Ein Sonnenaufgang bei den armen „Reichen&Schönen“ von Izmir…

Alaçatı, 7:14, Tag 673

Heute Nacht nur kurz geschlafen, habe meinen Traum vergessen lassen und bin super zeitig aufgestanden, um einen schönen Platz an der Küste zu finden, für den Sonnenaufgang.

Habe mich dabei nach Paşalimanı verirrt, einer der vielen Halbinseln hier, auf der offensichtlich die sehr armen „Reichen&Schönen“ Grundstücke am Meer haben und es keine Uferwege oder ähnliches, sondern nur -zur Strasse hin- blickdichte Zäune gibt. Am Ende der Halbinsel fand ich einen Beach Club, aber auch dort kam ich dank geschlossener Tore nicht zum Strand.

Dann hab ich eine Baulücke entdeckt, das Auto abgestellt und bin über ein nicht eingezäuntes Baugrundstück geklettert. Durch einen Zaun an der Strasse hätte ich Blick auf den Sonnenaufgang gehabt. Das Leuchten über den Hügeln auf der gegenüberliegen Küste verstärkte sich. Ich wusste, es ist zu spät für weiteres Suchen und wollte mir schon ein Platz am Zaun suchen.

Doch ich lief weiter und fand einen Privatstrand, völlig ohne Zaun oder Tor. Jemand sprengte dort kurz nach 6 schon den sattgrünen Rasen. Eine Handvoll von sehr jungen, armen „Reichen&Schönen“ redete und lachte auf einer Bank und wartete offensichtlich auch schon auf den Sonnenaufgang.

Nun musste ich mich entscheiden, nein eher überwinden. Wie wichtig ist mir das Foto der aufgehenden Sonne am Strand wirklich? In Millisekunden entschied ich mich für einen Versuch.

Ich grüßte den Jemand freundlich bestimmt mit „Günaydın“ und ging ohne zu zucken und zu zögern einfach runter an den Strand, als ob ich dazu gehöre. Ich dachte, ein einzige Unsicherheit und sie würden mich verscheuchen. Unten angekommen, setzte ich mich in meine Zazen Position in den Kies und wartete meditierend auf den Moment des Sonnenaufgangs. Konzentrierte mich auf meinen Atem und versuchte, meine noch suchenden Gedanken zu beruhigen.

Zwei Hunde begrüßten mich sehr freundlich. Einer stupste mich mich mit seiner Schnauze fordernd in meine, das Mudra formenden, Hände. Ich gab ihm seine Streicheleinheiten. Die waren wohl so gut (oder er so verwöhnt), dass ich drei Mal per Stups um Zugabe gebeten worden bin.

Dann war es soweit:

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Es war nicht perfekt, denn ich wäre so gerne alleine gewesen, um mich ganz dem Ort und dem Moment öffnen zu können.

Denn ich bemerkte, dass Jemand mir entgegen kam.

Ich blieb äusserlich ruhig. Was einmal klappt, klappt noch mal: ich stand auf, und bin zurück wieder an ihm vorbei gelaufen. Dabei grüßte ich ihn, mit dem türkischen Gruß unter Männern: ganzganz leichtes, kurzes Kopfnicken nur, verbunden mit einem Augenzwinkern.

Und setzte mich rebellisch noch kurz auf die Bank neben den jungen Leuten, die ja auch noch Fotos machten.

Jemand stand nun unten und ich war oben:

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Um die Situation nicht überstrapazieren, machte ich nach ein paar Bilder Schluss und ging den gleichen Weg zurück zum Auto.

photo 1

So etwas fühlt sich hier komisch an. Es fühlt sich komisch an, so beobachtet zu werden. Es fühlt sich komisch an, nicht dazu zu gehören. Die Trennung, Abgrenzung, Umzäunung, der Ausschluss ist so deutlich erkennbar. Hier sind wir. Und dort seid ihr. Alles hier in der Gegend fühlt sich so komisch an. Die Distanz zwischen den sozialen Schichten in der türkischen Gesellschaft scheint hier so viel größer und stärker als bei uns in Deutschland.

Warum mir das gerade in diesen Tagen so stark auffällt, muss Euch (und mir:) ein andermal mit mehr Abstand erklären.

Mit diesen losen Gedanken am Morgen verabschiede ich mich mal von Euch und stürze mich in den letzten Tag hier! Diese Woche habe ich noch „Urlaub“ und ich merke langsam, wie mein Rhythmus sich verändert hat und ich nicht mehr ständig ein schlechtes Gewissen habe und nicht ständig an die Arbeit und Kollegen in Berlin denken muss.

Euch wünsch ich einen ganz tollen Start in die neue Woche, wo immer ihr auch seid!

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