Letzter Tag

Bizimköy, 8:29, Tag 897

Heute mal ausgeschlafen. Zeitig ins Bett, etwas später hoch. Wieder intensivst geträumt, diesmal gings um Eifersucht, also diese bei anderen zu ahnen und zu vermeiden. Sehr interessant.

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Ohmann, gestern im werweiswievielten Jahr ist mit aufgefallen, dass die beiden Pinien vor unserem Häuschen ja wirklich Pinienkerne produzieren. Hab mich die letzten Tag schon gewundert, warum – meist ältere Damen – mit gebücktem Kreuz vor unserem Haus und Blick auf den Boden, rumliefen, als hätten sie ihre Ohrringe verloren.

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Aleyna und ich haben gleich einen Detektivclub gegründet. Ich hab mich an das Pilze suchen mit meinem Grossvater in Borkwalde erinnert. Wie mir damals, so muss es gestern Aleyna gegangen sein. Die für das finden der Schalen im Gras notwendige Mustererkennung scheint sich mit zunehmendem Alter zu entwickeln. Hat trotzdem Spass gemacht.

Dann am Nachmittag noch ein Strandspaziergang. Irgendwie geht der Urlaub ja nun sehr deutlich seinem Ende entgegen, morgen startet die Rückreise, so dass ich nochmal ganz bewusst Eindrücke sammeln wollte.

Es gab gestern einen mächtigen Wind, bei wolkenlosem Himmel. Richtig heftige Böen. In der Woche nach den Feiertagen, geniessen noch viele hier ihren Urlaub. Ich wollte gestern eigentlich richtig produktiv sein, und richtig anfangen zu arbeiten. Habe es nicht geschafft, hab dann einfach Laufen lassen. Aufgehört, mich selber unter Druck zu setzen. Geht, vollgetankt mit Sonne, hier in der Ruhe auch viel besser. Trotzdem schweben die Vorboten der kommenden Woche schon über allem. Wir hatten eine wirklich schöne Zeit hier.

So, nun noch mal den letzten Tag voll auskosten! Wünsch Euch einen schönen Freitag!

Erst mal Analyse, dann übers Dolmuş fahren

Bizimköy, 7:07, Tag 896

Das waren mal Träume heute Nacht: Autofahren, von Trocken über Nass bis Schnee in drei Kurven. Beim folgenden Unfall unbeschadet weiter fahren können, aber trotzdem Teil des Scheiterns der Anderen zu sein, einfach weil man dabei war.

Gestern gab es starken Wind am späten Nachmittag. Ich hoffte, auf ein paar Wolken beim Sonnenaufgang. Erst war nix in der Dämmerung, aber dann kurz nach Sechs dann doch noch eine kleine Abwechslung am Horizont:

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Die Leichtigkeit, die ich mir in der dritten Woche Urlaub erhoffte, stellt sich nicht so wirklich ein. Also ich meine, dass alle die Aufgaben, die ich mir so vorgenommen hatte, hier in Ruhe zu erledigen, sich doch nicht so easypeasy wegschaffen lassen. Gestern kamen ein Einkauf, ein ausgedehnter Mittagsschlaf, ein Strandbesuch, ein Kommentar eines Kommentares dazwischen und zack war es schon wieder Abends. Hier geht es mir wirklich wie zu Haus in Berlin. Immer passiert irgend etwas, was die schön zurecht gelegten Pläne und Erwartungen über den Haufen werfen. Der Kontrollfreak, der Perfektionist in mir leiden ständig! 😉

Lustig ist dabei ja auch, dass ich hier, jetzt am Morgen ganz kritisch auf mich selbst schaue und das auch noch aufschreibe. Ist wohl doch so was Psychohygiene, was ich hier mit der Schreibmeditation mache! Wegen dem Kommentar fiel mir ja auch auf, dass ich oft ganz kurze Gedanken- und Gefühlsblitze, die ich im Alltag locker übergehen kann, hier wieder hoch hole und analysiere. Tief eintauche in diese 3 Millisekunden, für die sonst nie Zeit zu sein scheint.

Wenn ich mich bei der Sitzmeditation bei so etwas ertappe, kehre ich wieder zu meinem Atem zurück. Konzentriere mich wieder aufs Ein- und Ausatmen und lasse die Gedanken einfach los. Hier ist diese Rückkehr zum Atem der Publish Knopf da unten, mit dem ich wieder in die echte Welt zurück kehre. Vielleicht schaffe ich das auch bald, Euch und mich eher mit den kleinen Vorfällen meines Alltags zu unterhalten, als mich hier ständig öffentlich selbst zu analysieren.

Aber vielleicht wachse ich ja in dieser Auseinandersetzung mit selbst? Das ich das im Netz hier mache, hat ja sehr praktische Gründe. Es stärkt wohl in erster Linie mein Selbstvertrauen: siehste, passiert ja gar nichts, kannste doch, kriegste hin, schon so lange. Und jeder Kommentar, eigentlich jeder Zugriff, bestärken mich dabei. Eigentlich voll cool, was heute alles so geht. Ist ja technologisch und auch sozial äusserst interessant und dabei ein „low risk, high potential experiment“. Wer weiss, was da mal draus wird!

Hab für mich hier Dolmuş fahren entdeckt. Immer ein tolles Gemeinschaftserlebnis. Der Dolmuş hier fährt alle 10 min von eine Haltestelle ein paar Meter vom Haus los in die nahe Stadt. Eigentlich gibt es feste Haltestellen auf dem Weg, aber der Fahrer ist sehr aufmerksam und wenn jemand – selbst in Seitenstrassen – winkt, hält er einfach an und wartet mit uns zusammen auf die neuen Passagiere. Gestern zB eine Mutter mit Tochter. Die Tochter stieg ein und verkündete allen, dass wir doch bitte noch auf die Mama warten sollten, die grade am Bus vorbei gelaufen ist. Sie müsse doch noch den Müll in die Tonne auf der anderen Strassenseite werfen. Junge Männer wie ich stehen nicht nur bei älteren Damen oder Herren von ihren Sitzplätzen auf, sondern auch bei Kindern unter 10 Jahren. Schnell füllte sich der Minibus, die neu dazugekommen, reichen die 2 TL pro Person inkl Angabe des Zielortes an den Nachbarn, der das Geld und die Angabe des Zielortes dann bis nach vorne zum Fahrer durchreicht. Dieser gibt dann das Wechselgeld raus, und reicht es einhändig weiterfahrend, einfach nach hinten zurück. Gestern habe ich zwei mal daran erfolgreich teilgenommen. Ich fühlte, dass ich nun wirklich dazu gehöre und keinen Touri oder Ausländerbonus mehr habe. Die Mama, die vorne beim Fahrer sass, stieg irgendwann einfach aus. Als bei der nächsten Haltestelle die Tochter von hinten fragte: Mama, wir müssen aussteigen. Mama? Haben wir ihr erklärt, dass sie doch schon draussen sei und alle gefeixt. Dolmuş fahren hier ist wirklich ne feine Sache! Ein schönes Miteinander, ein schönes Zusammen reisen, ohne viel Regeln, einfach Machen. Ich hab an einem Schild gelesen, dass die Fahrt 2,20 TL kostet. Der Fahrer hat offensichtlich keinen Bock auf Wechseln und alle, wirklich alle, bezahlen nur glatte 2 TL. Noch so ein Fall: drei Personen steigen ein, der eine gibt einen 10 TL Schein nach vorn und kriegt einen 5 TL Schein vom Fahrer zurück. Ist schon ok.

Wie einfach kann das Leben sein, wenn man nicht alles so ganz genau und ernst nimmt.

Und mit diesem Gedanken starte ich meinen Tag! Wünsch Euch was…

Kopfkino

Bizimköy, 6:54, Tag 895

Der heutige Morgen ist sehr leise. Ja, ich höre die Autobahn weit weg dunkel rauschen. Der Kühlschrank ist grade ausgegangen. Jetzt höre ich ihn erst. Meinen Tinitus höre ich auch, wenn ich das möchte. Eben rauscht oben ein Flugzeug vorbei. Aber der heutige Morgen ist trotzdem sehr leise. Still, nicht ruhig. Fr. N. ging es dort im Rhein-Main-Gebiet grad ähnlich.

Ihren Blog kann ich grad nur jedem empfehlen, der hier auch mitliest. Mehr Alltagsgeschichten, viel leichter, ich glaube unterhaltsamer, als hier. Kann man gar nicht wirklich vergleichen. Aber da sie auch mitzählt und schuld daran ist, dass ich hier auch wieder täglich schreibe, sei mir dieser kurze Hinweis erlaubt.

Vorgestern ging es um die Scheu vor dem Wort Angst. Das geht mir grad nicht aus dem Kopf. EIgentlich ging es wohl um Ehrlichkeit und Offenheit im Alltag. Vor allem in schwierigen Situationen, mal den Autopiloten der Gewohnheiten, die lange geübten Standardreaktionen auszuschalten, die Waffen zu strecken, sich bewusst dem Gegenüber verwundbar, verletzbar zu zeigen.

Für mich ist es eine grosse Hilfe, das klar als Angst zu benennen. Ich hab hier keine Scham, kaum keinen Zweifel, dass ich viele meiner Gewohnheiten auf das Grundgefühl Angst zurückführen kann. Angstvermeidung, die Vermeidung von gefährlichen Situationen. Aber nicht existentiell, körperlich gefährlich. Nein, ich meine eine Gefahr für mein seelisches, moralisches, fühlendes Selbstbild, für mein Gleichgewicht. Eine Gefahr für meine Interpretation der Welt, für mein Weltbild. Sicher ist das eine sehr subtile, latente Gefahr.

Es passiert ja nichts wirklich Schlimmes, wenn meine Sicht auf die Dinge nicht der Realität der anderen entspricht. Wenn ich abgelehnt, ignoriert, beigeistert, abgestossen, angezogen werde, passiert nichts wirklich mein Leben Bedrohendes. Aber Meine Gedanken und Gefühle in bestimmten Situationen stelle ich in Frage, reflektiere und gleiche sie mit den Gedanken und Gefühlen von anderen Menschen, die mit mir in dieser Situation sind, ab.

Es ist nicht mal so, dass ich meine Ziele, meine Wünsche, meine Erwartungen in Gefahr sehe. Es ist mehr so, dass – wenn ich am Leben bin und teilnehme – anderen zwangsläufig damit in die Quere komme. Auf die ein oder andere Art halte ich Leuten einen Spiegel vor, bringe sie in unangenehme Situationen, konfrontiere sie mit mir und meinen Ideen. Auf eine ganz schräge Art habe ich genau davor Angst, bzw. empfinde Trauer, weil ich so nämlich einfach Leid verursache.

Dieser Film, der da immer im Hinterkopf mitläuft, nervt sehr oft. Fühle mich dabei zu sensibel, zu verwundbar, zu verkopft. Ich gehe nicht sehr oft in diesen Film. Es ist mehr so wie bei den Geräusche in meiner Umgebung. Wenn ich mich darauf fokussiere, meine Aufmerksamkeit darauf richte, dann höre und sehe ich diese Dinge, diese Geräusche meines eigenen am Leben seins.

Für Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren Arzt oder Apotheker.

Mein Neigung zur Sucht, sei es schnelles Autofahren, excessives Exceln, früher der Alkohol und so weiter, dienten oft dazu, diesen Film mal für ein paar Momente anzuhalten, mal so weit auszublenden, dass selbst wenn ich wollte, keinen Zugriff darauf mehr hatte. Ich empfand das als Erholung von mir selbst. Manchmal noch heute!

Nochmal, nicht anzuecken, den Erwartungen anderer zu entsprechen, die Regeln anderer einzuhalten, von ihnen geliebt, gemocht und beachtet zu werden, hat für mich etwas mit Angst zu tun. Andere zu überrollen, Erwartungen anderer zu enttäuschen, Regeln anderer zu brechen, andere nicht zu lieben, nicht zu mögen, nicht zu beachten, hat für mich etwas mit Trauer zu tun.

Mein bester Freund hat mich auf diesen Weg geschickt. Er hat mir beigebracht, nach der Wurzel, der Ursache von allem in meinem Leben zu fragen. Und sich nicht mit der ersten Antwort zufrieden zu geben, sondern weiter zu fragen, immer weiter, so lange weiter zu fragen, bis es weh tut, bis es echt ist, wirklich ehrlich wird, bis man es nicht mehr aushält.  Und dann nochmal zu Fragen, was ist die Wurzel von diesem Gefühl, diesem Gedanken, es jetzt nicht mehr auszuhalten?

Er hat mir auch beigebracht, nach der Frucht, dem Ergebnis von allem in meinem Leben zu fragen. Und auch hier nach der ersten Antwort weiter zu fragen, so lange weiter zu fragen, bis auch das weh tut, bis es auch hier wirklich ehrlich wird, bis hinter meine Fassaden, hinter mein eigenes Selbstbild, meine eigenen Konstruktionen, Erfahrungen, Erinnerungen, Gewohnheiten schaue und vielleicht merke, was die Folgen meines Handelns auch sind.

Ich bin bei diesen Fragen relativ schnell in meiner Kindheit, bei meinen Eltern, meiner Schulzeit gelandet. Und wenn man dann weiter fragt, lande ich vielleicht bei der Gesellschaft, der Welt, den Nachrichten. Wenn ich noch weiter gehe, sehe ich manchmal meine Grosseltern und welchen Einfluss sie auf meine Eltern, auf mich haben und gehabt haben.

Ich finde relativ oft frühere Erlebnisse, Krieg, Schmerz, Sucht, als tiefe, tiefe, sehr tiefe Ursachen meines heutigen Handelns. Ich sehe Angstvermeidung, Schutz vor Angst und Trauergefühlen, als Ergebnis vieler meiner heutigen Aktionen.

Aber auch hier, erst bei der vierten, fünften, zehnten Antwort. So oft habe ich scheinbar keine Zeit dafür, gehe da nicht rein. Laufe weiter im Autopilot meiner Gewohnheiten, stelle nichts in Frage, hangle mich von Moment zu Moment.

Aber dieser Film, in der hintersten Ecke meines Kopfkinos, der läuft trotzdem immer mit. Ob ich nun hinschaue oder auch nicht!

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So, jetzt aber schnell zurück ins Hier und Jetzt! Frühstück machen, vorlesen, spazieren gehen, Excel anwerfen, Slides für nächste Woche zusammen stückeln.

Auf gehts! Wünsch Euch einen achtsamen Tag!

Excelsaufen

Bizimköy, 8:03, Tag 894

Heute Morgen unruhig aufgewacht! Hab gestern viel zu lange, viel zu intensiv Excel gemacht, also eigentlich habe ich alle Mitarbeiterdaten zusammen gesucht und versucht in eine ordentliche Struktur zu bringen, das zu dokumentieren und präsentabel zu gestalten.

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Das beschäftigt mich immer noch. Fühlt sich aber auch wie ein Kater an. Hab leichte Kopfschmerzen, der Nacken ist auch verspannt. Aber ich will jetzt weiter daran basteln, es noch perfekter machen. Jetzt bin ich ja drin. Man könnte ja dies noch, man könnte jenes noch machen. Es fühlt sich jetzt richtig heimisch, gut an. Und wieder ist die Verbindung zum Suff, zur Sucht da. Ohmann!

Heute wird spannend werden, weil nach solchen Aktionen normalerweise eine Gegenbewegung erfolgt.

Zum Beispiel is es sehr wahrscheinlich, dass gleich beim Frühstück ein Ausflug, ein grosser Umbautest im Haus, oder ein Besuch bei Bekannten, bei dem ich diesmal aber unbedingt dabei sein muss, beschlossen werden wird. Und ich damit sehr wahrscheinlich heute nicht nochmal 8h ungestört in ein Excel stecken kann.

Solche Alltagskonflikte, die sich daraus ergeben, mehr für mich zu wollen und von anderen Zustimmung, Rücksicht, Verständnis, Unterstützung ach eigentlich Toleranz zu erwarten, ich aber gar nicht merke, dass ich das schon alles bekomme und jetzt, das gleiche zu geben dran wäre.

Hier muss ich aufgeben und meine Vorstellungen, meine Erwartungen, meine Wünsche los lassen. Sonst kracht es! Wenn ich es aber schaffe, das alles los zu lassen und Platz zu schaffen für egal, was passieren wird, dann wird es meist gut.

Also, egal was der Tag heute bringt! Es wird gut! Es ist gut…

Wünsch Euch auch einen wunderbaren Dienstag!

Gedankenspiele

Bizimköy, 7:22, Tag 893

Heute Morgen ist Montag. Wache unruhig, zeitig auf. Überlege, wie sehr ich mich weg von hier, zurück nach Berlin orientiere, wieder anfange, zu arbeiten.

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Ein Gedanke bei der Morgenmeditation war folgendes: hier habe ich die gleichen Probleme, die gleichen Schwierigkeiten, wie in Berlin. Ich bin ja der gleiche. Sicher mein Zoom ist ein anderer, aber auch hier gibt es so viel zu tun. Auch hier sind die Interaktionen so unterschiedlich, mal Ärger, mal Freude, mal guter Kompromiss, mal ein schlechter. Was mache ich jetzt als nächstes? Es gibt so viel zu tun am Haus, mit meiner Kleinen. Spüre, wenn etwas aus der Balance gerät, auch hier. Das gleiche fühle ich bei der Arbeit, es gibt auch da so viel zu tun. Auch da sind die Interaktionen immer unterschiedlich. Aber eben sind mir die Gemeinsamkeiten, mein gleiches Herangehen, aufgefallen.

Dann fing ich kurz an zu vergleichen, mit anderen Urlauben, die ich so bei Facebook mitlesen, die ich mir so für mich selbst vorstelle, die ich erinnere. Dadurch, dass wir hier kein Auto haben, sind wir am gleichen Ort, in einem kleinen Umkreis nur zu Fuss unterwegs. Es gibt kaum Input, wenig Abwechslung.

Und wie ich das schreibe, merke ich, wie das einfach nicht stimmt. Es gibt so viel Input, so viel Abwechslung wie überall sonst auch. Nur der Zoom ist ein anderer. Und ich bin ja auch der gleiche.

Diese Erfahrung, des Ausbrechens aus der ständigen Reizüberflutung, aus der ständigen Suche nach Abwechslung, dem nächsten Sight Seeing Punkt, dem nächsten tollen Restaurant fürs Abendessen, dem nächsten tollen Strand, ist ganz interessant. Es ist das gleiche Ausbrechen, aus dem ständigen Erfolg suchen, dem nächsten Projekt, der nächsten Baustelle, dem nächsten Thema, welches es zu entwickeln gilt.

Ein Gedanke dann kam hoch, dass all diese Erinnerungen, all diese Vergleiche gar nicht nötig sind. Dieser ständige Beobachter in mir. Diese ständigen Kommentare und Wertungen fallen mir hier grade deutlich auf. Wie schaffe ich es, dies nur zu Beobachten, aber mich nicht darin zu verfangen, nicht daraufhin zu agieren? Wie kann ich an die Stille dahinter, darunter, danach kommen?

Es fühlt sich an, wie eine Sucht. Eine Sucht, ständig dem Kommentator hinterher oder vorweg zu laufen. Es dem Beobachter immer recht machen zu wollen.

Rebellion! Aufstand! Es muss doch mehr geben. Ich will es heraus finden, möchte all das gelernte, all das erfahrene für einen Moment los lassen können. Aushalten, dass ich jetzt so oder so bin, unruhig oder ruhig, glücklich oder unglücklich, zufrieden oder unzufrieden. Beobachten, ohne einzugreifen.

Dass ich es selbst bin, der sich beobachtet, bin ja Beobachter und beobachtetes Objekt zugleich, wird es richtig interessant. Kann ich mich beim Beobachten beobachten? Kann ich mir beim Werten von Gedanken zuschauen, und das dann wieder werten. Inception! Stop! Macht ja Sinn und dann doch wieder nicht. Wieder nur Mindfuck.

Stop!

Ein und Ausatmen. 1. Nicht Wissen. 2. Beobachten, was ist und 3. liebevoll, freundlich Handeln. Das ist alles, was übrig bleibt. Wenige Worte nur, die bleiben.

So, nun geht genau das los und schicke das ab, verbunden mit einem Gruss durch den Montag morgen zu Euch.

Freiheit

Bizimköy, 8:35, Tag 892

Heute ist mir wieder nach Pause. Bin zeitig hoch, hab einen ruhigen Morgen. Schon viel mit der Kleinen gelesen. Eine konzentrierte Meditation vorher.

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Gestern hat mich mein Freiheitsbegriff beschäftigt. Ich hab neben Entwicklung, Veränderung auch immer meinen Wert Freiheit sehr hoch priorisiert. Irgendwann hatte ich mal das Inselspiel gespielt, also welche 12 Dinge ich mit auf eine einsame Insel nehmen würde, um dann über Pärchen bilden, im Ausschlussverfahren auf das Wichtigste zu kommen, was ich mit nehmen würde. Weiss nicht mehr, welche Gegenstände es waren, weiss nur noch, wofür sie standen: für Freiheit, für Entwicklung, für Beziehung. Wenn ich mich also entscheiden müsste, würde Freiheit über Entwicklung, und Entwicklung über Beziehung gewinnen. Ein etwas akademisches, künstliches Spiel. Aber die Ergebnisse begleiten mich nun schon eine Weile und geben mir Richtung, Halt in diesem so unvorhersagbaren, unkontrollierbaren Leben.

Als ich nun bei Krishnamurti über Freiheit gelesen habe, bemerkte ich, wieviel radikaler ich diesen Begriff noch denken könnte, sollte: Freiheit als Abwesenheit aller Konzepte, aller Vorstellungen davon, was wir sein könnten. Freiheit ist nichts, was wir zu erreichen anstreben können. Allein das Streben nach Freiheit macht uns ja wieder unfrei. Immer, wenn wir nach etwas streben, wenn wir eine Vorstellung davon haben, wie oder was wir sein könnten, was wir erreichen sollten oder können, sperren wir uns das Gefängnis dieser Vorstellungen. Damit verstärken wie eher unsere Unfreiheit, unsere Unzufriedenheit mit dem, was wir jetzt haben, was wir jetzt sind.

Freiheit ist es, wir selbst zu sein, nur wir selbst. Wir lernen so etwas nicht ausserhalb von uns selbst, von jemand anderem, keinem Lehrer, keinem Chef, keinem Gelehrten, Philosophen, Priester, Weisen, Erleuchteten. Wir können das nur für uns selbst heraus finden. Es geht darum, ein Umfeld zu schaffen, in einem Umfeld zu sein, in dem wir uns frei entwickeln können, zu unserem Selbst finden können.

Das geht nur in angstfreien Umgebungen, in denen uns niemand sagt, wie wir zu sein haben, was wir zu machen haben, was wir zu erreichen haben. Kein: wenn du dies tust, dann erreichst du das. Sondern eher eine Umgebung, die es ermöglicht, die es uns uns zusammen herausfinden lässt. Es wird kein Ergebnis zu erreichen geben, keine endgültige Definition, kein anzustrebenden Zustand. Es ist eher eine Art zu leben, zu denken und zu fühlen. Ohne die Beschränkungen, die uns unsere Eltern, Lehrer, Politiker, Vorgesetzte, Kollegen, Vorbilder auferlegen.

So, das musste mal gedacht werden. Es musste hier aufgeschrieben werden. Das ist mein Ideal für mich persönlich, für meine Familie, meine Firma, mein Leben. Es liest sich verführerisch logisch, mein Glaube zu Verstehen engt mich aber bereits wieder ein. Aber es ist für mich eine der Treppenstufen, auf dem Weg zu was auch immer.

Wünsch Euch einen angstfreien, wunderschönen, freien Sonntag.

Samstagspause

Bizimköy, 6:56, Tag 891

Heute sehr zeitig hoch! Sehr entschlossen, freundlich, achtsam, fast liebevoll. So wird das ein guter Tag! Wünsche Euch einen tollen Start in Euer Wochenende und mach für heute Pause.

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