Wir werden uns auch an #PRISM und #TEMPORA gewöhnen…

Berlin, 6:47, Tag 623

Heute Nacht habe ich gut geschlafen und viel geträumt. Von einem Hochbeet, auf dem ich von unten mit einer langen Stange ein paar Pflanzen aussäte. Als ich wieder kam, pickten mindestens 3 Störche oben meine Samen wieder weg. Ich machte mein Sonnenaufgangsfoto, legte mich noch mal hin und träumte mich in die Verlängerung: eine Gruppe kam vom Hochbeet geklettert, die Königin eines der Stämme aus der Umgebung mit ihrem Hofstaat. Sie suchten eine Platz für die Hochzeit ihres Sohnes, leider hätte das andere Königshaus noch nicht geantwortet, ob das Beet ginge. Man würde mir Bescheid geben.

Es gab noch viel mehr, ich erinnere mich sehr gut an noch mindestens zwei Szenen, aber ich will mich und Euch nicht langweilen. An diesem ruhigen Samstag Morgen ohne viel Programm, ohne die Geschäftigkeit der Wochentage habe ich quasi noch Vollzugriff auf meine Träume. Ich kann wie bei #PRISM und nun auch bei #TEMPORA auf all die Daten der Nacht voll zugreifen. Das denke ich zumindest.

Meine Selbstzensur funktioniert trotzdem. Diese Selbstzensur sind die Algorithmen, mit denen die Geheimdienstler die gespeicherten Verbindungsdaten analysieren, um irgendwelche Erkenntnisse zu gewinnen, wer wann gefährlich für die Gesellschaft werden könnte, aber meistens wohl, um mehr oder alles an Information über bereits auffällige Menschen, vermeintliche Gegner, zu gewinnen. Meine Selbstzensur führt dazu, dass ich bestimmte Szenen ausspare und hier nicht erzähle, während ich andere Szenen Euch sehr gern sehr bunt beschreibe.

Ich hab gestern mit Tony einen Podcast darüber gemacht, wie ich Vertrieb in Grosskonzernen angehe, also wie ich Key Account Management mache, wie das die Amis und manche hier eben nennen. Mein 3. Punkt war, dass man alles über den Konzern herausbekommen müsse, man solle die Sprache des Konzerns lernen, die Publikationen im Netz und auch alles noch gedruckte einfach querlesen: Geschäftsberichte, Pressemitteilungen, Lebensläufe der Vorstände, Produktbeschreibungen, Strukturen. Erst wenn man die immer ganz eigene Sprache des Konzerns versteht, könnte man die wirklichen Probleme der Mitarbeiter des Konzerns sehen, die dann letztlich erst zu Aufträgen führen.

Im Grunde machen die Geheimdienste ja nichts anderes, wenn sie einen Verdächtigen oder irgend einen Anhaltspunkt haben, dann wollen sie alles über ihn wissen, mit wem hat er wann telefoniert, gemailt, welche Seiten schaut er sich an. Diesen Wunsch kann ich auf einer Seite voll verstehen. Wenn man dieses Profiling durchführt, dann kann ein Mensch einen anderen Menschen letztlich sehr genau beurteilen: wie radikal, entschlossen und damit gefährlich ist dieser andere wirklich? Dass es sich dabei um einige wenige oder viele von Millionen Menschen handelt, die so analysiert werden, ist klar. Dass aber eine kleine Gruppe oder selbst Einzelpersonen aufsehend erregende Straftaten vollbringen können, bei denen viele Menschen sterben, ist ebenfalls klar.

Nun wird viel über die Enthüllungen Edward Snowdens zu Prism und Tempora geschrieben. Wir sind empört, haben es doch schon immer gewusst, fühlen uns in unserer Freiheit beschränkt, bekommen eine difusse Angst vor dem unbekannten Überwacher, dem grossen Bruder, der alles mitlesen kann, was wir hier im Internet so tun. Wirklich! Es schaut immer jemand zu. Das kann zu äusserst unangenehmen Gefühlen, vor allem der Scham, bei fast jedem in unserem Kulturkreis führen.

Aber auch die Geheimdienste haben das Internet im letzten Jahrzehnt als den Heilsbringer begriffen, sind dem Hype aufgesessen, dass mit dem Web 2.0, mit der digitalen Revolution nun endlich bald Weltfrieden herrschen kann, das bald Hunger, Armut und vielleicht sogar die Überalterung der Bevölkerung verhindert werden kann. Es ist nur natürlich, dass auch sie dachten, dort mit machen zu müssen. Es war zu verlockend! Das Reality Distortion Field mit seinem Zentrum im Silicon Valley war so stark, dass man sich einfach diesem neuen Problem des immer stärker wachsenden Internets zuwenden musste.

Man dachte, dass es mit dem Internet nun auch eine Abkürzung für mehr Sicherheit gibt: und bald sind alle Verbrecher noch vor der Tat verhaftet und echte Terroristen werden schon beim Gedanken an eine Bombe präventiv nach Guantanamo geschickt.

Auch die Argumente, dass mehr Menschen im Strassenverkehr oder durch legalen Alkoholmissbrauch sterben, als durch Terroristen oder organisierte Kriminalität /Ausnahme Mexiko/ zusammen genommen, interessierte ja keinen mehr. Dass das Social Web, das neue Internet, die digitale Gesellschaft alle Probleme der Welt und auch diese löst, war nur noch eine Frage der Zeit. Es ist nur noch eine Frage von wenigen Jahren!

Ich denke, dass genau in diesem (Irr)glauben diese gewaltigen Überwachungsmaschinen gebaut worden sind.

Ich denke, dass auch die Chinesen genau so etwas auch haben. Wir haben oft genug Berichte über die Zensur und die Grosse Firewall gelesen und wie die Regierung ihre Überwachungsinfrastruktur nutzt, um ihre Feinde zu bekämpfen.

Aber das größte Problem ist der mögliche Missbrauch dieser Infrastruktur durch die Mitarbeiter selbst. Es lassen sich aus diesen Daten für sehr viele Menschen beliebige Skandale produzieren, die durch die Medien aufgegriffen werden können. Stellt Euch einen alten, hässlichen Innenminister vor, der jahrzehntelang hart gearbeitet und gekämpft hat und dann kurz vor Ende seiner Karriere mit dem Ministerposten belohnt wurde. Stell Euch weiter vor, ein viel jüngerer, gutaussehender Ministerkandidat der Opposition ist ständig in den Medien, die Umfragen sehen gut aus, die amtierende Regierung wird voraussichtlich abgewählt. Auf dem Computer des alten Innenministers blinkt der Cursor im #PRISM Eingabefeld? Könntet Ihr widerstehen und Euren Konkurrenten nicht „googlen“ und nicht nach einer Schwachstelle suchen?

Ich weiss, ich könnte es nicht. Als ich Anfang 20 in einer ostfriesischen Sparkasse das Bankgeschäft lernte, konnte ich es auch nicht. Durch mein Interesse für Computer arbeitete ich schon als Auszubildender in der Controlling- und damals noch EDV- genannten IT Abteilung der kleinen Bank. Ich bekam Vollzugriff auf das Banksystem und die Berechtigungen auch alle Konten von Arbeitskollegen einzusehen.

Mit einer einfach Abfrage: obl kundennummer bekam ich eine Übersicht über alle Giro- und  Sparkonten sowie die Depots der Kollegen. Das Monatsgehalt des Vorstandes: damals 1994 waren das 19.000 DM. Am meisten überrascht haben mich aber die 1,3 Millionen des alten, geizigen, alleinstehenden Kollegen aus der Wechselabteilung, die er hautsächlich mit hochverzinslichen West Berlin Anleihen, die er in den 70igern gekauft hatte, verdiente und weil er schon seit über 40 Jahren in der Bank arbeitete und seit Beginn an konsequent monatlich sparte.

Sehr schnell wurde mir dieses Spionieren langweilig, ich fühlte mich sehr unwohl dabei, so in die Privatspähre der Kollegen einzudringen, ausserdem war es natürlich „verboten“ so etwas ohne beruflichen Anlass auszuführen und natürlich wurden auch jede meiner Abfragen protokolliert. Aber eine Abstumpfung setzte ein. Ich hatte die Fähigkeit dazu, wendete sie aber unbewusst nicht mehr an. Nicht bei meinen neuen Freundinnen, auch nicht bei den Bekannten oder Kollegen, die mir das Leben schwer machten.

Diese Abstumpfung beobachtete ich immer wieder: bei meiner Arbeit in der Hauptkasse, bei der wir zwei mal am Tag, mit etwa 5 Millionen DM den kompletten Bargeldbestand der Bank zählten. Oder ich regelmässig als Geldkurier, aus Versicherungsgründen mit drei Rentern im Auto, maximal 800.000 DM in Lederkoffern durch Ostfriesland fuhr. Ich verlor den Bezug zu diesem Geld, es wurde mein Arbeitsmittel und war kein Zahlungsmittel mehr für mich.

Das gleiche passierte im übrigen zuvor schon einmal, als ich Ende der 80iger im Kuhstall arbeitete: im dem Kalbfleisch und Milch produziert wurde und ich lernte, die lebenden Fabriken zu versorgen. Das führte zu Beginn dazu, dass ich kein Fleisch essen und keine Milch mehr trinken konnte. Ich wusste ja und war Teil davon, wie das hergestellt wurde. Irgendwann war die Arbeit im Stall, die Arbeit im Stall und es gab keine Verbindung mehr, wenn ich eine Tüte Milch aus dem Kühlschrank holte. Das dauerte etwa ein halbes Jahr, bis bei mir diese Gewöhnung einsetzt.

Ich versuche zu verstehen, wohin mich hier grad meine Argumentation geführt hat?

Erstens vielleicht: es war illusorisch zu glauben, dass die Technologie des Internets nicht von allen Teilen der Gesellschaft voll benutzt wird. Jeder probiert das aus, auf der Suche nach Abkürzungen.

Und Zweitens wird ein Gewöhnungseffekt bei den Geheimdiensten und auch bei uns eintreten.

Und Drittens, ein Missbrauch dieser Möglichkeiten durch die Beteiligten Menschen lässt sich nicht verhindern.

Edwards Snowdens Enthüllungen über Prism und Tempora sind das beste Beispiel dafür, dass es nicht möglich ist, größere Projekte mit vielen Beteiligten über längere Zeiträume vollständig geheim zu halten. Vor allem nicht, wenn sie uns alle betreffen.

Ohne einen Reboot und vollständige Neuinstallation das aktuellen Gesellschaftsbetriebssystems aka Weltrevolution werden wir solche Programme zum Machterhalt der Mächtigen nicht verhindern können. Wir konnten es noch nie verhindern!

Ich träume aber weiter davon, dass durch das Internet, durch diese immer vollständigere digitale Vernetzung der Menschheit, der Missbrauch und Terror durch Einzelpersonen, Organisationen oder Institutionen irgendwann aufhört.

Ich träume weiter davon, dass das Gute über das Böse siegt. Ich bin ein Optimist!

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Wünsche Euch (un)wissend lächend einen tollen Samstag!

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