Illusionen

Berlin, 5:49, Tag 783

Heute Nacht war ich zu Besuch im Weissen Haus, ganz familiär, toller Service, nette Menschen, sogar ein Ironiker trat auf. Es ging ganz lang, ich war einer der letzten Gäste. Später kam die ganze Truppe von meinem Steuerberater an und sass an einem runden Tisch, eine Kollegin stellte mir alle noch einmal ganz detailliert vor. Wir hatten Spass, ich schlief ein, als ich im Traum erwachte, waren alle weg und ich half beim Aufräumen. Ganz so wie in House of Cards, fiel mir beim Aufwachen ein…

Wieder ein Bild von gestern Abend. IMG_3339Ich

Höre draussen schon ein paar vorlaute Stare oder doch Amseln, noch im Sturm und kurz vor der Morgendämmerung. Gleich ist mtc All Hands, ist ja wieder der erste Mittwoch im Monat. Gebe weiter Updates zu unserer Restrukturierung, aber mir fehlen schon die anderen Themen zum Warum, zum Was noch oder Wie machen es andere.

Zum Beeindruckendste von anderen zählt für mich grad der Blogpost von Buffer zu ihren Gehaltsstrukturen und internen Kommunikationsregeln. Das lässt mich seit Wochen nicht mehr los. Wie ich grade lese, fängt der Post mit einem Slide Deck zu ihren Werten an. Über die Einleitung hab ich bis vorhin echt immer drüber weg gelesen. Mich hatte mehr das Excel und auch die Regel interessiert, dass jede Mail an einen Teamverteiler in cc geht, den man abbonieren kann. Sind schon drei Anregungen.

Wenn mich so ein Artikel findet, passieren immer interessante Dinge.

Erstens, ich möchte sofort drüber reden mit Kollegen, ich möchte es ausprobieren und alle sollen doch jetzt das genau so toll finden wie ich. Ich spanne ein Reality Distortion Field, also ob der Post die Lösung für viele unserer Schwierigkeiten oder Probleme wäre. Da ich das schon lange mache, weiss ich um die geringe und ermüdende Wirksamkeit dieses Ansatzes sehr genau Bescheid.

Zweitens speichere ich den Post überall ab, um ihn schnell wieder zu finden, wenn ich ihn mal brauchen sollte. Das ist nicht neu, aber die Bewusstheit, dass dies passiert ist Neu. Neben Facebook, wo ich ihn gefunden habe, auch in Istapaper, Evernote und das Spreadsheet hab ich mir runtergeladen, man weiss ja nie. Der Hintergrund hier ist der Sammler und Jäger in mir, der hoch hinaus will und mich schon in der Oberschule alle Zeitungsartikel zum Raumfahrtprogramm der Sowjetunion hat ausschneiden lassen.

Drittens ärgere ich mich über mich selbst. Dies ist ein Reflex bei mir, eine tief sitzende Angewohnheit. Aus einem: das will ich auch haben über so will ich auch sein und warum bin ich nicht so und warum habe ich das nicht  verbunden mit der Illusion: ach deshalb habe ich es so schwer wird ein bauchgrummeln, dass mich alle Pläne für den Tag über den Haufen schmeissen lässt, und ich setz mich an das Slide Deck zu den Werten. Nach ein paar Minuten merke ich, dass das viel zu lange dauert, viel schwieriger ist als gedacht, ich das jetzt grad einfach nicht hinkriege. Und dann geht der Ärger erst richtig los..

Na, ich glaub, ihr habt jetzt ne Vorstellung, was ich in wenigen Sekunden für ein Chaos in mir anrichten kann. Denn viel länger dauert so ein Anfall meist nicht mehr.

War früher anders, da konnte ich Tage damit verbringen, aus solchem Ärger irgendwelche Aktionen und Projekte zu starten, die zum Ziel hatte, alles zu fixen, was in meinem Umfeld broken ist, aber eigentlich ging es immer nur darum, diese Illusion von ärgerlicher Selbstmotivation aufrecht erhalten zu können.

Aktuell schliessen sich aber meist ein bis viele weitere Anfälle an. Vielleicht über das grad zu lahme Internet (könnte ich ja auch gleich fixen: und suche nach neuesten Breitbandangeboten), über meine unaufgeräumten Ablagen (wo ich schon mal bei bin, könnte ich auch das gleich erledigen und verschiebe sinnlos ein paar Dateien). Oft lande ich dann ermüdet bei den aktuellsten News, die ich grade zu verpassen scheine vor lauter Stress und Arbeit.

Selbst Klarheit über diese Vorgänge zu erhalten, hilft mir schon.

Ich kann sie noch nicht abstellen, noch nicht transformieren. Aber ich kann zu mir selbst ehrlich sein und diese Automatismen anerkennen. Und dann wenn ich aufhöre, darüber zu jammern, wenn ich aufhöre, mich selbst so wichtig zu nehmen, dann und nur dann, kann ich das machen, was jetzt einfach dran ist, das erledigen und machen, was ich jetzt machen kann. Ohne die ganzen Geschichten, Begründungen, Zusammenhänge und Seitenhiebe und Querschläger, die ich brauche, um mich selbst zu vergewissern, mich selbst abzusichern, gegen das Aussen, gegen Veränderungen, gegen die Unbeständigkeit und gegen die Folgen meiner vergangenen Taten…

So, nun aber los, ab in den Tag! Wünsch Euch einen stürmischen Mittwoch.

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