Bizimköy, 10:07, Tag 658

Heute Nacht keinen Traum, der das Aufwachen überlebt hätte. Überlege immer noch, ob ich auch hier „Urlaub“ machen sollte und mal ein paar Tage lang nur ein Bild poste. Wenn ich darüber nachdenke, verschwindet jede Schwere und Zwang.

Es geht um meine Erwartungen. Immer wenn ich meine Erwartungen an mich und damit auch an das Blog hier loslasse, dann fällt mir das Schreiben sehr leicht. Und immer, wenn ich denke ich müsste besser schreiben, also jemand anders sein, als ich heute morgen bin, dann fällt mir das Schreiben schwer.

Ist der Vergleich, aus dem Erwartungen resultieren, die Wurzel des Übels? Oder ist doch (das Cliché) der Überarbeitung? Die Idee des lange-keinen-echten-Urlaub-mehr-gemacht-habens? 

Zusätzlich zur Ortsveränderung sollte ich mal richtig Urlaub machen: durch Unerreichbarkeit, durch Papier statt iPad lesen, durch Nichtstun, statt Etwastun. Ich sollte allen ankündigen, dass sie mich in Ruhe lassen können, ich werde eh nicht antworten, meinem Mailprogramm den Befehl erteilen, allen, die mir eine Mail schicken, postwendend mit zu teilen, dass ich nicht antworten werde, bis ich wieder zurück bin.

Die Büchse der Pandora enthält also das, was uns aufregt und beunruhigt, das (manchmal überwältigende) Auftauchen des bisher Unbewussten, unsere Wut auf das Leben. Dies ist das Ego, der Zorn darüber, dass unser Leben nicht so ist, wie wir es gerne hätten. „Es passt mir nicht!“ – „Es gibt mir nicht, was ich will“ – „Ich will, dass das Leben angenehm für mich ist“. Es ist unsere Wut darüber, dass Menschen oder Ereignisse in unserem Leben uns einfach nicht das geben, was wir fordern.

schreibt Joko Beck hier und hat so recht damit. Es ist mein Ego, welches mir sagt, dass ich mal wieder Urlaub brauche, weil ich härter, länger und intensiver gearbeitet habe, als ich das auf Dauer aushalte.

Es behagt mir nicht, dass ich so denke. Es behagt mir nicht, dass sich das gut anfühlt und alle meine Kollegen und Partner und Kunden doch sicher stets vollstes Verständnis haben würden. Ich beginne zu sehen, dass das Konzept erst hart Arbeiten, um dann hart zu Feiern nicht meines ist.

Ich empfinde es als grosses Glück, dass ich in meinem Leben ständige Orts- und Kulturwechsel einbauen konnte. Denn in diesem Sinne brauche ich dadurch keinen Urlaub, um mal raus zu kommen aus dem Trott, mal was anderes zu sehen. Nun beginnen die beiden Kulturen aber, mir vertraut zu werden. Und sicher, möchte ich die Grenzen noch weiter verschieben. „Im Urlaub“ könnte ich noch weitere Kulturen kennen lernen? Und das wäre schön!

Ich sei in ständiger Tiefentladung habe ich in den letzten Tagen öfter erzählt, weil ich mich schlecht fühle, mal klassischen Urlaub zu machen und wirklich nur zu faulenzen. Denn ich halte mich für so privilegiert, dass ich denke, für mich keinen Urlaub mehr beanspruchen zu dürfen. Tiefentladung bedeutet für mich,  für nichts Neues mehr offen, mit Tunnelblick bei der Arbeit zu sein. Abends und am Wochenende nur noch zu Entertainment, zu passiver Unterhaltung fähig zu sein.

Gestern Abend, am Anreisetag meines Fakeurlaubs, hatte ich einen befreienden Gedanken, bei dem ich am liebsten sofort umgekehrt wäre: ich möchte aufhören, an anderen Menschen rumzuerziehen, sondern wieder mehr mit anderen arbeiten. Ich möchte aufhören, andere ständig zu werten, zu beurteilen und zu untersuchen, ob sie vielleicht leisten wollen und können, was ich nicht will oder kann. Statt dessen möchte ich versuchen, mit anderen zusammen ein -für alle- attraktives Ziel zu erreichen.

Wenn ich heute -nur mit dem Abstand der Kilometer- zurück blicke nach Berlin, dann erscheinen mir meine Streits und Aggressionen lächerlich, unbedeutend und komisch irgendwie. Ich sehe ihren Grund, ihre Auslöser und ihre Wirkungen. Ich sehe ihre gestrige Notwendigkeit. Und ich sehe auch, dass ich genau davon Urlaub bräuchte, dass genau dies anstrengt und auslaugt und die Akkus belastet.

Nun könnte ich hier Kraft schöpfen, nur um gestärkt zurück zu kehren, nur um noch mehr zu werten, zu erziehen und urteilen zu können? Das werde ich nicht tun!

„Weisheit – ist die Fähigkeit, das Leben so zu sehen, wie es ist (und nicht, wie ich es haben möchte)“ sagt Joko Beck weiter und betont dabei, dass es darauf ankommt, seine Erregung, sich selbst zu beobachten. Und dass mit der Beobachtung unserer Aufgeregtheit, unserer Müdigkeit, unserer gefühlten Überarbeitung, ganz automatisch die Weisheit und Mitgefühl wachsen. Es kommt nicht darauf an, was wir beobachten, sondern dass wir es tun.

Und deshalb möchte ich hier weiter meine Beobachtungen festhalten und als meine Schreibmeditation veröffentlichen. Sie sind kein Zwang für mich, auch wenn sie manchmal anstrengend sind. Sie sind wichtiger Teil meines eigenen Übungsweges, meiner eigenen Entwicklung.

Ich hab genug gearbeitet und ich hab genug Urlaub gemacht, ich hab einfach genug. Aber ich möchte weiter üben, und davon brauche ich keinen Urlaub.

Der Übungsweg ist nicht einfach. Er wird unser Leben verändern. Doch haben wir die naive Vorstellung, dass diese Veränderung vor sich gehen kann, ohne dass wir einen Preis dafür bezahlen müssten, so täuschen wir uns. Man sollte nicht mit dem Üben beginnen, bevor man nicht das Gefühl hat, es gäbe keine andere Möglichkeit mehr. Surfen Sie nur noch mehr, betreiben sie noch mehr Physik oder Musik. Wenn Sie das zufrieden stellt, tun Sie es. Üben Sie erst dann, wenn Sie glauben, Sie müssten. -Joko Beck, Zen im Alltag.

Der Blick zurück auf meine Heimat…

 

Wünsch Euch einen fantastischen Sonntag!

 

Veröffentlicht von Herr Krueger

vater · ehemann · mitgründer der moving targets consulting gmbh · services, development und support · zazen · fotografie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s