Wie ich fast zum Moslem wurde…

Bizimköy, 7:01, Tag 880

Heute mal vorm Aufstehen der Kleinen am Strand meditiert. Keine Hundrudel. Kein Sonne im Nacken. Schön ruhig, plätschernd. Habe vorher, also heute Nacht, davon geträumt, als neuer Lehrer in einer Schule anzufangen. Wurde rumgereicht, sollte mal zu diesen, mal zu jenen Kindern. Ein grosser offener Raum, voller Kinder, Tische und Stühle, Räume, Sachen.

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Hab gestern den Mietwagen zum Flughafen zurück gebracht. Bin dann mit dem Bus zurück ins Dorf gefahren. So was macht mir viel Freude, seit ich mich ein wenig auskenne. Hab keinen Stress mehr mit dem Finden des Weges, oder des richtigen Busses. Hab am kleinen Busbahnhof Yenibosna, Gözleme gegessen und Ayran getrunken.

Ein bärtiger Missionar, also so würde ich ihn nennen, sprach mich an.

Er wies mich auf den Ramazan hin, dass ich hier jetzt nicht essen solle. Er fragte, ob ich gläubig sei, ein Muslim. Mit meinem bisschen türkisch erklärte ich ihm, dass ich nur ein hungriger Zenbuddhist sei. Wollte ihm auf seinem Niveau entgegen kommen. Ich ahnte, als Atheist wäre ich ihn sicher nicht mehr losgeworden.

Er wollte unbedingt, dass ich ihm ein Stück auf arabisch nachspreche. Ich nahm es statt dessen mit meinem iPhone auf, fand er wenig spannend.

Seda übersetzte mir das grade. Sinngemäss ist es die Glaubensformel, mit der ich zum Islam übergetreten wäre. Hossa, grad nochmal Glück gehabt. 😉

Dann ging er zum Nebentisch und fing an, einem Türken dort Vorhaltungen zu machen. Der Wirt schritt ein und erklärte ihm, dass er doch die Gäste bitte in Ruhe essen lassen solle. Der sitzende Herr hier sei doch offensichtlich krank und dürfe deshalb während des Fasten natürlich etwas in seinem Imbiss zu sich nehmen. Fand ich erst peinlich delikat, später im Verlauf der Diskussion dann sehr mutig vom Wirt. Ein Verteidiger seiner Gäste gegen den Mann Gottes als Provokateur.

Und ich liebe die Körpersprache der Türken. Diese Gesten mit den Händen, die das gesagte unterstreichen. Auch ein kleiner Grund, meine Ausrede, warum ich kein Türkisch gelernt habe. Ich achte so viel mehr auf die Gestik.

Es ergab sich, dass der Missionar mit seinem Gehilfen später im Bus neben mir sass. Welch eine Freude auf seiner Seite, aber ich hatte schon eine Idee. Ich würde versuchen, ihn zu bekehren! 🙂

Ich erzählte ihm von der Sancaklar Moschee und dass ich dort gern meditiere. Ich glaubte, er verstand und fand das nicht so witzig, ich solle besser dort beten. Dann sollte ich seinen Chef googeln. Ah, eine sunnitische Sekte, deren Mahmut Efendi von Erdogan am Vorabend der 2014er Wahl prominent besucht worden sei. Ausserdem sei sie in zwei Morde verwickelt, schreibt Wikipedia.

Ich habe ihm dann ein Bild von Thich Nhat Hanh im Telefon gezeigt und ihm bedeutet, dass dies mein Hodscha (Lehrer) sei. Er hatte 0 Interesse. Schade für ihn.

Er unterhielt sich dann so lautstark mit einem anderen Mitreisenden, dass ein Dritter schliesslich um etwas Ruhe bat. Scheinbar fand dieser Dritte die richtigen Worte. Die restliche Busfahrt vertiefte er sich in einen schönen, goldledern gebundenen Koran. Ich verabschiedete mich höflich mit Handschlag.

Ebenso bei seinem jungen, zurückhaltenden Begleiter, der sich bei allem Vorgefallenen immer ausdruckslos im Hintergrund gehalten hatte. Eine klitzkleinen Funken Freude entdeckte ich aber schon, als ich ihn einfach genauso herzlich verabschiedete, wie seinen dominanten Kollegen.

Wünsch Euch einen gesegneten Dienstag!

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