Zum Inhalt springen

Archiv für

Freitagspause

Berlin, 6:07, Tag 894

Heute Morgen bin ich ruhig, nachdenklich, aber auch vorfreudig auf den Tag. Gestern kam der Spass, die Ruhe zurück. Waren in Leverkusen zu zwei Meetings, die ganz gut, positiv verliefen. Hin und Rückweg verliefen völlig problemlos, Abends wurde ich dann mit einem Wahnsinnssonnenuntergang belohnt.

IMG_8001

Mehr schreib ich heute nicht. Wünsch Euch einen tollen Freitag!

Überfreundlich

Berlin, 6:13, Tag 893

Da es heut nach Leverkusen geht, bin ich schon zeitig, leicht aufgeregt, gespannt wach.

Fühle mich vorbereitet. OK, CheckIn hatte ich gestern Abend nicht mehr gemacht, die Slides sind auch noch nicht final. Aber gestern Morgen kam eine ganz gute Idee hoch, die wir sogar noch fertig ins Excel gegossen gekriegt haben. Der Ausfall eines anderen Meetings kam zu Hilfe. Nun kann es nur noch schief gehen! 😉

IMG_7952

Manchmal fühle ich mich echt nicht gut. Habe aber gelernt, dass nicht zu zeigen.

Man sieht es mir zwar trotzdem an, aber ich setze eine Maske aus Lächeln, Ruhe und Geschäftigkeit auf. Ich bin dann respektlos freundlich!

Also nicht freundlich zu mir, auch nicht freundlich zu anderen. Sondern respektlos freundlich, also ein Arsch. Verzeiht!

Das ist eine Freundlichkeit, die laut schreit: rette mich, sei jetzt auch nur nett zu mir, beachte und kümmer dich jetzt um mich. Denn ich bin doch soooo freundlich, obwohl es mir soooo schlecht geht. Das musst Du doch sehen. Nein, doch, es ist alles ok. Nein, ja, es ist alles i.O.. Nein, doch, doch is schon gut.

Innen ist der Teufel los.

Eigentlich würde ich gern sagen, ich bin sauer, dass es so oder so grade läuft oder nicht läuft. Ich bin traurig. Wütend! Ich ärgere mich unheimlich! Mir is grad nicht nicht nach reden, sondern nach schreien!

Aber ich trau mich nicht. Ich hab gelernt, man macht das nicht. Man behält die Fassung, man bleibt immer freundlich.

Doch ich lächle, bin freundlich. Bitte geht jetzt, danke! Bitte lass mich mal kurz allein. Uff!

Da ich das nicht lange so aushalte, gibt es relativ schnell Übersprungshandlungen, Explosionen oder Ausbrüche. Am gleichen Tag, drei Tage später, anderen und den gleichen Personen gegenüber.

Voll spannend, das anzuschauen, das mal zu reflektieren und rechtzeitig zu erkennen, wenn ich das mache. Wenn ich so bin, aber anders fühle und denke. Wenn ich nicht kongruent bin, im Innen und Aussen.

Erstens kostet das unheimlich viel Kraft, einen solchen Zustand aufrecht zu erhalten. Zweitens kostet das unheimlich viel Beziehung, weil das natürlich jeder trotzdem merkt und das Einfluss auf alle Gespräche, alle Zusammenarbeit hat.

Auch hier hilft mir meine Meditation, meine Rückkehr zum Atem in den Momenten, in denen ich das Auseinanderdriften von Aussen und Innen bemerke. Die Spannung löst sich, die Kraft kann fliessen, das lässt mich Tanzen. Mit schönem Schwung!

Genauso wünsch ich Euch jetzt einen schwungvollen Tag voller Aufrichtigkeit!

Restunzufriedenheit aushalten

Berlin, 6:23, Tag 892

Heute Müde, erschöpft. Der dritte Tag fängt an. Mein Fokus ist grad das Unfertige, das Angefangene. Fühle ganz schnell, deutlich und gerade zu Frust, Wut und Trauer damit. Meine Ungeduld, meine Unruhe lass ich das machen. Selbstvertrauen ist anders!

IMG_7947

Gestern Abend hat der beste Freund einen Vortrag übers Meditieren gehalten. In einem Hotel mit einigen jungen Menschen als Zuhörer.

Das war genau die richtige Erinnerung, diese Stunde am Abend. Dabei das Erinnern an die Grundlagen, an das nicht werten, ans kein Ziel zu haben, achtsam im Moment zu sein, los lassen und nicht anhaften. Gefühle oder Gedanken einfach wahrnehmen. Aushalten, was ist! Und dann liebevoll und freundlich mit sich und anderen handeln.

Gut, das wieder wahr zu nehmen. Schön, es gemeinsam geübt zu haben. Ich vergesse hier früh allein so oft, dass eine gemeinsame Meditation so viel einfacher ist.

Ich erinnere mich langsam wieder daran, wie ich mit dem Stress, den Anforderungen, der Arbeit hier umgangen bin. Irgendwie habe ich das im Nichtstun der letzten drei Wochen fast vergessen, wie es wirklich ist oder wie es sich anfühlt.

Gestern fiel mir -wieder mit Götz Werner- ein, dass man natürlich ständig überfordert ist, sonst wächst, sonst entwickelt man sich doch nicht. Man verändert sich, und klar ist das Neue nicht so erprobt, nicht sicher, neu, ungeübt. Die Frage ist nur, wie gehe ich mit diesem Gefühl der ständigen Überforderung um?

Kann ich die Welle reiten oder klammere ich mich an Brett, in der Angst nass zu werden? Kann ich die Thermik nutzen, oder hänge ich am Schirm, in der Angst zu fallen?

Anfängergeist, also nicht Wissen, nicht Experte sein fällt mir grade dazu ein, einfach Machen, Anfangen, Aufstehen. Nicht zu viel denken, das Leben leben, einfach mal zuhören, zu schauen, die Freude suchen, das Gute sehen.

Nicht zu viel Denken, mehr sein!

Wünsch Euch einen schönen Tag!

Wenn Täuschung endet

Wieder Berlin, 6:13, Tag 891

Ausgeschlafen. Kühler ist’s. Ganz angenehm eigentlich. Bin allein zurück hier. Es war viel Unruhe gestern am Reisetag, gleich eingetaucht in alten, fremden Frust. Und wieder raus. Die ganze Zeit schnell vibrierend, schwebend. Das Wiedersehen tat sehr, sehr gut!

IMG_7942

Gestern war ja ein abgebrochener Post. Zwei Gedanken kamen dazu noch hoch.

Erstens der von heute morgen. Erwartungen wecke ich oft sehr leichtfertig. Ich verspreche, male eine Zukunft, selektiere, verstärke das Positive, versuche zu motivieren, zu begeistern. Und ich mag die Energie des Machens, des Aufbruchs, der Veränderung, von Dynamik und Schwung. Das mach ich mit selbst zuerst, aber auch mit meine Freunden, Kollegen, Bekannten. Wenn ich hier vorsichtiger bin, freundlicher und offener mit den konkreten Erwartungen, diese klarer und deutlicher mache, mehr Aufmerksamkeit darauf lege, dann kann ich mir und anderen manche Enttäuschung ersparen. Eine unrealistische Erwartung kann nur enttäuscht werden. Anderen etwas versprechen und dann nicht liefern, kann Enttäuschung erzeugen. Hier spüre ich jetzt Reue, Trauer, Schuld. Möchte ungeschehen machen, trösten, mich entschuldigen, ent schuldigen.

Was mich zum zweiten Gedanken bringt. Enttäuschung, habe ich gestern zum ersten mal als etwas Positives gesehen, als eine Lernerfahrung.

Ich bin ent täuscht.

Eine Täuschung ist zu Ende. Nun bin ich klar, nicht mehr getäuscht, ich bin enttäuscht. Da könnte ich mich grade rein knien, beäumeln und freue mich riesig über diesen wunderbaren, positiven Touch. Etwas, was mich sehr oft scheinbar negativ beeinflusst hat, was mich unter Druck, teilweise ungeheuren Druck gesetzt hat: die Erwartungen von mir selbst und von anderen zu enttäuschen. Wenn ich mich aber in den Erwartungen getäuscht habe, und nun enttäuscht bin. Was dann?

Ja, dann gibt es dieses dumpfe Gefühl des Versagens, des Scheiterns, was wir alle einfach ungern fühlen, dem wir gerne ausweichen würden, wenn wir könnten. Ich halte das oft nicht aus! Will das kontrollieren, schnell retten, wieder heile machen.

Aber!

Aber wenn ich mich in den Erwartungen getäuscht habe, dann bin ich jetzt eben auch nicht mehr getäuscht, habe jetzt ein wenig mehr Klarheit, etwas weniger Täuschung. Ich weiss nun besser, wie die Erwartungen wirklich waren, kann mich anpassen und nun aufgrund dieser neuen Erkenntnisse mein Handeln verändern. Dieser zweite Gedanke, dass ich mich an einer „Ent täuschung“ auch kurz erfreuen kann hilft mir grade sehr! Es fühlt sich sogar so, als ob ein Fluch augehoben wurde, als ob eine Entzauberung erfolgte.

Und das fehlte gestern hier noch, denn das gehört irgendwie dazu.

So, Euch erst mal einen klaren Dienstag gewünscht und auf in den Tag!

Enttäuschung

Noch Istanbul, 7:04, Tag 891

Hier gestern Pause zu machen und heute schon am Flughafen und somit eigentlich kaum Ruhe für ein längeres Thema. Will aber nicht erst nach der Landung halb 11 hier posten. Heute Nacht kaum geschlafen. Es ist sehr heiss hier. Wir haben spät Ruhe gefunden und dann konnte ich lange nicht einschlafen. Als ich eben am Zorlu Center auf die Autobahn einbog im Taxi, kam die Sonne grad über den Horizont.

IMG_7923

Nun also wieder Berlin. Nach über drei Wochen, erscheint als eine sehr lange Zeit, die aber auch sehr schnell vergangen ist. Na, eigentlich ist immer so. Wenn ich zurückschaue, komprimiert sich die Zeit.

Habe gestern ein paar Folgen Bloodline auf Netflix geschaut. Kein Review jetzt. Aber es wieder mal eine grossartige Serie, ein Familiendrama. Das Ende der Serie wird in ganz kurzen Sequenzen erzählt, der Sprecher erzählt dann die Ereignisse die zu diesem Ende führten im Rückblick. Die Vergangenheit scheint sich zu wiederholen.

Dann kam heute Morgen das Thema Enttäuschung hoch: „Ich bin hier schon so oft enttäuscht worden, dass ich es aufgegeben habe.“ ist das Zitat, das grader wieder präsent ist. Eine Erinnerung an den letzten Sommer kommt hoch.

So einen Satz höre ich immer mal wieder. Sehr starke Gefühle gehen ihm voraus, meist Konflikte, unterschiedliche Meinungen, unterschiedliche Wahrnehmungen. Und dann kommt das: Ich bin enttäuscht. oder Ich bin enttäuscht von Dir. oder Ich bin hier schon so oft enttäuscht worden. oder Du hast mich enttäuscht, ich gebe Dich auf.  So deutlich und klar wie das letzte Beispiel, für sich allein stehend, wird das ja meist nie gesagt.

Etwas entspricht nicht meinen Erwartungen an mein Leben, an mein Umfeld, mein Partner, meine Kollegen, deshalb bin ich jetzt enttäuscht. Das Aufgeben kommt dann im nächsten Schritt!

Ist das ein Hilferufe, ein extrem aggressiver Hilferuf?

Denn alles, aber auch wirklich alles in mir wehrt sich gegen diese Einstellung, gegen diesen Satz! Ich möchte das jetzt analysieren und Euch auseinander nehmen, warum ich das so nicht mit mir und anderen mache möchte, warum ich vermeide, das so zu anderen zu sagen. Warum ich das nicht sagen will.

Doch nun bin ich schon zum Gate gelaufen, gleich steigen wir ein in 40min ist der Abflug. Ich verabschiede mich mal schnell von Euch und poste das jetzt etwas unüberlegt, unkontrolliert und schnell, auf die Gefahr hin, Euch zu enttäuschen. 😉

Schönen Start in die neue Woche!

Sonntagspause

Istanbul, 8:27, Tag 890

Heute mache ich hier mal Pause und…

IMG_7916

…wünsch Euch nur einen wunderbaren Sonntag!

Gece Pazarı

Bizimköy, 8:51, Tag 898

Heute ist Abreise. Der Morgen war trotzdem ruhig, gefasst. Hab keine richtige Ruhe hier länger zu schreibmeditieren. Gestern Abend sind wir wieder mal über den Nachtbasar gelaufen. Ein schönes Phänomen hier in den kleinen Dörfern. Ist so etwas wie ein mobiles Karstadt, welches jeden Abend neu auf und wieder abgebaut wird. Tagsüber mit viel Sonne und immer 30 Grad mag ja niemand wirklich shoppen, aber abends zum Sonnenuntergang nach dem Strand und Abendessen füllt sich eine Strasse nebenan. Hatte nur mein iPhone dabei. Wie eigentlich den ganzen Sommer blieb die X-T1 im Schrank, was gestern nicht ganz so optimal war. Trotzdem sind ein paar Schnappschüsse entstanden, die ich mag.

Und damit wünsch ich Euch einen schönen Start ins Wochenende!

Letzter Tag

Bizimköy, 8:29, Tag 897

Heute mal ausgeschlafen. Zeitig ins Bett, etwas später hoch. Wieder intensivst geträumt, diesmal gings um Eifersucht, also diese bei anderen zu ahnen und zu vermeiden. Sehr interessant.

IMG_7835

Ohmann, gestern im werweiswievielten Jahr ist mit aufgefallen, dass die beiden Pinien vor unserem Häuschen ja wirklich Pinienkerne produzieren. Hab mich die letzten Tag schon gewundert, warum – meist ältere Damen – mit gebücktem Kreuz vor unserem Haus und Blick auf den Boden, rumliefen, als hätten sie ihre Ohrringe verloren.

IMG_7834

Aleyna und ich haben gleich einen Detektivclub gegründet. Ich hab mich an das Pilze suchen mit meinem Grossvater in Borkwalde erinnert. Wie mir damals, so muss es gestern Aleyna gegangen sein. Die für das finden der Schalen im Gras notwendige Mustererkennung scheint sich mit zunehmendem Alter zu entwickeln. Hat trotzdem Spass gemacht.

Dann am Nachmittag noch ein Strandspaziergang. Irgendwie geht der Urlaub ja nun sehr deutlich seinem Ende entgegen, morgen startet die Rückreise, so dass ich nochmal ganz bewusst Eindrücke sammeln wollte.

Es gab gestern einen mächtigen Wind, bei wolkenlosem Himmel. Richtig heftige Böen. In der Woche nach den Feiertagen, geniessen noch viele hier ihren Urlaub. Ich wollte gestern eigentlich richtig produktiv sein, und richtig anfangen zu arbeiten. Habe es nicht geschafft, hab dann einfach Laufen lassen. Aufgehört, mich selber unter Druck zu setzen. Geht, vollgetankt mit Sonne, hier in der Ruhe auch viel besser. Trotzdem schweben die Vorboten der kommenden Woche schon über allem. Wir hatten eine wirklich schöne Zeit hier.

So, nun noch mal den letzten Tag voll auskosten! Wünsch Euch einen schönen Freitag!

Erst mal Analyse, dann übers Dolmuş fahren

Bizimköy, 7:07, Tag 896

Das waren mal Träume heute Nacht: Autofahren, von Trocken über Nass bis Schnee in drei Kurven. Beim folgenden Unfall unbeschadet weiter fahren können, aber trotzdem Teil des Scheiterns der Anderen zu sein, einfach weil man dabei war.

Gestern gab es starken Wind am späten Nachmittag. Ich hoffte, auf ein paar Wolken beim Sonnenaufgang. Erst war nix in der Dämmerung, aber dann kurz nach Sechs dann doch noch eine kleine Abwechslung am Horizont:

IMG_7790

Die Leichtigkeit, die ich mir in der dritten Woche Urlaub erhoffte, stellt sich nicht so wirklich ein. Also ich meine, dass alle die Aufgaben, die ich mir so vorgenommen hatte, hier in Ruhe zu erledigen, sich doch nicht so easypeasy wegschaffen lassen. Gestern kamen ein Einkauf, ein ausgedehnter Mittagsschlaf, ein Strandbesuch, ein Kommentar eines Kommentares dazwischen und zack war es schon wieder Abends. Hier geht es mir wirklich wie zu Haus in Berlin. Immer passiert irgend etwas, was die schön zurecht gelegten Pläne und Erwartungen über den Haufen werfen. Der Kontrollfreak, der Perfektionist in mir leiden ständig! 😉

Lustig ist dabei ja auch, dass ich hier, jetzt am Morgen ganz kritisch auf mich selbst schaue und das auch noch aufschreibe. Ist wohl doch so was Psychohygiene, was ich hier mit der Schreibmeditation mache! Wegen dem Kommentar fiel mir ja auch auf, dass ich oft ganz kurze Gedanken- und Gefühlsblitze, die ich im Alltag locker übergehen kann, hier wieder hoch hole und analysiere. Tief eintauche in diese 3 Millisekunden, für die sonst nie Zeit zu sein scheint.

Wenn ich mich bei der Sitzmeditation bei so etwas ertappe, kehre ich wieder zu meinem Atem zurück. Konzentriere mich wieder aufs Ein- und Ausatmen und lasse die Gedanken einfach los. Hier ist diese Rückkehr zum Atem der Publish Knopf da unten, mit dem ich wieder in die echte Welt zurück kehre. Vielleicht schaffe ich das auch bald, Euch und mich eher mit den kleinen Vorfällen meines Alltags zu unterhalten, als mich hier ständig öffentlich selbst zu analysieren.

Aber vielleicht wachse ich ja in dieser Auseinandersetzung mit selbst? Das ich das im Netz hier mache, hat ja sehr praktische Gründe. Es stärkt wohl in erster Linie mein Selbstvertrauen: siehste, passiert ja gar nichts, kannste doch, kriegste hin, schon so lange. Und jeder Kommentar, eigentlich jeder Zugriff, bestärken mich dabei. Eigentlich voll cool, was heute alles so geht. Ist ja technologisch und auch sozial äusserst interessant und dabei ein „low risk, high potential experiment“. Wer weiss, was da mal draus wird!

Hab für mich hier Dolmuş fahren entdeckt. Immer ein tolles Gemeinschaftserlebnis. Der Dolmuş hier fährt alle 10 min von eine Haltestelle ein paar Meter vom Haus los in die nahe Stadt. Eigentlich gibt es feste Haltestellen auf dem Weg, aber der Fahrer ist sehr aufmerksam und wenn jemand – selbst in Seitenstrassen – winkt, hält er einfach an und wartet mit uns zusammen auf die neuen Passagiere. Gestern zB eine Mutter mit Tochter. Die Tochter stieg ein und verkündete allen, dass wir doch bitte noch auf die Mama warten sollten, die grade am Bus vorbei gelaufen ist. Sie müsse doch noch den Müll in die Tonne auf der anderen Strassenseite werfen. Junge Männer wie ich stehen nicht nur bei älteren Damen oder Herren von ihren Sitzplätzen auf, sondern auch bei Kindern unter 10 Jahren. Schnell füllte sich der Minibus, die neu dazugekommen, reichen die 2 TL pro Person inkl Angabe des Zielortes an den Nachbarn, der das Geld und die Angabe des Zielortes dann bis nach vorne zum Fahrer durchreicht. Dieser gibt dann das Wechselgeld raus, und reicht es einhändig weiterfahrend, einfach nach hinten zurück. Gestern habe ich zwei mal daran erfolgreich teilgenommen. Ich fühlte, dass ich nun wirklich dazu gehöre und keinen Touri oder Ausländerbonus mehr habe. Die Mama, die vorne beim Fahrer sass, stieg irgendwann einfach aus. Als bei der nächsten Haltestelle die Tochter von hinten fragte: Mama, wir müssen aussteigen. Mama? Haben wir ihr erklärt, dass sie doch schon draussen sei und alle gefeixt. Dolmuş fahren hier ist wirklich ne feine Sache! Ein schönes Miteinander, ein schönes Zusammen reisen, ohne viel Regeln, einfach Machen. Ich hab an einem Schild gelesen, dass die Fahrt 2,20 TL kostet. Der Fahrer hat offensichtlich keinen Bock auf Wechseln und alle, wirklich alle, bezahlen nur glatte 2 TL. Noch so ein Fall: drei Personen steigen ein, der eine gibt einen 10 TL Schein nach vorn und kriegt einen 5 TL Schein vom Fahrer zurück. Ist schon ok.

Wie einfach kann das Leben sein, wenn man nicht alles so ganz genau und ernst nimmt.

Und mit diesem Gedanken starte ich meinen Tag! Wünsch Euch was…

Kopfkino

Bizimköy, 6:54, Tag 895

Der heutige Morgen ist sehr leise. Ja, ich höre die Autobahn weit weg dunkel rauschen. Der Kühlschrank ist grade ausgegangen. Jetzt höre ich ihn erst. Meinen Tinitus höre ich auch, wenn ich das möchte. Eben rauscht oben ein Flugzeug vorbei. Aber der heutige Morgen ist trotzdem sehr leise. Still, nicht ruhig. Fr. N. ging es dort im Rhein-Main-Gebiet grad ähnlich.

Ihren Blog kann ich grad nur jedem empfehlen, der hier auch mitliest. Mehr Alltagsgeschichten, viel leichter, ich glaube unterhaltsamer, als hier. Kann man gar nicht wirklich vergleichen. Aber da sie auch mitzählt und schuld daran ist, dass ich hier auch wieder täglich schreibe, sei mir dieser kurze Hinweis erlaubt.

Vorgestern ging es um die Scheu vor dem Wort Angst. Das geht mir grad nicht aus dem Kopf. EIgentlich ging es wohl um Ehrlichkeit und Offenheit im Alltag. Vor allem in schwierigen Situationen, mal den Autopiloten der Gewohnheiten, die lange geübten Standardreaktionen auszuschalten, die Waffen zu strecken, sich bewusst dem Gegenüber verwundbar, verletzbar zu zeigen.

Für mich ist es eine grosse Hilfe, das klar als Angst zu benennen. Ich hab hier keine Scham, kaum keinen Zweifel, dass ich viele meiner Gewohnheiten auf das Grundgefühl Angst zurückführen kann. Angstvermeidung, die Vermeidung von gefährlichen Situationen. Aber nicht existentiell, körperlich gefährlich. Nein, ich meine eine Gefahr für mein seelisches, moralisches, fühlendes Selbstbild, für mein Gleichgewicht. Eine Gefahr für meine Interpretation der Welt, für mein Weltbild. Sicher ist das eine sehr subtile, latente Gefahr.

Es passiert ja nichts wirklich Schlimmes, wenn meine Sicht auf die Dinge nicht der Realität der anderen entspricht. Wenn ich abgelehnt, ignoriert, beigeistert, abgestossen, angezogen werde, passiert nichts wirklich mein Leben Bedrohendes. Aber Meine Gedanken und Gefühle in bestimmten Situationen stelle ich in Frage, reflektiere und gleiche sie mit den Gedanken und Gefühlen von anderen Menschen, die mit mir in dieser Situation sind, ab.

Es ist nicht mal so, dass ich meine Ziele, meine Wünsche, meine Erwartungen in Gefahr sehe. Es ist mehr so, dass – wenn ich am Leben bin und teilnehme – anderen zwangsläufig damit in die Quere komme. Auf die ein oder andere Art halte ich Leuten einen Spiegel vor, bringe sie in unangenehme Situationen, konfrontiere sie mit mir und meinen Ideen. Auf eine ganz schräge Art habe ich genau davor Angst, bzw. empfinde Trauer, weil ich so nämlich einfach Leid verursache.

Dieser Film, der da immer im Hinterkopf mitläuft, nervt sehr oft. Fühle mich dabei zu sensibel, zu verwundbar, zu verkopft. Ich gehe nicht sehr oft in diesen Film. Es ist mehr so wie bei den Geräusche in meiner Umgebung. Wenn ich mich darauf fokussiere, meine Aufmerksamkeit darauf richte, dann höre und sehe ich diese Dinge, diese Geräusche meines eigenen am Leben seins.

Für Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren Arzt oder Apotheker.

Mein Neigung zur Sucht, sei es schnelles Autofahren, excessives Exceln, früher der Alkohol und so weiter, dienten oft dazu, diesen Film mal für ein paar Momente anzuhalten, mal so weit auszublenden, dass selbst wenn ich wollte, keinen Zugriff darauf mehr hatte. Ich empfand das als Erholung von mir selbst. Manchmal noch heute!

Nochmal, nicht anzuecken, den Erwartungen anderer zu entsprechen, die Regeln anderer einzuhalten, von ihnen geliebt, gemocht und beachtet zu werden, hat für mich etwas mit Angst zu tun. Andere zu überrollen, Erwartungen anderer zu enttäuschen, Regeln anderer zu brechen, andere nicht zu lieben, nicht zu mögen, nicht zu beachten, hat für mich etwas mit Trauer zu tun.

Mein bester Freund hat mich auf diesen Weg geschickt. Er hat mir beigebracht, nach der Wurzel, der Ursache von allem in meinem Leben zu fragen. Und sich nicht mit der ersten Antwort zufrieden zu geben, sondern weiter zu fragen, immer weiter, so lange weiter zu fragen, bis es weh tut, bis es echt ist, wirklich ehrlich wird, bis man es nicht mehr aushält.  Und dann nochmal zu Fragen, was ist die Wurzel von diesem Gefühl, diesem Gedanken, es jetzt nicht mehr auszuhalten?

Er hat mir auch beigebracht, nach der Frucht, dem Ergebnis von allem in meinem Leben zu fragen. Und auch hier nach der ersten Antwort weiter zu fragen, so lange weiter zu fragen, bis auch das weh tut, bis es auch hier wirklich ehrlich wird, bis hinter meine Fassaden, hinter mein eigenes Selbstbild, meine eigenen Konstruktionen, Erfahrungen, Erinnerungen, Gewohnheiten schaue und vielleicht merke, was die Folgen meines Handelns auch sind.

Ich bin bei diesen Fragen relativ schnell in meiner Kindheit, bei meinen Eltern, meiner Schulzeit gelandet. Und wenn man dann weiter fragt, lande ich vielleicht bei der Gesellschaft, der Welt, den Nachrichten. Wenn ich noch weiter gehe, sehe ich manchmal meine Grosseltern und welchen Einfluss sie auf meine Eltern, auf mich haben und gehabt haben.

Ich finde relativ oft frühere Erlebnisse, Krieg, Schmerz, Sucht, als tiefe, tiefe, sehr tiefe Ursachen meines heutigen Handelns. Ich sehe Angstvermeidung, Schutz vor Angst und Trauergefühlen, als Ergebnis vieler meiner heutigen Aktionen.

Aber auch hier, erst bei der vierten, fünften, zehnten Antwort. So oft habe ich scheinbar keine Zeit dafür, gehe da nicht rein. Laufe weiter im Autopilot meiner Gewohnheiten, stelle nichts in Frage, hangle mich von Moment zu Moment.

Aber dieser Film, in der hintersten Ecke meines Kopfkinos, der läuft trotzdem immer mit. Ob ich nun hinschaue oder auch nicht!

IMG_7783

So, jetzt aber schnell zurück ins Hier und Jetzt! Frühstück machen, vorlesen, spazieren gehen, Excel anwerfen, Slides für nächste Woche zusammen stückeln.

Auf gehts! Wünsch Euch einen achtsamen Tag!