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Können wir Mangel wirklich sehen?

Berlin, 6:43, Tag 702

Heute ist ein schöner Morgen. Ich empfand Dankbarkeit, dass ich den Sonnenaufgang bezeugen konnte. Ich empfand Dankbarkeit, dass ich wach wurde. Dankbarkeit, dass ich das sehen konnte. Dankbarkeit, dass meine Füsse nass wurden. Dankbarkeit, dass ich das spüren konnte, dass ich die Kälte spüren konnte. Und als dann das Leuchten begann, überschwemmte mich ein Gefühl von unbestimmtem Glück.

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Auch wenn ich noch müde bin, auch wenn der Rücken leicht zieht, auch wenn der Tag lang werden wird, auch wenn die Nacht kurz war, auch wenn die Füsse kalt sind, auch wenn… egal.

Mir bewusst zu sein, was ist, mir klar zu machen, wo grad kein Mangel herrscht, das ist (k)ein einfacher Trick.

Es geht darum zu sehen, was wir haben. Doch es scheint uns leichter zu fallen, das nicht zu tun. Es scheint uns leichter zu fallen, zu sehen, wenn etwas fehlt. Wir sind Meister darin, eine Lücke zu finden. Ich frag mich grade, wie können wir etwas sehen, was gar nicht da ist?

Wir haben tausend Ausreden für uns selbst: ich bin müde, ich hab Stress, die Kinder müssen los, ich hab Hunger, ohne Kaffee bin ich nicht zu gebrauchen, sprich mich nicht an, erst muss ich Duschen, ich hab gleich einen Termin, ich darf die Bahn nicht verpassen… unendlich viele Ausreden. Wir haben tausend Tips für andere: sei nicht so hektisch, lächel doch mal, bleib doch ruhig, mach schneller, mach langsamer, streng dich mehr an, hab keine Angst.

Wir lieben es so sehr, uns und andere zu kritisieren für das, wir noch nicht können, für unsere Fehler, unsere Schwächen. Wir verpacken das gut. Wir tratschen doch nur ein wenig. Wir geben Feedback. Wir denken dann, es ist unsere Aufgabe, andere auf ihre Fehler hinzuweisen. Jeder will doch besser werden, wir meinen es doch nur gut.

So überschwemmen wir die Welt mit unserer Besserwisserei, mit unserem Laserblick für Mangel, Fehler und Lücke. Wir denken, dass wir so helfen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. So wurde uns das erklärt, so funktioniert das eben. Es geht nicht anders.

Und dann ärgern wir uns, dass uns niemand zuhört. Dann ärgern wir uns, dass wir uns ständig streiten. Aber wir wissen es doch besser, wir haben das doch schon erlebt, wir waren doch da schon, also warum -in aller Welt- hört denn niemand auf unsere nur gut gemeinten Ratschläge?

Wir merken gar nicht, dass wir blind sind. Das wir blind sind, für das was wirklich ist. Wir sehen nur, was fehlt. Und dabei merken wir gar nicht, dass uns genau diese Blindheit, dieses nicht sehen, so viel Kraft kostet und unseren Stress und Ärger verursacht. Es ist keine Blindheit, es ist ein aktives nicht sehen, weg schauen, dicht machen, weg rennen, sich schützen. Und das strengt an!

Wenn wir dass doch nur wieder verlernen könnten. Wenn wir das vergessen könnten. Wenn wir nicht daran fest halten würden. Wenn wir das einfach nicht tun könnten. Es scheint so leicht und doch so schwer. Wir sollen funktionieren, wir müssen das tun, wir haben Verantwortung, die Welt ist halt so. Das wird uns wieder und wieder und wieder erklärt. Wir erklären es uns selbst, jeden Tag aufs Neue, dass die Welt eben so ist, nur Leistung lohnt sich, die Welt ist halt so eingerichtet. Widerstand ist zwecklos. Sei doch vernünftig!

Doch wie können wir lernen, hinter diese Fassaden zu schauen? Wir können den Fake aufdecken?

Wir können lernen, genau hinzuschauen und uns bewusst zu machen, was vorhanden ist, womit wir heute, jetzt, genau jetzt, arbeiten können. Was uns umgibt, wie viel Überfluss wir heute morgen hier in Berlin doch haben. Egal, wie gestresst wir uns fühlen, weil wir vielleicht Angst haben und nicht wissen, ob diesen Monat die Kohle reicht, der Auftrag kommt, der Kunde bleibt, die Deadline gehalten, das Projekt abgeschlossen, der Chef zufrieden, das Kind wohlerzogen sein wird.

Wir könnten jeden Morgen aufwachen und üben. Wir könnten uns in Dankbarkeit üben. Wir könnten aufstehen und uns mit dem verbinden, was vorhanden ist. Ich habe dafür drei Übungen.

Einmal hinsetzen und meditieren. Meinen Atem zählen und spüren, was ist. Manchmal meinen Körper spüren, manchmal an meine Wohnung, an meine Lieben, an meine Kollegen denken und spüren was ist. Dabei sitzen bleiben und den Atem zählen. Nicht aufstehen. Nicht auf den Wecker schauen. Sitzen bleiben. Egal, was für Gedanken und Sorgen und Ängste und Glück und Freude auch kommen. Und auf den Gong im Timer warten, denn der hilft mir dabei.

Dann zweitens aufs Dach oder vor die Tür oder aus dem Fenster schauen und meine Umgebung sehen. Mich mit der Welt da draussen verbinden, mich mit dem Ort verbinden, an dem ich gerade bin. Die Wolken, die Sonne, den Regen, den Himmel, die Kirche, die Silhouette, die Möven, die Krähen, den Wind spüren. Und dann ein Foto für Instagram machen, denn das hilft mir dabei.

Und drittens hier zu sitzen und auf zu schreiben, was ist! Unzensiert und ohne Wertung und ohne Angst. Einfach nur sitzen, warten, schreiben, korrigieren, schreiben, denken, warten, schreiben. Und dann auf Publish drücken, denn ihr alle helft mir dabei.

Danke!

Und das ist heute mein Lied: „Whenever I see failing/absence/scarecity/lack/defect, I am happy. Because I have learned, to look deeply.“ 😀

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