Über Ablehnung, Verlangen und Ignoranz…

Stockholm, 7:05, Tag 703

Heute Nacht kann ich mich mal nicht an meine Träume erinnern. Es war nur eine kurze Nacht. Ich bin aber so entschlossen, dass ich zeitig aufgestanden bin, nur um keinen Sonnenaufgang zu finden. Es war zu neblig und eine schöne Übung. Bin nur für einen kurzen Besuch in Stockholm. Heute Abend geht es schon zurück. Das Stadhuset gestern im Abendleuchten war bemerkenswert.

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Gestern habe ich hier einen besonderen Typ Mensch beschrieben. Ok, wohl eher eine Eigenart von mir. Ok, eine von uns, die wir alle in uns haben und die wir manchmal eben ausleben. Ich habe mich erst gestern Abend und eben auch wieder erinnert, um was es da eigentlich geht.

Wir alle versuchen doch irgendwie sicher, glücklich, zufrieden oder einfach nur ok in diesem Leben zu sein. Und wir haben unterschiedliche Strategien, das zu erreichen. Wenn wir etwas erleben, sehen, erfahren, das in uns positive, gute Gefühle erzeugt, dann wollen wir meist mehr davon. Wenn wir Schmerz empfinden, etwas sehen, bei dem wir uns schlecht fühlen, dann wollen wir das Gegenteil: weniger davon. So sind wir nun mal: mhhh, der Kaffee ist aber lecker hier, was für eine Bohne das wohl ist? Oooch, warum ist der Sommer schon vorbei, es war doch so schön?

Gestern habe ich nur eine Art des Umgangs mit unserem Leben, unserer Welt beschrieben, die der Ablehnung, von dem was ist. Wir widerstreben, wir lehnen ab, wir verneinen, wir verweigern uns dem, was da ist. Wir bewerten, beurteilen und verurteilen. Wenn ich mit dieser Einstellung in einen Raum, in ein Meeting komme, dann sehe ich sofort, was falsch hier ist: das Fenster ist offen, es zieht. Keine Kekse auf dem Tisch, die Kollegin hat ihre Tasse vergessen, das Flipchart ist noch das von gestern, der rote Stift fehlt, der Stuhl steht schief. Kann denn hier keiner mal aufräumen, wenn er den Raum verlässt, was für ein Sauhaufen! Alles muss man alleine machen. Wenn wir in diesem Zustand sind, bewegen wir uns meist auch sehr schnell, wir laufen schnell, sind hektisch. Wir suchen und finden die Lücke, den Fehler und sprühen vor Ratschlägen, aber einfach nur, weil wir das ablehnen, dem widerstreben, das verneinen, was ist.

Eine andere Strategie, um glücklich zu werden ist das Gegenteil von dem eben beschriebenen. Es gibt auch einen gierigen, verlangenden, wollenden Zustand. Das wird auch der  „wenn dann“ Zustand genannt. Wir fühlen die Leere in uns, die wir auffüllen möchten. Wir kommen in einen Raum und sehen sofort, was wir wollen. Das Buch im Regal, die Zeitung und da liegt eine vergessene Jacke, die sieht gar nicht mal so schlecht aus. Alles untersuchen wir, ob wir es haben oder gebrauchen können. Wir finden dann die Flipchartstifte in unserer Hand, alle vier. Wir suchen einen Block, nehmen den dicksten Schokokeks, holen uns erst mal Kaffee und geniessen den ersten Schluck so richtig. Wir denken, wenn wir nur genug Geld/Zuwendung/Aufmerksamkeit/Whatever haben, dann sind wir glücklich, sicher, zufrieden und ok. Der gierige, verlangende Mensch ist der Genussmensch in uns, der immer eine gute Flasche Wein zu hause haben möchte, der elegant und leicht läuft, eher spaziert und tanzt und alles in seiner Umgebung daraufhin untersucht, ob er es besitzen kann, ob er die Leere in sich damit füllen kann.

Es gibt auch noch eine dritte Strategie, die der Verwirrung, der Täuschung. In diesem Zustand, wissen wir nicht, was wir wollen. Wenn ich in diesem Zustand in ein Meeting komme, ist mir alles egal, ich weiss nicht, wo ich mich hinsetzen soll, eine Agenda, wozu? Auf die Frage Tee oder Kaffee, antworte ich mit: ich nehme das, was Du nimmst, mach dir keine Mühe. Ich stosse mir erst mal das Schienenbein am Tisch, beschmiere meine Finger mit Kuli und die Jacke rutscht von der Stuhllehne. Wir verstehen alles falsch, sind im falschen Film, wundern uns, was wir hier eigentlich machen, wenn wir in diesem Zustand sind.

All diese drei unterschiedlichen Typen sind in mir, manchmal in einem Meeting alle drei nacheinander, manchmal gemixt. Es sind Zustände, die aus Angst, aus Unsicherheit und einem Gefühl von Mangel heraus entstehen. Uns wurde das von klein auf so beigebracht: wenn etwas gut ist, bitte mehr davon. Wenn etwas schlecht ist, bitte weniger davon. Wenn ich etwas ignoriere, dann ist es nicht da und ich bin glücklich, dann bin ich ok.

Aber nichts ist beständig, keine Wahrnehmung, kein Gefühl, kein Gedanke, keine Erinnerung hält ewig an, sie wechseln sich ständig ab. Mal gut, mal schlecht, mal neutral, gut, gut, schlecht, gut, neutral, gut, schlecht, schlecht, wieder gut… so ist das Leben einfach eingerichtet. So sehr wir an Gutem festhalten, so sehr wir klammern, je mehr wir wollen, je stärker wir Schlechtes ablehnen, so sehr wir das Gute oder Schlechte auch ignorieren wollen: nichts davon ist beständig!

Dabei gibt es doch andere Momente, die in denen wir klar sehen und in denen wir offen und aufmerksam sind, für das was wirklich ist.

Es gibt sie immer wieder, diese Augenblicke, in denen wir aus Verständnis, Liebe und Mitgefühl heraus reagieren können. Wir ahnen doch, dass  wir nicht in diesen drei Zuständen in einem ewigen Kreislauf gefangen sein müssen. Irgendwann kapieren wir vielleicht, dass sie alle Drei nicht zu dem gewünschten Ergebnis von Glück, Zufriedenheit und Sicherheit führen…

Meine drei Übungen am Morgen: Meditation im Sitzen, im Betrachten oder im Schreiben zeigen mir einen Ausweg. Es hilft aber meist schon, wenn man sich selbst mal beobachtet, wenn man sich mal hinsetzt und reflektiert und sich von aussen betrachtet, was einen da grade wieder reitet. Wenn man seinen Zustand mal einem der drei Typen zuordnet oder die Momente bemerkt, in denen man nicht so ist.

Zum Schluss fallen mir wieder die drei Grundsätze der Zenpeacemaker ein: Nicht Wissen, Zeugnis Ablegen und Mitfühlendes Handeln. Mit diesen Schritten ermahne ich mich immer wieder und hole ich mich zurück aus der Ablehnung, dem Verlangen und der Ignoranz. Und fange an zu lächeln…

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