Ich hatte mich selbst vergessen…

Noch Bizimköy, 6:37, Tag 686

Heute Nacht hab ich geträumt und hatte beim sehr zeitigen Aufwachen schon das Thema vergessen. Dafür stieg mir ein komischer Geruch in die Nase, der wenig später beim wacher werden verschwunden war…

Eine Mücke vertrieb mich aus dem Bett. Ein weit entfernte Moschee ruft leise gegen halb 6 zum Gebet. Seit wir hier den Sommer verbringen, läuft um etwa die gleiche Zeit jemand mit einer Trillerpfeife durch die Gärten und benutzt sie. Im Ramadan versteh ich das ja noch: das war für mich immer das Zeichen für: jetzt geht’s los, Frühstück ist zu Ende, bis zum Abend jetzt fasten, aber so?

Nun bin ich traurig. An den genauen Grund komme ich nicht ran. Nachher um 12 fahre ich los, zurück nach Istanbul. Morgen früh um 8 geht der Flieger nach Berlin. Es ist wahrscheinlich, dass wir auch nächsten Sommer hier in Grossvaters Sommerhaus zurück kehren werden, für ein paar Tage oder Wochen. Vielleicht werden wir noch ein paar Tage im Herbst hier sein, vielleicht fahre ich auch noch mal alleine hier her.

Die letzten drei Tage Retreat mit mir allein haben mir sehr gefallen.

Vielleicht bin ich deshalb traurig, weil es zu Ende ist? Manchmal werde ich im Angesicht vergangenen Leides traurig. Durch die Erinnerung, wie ich früher mit mir umgegangen bin. Wenn ich an die vielen Momente denke, in denen mein Ego mich hat wütend, neidisch, gierig, kränkend hat werden lassen. Nicht nur mir selbst gegenüber, sondern oft genug auch meiner Familie, Freunden und Bekannten gegenüber.

Ich bemerke riesige Areale, über die ich hier noch gar nicht geschrieben habe. Es geht sicher auch um Schutz und Wahrung der Privatsphäre, der mich umgebenden Menschen. Ohne deren ausdrückliche Zustimmung, mach ich sie nicht zum Objekt meines Schreibens.

Es sieht dann vielleicht oft egozentrisch aus, weil ich abstrakt über meine Gefühle, meine Gedanken am Morgen danach schreibe. Und der wirkliche Auslöser, die eigentliche Ursache und die Randbedingungen, das was gestern wirklich passiert ist, erzähle ich hier gar nicht. Mit einigem Abstand geht das dann manchmal doch, vor allem bei meinen grossen Wiederkehrenden Entwicklungsfeldern.

Oft schreibe ich aber auch einfach so, wie ich es mir wünsche, wie ich es gerne hätte, dass es passiert wäre oder passieren sollte.

Vielleicht macht mich diese Diskrepanz traurig. Vielleicht bemerke ich hier, mit mir allein, diesen Unterschied zwischen dem was wirklich ist und dem was ich mir wünsche, wie es wäre, viel stärker. So fast ohne Ablenkung von aussen, nur selbst gemachte Routinen. Niemandem kann ich hier die Schuld geben für meine schlechte Laune, für meine Unkonzentriertheit, für meinen Hunger oder Durst, für schlechtes Essen oder meine Faulheit. Niemand dient mir hier als Ausrede oder Ablenkung.

Vielleicht macht mich genau das so traurig, dass ich sehe, wie oft mich doch selbst verarsche. Wie viele Illusionen ich mir mache. Hier allein, ganz auf mich gestellt, fällt das alles plötzlich auf. Es gibt hier einfach niemanden, der mich ablenkt, mich mit seinen eigenen Themen und Problemen beschäftigt. Es gibt niemand, der mir sagt, was ich wie und wann zu tun hätte. Es gibt nichts zu sehen und zu erledigen.

Es gibt nur mich, am Leben: sehend, hörend, riechend, fühlend, ab und zu hungrig und durstig. Es gibt hier nur meinen Körper, meine Gefühle, meine Gedanken, meine Seele, um die ich mich zu kümmern hab.

Vielleicht bin ich traurig, weil ich nicht mein Smartphone, sondern mich vergessen hatte? Vielleicht helfen solche Tage allein dabei, wieder zu sich selbst zurück zu finden? Dass man sich wieder mehr mit sich selbst auseinander setzt? Dass man sich selbst wieder erkennt, sich mit sich selbst anfreundet?

Sicher geht das auch auf dem Balkon, morgens in der Dusche, auf dem Fahrrad, in der U-bahn, im Café. Sicher gibt es viele Möglichkeiten, sich auch im Alltag Zeit und Raum nur für sich selbst zu schaffen. Dass man nicht immer nur mit schwimmt, sich nicht immer nur mit reissen lässt vom Leben der Anderen, von den scheinbaren Notwendigkeiten, den Verantwortlichkeiten, den Abhängigkeiten. Dass man nicht immer nur dem Unangenehmen ausweicht. Dass man nicht immer nur rennt und kämpft gegen den Schmerz der Vergangenheit und die Angst vor der Zukunft.

Vielleicht bin ich auch traurig, weil ich das sonst gar nicht bemerke. Erst hier allein mit mir fällt mir das auf!

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Wünsche Euch dankbar lächelnd einen schönen Sonntag!

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