Über unbestechliche Spiegel…

Bizimköy, 7:35, Tag 660

Heute Nacht hat meine Kleene von einem Monster geträumt, das uns drei angegriffen hat. Eh es aber was wirklich Schlimmes machen konnte, wachte sie auf und kam zu uns rüber.

Vor meiner Morgenmeditation lese ich ein Kapitel in Joko Becks Buch: Zen im Alltag, anstatt durch die Newsströme zu schwimmen. Das tut mir gut und gibt dem Tag eine angenehmeren, nicht weniger interessanten Start:

Abgesehen von unserem üblichen Zazen gibt es nichts Besseres als unsere Beziehungen, um zu erkennen, wo wir steckengeblieben sind und an was wir uns noch festhalten. Und solange wir immer wieder anecken und aufgestört werden, haben wir die große Chance, zu lernen und zu wachsen. Deshalb ist jede Beziehung ein wertvolles Geschenk. Nicht, weil sie uns glücklich macht – das tut sie oft keineswegs, sondern weil wir in jeder engen Beziehung, wenn wir sie als Übung betrachten, den unbestechlichsten Spiegel vorgehalten bekommen, den es gibt. ~Joko Beck, Zen im Alltag

Wir benutzen unsere Freunde, unsere Liebsten oft wie eine Art Fernsehprogramm. Sie sollen uns unterhalten, es soll uns gut gehen mit ihnen, sie sollen immer da sein, wenn wir sie brauchen und ansonsten nicht nerven. Wenn uns das Programm nicht gefällt, schalten wir ab oder um.

Gerade mit den Menschen, mit denen ich eng zusammen arbeite oder lebe, ecke ich oft und gerne an. Gerade die Menschen, die mir etwas bedeuten, stören mich auf in meinem Leben, in meinen Ansichten, in meinen Routinen und Zielen.

Immer wenn ich mich aufrege, ärgerlich, wütend oder enttäuscht bin, weil etwas in meinen Beziehungen nicht so läuft, wie ich es mir wünsche oder vorstelle, habe ich verschiedene Arten damit umzugehen.

Erstens: Streit und Flucht. Ich mache eine flapsige, provokative, dumme Bemerkung über das, was mir auffällt, ohne drüber nachzudenken, spontan. Daraus resultiert eine Reaktion, meist eine Verstimmung, oft Missstimmung. Wenn sich daraus kein Streit erzeugen lässt, haue ich ab, gehe raus aus der Situation. Wenn ich mich streiten kann, dann endet das meist auch schnell im Ende des Zusammenseins. Das hält niemand lange durch, auch ich nicht.

Zweitens: Manipulation und Flucht. Ich werde kreativ und versuche mit Argumenten, mit Reden, mit Machen irgendwie doch zu meinem Ziel näher zu kommen. Dabei schaue ich kaum auf mich selbst, bin nur beim anderen. Ich überlege nur, wie dieser sich verhalten könnte, sollte, wollte, müsste. Er muss doch einsehen, dass sie/er an meiner Wut schuld hat und etwas ändern muss. Wenn der andere das nicht lernen, einsehen, verstehen will, gebe ich meistens auf.

Drittens:  Kapitulation und Flucht. Es hat doch keinen Sinn. Ich stelle die Beziehung in Frage. Vorher sehe ich ein, dass es keinen Zweck hat, sich aufzuregen, sich zu ärgern, zu meckern, sich bei anderen auszuheulen.

Immer öfter sehe ich ein, dass ich Streits nur benutze, um zu fühlen, wie sehr ich am Leben bin, dass ich Streit mit mir nahestehenden Menschen und damit sie als Energiequelle missbrauche.

Dann verstehe ich manchmal, dass immer, wenn ich mich aufrege über etwas oder jemanden, ich mich über etwas in oder an mir aufrege, die anderen lösen nur aus, was schon in mir vorhanden ist. Es geht immer um mich, um etwas in mir.

Diese Reflektionen, diese Gedanken helfen mir dabei, glücklicher zu werden und mehr Möglichkeiten zu haben, zu reagieren. Und meinen Ärger und Wut über mich mal beiseite zu lassen, wenn ich mit jemand anderem zusammen bin. Damit meine ich nicht, runterschlucken sondern etwas anderes. Es geht nur darum, mich nicht zum Sklaven meines Ärgers und meiner Wut (auf mich selbst) zu machen. Es geht darum, diese Unruhe, diesen Kummer und dieses Leid einfach nur wahrzunehmen und nicht aus Angst davor, wütend und ärgerlich rumzubollern… das wütend werden, macht doch meine Unruhe nur noch stärker.

Je öfter ich das mir bewusst mache, je öfter ich diese Zusammenhang erkenne, umso leichter fällt es mir, einen anderen Weg zu gehen. Bei mir zu bleiben und die Wut und den Ärger nicht die Kontrolle über meine Beziehungen übernehmen zu lassen.

Meine Unruhe und Wut sucht sich meist Schuldige. Die Menschen, die mir nahe sind, trifft es oft als erste. Wenn ich mich hier im Sommerhaus dabei ertappe, klappe ich mein Laptop zu und gehe joggen, schwimmen oder pflege den Garten. Wenn ich mich dabei ertappe, habe ich mir vorgenommen, erst mal gar nichts zu sagen, sondern ein und auszuatmen und zu lächeln. Ja, ich schaffe es manchmal sogar schon, meiner Wut kurz nach dem Entstehen zu erkennen und dann nicht der Versuchung zu erliegen, mich ihr zu ergeben.

Es geht mir darum, eine vierte Art des Umgangs damit zu lernen: Wahrnehmen, was ist. Wenn mich andere stören oder ich anecke, dann kann ich die Gefühle die in mir entstehen erst mal einfach wahrnehmen. Keine Flucht, kein Streit, keine Manipulation, keine Kapitulation. Einfach in den Spiegel schauen und wahrnehmen, was jetzt passiert, was grade hier los ist.

 

Wünsch Euch einen tollen Tag im Spiegel eurer Selbst.

Wünsch Euch einen tollen Tag im Spiegel eurer Selbst.

 

2 thoughts on “Über unbestechliche Spiegel…

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