Über Irrelevanz des Verstehens wollens…

Bizimköy, 5:55, Tag 641

Heute Nacht habe ich mich wieder auf die Flucht aus einem Hotel geträumt, wieder musste ich zum Flieger, wieder war ich in Eile, wieder verging die Zeit sehr unterschiedlich schnell. Ich begegnete begnadeten Servicekräften, die ich für ihr Organisations und Beruhigungstalent sehr bewunderte. Ich wachte zeitig und von allein, wie gewünscht halb 6 auf. 

Die Meditation war nicht ganz so flott heute, meine Gedanken liessen sich auf die Ruhe ein, meine Unruhe konnte mich nicht überwältigen. Ich male mir grad Strukturen auf. Bei der ganzen Tipperei muss ich ab und zu auch mal herkömmlich Schreiben. Ausserdem helfen mir Strukturen beim Verstehen meiner aktuellen Prioritäten. 

Gestern hatte ich den starken Gedanken, hier aufzuhören mit dem täglichen, morgendlichen Schreiben. Gestern war so ein Tag, an dem es mir zu viel über mich verrät, an dem ich jemand anders sein möchte, an dem ich mehr Abstand zu anderen brauche. Gestern war ich nicht zufrieden mit dem Arne, dessen Bild hier durch das tägliche Aufschreiben entsteht. Ich wollte mehr Lebensfreude, mehr Enthusiasmus zeigen. Ich fühle es doch, warum kann ich es dann nicht auch aufschreiben?

Dann eben fiel mir ein, dass ihr Euch ja ein Bild von mir macht und ich das natürlich manipulieren möchte, dadurch dass ich mir eine Strategie überlegen und Marketinggedanken mache. Dadurch würde ich mir vorher bewusst Gedanken machen, was ihr mit den Informationen hier anfangen solltet.

Es sollte doch zumindest mir hier klar sein, welchem Zweck und Ziel das alles dient. Die Strukturen und Kategorien, diese Label, die ich gerade suche, die sollen Euch doch nur dabei helfen, das richtige Bild von mir zu kriegen, das alles hier schnell und leicht und richtig zu verstehen. Dazu dann noch die Ziele ausformulieren, dann -messen, ob sie erreicht worden sind. Kann doch nicht so schwer sein, ein paar ordentliche Kennzahlen zu finden, mit denen man Erfolg meines Bloggens hier messen kann, oder?

Gestern las ich darüber, dass durch die Gezi Proteste die türkische Gesellschaft eher zusammen rückt, dass alte Verletzungen aus vergangener Zeit endlich heilen, dass die Menschen aus ihren Filterblasen, aus der Blase ihres Privatlebens wieder auftauchen, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, um gemeinsam etwas zu bewegen, zu verändern und zu entwickeln, dass dies lange Zeit hier in der Türkei verloren schien, dass sich jeder erst mal nur um sich selbst kümmerte, dass alle nur ihre eigenen Interessen verfolgt haben.

Und jetzt -durch die Proteste- merken viele, dass es auch ein echtes wir gibt. Das dieses wir starke Gefühle erzeugen kann, was für ein tolle Erfahrung es ist, mit vielen, vielen anderen gemeinsam für oder gegen etwas zu sein, sich mitreissen zu lassen, von der Euphorie, von der Gemeinschaft. Und viele merken, dass dieses wir nicht mit dem künstlichen wir der Marketingabteilungen der Konzerne und Parteien übereinstimmt. Dass das eine wir versucht zu manipulieren. Das andere wir ist einfach alles, was das andere nur verspricht. 

Der Unterschied in der Wirkung ist enorm! Und siehe da, die Berufspolitiker sind sehr erschrocken darüber und verstärken ihre Anstrengungen, Strukturen und Kategorien und Label zu finden, um uns zu erklären, was passiert. 

Seit ich mit Computern arbeite, gab es ein ganz ähnliches Problem, das des Wiederfindens von Informationen. Für das Organisieren von grossen Mengen von Informationen haben wir Kategorien und Klassifikationen, ganze Taxonomien und Ontologien entwickelt. Wir versuchen uns vorher zu einigen, uns vorher Gedanken zu machen und dann Metadaten an die Informationen zu packen, damit sie sich sortieren, damit andere sie schneller finden können, damit wir unser Wissen weiter kumulieren und vielleicht potenzieren können. 

Genau so ist es auch mit Gruppen. Wir versuchen, die uns umgebenden Gruppen zu benennen, zu besprechen, zu erklären, zu titulieren, zu kategorisieren, einfach um ganz egoistisch unsere Sein, unseren Einfluss, unsere Macht weiter zu kumulieren, vielleicht gar zu potenzieren, zumindest das jedoch zu (unseren Gunsten) beeinflussen.

Die Dynamik von Systemen oder Gruppen, die Veränderungen dieser Prozesse werden durch die Vernetzung, durch das Internet immer sichtbarer. Genau so fällt nun aber auf, wenn andere Kategorien finden und Strukturen schaffen. Also wenn Einzelne versuchen, zu verstehen, zu erklären und so auch die gesamte Gruppe zu beeinflussen, wenn man so will, zu manipulieren.

Eine Frage ist doch, brauchen Gruppen wirklich noch die Strukturen und die Zuordnung zu Kategorien, die Einordnung durch egoistisch denkende Einzelne? Und weiter, entsteht ein gemeinschaftliche Bewusstsein gerade erst durch diesen (doch ganz gesunden) Egoismus Einzelner? Ich glaube, es ist so und doch anders! Denn erstens ist es irrelevant, ob wir verstehen wollen… wir tun es doch schon! Und zweitens, erzeugt erst das Sein, also auch der Egoismus des Einzelnen erst das, was sich in der Folge dann als Gruppe bezeichnen lässt…

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Mit diesen lauten, unausgegorenen Gedanken wünsche ich Euch schon wieder verwirrt einen ganz grossartigen Tag!

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