Über Balance der Geschmäcker…

Berlin, 6:57, Tag 761

Heute Nacht hab ich geträumt, bin zeitig aufgestanden. Ich war noch müde, Hab mir das letzte Traumbild über das Duschen hinaus nicht merken können. Zwei Wochen auf Konferenzen, zwischendrin die Busfahrt durch Kapdokya, morgen gehts zurück nach Istanbul. Ein dicker Stapel Visitenkarten und viele neue Ideen harren der Bearbeitung.

Gestern bin ich um 7 abends hier gewesen. Ich hab noch ein paar Besorgungen auf meinem Zettel gehabt und wollte das unbedingt gleich erledigt haben. Auch die Wäsche musste gleich in die Maschine und Auspacken und Aufräumen auch noch. Die Unruhe der Konferenz und der Reise war noch, ist auch jetzt noch, sehr präsent. Als ob ein grosses Schwungrad in mir noch nachläuft.

Auch während der Meditation bemerke ich die Unruhe. Kurze Phasen von gefühlter Konzentration, wechseln sich mit längeren Phasen, in denen ich Gedanken nachhänge. Ich sitze ja gerade, wieder einschlafen geht nicht. Aber ich merke, wie ich Ruhe der Meditation sehr geniesse. Die Intensität, das rechte Bemühen, auch während der Meditation tritt dann etwas in den Hintergrund. Es ist mehr Medizin, Hilfe und Ruhemöglichkeit für meinen unruhigen Geist und den vernachlässigten Körper.

Das Leben ist sehr vielschichtig. Der Zenkoch weiss, dass ein gutes Essen aus einer Balance und der rechten Mischung aus allen Geschmacksrichtungen besteht. Aus süss, sauer, salzig, bitter und neutralen Elementen. Erst die richtige Mischung aus allen Geschmäckern erzeugt ein Festmahl. Lassen wir sauer oder salzig aus unserem Nachtisch weg, schmeckt es zwar süss, ist aber nicht sensationell. Gibt es immer nur unser Lieblingsgericht, bzw. Geschmack, wird das nicht lange unser Liebling bleiben. Wir können uns auch an unserem Lieblingsgericht überfressen und können es dann eine Zeit lang nicht mehr sehen, ohne uns an das unangenehme Völlegefühl zu erinnern.

In meinem Leben möchte ich auch versuchen, eine Balance aus allen Geschmacksrichtungen herzustellen. Ich möchte genug Zeit haben, Neues zu lernen. Ich möchte gerne weiter Erfolg im Beruf haben. Aber auch Liebe, Glück und Zufriedenheit in meiner kleinen Familie erleben. Ich möchte mich mit meinen Freunden wohl fühlen und Spass haben können. Aber auch in der Gesellschaft, in der ich lebe, meinen Beitrag leisten.

Oft denke ich, wenn ich gut in der Arbeit bin, dann bin erfolgreich, verdiene vielleicht Geld, dann kann mir den Rest leisten. Oder dann kann ich mich um meine Familie kümmern. Oder, erst wenn das Projekt zu Ende ist, dann habe ich wieder Zeit für meine Freunde. Oder ehrenamtliche Arbeit kann ich erst machen, wenn ich Rentner bin. Jetzt habe ich keine Zeit.

Wer hat solche Gedanken nicht?

Ich vernachlässige oft manchmal selbst, meinen Körper. Er hat einfach zu funktionieren, ich esse dann (auf Konferenzen) nicht ordentlich, lasse Mahlzeiten ausfallen, schlafe zu wenig, bewege mich nicht genug.

Wer kennt so etwas nicht?

Was ich auch gern mache: ich vergleichen mich. Ich schau mir also Andere an und sehe, dass sie zB sehr tolle Beziehungen haben, oder sehr erfolgreich im Job sind, oder scheinbar einen Jungbrunnen gefunden haben. Ich sehe nicht die Gesamtheit, sondern greife mir nur ein einzelnes Gebiet heraus. Dann kann ich mich entweder darüber oder darunter stellen.

Wer hat das noch nie gemacht?

Was mir heute morgen wieder mal klar geworden ist, wir haben keine Zeit. Es gibt kein später. Wir leben nur jetzt. Wir können nur jetzt versuchen, Balance in unser Leben zu kriegen. Es gibt kein wenn ich gross bin, werde ich Feuerwehrmann.

Was ich versuche, ist jetzt zu erkennen, was jetzt dran ist. Welcher Geschmack gerade fehlt, wo ein Ungleichgewicht in meinem Leben ist. Und dann versuche ich, in diesem Moment, an diesem Tag, in dieser Woche etwas dafür zu tun, dieses Ungleichgewicht zu beenden.

Wir können immer etwas tun. Wir können unsere Aufmerksamkeit auf das Gebiet richten, was uns vernachlässigt scheint. Die Zeichen sind da. Wir brauchen sie nur zu sehen. Unser Körper meldet sich, wenn wir ihn vernachlässigen. Unser Herz meldet sich, wenn wir unsere Familie vernachlässigen, wenn wir Freunde vermissen. Die Gesellschaft meldet sich auch, wenn wir sie nur ausnutzen und nichts zurück geben.

Wir können diese Zeichen oft und gerne ignorieren. Nur, ob wir dann ein erfülltes, ein glückliches Leben führen können, wage ich zu bezweifeln.

Welches Gebiet vernachlässigt ihr gerade? In welchem Gebiet seid ihr grade richtig gut?

Lernen?

Arbeit?

Liebe?

Freunde?

Gesellschaft?

Geht diese fünf Punkte mal durch in Gedanken. Versucht nur heute, eigentlich nur jetzt in den nächsten paar Minuten, ganz stolz auf das Feld zu sein, in dem ihr richtig gut seid. Lobt Euch mal selbst für Euch.

Und dann geht die Liste noch mal durch, und überlegt, was ihr gerade vernachlässigt an Euch. Denkt nur darüber nach, stellt nur fest, versucht das nicht zu werten, versprecht Euch nichts.

Versucht, einfach nur sehen, was gerade ist, wo das Pendel steht…

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So, und nun ab in den Freitag. Wünsch Euch einen erfüllten Tag!

 

 

 

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