Verliebt in Grenzkosten…

Istanbul, 8:22, Tag 746

Heute Nacht hab ich leicht und belanglos geträumt. Ich bin zeitig, erholt aufgestanden.

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Gestern bei meiner Stadtwanderung fing ich erst nach diesem Bild wieder an, Dinge zu sehen. Es brauchte 30 Minuten, eh mein Kopf leer genug war. Ein offener Hauseingang, ein schneller Blick hinein. Stop. Umkehren. Foto machen. Wieder sehend weiter gehen.

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Ein überwachter Kinderspielplatz, ohne Kinder dafür mit Katze. Dahinter ein durchbrochenes nagelneues Hochaus am 4. Levent, einem der Geschäftsviertel Istanbuls hier in meiner Nähe.

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Unter den Hochhäuser immer mal wieder „besetzte Häuser“. Ich kenne hier niemanden, laufe nur. Sehe Parkplatzwächter, Kuriere, Ladenbesitzer, Bauarbeiter und Menschen, die hektisch mit einem Ziel hinter den Augen von A nach B wollen.

Komisch: ich würde gerne alleine auf dem Dach des Wolkenkratzers sein. Dort oben interessiert mich nur der Ausblick.

Noch komischer: ich würde gerne gemeinsam unter diesem zurechtgeflickten Dach einen Tee mit dem Hausherren trinken. Seine Geschichten interessieren mich so viel mehr, als alle Geschichten der Manager der Hochhäuser hier.

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An einer Friedhofsgärtnerei von einem modernen, fast 40 ha grossen Friedhof hier, sassen Männer beim Tee. Auf den zweiten Blick fiel mir auf, dass der Rasen kein Rasen war.

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Die Garanti Bank hat ein der grossen Flächen gemietet, um für ihr Engagement für Rollstuhlbasketball zu werben und ihr Image damit aufzupolieren.

Dabei musste ich die ganze Zeit über den Post von Seth gestern nachdenken. Wir wollen doch selektiv informiert werden, wir wollen glauben, wir wollen uns verlieben und sind so oft bereit, ein vielfaches der Grenzkosten zu bezahlen. Man kann sich dem kaum entziehen!

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„Harmony in Chaos“ heisst das Kunstwerk vor einem anderen, viel kleineren Bankgebäude der Aktif Bank, vor der es auffällig ruhig zuging. Auf dem Hinweg habe ich das entsetzt ignoriert, auf dem Rückweg, nur noch sehend gewundert. Ist das die Lösung?  Ja, es gibt Strukturen im Chaos. Es gib Harmonien im Chaos. Es kommt doch nur auf den Abstand und die Perspektive an.

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Immer, wenn ich die beiden leerstehenden 34 stöckigen Tat Towers, frage ich mich, was schief läuft in unserer Welt.

Wie ist es möglich, so etwas zu bauen und dann leer stehen zu lassen? Wer besitzt diese Türme? Was ging schief? Ging überhaupt etwas schief? Wer fühlt sich verantwortlich? Wie egal ist es demjenigen wirklich?

Nach kurzem Googeln: oje, ein Erbstreit in einer der reichsten Familien der Türkei (Nr. 22) verhindert eine Nutzung seit 2009. Der in diesem Artikel verkündete Mietvertrag wurde wohl nie vollzogen, wie verrückt die Welt doch ist!

Die sind hier in der Lage, zwei riesige Hochhäuser zu bauen und danach jahrelang leer stehen zu lassen! Grenzkostenspiele mit Millionen.

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Und dann hier, immer wieder hier. Unter einem Hochhaus der Deniz Bank steht eine Moschee, in die eine winzige Passage für Geschäfte integriert ist, die überwacht wird. Schon seit Jahren fallen mir rund um dieses Ensemble aus Geschäft und Religion solch komische Motive auf.

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Das funktioniert alles nur, weil wir blind sind. Das gute blind, das der Verliebten.

Wir sind so verliebt in unsere Welt, den Job, unsere Karriere, den Konsum, das Auto, in Schönheit und die nächste Party, dass wir ausblenden (müssen), was uns stört. Dass es irgendwann zu Ende sein wird, dass wir Krankheit nicht verhindern können, dass wir nicht verhindern können, alles zu verlieren, was wir besitzen.

Wenn wir weg sind, wird das Grab geplündert. Genau deshalb stehen die Tat Towers leer. Genau deshalb steht die Moschee neben der Bank. In unserem verliebt sein, projizieren wir unsere Wünsche und Ideale auf das Objekt unserer Liebe.

Wir können uns entscheiden für oder gegen das Leben der jungen, obdachlosen Reichen:

Die an Blindheit ähm Verliebtheit als Lebenstil glauben. Die alles zu haben scheinen und nichts besitzen wollen. Die  Erfahrungen kaufen müssen. Die doch nur versuchen, im Moment zu leben und die deshalb die Häuser ihrer Väter verfallen lassen.

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