Über enttäuschte Erwartungen…

Bizimköy, 7:01, Tag 681

Heute Nacht war ich tief in einer Traumwelt versunken. Ich hätte etwas aufschreiben können, als ich einmal mitten drin wach wurde. Doch das Weckerklingeln um sechs, löschte jede Erinnerung augenblicklich…

Ich komme spät ins Bett diese Tage, verdaddele meine Abende oder schaue die grossartige BBC TV Show „Couplings“. Les grad, dass die ja schon 10 Jahre alt ist? Wow! Nehme mir heute wieder vor, nicht zu zocken. Das iPad, so toll es zum Lesen und Kommunizieren ist, so gern ich damit arbeite, die Games und Shows sind nur einen Swipe entfernt. Werd abends wohl besser auf den Kindle umsteigen, da ist das Browsen so beschii.. eiden, und es gibt gar keine Games. Wollte das gestern schon, als Zeichen des Ende meines Urlaubes machen. Aber in der ‚Mittagspause‘ und nach ‚Feierabend‘ zog mich diese Art Unterhaltung doch wieder magisch an.

Dabei versuche ich, das nicht zu werten. Mich nicht abzuwerten. Das gelingt mir grade nicht. Ich empfinde diese Art der Unterhaltung als Zeitverschwendung, als meine Schwäche, als Ablenkung von den eigentlich wichtigen Themen.

Die Selbstwahrnehmung und Reflektion nervt manchmal kollossal. Es entspricht so gar nicht meinem Ideal, meiner Vorstellung von mir selbst, schwach zu sein und ab und zu eine Runde stupider iPad Games zu zocken.

Dabei bin ich ja eher so der Achiever beim Spielen. Ingress habe ich aufgehört, als ich Lvl 8 erreicht hatte, es wurde mit dem Erreichen der höchsten Spielstufe verstörend langweilig. Andere Spiele, bei denen es zu aufwendig ist, etwas zu erreichen, spiele ich gar nicht.

Es gibt in der Verhaltenspsychologie die Unterscheidung zwischen ‚Hin Zu‘ und ‚Weg Von‘ Typen. Bisher habe ich von mir immer gedacht, ich bin ein ‚Weg Von Schmerz‘ Typ. Ich höre auf, mich anzustrengen, wenn es keine Not, keinen Schmerz, keine Gefahr gibt.

Wenn die Gefahr besteht, dass es keine Aufträge für mtc gibt: dann ran, ackern, klotzen. Oh, wir haben den Auftrag und es sieht so aus, als ob alles dabei gut geht? Dann kann ich mich zurück lehnen.

Wenn der Auftrag so gross ist, dass unsere Strukturen nicht mehr passen, viele Fehler passieren, wir blind fliegen und wenn der Kunde das merkt: dann rann, ackern, klotzen. Oh, der Kunde hat uns gelobt? Dann kann ich mich zurück lehnen.

Vielleicht kennt ihr das auch von Euren Beziehungen? Der Achiever ist nämlich dem Hunter sehr ähnlich. Man hört auf, sich anzustrengen, wenn man den Traumpartner bekommen hat. Wir sagen dann, dass jedes Verliebtsein irgendwann vorbei sein wird. Manche schaffen es natürlich, sich immer wieder neu in den gleichen Partner zu verlieben. Ausnahmen bestätigen eben die Regel.

Vielleicht kennt ihr das auch von Euren Projekten? Der Achiever ist nämlich dem Builder sehr ähnlich. Es ist immer dann interessant, wenn es etwas zu basteln, zu bauen, zu konstruieren, herzustellen ist. Etwas Fertiges einfach zu benutzen, oder wiederholt immer die gleichen Ergebnisse zu produzieren, langweilen den Builder sehr.

Hier im Spiel, im Laptop oder iPad lebe ich also eher meine „Hin Zu“ Seite aus. Während ich in der Firma, im Arbeitsleben, bisher eher der „Weg Von“ Typ bin? Wo hat mich denn dieser Morgen grade hingetrieben? Der Post ist nun zu lang, die Zeit fast rum, um noch einmal von vorne anzufangen.

Eigentlich wollte ich über etwas anderes schreiben. Wobei, wenn ich jetzt drüber nachdenke, es hat doch viel damit zu tun.

Gestern Abend hat @notch -Markus Persson- der Erfinder und Entwickler von Minecraft in seinem Tumblr geschrieben, dass er sein neues Projekt 0x10c einstellen wird. Dass er es aufgibt. Sein Text hat mich extrem berührt.

Es sollte heute eigentlich darum gehen, dass wir uns oft von unserer Begeisterung mitreissen lassen und dann Erwartungen an uns und andere haben, die wir nicht erfüllen können. Amber hat das hier in ihrem Blog sehr schön beschrieben. Und auch Jeff Bridges erzählt davon in dem Buch, welches ich gerade lese:

But I sometimes fear my own excitement. Excitement and creativity are wonderful things: open, open, do, do! But the other side is saying: You might be writing checks that your ass can’t cash, buddy.  ~Jeff Bridges

Das Schlimmste dabei sind aber die Erwartungen, die ich an mich selbst habe. Ich kenn mich einfach mittlerweile zu gut. Die Erwartungen an mich selbst kann ich nie erfüllen. Vor genau dieser Enttäuschung laufe ich mein ganzes Leben lang schon davon. Ich weiss, was ich hätte machen können. Ich weiss, was ich wirklich hätte erreichen können.

Der Text von Markus hat mich wohl deshalb berührt, weil er dort schreibt, dass er den Scheck nicht einlösen kann, dass er seine eigenen Erwartungen an sich selbst enttäuscht hat, dass er aufgegeben hat, dass er sich selbst überfordert hat mit 0x10c. Und ich fühle die Erleichterung. Ich fühle sein Glück nun endlich das tun zu können, worauf er Lust hat: kleinere Projekte, die scheitern dürfen.

Denn klar, denke ich dabei an unser opd in der Wartestellung und daran, dass auch die Patentwelt natürlich keinen weiteren „under delivering visionary app developer“ braucht. Seit April knabbere ich nun schon daran und bin immer noch nicht durch damit. Noch kann ich nicht loslassen.

So, nun brauche ich all meinen Mut, um diesen Post jetzt rauszulassen. Er entspricht so überhaupt nicht meinen Erwartungen an mich. Er ist nicht zu Ende geschrieben. Es ist noch nicht fertig…

Warum ist der Sonnenaufgang heute unscharf?

Warum ist das Meer heute leer?

6 thoughts on “Über enttäuschte Erwartungen…

  1. Ich ziehe immer wieder den Hut, wie sehr du doch dein Innerstes erkennst, reflektierst und hier so ehrlich aufschreibst und bin fast täglich erstaunt, dass es genau dieselben Dinge sind, die in mir vorgehen…ich sie aber meist nicht so in Worte fassen kann und wenn ich deine Texte lese denke – ja, genau das ist es. Danke dafür.

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  2. Unternehmer meinen vielleicht bei zu vielen Visionen, dass sie umsetzbar sein müssten, und scheinen dem Konzept des Traumes zu fremd. Aber auch unsere Träume, damit meine ich die unumsetzbaren Wünsche und Visionen, sind wichtig und hilfreich. Sie definieren uns durch die Vektoren unserer Sichten zum Horizont. Den eigenen Erwartungen nicht zu entsprechen spricht dann mehr für überzogene Erwartungen als für Underachievement.

    Versteh mich nicht falsch, Druck ist hilfreich, um über sich hinauszuwachsen, aber wenn das Endergebnis Frust ist, läuft was falsch.

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    1. ich träume gerne 😉 ich tagträume auch gerne und eine vision sehe ich als vorstellung (m)einer möglichen zukunft… überzogene erwartungen (danke!) und auch weg-von-frust als meine motivatoren zu erkennen, war und ist für mich immer noch ein wichtiger schritt in meiner persönlichen entwicklung. aber ob das jetzt falsch oder richtig ist, möchte ich nicht mehr beurteilen, es scheint immer beides zu sein, je nach perspektive oder zeitpunkt…

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