Gesehen werden…

Berlin, 8:40, Tag 624

Heute habe ich ausgeschlafen und zuletzt von einer Konferenz geträumt. In einem Hotel, in einem flachen Raum waren zu wenig Tische aufgebaut, ich sollte 4:10 sprechen. Die Präsidentin des DPMA war vor mir dran, es war eine andere Version der PATINFO. Eine Frau von einem PIZ klaute mir mein Kleingeld. Ich musste eine Etage hoch, zog mich um, traf Mirko und andere Freunde, war völlig relaxt. Dieses Chaos hier draussen, war kleiner als das in mir drinnen. Und das ist selten. Der Traum davor handelte sinnvollerweise von der Anreise, die gleichzeitig eine Abreise von einem anderen Ort war. Es sollte geflogen werden, ich kam nicht los, fand den Weg nicht, wir hatten ewig lange nur noch eine halbe Stunde bis zum Takeoff, waren also hoffnungslos zu spät, aber wir versuchten es trotzdem weiter. Den Traum davor habe ich vergessen. Den Traum beim Einschlafen auch.

Nun schreibe ich hier erst nach einem schönen Spaziergang und Frühstück mit Tilman und seiner Familie hier im Kiez weiter. Es ist schon halb 12 und damit unverhältnismässig spät für meine Schreibmeditation. Tja, strenge Morgenroutine oder einfach Annehmen was ist. Beides ist wichtig!

Heute will ich unbedingt übers Gesehen werden schreiben. Ich erinnere mich nicht mehr daran, ob ich schon so konkret darüber geschrieben habe. Nein. Eine kurze Recherche ergab ganz schöne Posts, aber es ging in ihnen nicht darum, was mich seit gestern Abend besonders bewegt.

Gestern Abend sah ich wieder Live Bilder von erneuten Protesten auf dem Taksim Platz in Istanbul. Die Polizei meinte nach ein paar Stunden friedlichen Protestes, dass jetzt alle ihre Meinung ausgedrückt hätten und nach Hause gehen könnten. Als niemand der Aufforderung nachkam, wurde der Platz mit den schon üblichen Wasserwerfern und Tränengasattacken geräumt, was natürlich zu stundenlangen Strassenkämpfen führte.

Ich habe mich wieder sehr darüber aufgeregt. Habe viel auf Facebook gefunden und gepostet! Habe wieder bedauert, dass ich nicht mit dabei sein konnte. Wollte wieder gleich Montag in den Baumarkt, mir eine gute Atemmaske besorgen, damit ich am nächsten Samstag zusammen mit den tausenden Menschen der Gewalt zu trotzen und sie unterstützen kann.

Durch meine Liebste sehe und verstehe ich auch die konservative Sicht auf die Proteste sehr gut. Ich sehe den tiefen Graben, der die türkische Gesellschaft durchzieht und der vielleicht am ehesten mit Moderne auf der einen und Tradition auf der anderen Seite beschrieben werden kann. Die Gegensätze sind so gewaltig, dass jede der beiden Gruppen sich in ihre eigenes Weltbild zurück zieht und sich hinter Extremen verschanzt. Was beide gemeinsam haben, sie identifizieren sich über das Trennende. Und wenn doch mal das Gemeinsame betont wird, dann nur um die Gegenseite damit zu vereinnahmen.

Die Polizei auf Seiten der Tradition, sieht nur die Ruhestörer. Die Demonstranten auf Seiten der Moderne, sehen nur die Gewalt der Polizei. Niemand sieht den Menschen unter dem Bau- oder dem Polizeihelm. Niemand sieht den Menschen unter den Gasmasken. Alle verwechseln die Seite auf der jemand steht, mit der Identität. Du, bist ein Chapuller? Und Du bist ein Polizist. Nein!

Ich stelle immer wieder fest, dass viele Konflikte sich in Luft auflösen, wenn man die eigenen Vorstellungen, Label, Zuschreibungen, Titel, Gruppenzugehörigkeiten loslässt und „nur“ den anderen Menschen betrachtet. Die Na’vi in Camerons Avatar grüßen sich mit: Ich sehe Dich! Und genau diese Art des Sehens möchte ich hier erforschen.

Mein letzter Partner in der Firma hatte ganz eigene Vorstellungen von Strategie, Marketing und Vertrieb und damit unserer Zukunft. Er hatte klare Vorstellungen, was ich zu tun hatte, wie ich mich entwickeln solle, zu welchen Terminen ich gehen, welche Kunden ich gewinnen sollte. Er kümmerte sich um das Backoffice und hatte auch dort ganz genaue Vorstellungen davon. Jede Anregung, jeder Wunsch, jede Kritik haben wir gegenseitig als Angriff verstanden. Ich sah ihn als den alternden Senior, er sah mich als den jungen Wilden. Ich dachte, er war tief davon überzeugt, besser zu wissen als ich, was gut für unsere Firma und für mich ist. Als ich das 2005 so erkannte, trennte ich mich von ihm und startete mit Gunnar die heutige mtc.

Mein letzter Steuerberater hat jede Kritik an seiner Bilanzierungspraxis als Angriff auf seine Person, seine Integrität verstanden. Er hörte meine Wünsche und meine Anregungen und verstand doch nur Kritik an seiner Arbeit. Ich war für ihn bestimmt ein guter Kunde. Aber ich war für ihn auch jemand, der keine Ahnung von Steuern hatte, der sich um sein Geschäft kümmern sollte. Er würde den Rest schon machen. Seine Absichten waren ehrenwert. Sein Selbstverständnis führte dazu, dass er tief davon überzeugt war, besser als ich zu wissen, was gut für unsere Firma und für mich ist. Als ich das verstand, habe ich ihn 2010 gekündigt.

Wir brauchen Label, Zuordnungen, Titel in unserer Gesellschaft. Eine der ersten Fragen nach dem Kennenlernen: Was machst Du? Was bist Du? Die Antwort darauf sind oft Berufsbezeichnungen, die uns helfen sollen, eine Vorstellung vom anderen zu bekommen.

Wir machen das, weil wir oft nicht wissen, wie man den anderen Menschen sehen und erkennen kann. Wir haben oft keine Zeit und wohl kein Interesse. Vielleicht haben wir das wirklich verlernt. Es steht auf keinem Lehrplan und bei der Kindererziehung, ach hört auf! Das „Was willste mal werden, wenn Du gross bist.“ führt später genau zu diesen Verwechslungen, zur Betonung von Trennendem und so zu Konflikten.

Wie geht es denn, zur Begrüßung einfach nur zu sagen: Ich sehe Dich? Vielleicht nicht mit den Worten, aber mit den Augen. Wie geht es denn beim Hallo sagen, beim ersten Erkennen, nur den anderen Menschen zu suchen? Auf Reset drücken, die Vorstellungen loslassen, die Label, Bezeichnungen, Gruppenzugehörigkeiten  löschen.

Und dann zu fragen: Wie geht es Dir heute? Aus echtem Interesse für den anderen Menschen, der Person gegenüber, unabhängig von allem, was wir über ihn zu wissen meinen.

Erst in diesem Momenten des gegenseitigen Sehens, verbinden wir uns wirklich. Dann sehen wir wirklich. In diesen Momenten entstehen Geschichten, die wir auch aus der Türkei hören, wenn Davide mit dem Klavier die Menschen verbindet und die Polizisten die Helme abnehmen. Wenn sie die Nelken annehmen, die ihnen die Demonstranten gereicht haben. Diese Bilder, diese Momente haben die Kraft, sie berühren unsere Seelen. Eine Eskalation von Gewalt und Konflikten wird so verhindert.

Anderen Menschen unsere Vorstellungen von Ihnen aufzuzwingen, funktioniert nicht. Es erzeugt Widerstand. Es erzeugt so starken Widerstand, dass wir unweigerlich ins Handeln kommen: uns von unseren langjährigen Partnern trennen können, auf die Strasse ins Tränengas und in die Strahlen der Wasserwerfer gehen, den Anweisungen von gewaltbereiter Polizei eben keine Folge leisten.

Letzte Woche auf unserem Sommerfest, da habe ich das geübt. Ich habe versucht, jeden -den ich begrüßte habe- neu anzuschauen. Bei manchen gelang es, bei anderen noch nicht. Manchmal waren die gemeinsamen Erlebnisse und Erinnerungen noch zu stark, als dass ich sie loslassen konnte. Aber bei vielen klappte es schon ganz gut und das Strahlen des Lächelns zeigte mir, dass es gut war.

Ich hatte das früher mal meine Lächeltage genannt: Ich bin lächelnd durch den Tag. Habe jeden mit dem ich in Kontakt kam, einfach freundlich und offen angelächelt. Das Ergebnis war umwerfend. Ein Tag voller Licht und Sonne und guter Laune für mich und alle anderen. Eine Folge des Lächelns ist, dass es uns erlaubt hinter die Fassade zu schauen. Die Bedienung beim Starbucks fühlt sich ernst und angenommen. Die Stewardess lächelt zurück und giesst das Glas gleich voller ein. Der Busfahrer ist erstaunt über mein Danke beim Aussteigen. Der Bettler lächelt zum ersten Mal an diesem Tag.

Sich gegenseitig so zu erkennen, gehört für mich zu einfachsten und schönsten Wegen zu alltäglichem Glück!

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Wünsche Euch lächelnd, dass ihr heute alle gesehen werdet…

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