Mein Tagebuch – Teil II

Istanbul, 7:36, Tag 778

Heute Nacht war ich bei einem amerikanischen Bekannten zu Besuch, der eine deutsche Frau hat, die eigentlich eine Türkin ist. Bis 4 in der Früh waren wir in einem Club. Danach setzte die Erinnerung aus und ich erwachte am nächsten Tag um 10 auf seinem Sofa. Wir waren schon zu spät. Aber er wollte mir unbedingt den Weg zu einer Eisdiele in der Nähe erklären. Dabei nuschelte er nur sehr verkatert den Namen und ich durfte Google Maps nicht verwenden, um seinen Erklärungen auf der Karte zu folgen. Nach drei Anläufen wurde ich ärgerlich und stürmte auf die Auffahrt in mein Auto. Ein Kollege kam mit seiner Frau gerade an, um uns abzulösen und schaute genau in dem Moment in mein Auto, als ich mich umzog. Ich erwachte eine halbe Stunde vor dem Wecker mit peinlichem Ärger in Bauch und Hals, der sich überraschend schnell verzog…

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Hier mein zweiter Anlauf, denn ich möchte doch wieder Tagebuch schreiben. Jeden Morgen eine Stunde der öffentlichen Reflektion und des Innehaltens. Ich habe so lange gewartet, ob meine Lust am Schreiben dazu führt, dass ich meine Themen finde, also dass ich nur noch über meine Photos, mein Zazen, meine Firma, meine Projekte schreibe. Aber das hier, ist doch mein Projekt. Das hier umfasst das alles, gibt ihm eine Routine und einen Rahmen.

Richtig klar geworden ist es mir erst letzte Woche, als mir Frau Novemberregen folgendes sagte:

Es ist so schwer auszuhalten für mich, dass ich weiss, ich könnte mir nur etwas mehr Mühe geben und dann könnte es perfekt, noch perfekter, sein. Vor diesem Gefühl weg zu rennen, in die Arbeit, in die Ignoranz, in den Ärger, in den Zorn, ist aber auch keine Lösung. Es wird noch schwerer, je öfter ich morgens einfach die News gelesen oder schon die Mails bearbeitet habe. Spazieren gehen hilft manchmal. Doch nichts zu tun, ist noch schwerer auszuhalten, als etwas nicht perfekt zu tun.

Mein Flug gestern war eine grosse Übung. Als ich mich setzte, auf 11A, schlug mir ein stechender, alles durchdringender Knoblauchgeruch entgegen. Ok, bin auf einem Flug nach Istanbul, das sollte ich gewohnt sein, denkt der kleine Rassist in mir. Doch ein asiatisch aussehender Mann sass in der Mitte, er war die Quelle. Sein Sohn sass eine Reihe hinter ihm. Er drehte sich häufig um, lehnte sich dabei mit Knie und Arm an mich, um mit ihm zu sprechen. Die Lüftung über mir stellte ich auf meine Stirn ein. Immer dann, wenn mir schlecht wurde, nahm ich meine Hand vor meine Nase und Mund. Um mich an meinem eigenen Handschweiss und all den anderen Gerüchen derjenigen Dinge zu erfreuen, die ich seit dem letzten Händewaschen alle berührt hatte.

Ich habe mir angewöhnt, die 20min beim Take Off zu meditieren. Gerade sitzend, mit in einander gelegten Händen, die Füsse gerade unter dem Sitz, stecke ich mir meine Kopfhörerstöpsel Sicherheitsanweisungs und Miles&Smiles Werbung dämpfend in die Ohren, stelle den Meditationstimer an und konzentriere mich auf meinen Atem, ich zähle ihn einfach. Beim Einatmen Eins, beim Ausatmen Zwei. Dabei nehme ich meine Abneigung gegen den stechenden Geruch einfach wahr. Komischerweise verschwindet diese Abneigung aber nach kurzer Zeit der Konzentration und macht anderen Gedanken und Gefühlen Platz.

Die Woche war gut bisher, viel Aktion, viele gute Gespräche, viel Execution, einfach Machen. Wir haben sehr viel Bewegung, sehr viel Veränderung in der Firma. Sind nun über 90 Mitarbeiter, oh wie gross das klingt! Unsere Organisation muss sich an diese Größe anpassen. Und wir ächzen und stöhnen unter den Wachstumsschmerzen. Mal nenn ich das Professionalisierung, mal Optimierung, mal sind es strategische Projekte, mal wieder einfach Restrukturierung. Doch es ist immer das Gleiche! Doch nur mehr Klarheit bei mir und uns allen, führt zu lindernder zu positiver Veränderung.

Und wie lange habe ich diese Klarheit im Aussen gesucht, in neuen Mitarbeitern, in Konzepten, Produkten, Kunden? Es ist so verführerisch, die Verantwortung und die Kontrolle von sich weg zu schieben. Sich als Spielball des Lebens, des Schicksals, der Gesellschaft, der Umstände, der Kollegen, der Technik, der eigenen Unklarheit zu sehen, scheint so viel einfacher. Das ist eine wirklich grosse Illusion. Eine Täuschung! In sich zu schauen und dann auszuhalten, was man dort findet, davor rennen wir weg. Wir rennen mit allen Mitteln, unter Einsatz aller verfügbaren Mittel, mit allen Kräften.

Es brauchte ein neues Laptop, einen Tweet von Frau N., den gestrigen Flug, eine Knoblauch Meditation, mein Zazen Retreat und so viel mehr, um diesen Text jetzt hier zu schreiben. Ich habe die Hoffnung, dass ich morgen früh hier wieder sitze, die gleiche Spannung und Freude empfinde. Ach, eines noch ganz spontan: ich teile diesen Post nur hier. Kein Twitter, Facebook, Google, LinkedIn Spamming mehr! Wer’s finden will, wird’s finden. Ich brauch Euch das doch nicht überall unter die Nase zu reiben.

Wünsch Euch einen tollen Tag!

7 thoughts on “Mein Tagebuch – Teil II

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