Vorträge und Faust

Bizimköy, 6:59, Tag 882

Heute Morgen ist Ruhe und Entschlossenheit mein Thema hier. Gestern haben wir es spielend spät werden lassen. Möchte trotzdem zeitig aufstehen. Werde wohl wieder einen Mittagsschlaf einlegen. Is schliesslich Urlaub.

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Fange an über meine Vorträge in diesem Jahr nachzudenken. Eher fühle ich vor. Und verbinde mich dabei mit meinen letzten Vorträgen. Die letzten beiden All Hands, das letzte Sommerfest. Diese drei Referenzen möchte ich stärken, mich daran orientieren. Freies erzählen, Slides nur als Stichwortzettel oder Handout. Die Ähms am Anfang noch wegkriegen. Beim letzten All Hands hab ich sie zum ersten Mal überhaupt selbst bemerkt, mich selbst dabei beobachten können.

Drei Vorträge sind schon gebucht. Grad gestern kam die Idee für einen Vierten rein. Ich fang schon an, in Evernote Soundbits zu sammeln. Stelle mich schon in Gedanken auf die Bühne und provoziere mein Publikum. Das fühlt sich gut an. Aufwecken, Aufmerksamkeit bündeln. Allein das reicht nicht.

Was interessiert wirklich? Die Ergebnisse, die Erfolge unserer Arbeit. Mhhh. Verkaufe ich Abkürzungen? Teile ich mein Wissen? Was hilft ganz praktisch? Kann ich Fragen beantworten? Oder sollte ich dabei helfen, dass bei den Zuhörern noch mehr Fragen entstehen? Interessieren andere meine Erfahrungen? Oder wie es mir dabei ging? Gute Geschichten hört ja  jeder gern, so mit Held und Schwierigkeiten und Happy End.

Lese seit letztem Mittwoch ab und zu im Faust. Ohmann! Was für ein Juwel. Vor dreissig Jahren das erste Mal gelesen. Wie hat das Götz geschafft? Er hat ja nur ein kurzes Stück frei rezitiert: über Restunzufriedenheit (Verweile doch, du bist so schön…).

Eben schlage ich das Buch auf, also ich meine, ich öffne die Kindle App auf meinem iPad und finde das hier.

An Hoffnung reich, im Glauben fest,
Mit Tränen, Seufzen, Händeringen
Dacht ich das Ende jener Pest
Vom Herrn des Himmels zu erzwingen.

Denke dabei sofort an meine Weltrettungsphantasien, die Ideen und Gedanken, wenn ich über die Griechenlandkrise lese, schön gemixt, international in Facebook oder schrecklich eindimensional im Spiegel & Co. Oder auch an unsere Bemühungen, den konservativ, festgefahrenen Patentinfo Markt zu revolutionieren.

Ein paar Seiten zurück das hier:

Was du ererbt von deinen Vätern hast.
Erwirb es, um es zu besitzen.
Was man nicht nützt, ist eine schwere Last,
Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.

Vor allem hier in der Türkei fällt mir das auf. Wir sind hier in einer Sitesi, einer Siedlung, die in den 70igern des letzten Jahrhunderts erbaut worden ist. In einer schönen, damals einsamen Bucht des Maramarameers, 70km weg vom Zentrum Istanbuls. Damals war das hier High Society, ganz exclusiv, nur für die oberen 10.000. Heute sitzen wir, die Erben hier. Über die Hälfte der Häuser ist verrammelt und steht leer. Alles ist leicht runter, in die Jahre gekommen. Vor sechs Jahren hat hier eine neue Verwaltung das totale Abgleiten der Sitesi verhindert, hat die Zäune repariert, den Rasen wieder bewässert. Kurze Zeit später haben wir das für uns entdeckt, das Haus renoviert. Nun benutzen wir das Erbe von Sedas Grossvater wieder.

Doch nur im Augenblick, nur in den Momenten in denen wir voll am Leben sind, nützt es uns überhaupt etwas. Sind wir nicht hier, würden wir nicht jeden Sommer kommen, so wird es schnell zur Last. Man muss dann planen, sich trotzdem kümmern, damit niemand einbricht, damit es den Winter übersteht, nichts verschimmelt und vergammelt in der stehenden Luft bei ungeöffnetem Fenster, damit die Rechnungen trotzdem gezahlt werden. Es hat einfach nur einen Wert im Augenblick.

So, mit diesem Gedanken verabschiede ich mich jetzt mal ganz abrupt.

Wünsch Euch einen ruhigen Donnerstag!

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