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Im Bemühen um Normalität…

Istanbul, 6:24, Tag 618

Die Nacht war wieder kurz, obwohl ich gestern Abend zu Hause geblieben bin: zu unübersichtlich ist die Lage für mich, als dass ich einen Ausflug im Dunkeln riskieren wollte. Viele, viele Tausende sind aber raus und haben sich unten am Bopsphorus in Kabatas und auch in Harbiye, also dort wo ich gestern am Tage die Strassenkämpfe selbst beobachtet habe, auf den Strassen zu friedlichen Demonstrationen versammelt. Soweit ich die Bilder im TV richtig einschätzen konnte, ist es zu keiner extremen Eskalation gekommen. Hatte den Eindruck, dass sich die Polizei bei zu vielen Demonstranten zurück hält.

Hier die Geräuschkulisse in unserm Viertel gestern Abend um halb 9:

Aleyna’s Schuljahresabschlussfeier gestern wurde abgesagt, aber heute werden wir sie doch wieder in die Schule schicken. Es bleibt abzuwarten, ob und wie sich die Genaralstreikankündigungen der beiden grossen Gewerkschaften DISK und KESK auswirken werden. Seda hat heute wichtige Prüfungen an der Uni.

Die Strassen hier in unserem Viertel machen jetzt einen ganz normalen Eindruck, ein typischer Montagmorgen.

Irgendwie ist das Land verzweifelt um Normalität bemüht. Nichts würde wohl besser ins Konzept der Regierung passen, wenn die Proteste, jetzt da der symbolische Ort: Gezi Parki geräumt ist, keinen Platz mehr haben und langsam auslaufen. Auch als ich gestern durch die Strassen lief, hatte ich auch den Eindruck, dass die Leute müde sind von den andauernden Protesten und die Bilder der Gewalt schon keinen mehr aufrütteln und auf die Strassen bringen.

Irgendwie bin ich froh, dass ich hier falsch gelegen habe und doch wieder so viele auf die Strasse sind!

Gestern um 8 Ortszeit habe ich meine ‚Meditation des Mitgefühls‘ gesessen. Habe 10m lang versucht, mir in Gedanken die Polizisten vorzustellen, sie anzulächeln, ihnen Mitgefühl und Verständnis zu zeigen. Ich sah ihre Rüstungen, ihre Schilde, ihre Gasgewehre und versuchte mich trotzdem mit ihnen zu verbinden. Dann 10m das gleiche mit den Protestlern. Auch hier habe ich mir Gedanken die Bauhelme und die Atemmasken vorgestellt, sie auf den Barrikaden gesehen, im Gasnebel, Widerstand leistend. Und auch hier habe ich versucht, mich zu verbinden und zu Lächeln.

Das Verständnis, das Mitgefühl für beide Seiten stärken, war das Ziel meiner Meditation: und ich sah die gleiche Anstrengung, die gleichen gehetzten Blicke, den gleichen Ärger, die gleiche Wut, die gleiche Erschöpfung. Die einen kämpfen mit Wasserwerfern und Gas, die anderen kämpfen mit Barrikaden und Steinen.

Die Unzufriedenheit und die Wut der Demonstranten wird stärker, je mehr sie ignoriert und bekämpft werden. Jede Reaktionen der Polizei beendet doch den Kampf nicht, sondern verstärkt ihn nur. Und jede erneute Demonstration, jede weiter Barrikade erhöht die Polizeipräsenz.

Nur mit gegenseitigem Verständnis und Respekt können Konflikte entschärft werden: aber die Regierung sieht sich einem diffusen, eher unorganisierten, massiven Protest gegenüber. Und sie haben keine Ahnung, wie sie darauf und auf die Forderungen angemessen reagieren können. Die Demonstranten sehen sich einer unnachgiebigen, verbohrten, sie bedrohenden Regierung und Polizei gegenüber. Und sie kennen nur den Weg auf die Strasse, um ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen.

Heute werde ich wieder versuchen, ein paar Stunden lang die Situation hier zu dokumentieren. Und heute Abend werde ich mich wieder um 8 hinsetzen, für eine weitere „Mediation für mehr Mitgefühl“.

Eine Sache noch: nach langer, heftiger Diskussion zu Hause habe ich gestern Abend ein paar meiner Tweets von den Barrikaden gelöscht und die Sichtbarkeit meiner Facebook Posts auf meine Freunde beschränkt. Die Bilder und Texte hier in meinem Blog lasse ich so stehen. Und ja, so funktioniert die Selbstzensur der türkischen Medien auch. Aber ich möchte nicht mit spontanen Tweets über Strassenkämpfe, sondern nur mit meinen Überzeugungen Anlass für eventuelle Repressalien bieten.

Dass auch hier das Internet und Telefon -offiziell für den Kampf gegen Extremismus, Terrorismus und organisierte Kriminalität- überwacht und zensiert werden, ist allgemein bekannt. Was zB allerdings an playboy.com so gefährlich sein soll, um es zu zensieren (Screenshoot), erschliesst sich mir nicht und zeigt mir einen weiteren Grund, warum die Menschen hier auf die Strasse gehen.

photo (10)

Wünsche Euch einen mitfühlenden Start in die neue Woche!

^

 

  1. Caleb Eisner #

    Das hier –> http://imgur.com/r/funny/rIeLPSI sollte beiden Seiten zu denken geben.

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    17. Juni 2013
  2. Antje #

    … Und heute Abend werde ich mich wieder um 8 hinsetzen, für eine weitere “Mediation für mehr Mitgefühl”. …
    Ich werd’s auch versuchen.
    Liebe Grüße, Antje

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    17. Juni 2013
  3. Danke für die Berichte und Fotos von dort.

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    17. Juni 2013

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