Berlin, 6:28, Tag 621

Heute Nacht habe ich ein Haus besichtigt. In die oberen Etagen musste man durch niedrige Luken kriechen. Die Wohnungen wurden gerade luxussaniert. Jemand sagte mir, dass ich unbedingt durch die Stadt laufen und nach unrenovierten Häusern suchen solle, eine einmalige Chance, die nie wieder kommt. Dabei wache ich auf und lese bei James: I know that if someone says, “I have a great opportunity for you”, then he is trying to send fuckness in my direction.

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Die Schlösser des grossen Preussenkönigs…

 

Ich bin zurück von einem intensiven langen Wochenende in Istanbul. Ich konnte die veränderte, neue Stimmung der Türken spüren am Samstag im Gezi Park, am Sonntag beim Strassenkampf und auch am Montag und Dienstag beim durch die Stadt laufen. Die Polizeigewalt ist Thema in der ganzen Stadt. Jeder kennt jemanden, der von der Polizei verprügelt, begast oder beschossen worden ist. Jeder im Zentrum hat eigene Erlebnisse von Übergriffen der Polizei, die doch nur -entfesselt, regel- und masslos- die öffentliche Sicherheit, die Ruhe und Ordnung wieder herstellen wollen.

Auslöser war eine Baustelle, wie in unserer Zeit immer wieder. Wie Gorleben, Stuttgart oder Olympia in Brasilien so hat die Baustelle am Taksim und Gezi Park, den Menschen einen Anlass geben, um gegen die Übergriffe unserer Staaten zu demonstrieren. Um ihn zum Besseren zu verändern!

Ich glaube, Erdogan hat Angst davor, dass ihm Menschen auf dem Taksim Platz etwas weg nehmen könnten, wofür er lange hart gekämpft hat. Ich glaube auch, Erdogan möchte die Ungerechtigkeiten, die die Säkularisierung Attatürks in der türkischen Gesellschaft hinterlassen hat, wieder gut machen. Aber nur Angst ist die Ursache der Gewalt. Ohne die Aktivierung der tief sitzenden Urangst vorm eigenen Untergang, würden solche Gewaltexzesse zwischen Menschen nicht möglich sein.

Aber ich habe mich in den letzten Tagen in Istanbul so gefühlt, wie ich mich vor 24 Jahren in Halle/Saale schon einmal gefühlt habe. Eine grandiose Aufbruchstimmung, Hoffnung und Sehnsucht vermischt sich mit der Angst vor der Reaktion der Mächtigen…

Die Angst vor dem und die Wut auf den Staat ist in Istanbul überall zu spüren. Aber die Angst vor und die Wut des Staates auf seine Bürger ist in Istanbul überall zu sehen.

Als ich meine eigene Angst vorm eigenen Untergang überwunden hatte und hinging und mitmachte, fühlte ich sofort Euphorie in mir. Eine Euphorie und einen Optimismus, die alles veränderen können und die jedes verdammte Risiko wert sind. Diese Sache ist doch viel wichtiger! Diese Ungerechtigkeiten motivieren doch so viel stärker. Viel stärker als ich selbst, und sehr viel stärker als meine Angst.

Und dann zu erkennen, dass auch andere so empfinden und man nicht mehr allein ist, das befeuert diese Euphorie zusätzlich. Spannend zu sehen, dass die Euphorie beim Zerstören von etwas, der Euphorie beim Erzeugen von etwas so sehr ähnelt…

Aber kann ein Staat, kann eine demokratisch gewählte Regierung die eingebaute Angst vor Macht- und Kontrollverlust jemals überwinden? Kann eine Organisation, selbst eine wirtschaftlich erfolgreiche Firma wie unsere, ihre Angst vorm Untergang jemals überwinden? Können wir unsere Angst als Antrieb wirklich überwinden?

Ich bemühe mich sehr, zumindest die Ursachen und Auswirkungen der Angst zu erkennen. Ich bemühe mich sehr, einen Weg zu finden, wie ich mit Übertreibungen von Seiten der Organisation und auch auf Seiten ihrer Mitglieder umgehen kann, ohne in einer Spirale der Aufrüstung und der Gewalt zu landen.

Zurück in Berlin merke ich: auch diese Stadt ist voller paranoider Polizisten, Scharfschützen, Panzerfahrer, Überwacher, Absperrer und sogar Gullideckelzuschweisser.

Die massiven Einschränkungen der Freiheit vieler, zugunsten der Sicherheit eines Einzelnen, bringen hier grade keinen Widerstand hervor. Höchstens Unmut. Wir nehmen die absurdesten Auswüchse hin, wir können sie erklären und aussrdem: ist ja gleich vorbei! Er bleibt ja nur für einen Tag.

Und doch sehe ich -gerade aus Istanbul kommend- nur die Angst und Unsicherheit des „mächtigsten Mannes der Welt“. Hah!

Veröffentlicht von Herr Krueger

vater · ehemann · mitgründer der moving targets consulting gmbh · services, development und support · zazen · fotografie

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