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Kopfkino

Bizimköy, 6:54, Tag 895

Der heutige Morgen ist sehr leise. Ja, ich höre die Autobahn weit weg dunkel rauschen. Der Kühlschrank ist grade ausgegangen. Jetzt höre ich ihn erst. Meinen Tinitus höre ich auch, wenn ich das möchte. Eben rauscht oben ein Flugzeug vorbei. Aber der heutige Morgen ist trotzdem sehr leise. Still, nicht ruhig. Fr. N. ging es dort im Rhein-Main-Gebiet grad ähnlich.

Ihren Blog kann ich grad nur jedem empfehlen, der hier auch mitliest. Mehr Alltagsgeschichten, viel leichter, ich glaube unterhaltsamer, als hier. Kann man gar nicht wirklich vergleichen. Aber da sie auch mitzählt und schuld daran ist, dass ich hier auch wieder täglich schreibe, sei mir dieser kurze Hinweis erlaubt.

Vorgestern ging es um die Scheu vor dem Wort Angst. Das geht mir grad nicht aus dem Kopf. EIgentlich ging es wohl um Ehrlichkeit und Offenheit im Alltag. Vor allem in schwierigen Situationen, mal den Autopiloten der Gewohnheiten, die lange geübten Standardreaktionen auszuschalten, die Waffen zu strecken, sich bewusst dem Gegenüber verwundbar, verletzbar zu zeigen.

Für mich ist es eine grosse Hilfe, das klar als Angst zu benennen. Ich hab hier keine Scham, kaum keinen Zweifel, dass ich viele meiner Gewohnheiten auf das Grundgefühl Angst zurückführen kann. Angstvermeidung, die Vermeidung von gefährlichen Situationen. Aber nicht existentiell, körperlich gefährlich. Nein, ich meine eine Gefahr für mein seelisches, moralisches, fühlendes Selbstbild, für mein Gleichgewicht. Eine Gefahr für meine Interpretation der Welt, für mein Weltbild. Sicher ist das eine sehr subtile, latente Gefahr.

Es passiert ja nichts wirklich Schlimmes, wenn meine Sicht auf die Dinge nicht der Realität der anderen entspricht. Wenn ich abgelehnt, ignoriert, beigeistert, abgestossen, angezogen werde, passiert nichts wirklich mein Leben Bedrohendes. Aber Meine Gedanken und Gefühle in bestimmten Situationen stelle ich in Frage, reflektiere und gleiche sie mit den Gedanken und Gefühlen von anderen Menschen, die mit mir in dieser Situation sind, ab.

Es ist nicht mal so, dass ich meine Ziele, meine Wünsche, meine Erwartungen in Gefahr sehe. Es ist mehr so, dass – wenn ich am Leben bin und teilnehme – anderen zwangsläufig damit in die Quere komme. Auf die ein oder andere Art halte ich Leuten einen Spiegel vor, bringe sie in unangenehme Situationen, konfrontiere sie mit mir und meinen Ideen. Auf eine ganz schräge Art habe ich genau davor Angst, bzw. empfinde Trauer, weil ich so nämlich einfach Leid verursache.

Dieser Film, der da immer im Hinterkopf mitläuft, nervt sehr oft. Fühle mich dabei zu sensibel, zu verwundbar, zu verkopft. Ich gehe nicht sehr oft in diesen Film. Es ist mehr so wie bei den Geräusche in meiner Umgebung. Wenn ich mich darauf fokussiere, meine Aufmerksamkeit darauf richte, dann höre und sehe ich diese Dinge, diese Geräusche meines eigenen am Leben seins.

Für Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren Arzt oder Apotheker.

Mein Neigung zur Sucht, sei es schnelles Autofahren, excessives Exceln, früher der Alkohol und so weiter, dienten oft dazu, diesen Film mal für ein paar Momente anzuhalten, mal so weit auszublenden, dass selbst wenn ich wollte, keinen Zugriff darauf mehr hatte. Ich empfand das als Erholung von mir selbst. Manchmal noch heute!

Nochmal, nicht anzuecken, den Erwartungen anderer zu entsprechen, die Regeln anderer einzuhalten, von ihnen geliebt, gemocht und beachtet zu werden, hat für mich etwas mit Angst zu tun. Andere zu überrollen, Erwartungen anderer zu enttäuschen, Regeln anderer zu brechen, andere nicht zu lieben, nicht zu mögen, nicht zu beachten, hat für mich etwas mit Trauer zu tun.

Mein bester Freund hat mich auf diesen Weg geschickt. Er hat mir beigebracht, nach der Wurzel, der Ursache von allem in meinem Leben zu fragen. Und sich nicht mit der ersten Antwort zufrieden zu geben, sondern weiter zu fragen, immer weiter, so lange weiter zu fragen, bis es weh tut, bis es echt ist, wirklich ehrlich wird, bis man es nicht mehr aushält.  Und dann nochmal zu Fragen, was ist die Wurzel von diesem Gefühl, diesem Gedanken, es jetzt nicht mehr auszuhalten?

Er hat mir auch beigebracht, nach der Frucht, dem Ergebnis von allem in meinem Leben zu fragen. Und auch hier nach der ersten Antwort weiter zu fragen, so lange weiter zu fragen, bis auch das weh tut, bis es auch hier wirklich ehrlich wird, bis hinter meine Fassaden, hinter mein eigenes Selbstbild, meine eigenen Konstruktionen, Erfahrungen, Erinnerungen, Gewohnheiten schaue und vielleicht merke, was die Folgen meines Handelns auch sind.

Ich bin bei diesen Fragen relativ schnell in meiner Kindheit, bei meinen Eltern, meiner Schulzeit gelandet. Und wenn man dann weiter fragt, lande ich vielleicht bei der Gesellschaft, der Welt, den Nachrichten. Wenn ich noch weiter gehe, sehe ich manchmal meine Grosseltern und welchen Einfluss sie auf meine Eltern, auf mich haben und gehabt haben.

Ich finde relativ oft frühere Erlebnisse, Krieg, Schmerz, Sucht, als tiefe, tiefe, sehr tiefe Ursachen meines heutigen Handelns. Ich sehe Angstvermeidung, Schutz vor Angst und Trauergefühlen, als Ergebnis vieler meiner heutigen Aktionen.

Aber auch hier, erst bei der vierten, fünften, zehnten Antwort. So oft habe ich scheinbar keine Zeit dafür, gehe da nicht rein. Laufe weiter im Autopilot meiner Gewohnheiten, stelle nichts in Frage, hangle mich von Moment zu Moment.

Aber dieser Film, in der hintersten Ecke meines Kopfkinos, der läuft trotzdem immer mit. Ob ich nun hinschaue oder auch nicht!

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So, jetzt aber schnell zurück ins Hier und Jetzt! Frühstück machen, vorlesen, spazieren gehen, Excel anwerfen, Slides für nächste Woche zusammen stückeln.

Auf gehts! Wünsch Euch einen achtsamen Tag!

  1. Okay, wir sagen Angst. Ich hätte das gerne abgregrenzt, Angst als etwas, das wichtig und richtig ist, davon abgegrenzt dieses komische Gefühl, dem man sich einer Situation nicht gern aussetzt, weil sie unangenehm werden könnte, das aber keine nützliche Funktion hat. Aber ja, vermutlich ist die Wurzel dieselbe.

    Verwunderlich finde ich den Gedanken, anderen Leid zuzufügen dadurch, ihnen in die Quere zu kommen, also anders zu denken etc. als sie. Denn ist das nicht etwas, was wir gerade am anderen schätzen? Natürlich kann es sehr unbequem und anstrengend sein, wenn am eigenen Weltbild gezerrt wird, aber sind das denn nicht Wachstumsschmerzen? Wie schön es doch ist, wenn der Horizont weiter wird, wenn jemand mir von Ideen und Gedanken und Haltungen erzählt, auf die ich überhaupt noch nie gekommen wäre. Für mich ist es ein Zeichen von Wertschätzung, sich auseinanderzusetzen und dazu gehört es, Unterschiedlichkeit anzuerkennen. Und damit sind wir bei den Blogs. Natürlich sind sie unterschiedlich, genau, wie die Menschen dahinter unterschiedlich sind, und was für ein Glück, dass das so ist, denn nur so können wir uns Gedankenanstöße bringen und gegenseitig den Spiegel vorhalten.

    Und dann möchte ich noch eine Lanze brechen für Vertrauen – das in sich selbst. Das „in sich gehen“ und die Gründe für Handlungen und Reaktionen zu überdenken ist das eine Sache und ja, das ist sicher gut, hilfreich und sinnvoll. Aber für mich – da kann ich natürlich nur für mich sprechen – kann das Tiefschürfende nicht Dauerzustand sein – Sie wissen selbst, wie aufreibend das ist, es kann (für mich) nicht Selbstzweck werden (dann ist es auch wieder eine Sucht, oder?). Das andere ist: ich möchte nicht nur reflektieren, ich möchte auch leben – ich kann mich über meine spontane Angstreaktion einfach hinwegsetzen, ohne zu wissen, woher sie kommt, einfach nur, damit es jetzt weitergeht. Ich mache ich z.B. immer, wenn ich vom 5-Meter-Brett springe, das ist jetzt ganz körperlich und nicht übertragen gemeint. Aber ich mache das auch sehr oft, wenn sich die Gedanken im Kopf drehen, das Für und Wieder, so viele Seiten zu betrachten – es gibt oft nicht „das Richtige“ oder „die Wahrheit“ oder „den Weg“, finde ich, und dann kappe ich alle gedanklichen Fäden und springe, for the better or worse, und laufe weiter ohne mich zu hinterfragen und ja, ich kann das Autopilot nennen, ich kann es aber auch Vertrauen nennen – Vertrauen, dass ich mich schon den Großteil der Zeit okay verhalten werde, ganz generell, weil das der Horizont ist, den ich irgendwo vor Augen habe, und dem ich mich vielleicht nicht immer komplett gradlinig nähere, aber im Grunde kommt es (hoffentlich) hin.

    Vor Ihrem besten Freund hätte ich Angst 😉

    Gefällt 1 Person

    22. Juli 2015
    • danke, danke, danke! wirklich, danke… das ist das fehlende puzzleteil! vertrauen, statt angst.

      geht bei mir wohl über den umweg des zweifelns. erst sich selbst bewusstsein, dann sich selbst vertrauen. wenn hier nachfrage, wo das wohl herkommt, lande ich schnell in meinem kleinen dorf im osten, 270 einwohner, 400 kühe, als sohn vom zugezogegen LPG chef. erst die arbeit, dann das vergnügen. erst der schweiss und schmerz, leid, und dann erst bin ich frei, lebe, kann faul sein, nichts tun.

      die arbeit der suche nach wurzel und frucht habe ich vor ein paar jahren erst begonnen. heute ist sie für mich eher werkzeug, nicht mehr ständig, nicht mal mehr täglich. und ohne meine besten freund, hätte ich mich nicht auf diesen weg begeben. den widerstand, den auch er dabei ausgehalten hat, hat ihn erst wirklich zu meinem besten freund werden lassen. und erst daraus ist unendliches vertrauen in ihn, und immer mehr auch in mich selbst entstanden.

      „ein zeichen von wertschätzung, sich auseinander zusetzen“ ja, genau das ist es! und ihr optimismus bei der antwort rührt mich, wundert mich, neide ich sogar ein wenig. war vorhin richtig froh, das so zu lesen. es kommt totzdem noch ein aber. denn mich interessieren eben die ursachen von auseinandersetzung, von konflikten, warum suche ich mir diesen aus, warum jetzt? dass ich dabei wachse, wunderbar, aber ich hätte doch gern kontrolle über meine wachstumsfelder, also ob genau die auseinandersetzung jetzt angemessen, der konflikt jetzt das richtige mittel zu richtigen zeit ist. ich fühle mich da oft rein gezogen, fremdbestimmt. von meinen ängsten, und denen der anderen.

      und ich formulier wohl am morgen nach den aufstehen lieber in extremen, teste so die dunkle seite der macht. damit ich dann am tag etwas entspannter bin, nicht immer so tiefschürfen muss, sondern laufen lassen kann… und am nächsten morgen dann die reflexion.

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      22. Juli 2015

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