Wo bin ich…?

Berlin, 7:18, Tag 693

Heute Nacht bin ich in einer Wohnung voller Wasser geschwommen. Immer, wenn ich sass, konnte ich atmen. So musste ich genau überlegen, ob die Luft reicht, wenn ich vom Flur ins Wohnzimmer wollte und wo der nächste Stuhl oder Sessel war. Ich flirtete mit jemandem, bzw. flirtete jemand neben mir. Als ich es bemerkte, schwamm meine Frau schon zu mir. Ich sah, dass sie das nicht witzig fand. Und entzog mich der Situation. Das fand die Flirtende nun wieder nicht witzig. Ich schwamm in Richtung Balkon, wachte erleichtert auf und blieb noch eine Stunde lang liegen. So begann der Tag ganz ruhig…

IMG_0467

Heute ist Lesetag. Habe mir -ichfassesnicht- die aktuelle Landlust gekauft. Schon beim ersten Durchblättern habe ich verstanden, warum das funktioniert. Dazu müsst ihr wissen, dass ich auch auf dem Land gross geworden bin. Bis ich 16 Jahre alt war, habe ich in einem kleinen, winzigen, mini Dorf gelebt mit 270 Einwohnern, die sich alle kannten und mit 400 Rindern, 120 Schweinen und werweisswievielen Schafen und sonstigem Getier.

Nun blättere ich also durch Rezepte, Klamotten, Handwerk und Homestories, alles unglaublich schön und perfekt. Fast zu perfekt! Irgendwie erinnert mich das gleich an den Erfolg von Manufaktum. Und daran, dass ich ja auch genug habe von diesem mass produced garbage, den es sonst überall in den Super- und Baumärkten der Welt gibt. Und ist ja auch online so. Trotz Google und aller Bewertungen, Kommentare und sozialen Netze ist dort auch nicht besser.

Bei genügend geschicktem Marketing weiss ich einfach nicht so genau, ob das jetzt echt gut oder nur gewollt gut ist.

Wenn ich mir Manufaktum und Landlust heute anschaue, dann sehe ich dort die Reichen und Schönen, die dort einkaufen, weil sie es sich leisten können und weil sie diese Dinge dort zur Erhöhung ihres Status, zur Erschaffung ihrer Identität benutzen. Und solche Inszenierungen stossen mich sehr ab! Was ist hinter der Fassade von den gute alten, schönen Dingen?

Gestern war ich Mittags auf dem kleinen Markt am Chamissoplatz, dort gibt es eben keine Bananen, weil das hier in der Gegend einfach nicht wächst. Und dann sehe ich einen Kunden oder Bauern im aufwendig aufgemotzen Landrover abfahren, der garantiert auch nicht hier wächst. Ok, Ausnahmen gibt es überall, die Mehrzahl kommt sicher zu Fuss oder mit dem Fahrrad zu dem Markt…

Es gibt diese Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit, nach Ehrlichkeit auch in mir. Eine Suche danach, dass sich jemand wirkliche Mühe gibt und ich etwas davon abhaben kann. Dabei merke ich immer stärker, dass man gar nicht so viel braucht. Immer wieder denke ich zum Beispiel: hach, ein Moped oder auch so ein toller Landrover wären schön. Aber dann lass ich es. Dieses Ziehen geht wieder vorbei. Ich brauche einfach kein Moped und schon gar keinen Landrover. Aber wenn ich so was bräuchte, dann wüsste ich eben schon, was genau ich gerne hätte… 😉

Ich bemerke, dass ich oft ein grosse Geschick darin habe, mir einen Bedarf einzureden. Dazu übernehme ich die Argumente der Marketingprofis nur zu gerne. Und dann rede ich mir ein, wie schön, wie wichtig, wie bequem es doch wäre. Und wie viel umweltfreundlicher ein Moped als ein Auto wäre, wieviel langlebiger, wertstabiler so ein Landrover doch ist, etc. blablub. Zum Glück vergehen diese Impulse alle wieder.

Je mehr ich mich damit beschäftige, um so stärker wird es. Je mehr ich mich dabei beobachte und mich erkenne, ja ertappe, um so klarer wird es, um so schneller vergehen diese Sehnsüchte. Ein paar kommen zwar immer und immer wieder. Wie zum Beispiel mein Verlangen nach einem guten Glas Wein.

Dann frage ich mich, ob ich grade zu sehr zur Selbstkasteiung neige? Zu einem einengendem, bewussten, brutalen Verzicht auf Notwendiges? Mit Disziplin und Struktur und Routinen versuche ich manchmal, meine vermeintliche Schwächen zu überwinden und mich weiter zu entwickeln. Oder sind es doch einfach nur Experimente? Experimente mit verschiedenen Lebensstilen, mit verschiedenen Rhythmen und Reaktionen auf die Impulse…

Gerade möchte ich nicht mehr Laufen. Ich merke, wie schnell ich mich verletze, wie sehr ich gegen die Zeit laufe, wie sehr das meine Wettbewerbsgene in mir aktiviert. Schon beim zweiten Lauf, will ich schneller sein, eine Entwicklung beobachten. Das fühlt sich irgendwann nicht gut an. Ich übernehme hier die Argumente, dass es gesund sei, dass es gut tut, alle Artikel zu dem Massenphänomen unserer Zeit Marathon fallen mir ein und ich benutze sie. Aber nach jede Lauf tut mir alles weh. Ich ignoriere das so gut es geht. Ich blende die Schmerzen aus. Ich bewerte die positiven Effekte -wie das Runnershigh- viel stärker, als das negative. Ich handle gegen meine Instinkte, versuche sie gar auszutricksen, nicht wahr zu haben.

Erst wenn ich wirklich verbunden mit mir selbst bin, wenn ich mir wirklich ganz bewusst bin, wenn ich in diesem Moment, bei mir und meinem Atem bin und abwarte, was dann da ist, dann kann ich gute Entscheidungen für mich treffen. Alles andere wird so sehr überlagert vom Aussen, so sehr überlagert von unseren Erinnerungen und unseren Gefühlen, dass ich oft gar nicht weiss, wo ich denn eigentlich bin… ?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s