Über Vergebung und Freundlichkeit

Istanbul, 6:33, Tag 826

Heute Nacht habe ich von der Heimat meiner Grosseltern geträumt, ein 1978 für die Braunkohle weggebaggertes Dorf in der Nähe von Bitterfeld. Ich erkannte die Strasse in einem Film wieder. Schwarz weiss, viel Gewusel, gefilmt aus dem linken Nachbarhaus. Wir überlegten zusammen, wie es uns jetzt geht. Wir erzählten uns, wie ist es, dass die Heimat, das Haus und der Garten unserer Familie, nun ein schöner Badesee geworden ist. Es war der zweite Traum heut Nacht, der erste handelte von Baumstämmen und Maschinen. Ich wachte pünktlich und sehr ruhig entschlossen auf.

IMG_4774

Ihr müsst dazu wissen, dass meine Grosseltern in der DDR dabei für den Fortschritt enteignet wurden, die Entschädigung für Haus und Garten entsprach dem Einheitswert von 1927 und war lächerlich gering. Im Wiedervereingigungsvertrag wurde dieses Unrecht im Übrigen bestätigt, Wiedergutmachung ausgeschlossen.

Aber dass meine Eltern später kurz nach der Wende aus dem Haus und Garten meiner Kindheit ausziehen mussten, weil der vor der DDR geflohene Vorbesitzer es wieder haben konnte, wirkt jetzt im Rückblick schon grotesk. So durften wir helfen, dieses Unrecht wieder gut zu machen. Und so wurden wir ein zweites Mal enteignet.

Verziehen haben wir uns und den anderen. Vergessen möchte ich das nicht.

Meine Eltern haben damals eine schöne Wohnung in einem fast noch schöneren Dorf in der Nähe gekauft. Nur ich habe eine unerklärliche Abneigung gegen Wohneigentum behalten, und verteidige meine Freiheit, die Wohnungen und Büros in meinem Leben nur zu mieten.

Eigentlich war das gestrige Thema Freundlichkeit. Wer weiss schon, warum sich die weit zurück liegende Vergangenheit heute Nacht gemeldet hat. Vielleicht weil Vatertag ist? 🙂

Nachdem Boz vor ein paar Tagen diesen schönen Artikel über seine Transformation veröffentlichte, habe ich gestern kurzerhand im Büro per Chat zum „Tag der Freundlichkeit“ ausgerufen. Mehr als Erinnerung daran, dass Recht haben und Freundlich sein, keine Gegensätze sind. Eigentlich sollte jeder Tag ein „Tag der Freundlichkeit“ sein.

Freundlich zu sich selbst und zu allen anderen zu sein, ist allerdings nicht so einfach, wie wir uns das immer vornehmen. In den Nachrichten erscheint sehr selten die Geschichte eines Menschen, der aus tiefstem Herzen freundlich lächelt. Nur wenn jemand aus Ärger und Wut jemanden umbringt oder verletzt, dann ist das eine News, die es wert ist, erzählt zu werden. Wie schade eigentlich?!

Was mir dabei hilft, freundlich mit mir selbst und anderen zu sein und zu bleiben, ist das Konzept, dass ich meine eigene Verantwortung für meine Gefühle auch selbst wahrnehme.

Ich bin zu -sagen wir mal- 90% für meine Gefühle selbst verantwortlich. Sei es Ärger, Wut, Zorn, Apathie, Trauer, und natürlich auch für die positiven Gefühle. Ein paar Prozent der Verantwortung haben natürlich auch diejenigen, die mit ihren Worten oder Taten die Wut oder den Zorn in mir auslösen. Aber auch diejenigen, die nichts tun, aber in meinem Leben, hier auf der Erde mit mir anwesend sind, tragen ein Teil der Verantwortung.

Gefühle sind immer individuell und kollektiv, niemals nur das eine allein!

Erst wenn ich die 90% Regel ernst nehme, besteht die Chance zu Heilung, zu Transformation. Erst wenn ich wahrnehmen kann, wie meine Gefühle in mir entstehen, aufgrund von Erinnerungen, von Wahrnehmungen, als Objekte meines Geistes, dann kann ich mich auch mit den Ursachen und den Folgen beschäftigen.

Für mich bestehen drei Wege zur Heilung negativer Gefühle.

Erstens. Am einfachsten ist es, sich mit den positiven und schönen Dingen im gegenwärtigen Moment zu verbinden. Wir schneiden uns ab davon, wenn wir ärgerlich sein wollen. Wir nehmen den Windhauch, den Sonnenstrahl, den Sonnenaufgang einfach nicht mehr wahr, wir ignorieren die Freude und Schönheit, die uns auch umgibt, wenn wir wütend sind.

Zweitens. Schon schwieriger ist es, dem Ärger, der Wut, whatever an negativem Gefühl bei uns auftaucht, einfach erst mal wahrzunehmen, ehe wir entsprechend Handeln. Erst mal kurz hinschauen und sich um das Gefühl kümmern, sich nicht von ihm kontrollieren, übernehmen zu lassen, sondern es anerkennen, wahrnehmen und für seine Existenz in uns Verantwortung übernehmen.

Drittens. Geübt in den ersten beiden Methoden, können wir versuchen, die Ursachen unserer negativen Gefühle zu ergründen und uns zu heilen, zu transformieren, zu verändern. Wir können die Ursachen von Trauer in uns erkennen, in dem wir Erinnerungen aktiv einladen. Wenn wir stark und achtsam genug sind, können sie keinen Schaden anrichten. Wenn wir Freunde, eine starke Gemeinschaft um uns haben, die uns stützen und stärken, dann können wir es schaffen, die manchmal sehr weit zurück liegenden Ursachen zu sehen, und dann uns und anderen zu verzeihen und los zu lassen.

Heute Nacht hat sich eine der Ursachen meiner Trauer und Wut in meinem Traum manifestiert. Ich habe diese starken Gefühle heute morgen in meinen Blog wieder hoch geholt, sie aktiv eingeladen und nicht weg gedrückt, nicht ignoriert, nicht gedämpft.

Mit den schönen Erinnerungen, den schönen Fotos meiner Heimat, die ich letztes Weihnachten geschossen habe, habe ich versucht, mich mit den positiven Erinnerungen meiner Zeit dort zu verbinden, mich zu stärken, die Freude und das Glück zu erinnern, die ich dort erleben durfte.

Ihr, meine Leser, habt mich dabei unterstützt, unwissend, nichts ahnend habt ihr mir geholfen, bei der Reflexion, bei der Bewältigung, der Transformation dieser Ursachen, dieser Narben der Vergangenheit. Dafür danke ich Euch sehr!

Nun wünsche Euch noch einen überaus freundlichen Feiertag!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s