empören.

Ich sehne mich nach einen lockeren, positiven, bestimmten Stil. Ich sehne mich danach, die notwendige Energie zu finden, angemessen und bestimmt zu handeln. Und dann auch danach, schnell selbst motiviert oder belohnt zu werden.

Ich träume! Davon, dass jemand kommt und meine Probleme löst. Davon, dass wir gemeinsam unsere Probelem lösen können. Davon, dass ich derjenige bin, der die Probleme allein lösen kann. Ich träume von einem besseren Leben, von einem Paradies, einer Zukunft ohne Sorgen.

Wenn… dann… Wenn dies passiert, dann bin ich glücklich/ zufrieden/ angekommen. Wenn die Mall nicht gebaut wird, dann bleibt der Park erhalten. Wenn Erdogan weg ist, dann sind wir frei. Wenn die Polizei nicht x getan hätte, dann wäre das nicht passiert. Wenn die Polizei aufhört mit x, dann hören wir auch auf mit y.

Mir fallen immer wieder die Tweets von Umair ein. Diese Thesen sind auch auf mich als Person, auf mein enges Umfeld, meine Firma, meine Stadt, mein Land und natürlich auf die Türkei anwendbar. Ja, der eigentlich Punkt von Revolutionen ist es, neue Institutionen zu schaffen. Ja, von denen die meisten scheitern und nur wenige erfolgreich sein werden.

Das Größte, was den Revolutionären im Weg steht, sind sie selbst.

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Wünsche Euch einen revolutionären Start in die neue Woche!

Veröffentlicht von Herr Krueger

vater · ehemann · mitgründer der moving targets consulting gmbh · services, development und support · zazen · fotografie

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