Monat: September 2014

Blog

Lebenszeichen

Natürlich habe ich mir vorgenommen, meinen Blog hier wieder in meine tägliche Routine einzubauen. Ich vermisse das öffentliche Schreiben schon sehr. Vor allem das Gefühl des Ausstellens meiner Träume, Gedanken, Gefühle, Meinungen und Interessen, dieses sich Bekennen, sich den Augen anderer stellen, sich damit zu öffnen (und angreifbar zu werden). Aber, seit ich mein 777 Tage Tagebuch Projekt im letzten Herbst beendet hatte, sind viele spannende Sachen passiert, über die ich nicht hier geschrieben habe. Im Folgenden nun ein Art Lebenszeichen:

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Mehr Zeit

Gefühlt habe ich mehr Zeit, mehr Freiheit, mehr Gelassenheit. Es entstand schon so etwas wie öffentlicher Druck, jeden Tag schreiben zu müssen, um die Kette nicht abreissen zu lassen. Diese selbstgestellte Aufgabe als erledigt zu bezeichnen, diese Tür zu zu schlagen, öffnete neue Türen. Einerseits fehlt mir etwas, andererseits geniesse ich es, mehr Zeit am Morgen zu haben. Ich habe sehr entspannt gelesen, viel mehr als vorher, habe nicht mehr jeden Sonnenaufgang zwingend fotografieren wollen, konnte es mehr geschehen, mehr dem Moment überlassen. Die besten Sonnenaufgänge, also die, bei denen mich das Licht, die Stimmung in der ich erwacht bin, berühren, die habe ich weiterhin auf Instagram gepostet. Bei Blogposts oder Artikeln habe ich von Flipboard/Newsblur auf Feedly umgestellt, ohne es zu bereuen. Hier poste ich manchmal mich interessierende Zitate oder Artikel auf Twitter. Alles in allem schreibe ich aber doch kein Tagebuch mehr und habe dadurch jeden Morgen etwa eine Stunde mehr Zeit, die ich aber vor allem genutzt habe, eher zu arbeiten. Bin statt um 7 ins Café, oft um 7 schon ins Büro und habe dadurch etwas mehr Fokus auf meine Firma richten können.

Mehr Arbeit

Etwa zeitgleich mit dem Stop meines Tagebuchschreibens hier, habe ich angefangen, meine Firma, die mtc umzustrukturieren. Wir sind in den letzten Jahren mit etwas 20% auf nun knapp über 80 Mitarbeiter angewachsen. Die Wachstumsschmerzen, die ich empfand, nahmen überhand. Nicht dass es uns schlecht geht, oder zu gut, eigentlich liefen alle Projekte ganz passabel.

Aber vor allem in 2013 ist mir aufgefallen, dass unsere Prozesse und unsere Führungsarbeit einer halb so grossen Firma entsprachen, die wir vor 4 Jahren waren. Mit den beiden Bereichen, die direkt an mich reporten, habe ich im letzten Herbst schon begonnen. Und ab April startete dann die firmenweite Resturkturierung. Unsere monatlichen All Hands Meetings wurden zum Dreh und Angelpunkt dieses Prozesses, der im April offiziell startete.

Mehr Klarheit

Das tägliche reflektive Tagebuchschreiben erzeugt eine Art innen gerichtete Aufmerksamkeit. Mein Antrieb ist dazu oft mein Streben nach Anerkennung von Aussen. Indem ich mich öffne, meine Gedanken hier fliessen lasse, trete ich hier auf meine kleine Bühne vor Euch, den Leser, hin und erwarte, befürchte und geniesse Eure Aufmerksamkeit. Die Statistiken, Likes und Kommentare dienten als Belohung.

Trotzdem habe ich bemerkt, wie sehr es sich natürlich oft nur um mich und mein Ego drehte. Wenn ich zurück denke, kommt es mir so vor, als ob ich alles, was um mich herum passierte (Sonnenaufgang, Gadget, Projekt, Traum, Artikel, Zitat) genutzt habe, um in mich rein zu schauen. Das habe ich dann einfach fliessen lassen und aufgeschrieben. Dieser leichte (oder schwere) Exhibitionismus ist weniger geworden. Ich mache weitaus weniger Dinge, um anderen zu gefallen oder deren Aufmerksamkeit zu kriegen. Diese Art externe Belohnung hatte etwas von ihrer Anziehungskraft und Kraft verloren. Das gab mir keine Energie mehr. Ich habe ganz klar sehen können, dass dieses Streben nach externer Aufmerksamkeit viel zu viel Energie gebunden hat.

Mehr Entwicklung

Der Optimist kickt jetzt sofort wieder. Wenn ich heute zurück blicke, kommt es mir so vor, als ob sich meine Entwicklung, die Geschwindigkeit von Veränderungen beschleunigt hat, seit ich diese Stunde am Morgen nicht mehr für innen gerichtete Reflektion nutze, sondern sie in Aktivitäten im Aussen einsetze. Aber ihr müsst wissen, dass ich weiter jeden Morgen Sitzmeditiere, mindestens 20 Minuten. Nach unseren diesjährigen Retret im April sogar über Wochen und Monate sehr viel mehr. Diese stille Reflektion beim Zählen meines Atems auf dem Zazen Kissen, gefolgt von einer Stunde mehr Freiheit hat zu mehr Entschlossenheit, zu mehr Tatkraft und Tun geführt. Die Energie ist nicht in den Blogpost hier geflossen, sondern in die Vorbereitung wichtiger Meetings, Mails oder anderer Aufgaben. Aber nun kann ich nicht mehr hier Nachlesen, ob mich meine Erinnerung nun trügt oder es wirklich einiges entwickelt und verändert hat.

Mehr Machen

Gerade in den letzten Wochen beschäftigt mich das Thema Kommunikation in Gruppen sehr stark, formelle und informeller Austausch, mit und ohne Internet. Dabei hat sich ein neuer Grundsatz herausgebildet: Erst Machen, dann drüber Reden. Ich hab das ohne gross Nachzudenken „Erwartungsfreie Kommunikation“ genannt, von der Dr. Hans-Jörg Pöttrich in seinem Seminarskript hier behauptet, dass sie nicht möglich ist, während eine Alexandra Rölkens, eine Logopädin aus Düsseldorf, hier schreibt, dass das die erwartungsfreie Haltung eines Tieres beim Beziehungsaufbau zwischen Patient und Logopädin hilft (was ich überhaupt nur weiss, weil ich den Begriff eben mal gegoogelt habe).

Anfang des Jahres war das Thema noch „wertungsfreie“ Kommunikation. Mich hat in dieser Zeit massiv jede Form von Wertung durch Sprache und Wortwahl gestört. Das war fast zwanghaft! Immer, wenn ich für mich eine Wertung bei meinem Gesprächspartner erkannte, bin ich darauf eingegangen, habe automatisch eine Gegenposition eingenommen, um die Wertung offen zu legen. Das war super anstrengend für mich und definitiv auch für die anderen. Wertungen stören mich grade weniger. Was mich noch stört, sind Ankündigungen von zukünftigem Handeln, die über normale Absprachen, Terminvereinbarungen und Planungen hinausgehen. Diese: „Mach ich gleich morgen früh?“ oder „Reicht es aus, wenn ich mich später drum kümmere?“ oder klassische Bedingungen: „Erst wenn das/dies/jenes geklärt ist, dann kann ich damit anfangen.“ usw. versuche ich bei mir komplett zu vermeiden und bei anderen zu ignorieren.

Ich versuche gerade bei jeder Antwort, die über einen beziehungsfördenden Smalltalk hinausgeht, einen Mehrwert zu erkennen. Also eine Information zu übermitteln und dabei aber keine Erwartungen zu haben, keine Bedingungen zu stellen und keine Ankündigungen zu machen. Was dabei passiert ist, dass ich durch diesen neuen Grundsatz mehr Fokus auf das Warum und das Wie meines Seins lege und weniger im Was alles um mich herum passiert, hängen bleibe.

Weniger Ärger

Die direkte Folge davon ist, dass mich meine Gefühle, speziell mein Ärger nicht mehr so leicht überrennen können. Ich spüre immer mehr, Ärger und im übrigen auch meine Angst sind meine eigene Entscheidung. Ich merke, dass ich eine Wahl habe, ob ich jetzt mit Ärger oder mit Angst und den jeweils daraus folgenden Handlungen auf meine Umwelt reagiere, oder ob ich kurz ein und ausatme und erst mal überlege, ob Ärger jetzt grade hilfreich oder nützlich ist, oder eben nicht. Meistens empfinde ich Ärger und Angst, genau wie Meckern oder Jammern oder Aufregung nun als ein Gefühl, das mir Zugang zu Energie verschafft. Die ich dann ins Aussen, in die Eskalation von Konflikten stecken könnte oder die ich einfach nutze, um meine Dinge und mein Leben generell besser geregelt zu kriegen.

Obwohl ich einigen meiner Freunde und Bekannten dadurch von Aussen nicht glücklicher erscheine, so empfinde ich mein Leben um so viele Stufen angenehmer, stressfreier, allgemein freier! Meine Ehe, die Beziehung zu meiner Tochter, zu anderen Kollegen, Bekannten und Freunden haben sich dramatisch verbessert. Mehr Zeit, mehr Arbeit, mehr Klarheit und Fokus, mehr Machen und weniger Bedarf an Aufmerksamkeit von Aussen, weniger Reibungsverluste durch Ärger und Konflikte: so erscheint mir im Rückblick grade die letzte Zeit seit ich hier nicht mehr Tagebuch schreibe.

Aber die Plattform, das Kommunikationstool Blog zieht mich nach wie vor stark an. Wenn ich neben Büchern und direkter Kommunikation etwas lese, dann fast ausschliesslich Blogs. Also, ob es auch beim weniger Schreiben bleibt oder was jetzt hier weiter passieren wird, weiss ich einfach noch nicht genau.