Berlin, 6:35, Tag 817

Heute Nacht in einer schönen Schlucht mit einem Zug und einem Wasserfall und Wolken. Draussen flogen ein paar schwarze Drohnen vorbei. So stell ich mir wohl die Zukunft vor. Ich wachte schön zeitig vor dem Wecker auf. Beim Anziehen bemerkte ich dann ein rotes Leuchten an der gegenüber liegenden Hauswand und eilte schnell aufs Dach:

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Nun fotografier ich ja schon seit 2008 fast täglich den Sonnenaufgang. Heute war wieder einer der Tage, für die sich diese Übung lohnt: wenn ich dann da oben stehen kann.

Wahlfreiheit

Nach einer verregneten Nacht erwarte ich doch einen trüben Himmel. Auch jetzt ist wieder alles Grau in Grau, als ob nichts gewesen wäre. Aber es gibt am Morgen diesen einen Moment, da sehe ich an der gegenüber liegenden Hauswand ein Leuchten und weiss es einfach.

Dann muss ich ein Foto machen. Ich habe keine Wahl mehr.

In Istanbul stell ich mich ans Fenster, das ist einfach. Hier in Berlin kletter‘ ich aufs Dach, das ist einfach. Unterwegs ist es immer wieder ein schönes Spiel. Ein Spiel meiner Geduld, meiner Ruhe, meiner Erfahrung, meines Mutes mit und in den wenigen Minuten, die den Sonnenaufgang für mich so speziell machen.

Einzigartigkeit

Sonnenaufgänge sind für mich wie Grenzen, Nahtstellen, Übergänge. Die Veränderungen zwischen Tag und Nacht sind gravierend. Der Sonnenaufgang verbindet das Gegensätzliche. Und in kurzer Zeit, wenige Minuten nur, klebt die Sonne am Horizont. In dieser kurzen Zeit, ändert sich sekündlich Farbe, Intensität, Spiegelung, Reflektion von Sonne und Wolken. Nicht wiederholbar. Nicht vorhersagbar. Niemals gleich.

Die Einzigartigkeit des Momentes, jedes Momentes, wird mir so bewusst. Und jeden Morgen erinnere ich mich so daran. Jeden Morgen möchte ich so starten können, mit einer Verbindung zu Sonne, Wetter und Wolken. Einen Moment nur.

Wahrnehmung

Unsere Wahrnehmung ist stark abhängig von unserer Übung, unserem Training und damit unserem Wissen über das jeweilige Subjekt unserer Wahrnehmung. Je unachtsamer ich bin, je weniger nehme ich wahr. Je weniger ich weiss, je weniger nehme ich wahr. Je weniger Erfahrung ich habe, je weniger nehme ich war.

Hier stelle ich mir manchmal ein neuronales Netz vor, aus den vielen Verbindungen der Nervenzellen untereinander. Je engmaschiger diese Verbindungen sind, je mehr Wahrnehmungen können in dem Netz hängen bleiben und weitere Verbindungen erzeugen. Je dünner unser Netz ist, umso mehr Wahrnehmungen, um so mehr Details rauschen einfach so durch uns durch, an unserem Bewusstsein vorbei.

Nun besteht unser Leben aus einer endlosen Verkettung von Momenten, die alle aus unzähligen Details bestehen. Wir nehmen so viel mehr wahr, als wir bewusst verarbeiten können. Wir bauen uns unsere Realität daraus.

Für jemand der heute 5:40 erst die Augen aufschlug, ist der Morgen grau und regnerisch. Es gab keinen Sonnenaufgang. Es gab kein Farbenspiel. Es gab keinen warmen Luftzug. Es nieselt jetzt.

Die Tropfen auf dem Fenster sind die roten Wolken von vorhin.

Wünsch Euch einen schicken Dienstag!

Veröffentlicht von Herr Krueger

vater · ehemann · mitgründer der moving targets consulting gmbh · services, development und support · zazen · fotografie

One Comment

  1. So schön … so wahr … 🙂

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