Berlin, 7:22, Tag 706

Heute Nacht habe ich sehr kurz geschlafen und meinen Traum heute morgen sogleich vergessen.

Ich liebe die Filter in Camera+ auf meinem iPhone. Ich benutze oft den Filter Auto im Bereich Scenes, ganz selten Clarity, der ist mir zu heftig. Dann gibt es dort auch noch Effekt Filer: Polarize, Minaturize oder Faded. Viele meiner Sonnenauf- und Untergänge habe ich damit leicht nachbearbeitet.

Gestern Abend konnte ich das nicht. Gestern Abend brauchte ich das nicht. Hier also ein ungefiltertes Bild des gestrigen Sonnenuntergangs:

#nofilter

Und auch nicht bei dem Nebel heute Morgen!

#nofilter

Denn Filter können manchmal sehr gefährlich sein.

All unsere Probleme, all unser Leid basiert auf falschen Wahrnehmungen, auf Filtern, die wir auf alles anwenden, was wir hören, sehen, riechen, schmecken, fühlen und uns vorstellen. Alle Sinneseindrücke werde von uns gefiltert. Ganz selten gibt es Momente, in denen wir ungefilterte, unbewertete Wahrnehmungen haben.

Und ich bin ein Meister in der Verfälschung meiner Wahrnehmungen.

Gestern Nachmittag hatte ich bei Kaffee und Kuchen eine Selbsterkenntnis, die Buddhisten nennen so etwas eine Erleuchtungserfahrung. Ein Blitz schlägt ein und wir sehen plötzlich etwas glasklar. Als ob ein Vorhang weg gezogen wird. Als ob wir unsere Brille putzen oder wir die Filter in Camera+ weg lassen.

Dabei war es nur eine ganz kleine Selbsterkenntnis: ich habe mich dabei ertappt, wie ich es anstelle, von anderen Anerkennung und Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich war wohl etwas plump dabei, ausserdem kennt mich mein Freund gegenüber schon seit 15 Jahren. Seine Worte, die ich jetzt vergessen habe, erzeugten diesen Blitz von Erkenntnis und liessen mich verstummen. Er hatte einfach recht. Das was mich traf: Ich sage oder tue oft etwas, nur um gelobt zu werden.

Das passiert vollautomatisch, alles um mich herum, wird dabei gefiltert. Ich verdrehe oder ignoriere Sätze, picke mir nur den Halbsatz heraus, der brauchbar ist, ich ignoriere die andere Person völlig, ich drehe alles nur um mich und wie ich es anstellen kann, das zu bekommen, was ich grade möchte oder dringend brauche.

Wenn der andere nicht mitspielt, verändere ich meine Taktik. Ich wechsele ich die Ebenen, werde liebenswürdig und charmant oder auch mal passiv, unterwürfig eher nachgiebig, manchmal auch sauer, ärgerlich, aggressiv.

Ich benutze und interpretiere die Vergangenheit neu, hole irgend ein Ereignis um mich herum, irgend einen Zeugen, das Weltgeschehen hier an den Tisch und begründe damit meine Position.

Der andere hat keine Chance. Ich glaube so fest an meine gefilterte Wahrnehmung, ich empfinde meine Erinnerungen, meine Meinung als absolute Wahrheit. Alles passt doch zusammen, der andere muss doch einsehen, muss mir doch zustimmen. Ich bin ein Held, habe Recht und es einfach nur verdient, dass mir zugestimmt, ich angelächelt, ich toll gefunden, ich gut bezahlt, ich weiter empfohlen, ich glücklich gemacht werde.

Wenn das nicht funktioniert, weil der andere einfach mal nicht mitspielt, dann stampfe ich auf den Boden und verlasse entrüstet die Bühne, auf die ich mich selbst gestellt habe: dramatischer Abgang steht dazu im Drehbuch.

Danach beschwere ich mich bei allen, denen ich begegne, über den, der meine Genialität, meine Mühe, meine Leistung oder auch den Grund für meine Fehler einfach nicht erkennt und mich so schlecht behandelt.

Wer mir zustimmt, wird gelobt, befördert, angelächelt, eingeladen, belohnt. Wer mir nicht zustimmt, wird ignoriert, in Zukunft weg gefiltert.

Wir machen das alle! Ob wir es bemerken oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Meist sehen wir das nur bei anderen. Wir denken, dass wir selbst ganz anders sind, dass wir nicht soo sind.

Ich denke eigentlich immer, dass ich nicht so bin. Aber gestern, beim Kuchen, trifft mich ein Blitzschlag: Ja, Arne, das machst Du doch immer so. waren seine Worte. Jetzt erinnere ich mich wieder.

Ich bemerkte auf einmal, wie ich eben -ohne nachzudenken- etwas gesagt habe, nur um ein: Ja, Du bist der Tollste zu bekommen. Ich esse tief erschrocken mein Stück Kuchen. Aber es geht weiter. Ich bemerke nun ohne fremde Hilfe, wie ich von einfacher Manipulation zu einer komplexeren Variante wechsele. Und das, während ich Stück für Stück des Kuchens esse.

Es kann noch nicht wahr sein, dass ich so bin?!

Nein, ich bin nicht so!!

Ich filtere doch nicht. Ich kann doch meditieren, konzentriere mich auf meinen Atem. In den Büchern steht, dass man dann mit der Wahrheit in Kontakt kommt. Ich bemerke ganz kleinlaut, ganz tief in mir drin, dass ich sogar die Konzentration der Meditation benutze, um noch besser manipulieren zu können.

Und ich erschrecke immer mehr über mich!?

Jetzt bin ich endlich in Kontakt mit mir, habe wieder einen Schleier von meinen Augen gezogen, wie eine Schicht Fake abgetragen. Und es tut weh. Es berührt mich tief. Mir schiessen Tränen in die Augen. Jetzt, wenn ich davon schreibe. Dabei weine ich nicht, nein! Das ist wohl Mitleid.

Und dabei lächle ich Euch doch an. Damit ihr – die ihr das hier gleich lesen werdet – mir nicht weh tut. Damit ihr nichts Böses mit mir macht! Ich spüre eine tief sitzende Angst, irgend eine alte Verletzung, ich sehe eine Narbe. Jetzt, wo ich offen bin. Jetzt, da der Schutz weg ist, der Schleier meiner Filter mich nicht mehr schützt vor Euren Blicken.

Screen Shot 2013-09-14 at 7.28.57 AM

Clarity, one tap to awesomeness! Und Publish… 🙂

Veröffentlicht von Herr Krueger

vater · ehemann · mitgründer der moving targets consulting gmbh · services, development und support · zazen · fotografie

One Comment

  1. Alexander Fetke 14. September 2013 um 22:30

    Du hast noch den großen Nachteil einer oft exponierten machtvollen Position. Da machen andere es Dir auch noch leicht, Deine Filter aufrecht zu erhalten. Ohne Abhängigkeitsverhältnisse welcher Art auch immer wird einem natürlich schneller Klartext um die Ohren gehauen.
    Keep your friends close. Period.

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