Die Grossbaustelle in mir…

Bizimköy, 7:28, Tag 643

Heute habe ich wieder von einer Flucht geträumt. Wieder wollte ich einen Termin, ein Flugzeug kriegen. Ich wusste, dass ich kurz vor Halb los muss, dann würde ich es sogar mit den Öffentlichen schaffen. Obwohl das Boarding offiziell schon Dreiviertel anfängt, klappte es immer. Als ich mich verabschieden musste, dann noch frühstücken, anziehen und als ich dann mit dem Taxi über die Stadtautobahn fuhr und die Werbetafeln sah, wusste ich -ohne auf die Uhr zu schauen- dass es zu spät ist. Ich sah einen neuen Lunapark, mehrere noch neuere Einkaufszentren mit toller Architektur und Licht. Aber es war klar, ich würde auch diese Konferenz verpassen. Ich fühle mich schrecklich. Und wachte auf…

Aber ich blieb liegen und meditierte lange im Bett, lag wach mit geschlossenen Augen, atmete im gleichen Atemtakt, ganz still, ganz ruhig. Dann beobachtete ich, ohne zu sehen, das langsame Aufwachen meiner Familie.

Gestern war ein schöner Tag! Wenn ich akzeptiere was ist, wird es meist sofort sehr schön. Der Fokus verschiebt sich.

Dabei lese ich James Buch: Choose Yourself und könnte jede zweite Zeile unterstreichen.

All you really need to do to get off the floor is acknowledge that it’s not your external life that needs to change (you have little control over that), but that external changes flow from the inside. External changes in your life are like the final ripples of the ocean that lap onto distant shores. A promotion, a raise, a new job offer, a new relationship. These are the final ripples. The ocean is inside you.  ~James Altucher, Choose Yourself

Ich bin blind. Ich sehe vor lauter Wasser, den Ozean in mir nicht. Ich sehe nicht, welche Dinge reif sind und welche noch Zeit benötigen. Und ich habe Erwartungen, unausgesprochene. Und ich unterschätze völlig, welche Erwartungen andere an mich haben. Ich kann mit den Erwartungen anderer an mich grade überhaupt nicht umgehen. Ich hab keinen Ozean in mir, es ist nur eine riesige Baustelle.

Gestern dachte ich kurz, was für ein Riesenarschloch ich doch sein kann, wenn ich die Erwartungen von anderen enttäusche: Arne, Du weisst gar nicht, wie das auf andere wirkt. Ich kenn dich ja schon eine Weile, aber ich sage Dir, dass andere das ganz sicher nicht mit sich machen lassen. Dieser Satz einer guten Freundin fiel mir gestern wieder ein.

Es einen Augenblick, da konnte ich das Leid sehen, dass sich andere mit meiner Hilfe zufügen. Ich konnte spüren, sehen und lesen, wie genau es sich anfühlt, von mir enttäuscht zu werden. Ich sah dabei zu, wie jemandem klar wurde, dass er mich falsch eingeschätzt hat, dass ich anders bin, als ich sein könnte, als sich Hoffnungen in Luft auflösten

Und dann habe ihn mitnehmen wollen auf meine Grossbaustelle. Ich wollte ihm die vielen angefangenen Dinge zeigen, das viele Werkzeug, Baumaterial, die vielen Pläne, all die Dinge, die schon fertig scheinen.

Dabei hatte er nur eine ganz einfache Frage gestellt.

Aber diese eine Frage öffnete das Tor. Ich sah mich konfrontiert mit meinem ganz persönlichen Stuttgart 21, sah meinen ganz eigenen, nicht fertig werdenden BBI in mir drin. Und immer wenn ich andere auf meine Grossbaustelle lasse, wenn ich sie ihnen zeige, wenn ich mich soweit öffne, passieren komische Dinge:

Meist Missverständnisse, Konflikte, übersteigerte oder enttäuschte Erwartungen, verkürzte Erinnerung, selektive Wahrnehmung, aus dem Kontext und der Zeit gerissene Fakten, eine verzerrte Realität: eine Baustelle eben. Bei deren Anblick frieren die Gesichter ein, werden zur Maske.

Viele begreifen nicht, wie egal mir die Fertigstellung ist, weil ich ahne, dass die Eröffnung mein Ende sein wird. Viele sehe nicht, wie wichtig mir die Arbeit daran trotzdem ist, weil ich erkannt hab, dass es die Baustelle meines eigenen Lebens ist.

Später am Strand sah ich Zusammenhänge, wo eben noch keine waren. Ich erkannte, dass und wie meine Art zu arbeiten, super anstrengend für andere sein können. Und ich sah, dass das Verbindende zwischen all den Konflikten immer nur ich selbst bin. Ich begriff auf einmal, wie es anderen gehen kann, die meinen eigenen Reifungsprozess, meine Entwicklung begleiten.

Es tut mir leid für sie, denn ich nutze sie irgendwie aus, dabei fühle ich die Schamesröte der Selbsterkenntnis aufsteigen. Aber mit diesen Gefühlen beim Rot werden, zogen sich weitere Schleier von meinen Augen. Ich fühlte auch Mitleid: nein, ich fühlte mit. Und ich fühlte, dass es ihre Baustellen sind, dass es ihnen nur wie mir geht…

Dann fühlte ich Dankbarkeit, darüber, dass sie mich ausgehalten haben und dass sie mir Widerstand geben. Ich bin selbst dankbar, dass sie wegrennen, dass sie sich gegen mich entscheiden, dass sie über mich meckern, jammern oder einfach nur den Kopf schütteln. Dankbar, dass sie mich dafür so nah an sich ranlassen.

Ich bin blind. Ich sehe vor lauter Wasser, den Ozean in mir nicht. Denn die Baustelle wird nie fertig und der Ozean wird immer da sein. Dann hab ich die Mail abgeschickt und bin aufgesprungen und mit den Kindern ins Wasser des Ozeans vor meinen Augen und ich schwamm und plantschte und spritzte wie ein Kind…

Wünsch Euch einfach nur einen fantastischen Samstag!

 

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