Zwischen den Polen…

Noch Bizimköy, 7:41, Tag 668

Heute Nacht bin von einem Berg hinter einem Auto her gefahren. Plötzlich versank das Auto langsam fahrend, bis übers Dach, in einer grossen Pfütze. Es wühlte sich wieder heraus aus der braunen Brühe. Mitten in den Überlegungen, ob ich mit meinem Auto folgen kann, ob die Scheiben dicht sind, die Reifen haften werden, wachte ich zeitig auf…

Ich blieb noch eine Stunde lang liegen und tagträumte vor mich hin. Dann habe ich meine Strandmeditation abgebrochen und hinterm Haus fortgesetzt. Auch bin ich nicht gelaufen heute, denn ich schwanke zwischen zwei Polen.

Der eine Pol ist Anpassung. Ich bin dann Opfer meiner selbst und das Opfer von anderen. Setze dem Leben keinen Widerstand entgegen. Will es allen anderen recht machen, immer gut sein, ein idealer Mensch sein. Dabei unterdrücke ich, was wirklich passiert. Ich bin dann ein Mensch, der sich bemüht, gut zu sein, der sich bemüht, zu üben, bemüht zu meditieren, bemüht zu laufen, bemüht zu lernen, bemüht, bemüht, bemüht.

Vor etwa drei Jahren, nachdem ich mich schon etwa vier Jahre lang bemüht hatte, täglich zu meditieren, fing es an. Ich bemerke immer öfter und immer deutlicher, wie sehr ich mich in meiner Anpassung an alles verloren hatte, wie wenig von mir übrig war. Und ich sprang zum entgegengesetzten Pol, zu einer anderen Art von Sklaverei: Rebellion und Nonkonformität. Ich begann zu denken und zu sagen, dass mir niemand vorschreiben kann, wie ich zu leben und zu arbeiten habe. Ich bin nach Istanbul gezogen, habe mein Chefzimmer im Büro aufgegeben, wollte alles anders machen. Ich brauchte einfach meinen Freiraum und ich wollte, dass das alle respektieren. Ich begann sehr hart über andere zu urteilen und hatte starke negative Meinungen. Ich sah mich nicht mehr als unterlegen und abhängig, sondern als überlegen und unabhängig. Seit dem fliessen diese beiden Zustände, Anpassung und Rebellion, von Augenblick zu Augenblick ineinander.

Mein Leben scheint -durch die Meditation- nur schlimmer geworden zu sein. Wo ist denn der nette Arne von früher hin, den alle kannten und schätzen? Früher habe ich gerne mit ihm gearbeitet. Vielleicht sollte er wieder anfangen zu trinken, es macht gar kein Spass mehr, mit ihm zu arbeiten. 

Mein Freundeskreis veränderte sich, meine Projekte veränderten sich auch. Ich stellte einerseits alles in Frage und kloppte dabei viel kaputt. Andererseits musste ich alle meine Anpassungsfähigkeit nutzen, und versuchte, wieder aufräumen, zusammen zu kehren, zu glätten, was ich eben zerdroschen und zerdeppert hatte. Anstrengend, sag ich Euch! Fragt meine Frau, fragt meine Kollegen… sie werden froh sein,  dass mal jemandem erzählen zu können.

Irgendwie denke ich, dass wir alle zwischen diesen beiden Zuständen hin- und her gerissen werden.

Vor einem knappen Monat schon, habe ich eine wunderbare Mail zu meinem Blog von einer Bekannten bekommen, die ich nur einmal im Jahr auf einer Konferenz in Ilmenau treffe. Ich habe mich riesig gefreut. Seit dem, möchte ich diesen Brief beantworten und schiebe das ständig vor mir her. Immer fallen mir tausend andere Sachen ein, die dringender, die erst noch zu erledigen wären. Dabei schwanke ich ständig zwischen: Ich muss endlich diese Mail beantworten, es ist einfach notwendig, ich muss es tun. Das ist Anpassung. Und der zweiten Reaktion: Nein, Quatsch, niemand zwingt mich doch, die Mail zu beantworten, ich muss das nicht tun, das kann sehr gut heute noch liegen bleiben. Und das ist Rebellion.

Was ist die Lösung? Wodurch kann dieser dauernde Kampf, der in unserem Inneren stattfindet, beendet werden? Bevor wir dieses Rätsel nicht gelöst haben, sind wir darin gefangen.

Ich glaube, das erste was wir tun können, ist überhaupt zu erkennen, was wir da ständig tun. Je länger ich meditiere, um so mehr fällt mir dieses Schwanken, diese Trennung zwischen den beiden Polen auf. Zunächst dachte ich: Ich muss es tun. Als ich länger meditierte, kam immer öfter: Ich will es nicht tun. Und nun beginne ich, langsamlangsam immer mal wieder und immer öfter, zu sehen, wie ich zwischen beiden Polen hin und her pendele.

Und ich sehe mehr und mehr die Angst, den Ärger und das Unwohlsein, ich mir und anderen durch dieses Hin- und Herschwanken bereite und die gleichzeitig deren Ursache sind. Und hoffe und ahne, dass ich auch dass irgendwann vorüber sein wird…

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Wünsche Euch einen herrlichen Tag zwischen den beiden Polen!

Anmerkung: Der Text ist eine stark angepasste Version eines Textes von Joko Beck im Buch: Zen im Alltag zwischen S. 263-265

3 thoughts on “Zwischen den Polen…

  1. Guten Morgen lieber Arne,
    danke für Deine verspätete Antwort auf meine Mail 😉 Da Du auf meine Mails IMMER entweder gleich oder gar nicht reagierst musste ich erstmal schauen, was ich Dir vor einem Monat überhaupt geschrieben habe …
    Liebe Grüße und ein Lächeln zu Dir,
    Antje

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  2. Hi Arne,
    das Gefühl, einen Brief endlich beantworten zu müssen, kenne ich. Es fällt mir unendlich leichter, wenn ich den Fokus verschiebe von: die Person erwartet, DAS ich antworte und in einer BESTIMMTEN Art und Weise antworte, zu: ich möchte mich mit dieser Person austauschen und das tue ich in meiner Art, wenn ich soweit bin.

    Lieben Gruss nach Bizimkoy,
    Tim

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  3. Ich finde das Thema Polarität soooo spannend. So spannend wie ein Gummiband sich spannt, wenn ich daran ziehe. Aus dem Stoff der Polarität wird weltweit jeden Tag millionenfach gepostet, Stories erzählt, Filme gedreht, die Bibel und unendlich viele andere wichtige und unwichtige Bücher wurden deshalb geschrieben. Es geht um das Gute und das Böse, Angst und Mut, um Machen und Lassen, um Wach und Müde, Chef und Angestellte, Liebe und Hass letztendlich um das Mann und Frau sein. Die Spannung von Pol zu Pol ist das was mich interessiert, das was ich mir stets betrachte. Und ich meine, die Pole lassen sich in ihrer Größe nur unwesentlich verändern, sie sind wie sie sind. Durch Reflektion, Austausch und Erleben habe ich aber die Möglichkeit bestehende Spannungen zu erkennen und zu reduzieren, sozusagen zu entspannen. Aber reduzieren eines Pols ist nicht mein Ziel. Pole bestehen, wie der Nord- und Südpol. In deren Achsen dreht sich die Welt und dort ist das Leben.
    Erst wenn ich beginne meine Spannung an dem einen oder anderen Pol zu reduzieren, entspannt sich das Gummiband. Und es entsteht so eine kleine elastische Gummibandschaukel. In die lege ich mich rein. Musste mal machen, ist super.

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