Trauer über Ehrgeiz

Bizimköy, 7:51, Tag 890

Heute morgen war mehr Klarheit da, Müdigkeit und auch Traurigkeit. Gestern verflog die Zeit nur so. Kaum war es Mittags, war es auch schon Abends und dann konnte ich schwer einschlafen.

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Hab mich gestern wieder mit der Arbeit verbunden, daher vielleicht auch meine Traurigkeit. Einige der Herausforderungen blendete ich die letzten Tage aus. Gestern kamen sie mir wieder ins Bewusstsein. Da ich keine Lösung sehe, da ich mich überfordert und abhängig – also unfrei – fühle, spürte ich diesen Mix aus Ärger und Trauer. Konflikte!

Beschränkungen und Unterscheidungen sind die limitierenden Faktoren, die diese Gefühle erzeugen. Das intellektuell zu begreifen, ist noch die leichteste Übung.

Sammle gleichzeitig weiter Material und Input für meine beiden grossen Vorträge im Herbst übers Scheitern, das fällt noch vergleichsweise leicht. Es rechtfertigt auch ein wenig das viele News lesen, mit dem ich heute morgen schon erfolgreich gebrochen habe. Ein kleine Umstellung in der Morgenroutine, die Meditation wieder als erstes nach dem Aufstehen zu starten und nicht erst abzuwarten, zu lesen und eine Runde draussen zu drehen, macht den Unterschied. War so viel entschlossener, viel konzentrierter. Mein Kopf weniger angefüllt mit den doch immer irgendwie gleichen Problemen in der Welt.

Als ich später dann doch durch den Stream scrollte, fielen mir nur Artikel auf, die das Gegenteil von der gestrigen Stimmung erzeugten, die sich gegen die gängige Meinung, die generelle Entrüstung über dies oder jenes stellten. Welchen merkbaren Effekt die kleinen Pausen, die geringen Umstellungen doch gleich auf die Wahrnehmung haben.

Heute ist Freitag, die zweite Woche ist nun vorbei. Eine Woche noch hier, auf die ich irgendwie gespannt bin. Was passiert mit mir in diesem Überfluss an Rückzug, an diesem anderen Ort ohne die üblichen Kontakte, Interaktionen und Dynamiken.

Heilen Wunden von allein? Ohne den Ehrgeiz, wieder fit zu werden. Lösen sich Probleme von allein? Ohne den Ehrgeiz, die beste Lösung zu finden.

Es gibt einen Weg.

Wünsch Euch einen entschlossenen Freitag.

Nur ein paar Bilder

Bizimköy, 8:15, Tag 889

Heute Morgen ist es wieder spät geworden.

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Könnte von gestern über zwei Bilder berichten, über die ich mich am liebsten aufregen würde: am Handy lange telefonierende Busfahrer und kleine Kinder, die auf der zehnspurigen Autobahn aus den Dachfenstern hängen. Manche Türken sind aber auch wirklich so was von achtlos, sorglos! Mannmannmann!

Hier noch so eine Sache, das mit dem Bauboom in Istanbul. Neben dem Flughafen baut irgendwer irgendwas. Ein Hund schaut zu und das fand ich dann irgendwie auch wieder schön.

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Achtloses Aufregen bringt ja nichts, dann mach ich mal lieber Pause und malmeditiere an der neuesten türkischen Sommermode hier weiter: Mandalas (die waren übrigens mit ein Grund, in die Stadt und einen D&R zu fahren).

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Achso, als ich gestern zurück kam, wurde ich vom voll erblühten Hibiskus hier begrüßt. Das ist jedes Jahr eine Freude anzusehen, wenn an diesem unscheinbaren Strauch, größer als ich, plötzlich solche Schönheiten hängen.

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Wünsch Euch einen tollen Tag!

Gelassenheit

Bizimköy, 7:28, Tag 888

Alles Achten da oben heute! Seit 111 Tagen schreibe ich wieder jeden Tag. Ein paar Pausen gab es, aber es schreibt sich ganz leicht. Die Routine ist wieder da, die Erinnerung an die ersten 777 Tage klärt sich. Vor allem der Wegfall der Träume fühlt sich für mich gut an.

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Hab gestern langsam wieder mehr angefangen, mich mit der Arbeit zu beschäftigen. Unsere verschiedenen Mitarbeiterlisten für Daten, Gruppen, Gehälter, Skills sind etwas durcheinander, das möchte ich aufräumen und ein Masterexcel bauen, aus dem alle die verschiedenen Listen ergeben. Wenn das durch ist, dann ein Excel für unsere Aufträge, die Planung und Kalkulation. So mein Plan für die nächsten Tage. Hier in Ruhe kann ich ein paar Stunden, eigentlich Tage mit dem Fokus auf diese eine Aufgabe zubringen.

Die Ablenkungen sind eher erholsamer Natur, bringen mich zwar auch immer wieder aus dem Konzept. Aber am Strand etwas zu lesen oder zu spielen oder aufzuräumen, zu kochen oder Essen einzukaufen, lässt den Fokus im Unterbewusstsein erhalten bleiben.

Noch ein Effekt des Schreibens hier. Nachdem ich gestern über mein News lesen hier geschrieben habe, hatte sich der Effekt sofort abgeschwächt. Als ob durch das Schreiben am Morgen eine kleine Distanz, etwas mehr Freiraum zwischen Reiz und Reaktion gewinnen kann.

Die beiden Aufgaben, also eine neue Übersicht, mehr Klarheit über die Mitarbeiter und unsere Aufträge scheint mir nun ein schönes Sommerprojekt zu sein. Die Widerstände der ersten Tage, die das Ausbrechen aus den Ritualen, aus den Routinen erzeugen ist fast verschwunden. Auch schwingen wir uns hier zu Dritt grade ganz gut ein. Die Erwartungen an die Zeit hier, an die Anderen nähert sich mehr der Realität. Neue Routinen entstehen, die dem Tag Struktur geben.

Eine andere Art Gelassenheit entsteht, wächst bei mir heran. Gestern wurde mir das mehrere male bewusst, als wir über heisse Themen stolperten. Ich konnte erst mal einfach zuhören und dann in meine Kommunikation Fragen einbauen. So fragte ich ein paar mal um Erlaubnis, meinen Rat oder Meinung auszusprechen. Das fühlte sich richtig gut an, vor allem die Pause nach der Frage, das Warten und Nachdenken dabei.

Irgendwie entsteht dadurch ein neuer Raum im Jetzt. Als ob ich sonst einfach schnell verglichen habe. Ich meine ja, die meisten der Probleme hier schon zu kennen. Oft denke ich, hier wiederhol sich doch ein Konflikt einfach. Meine Antwort ist entsprechend stereotyp, besteht aus einer bereits vorgefertigten Meinung, die einfach noch nicht verstanden, noch nicht oft genug wiederholt worden ist. Wie nervend!

Mit diesem Ansatz von neuer Gelassenheit, bleibe ich erst mal bei mir und höre zu. Springe nicht gleich zur letzten Meinung zurück, dass dieser oder jene Konflikt doch ganz einfach zu lösen sei. Das fühlt sich ganz gut an.

Liegt vielleicht an dem entschleunigten, ruhigeren Umfeld hier oder an dem besseren, weil lokalem und frischem Essen. An der Strandnähe. Egal eigentlich. Oder auch nicht, denn ich möchte natürlich, dass diese Gelassenheit, dieses dem anderen, neuen Platz einräumen auch nach dem Urlaub erhalten bleibt.

Vielleicht ist hier doch eine Verbindung zum Zazen Retrat. Diese Notwendigkeit, sich ab und zu mal raus zu nehmen, aus dem Alltag, aus der Routine. Mir zu erlauben, mal auszubrechen. Und dann abzuwarten, was passiert. Scheine ja mein Thema für diesen Sommer hier gefunden zu haben. Da kommt gleich Freude auf!

Und nun ist die Zeit ran, die Mädels aufzuwecken. Heute fahre ich nach Istanbul, ein paar Besorgungen zur Halbzeit machen. Werde zwei mal drei Stunden Busfahrzeit haben. Viel Zeit, um meine Excel im Kopf weiter vor zu denken, während die wuchernde Stadt und ihre Bewohner an mir vor rüber ziehen.

Mit zwei Bildern von Strandläufern, einmal der Simitci, der Sesamkringelmann und dann der Midyeci, der Miesmuschelmann, verabschiede ich mich heute.

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Neben den beiden gibts noch den Maiskolben, den Kekse- und dann den Zuckerwattemann. Mal schauen, ob ich die auch noch so erwischen kann. Denn mit allen Fünfen und ner Flasche Wasser kann man ganz gut am Strand überleben. Jeder hat übrigens seinen ganz eigenen Ruf und Melodie. Müsste ich eigentlich auch dokumentieren, ist aber echt schwierig, da sie nicht auf Bestellung so schön rufen, sondern eben nur, wenn keiner in der Nähe grade kaufen will. Sobald sie mein Interesse an ihnen bemerken, was ja rein dokumentarischer Natur ist, verwechseln sie das mit kulinarischem Interesse und hören auf zu rufen. Ein Dilemma!

Also, wünsch ich Euch einen tollen Mittwoch, bei allem was immer ihr auch heute vor habt!

Achtsamkeit gegen Ohnmacht

Bizimköy, 7:34, Tag 887

Spät starte ich heute hier. Bin schon eine Weile wach. Hatte eine Einsicht. Was für Unterschiede hier in unserem Urlaub zu unseren Zazen Retreats herrschen. Einmal Achtsamkeit bei Regeln, Zeitplan, Kochen, Arbeiten, Unterhalten, sich abwechseln mit Einkehr, Meditation, Ruhe, Stille. Hier im Gegensatz dazu, gibt es Dynamik, Varianz, Flexibilität, auch Ruhe, auch Stille, auch Kochen, Arbeiten, Unterhalten, aber so anders. Meine Achtsamkeit scheint hier geringer, obwohl ich könnte. Hier herrscht mehr Ablenkung, mehr Unterhaltung.

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Lese viele News, gefiltert durch Facebook und Spiegel Online. Diese Tragödie um Griechenland beherrscht seit Tagen meinen Stream. Was für eine Show. Kaum auszuhalten, wie stark die Meinungen, wie unterschiedlich die Sichtweisen. Es ist nicht zu erkennen, was wirklich ist. Alles erscheint als Manipulation, Propaganda, Spiel, Drama. Egal von welcher Seite, ob in Deutschland oder der Welt. Mein Herz schlägt links-liberal. Die erfundenen Zwänge der Institutionen, der Systeme, die Spiegelung in den Medien erdrücken jegliche Menschlichkeit. Ab und an scheint diese durch. Diese Posts dann zu lesen, lässt mich die Verzweiflung derer ahnen, die etwas ändern, dieser Unausweichlichkeit etwas  entgegen setzen wollen:

So ein Europäer will ich gar nicht sein vom Kiezneurotiker.

Yanis Varoufakis full transcript: our battle to save Greece bei Newstatesman.

oder auch vom Neuen Deutschland, von welchem ich niemals dachte, dass ich es nochmal im meinem Leben verlinken werde:

Was ist da passiert?

Es fühlt sich alles so an, wie in der Zeit der Gezi Park Proteste vor zwei Jahren. Ich fühle die gleiche Verzweiflung, die gleiche Ohnmacht gegenüber diesen Systemen und den Menschen, die sich von diesen Systemen instrumentalisieren lassen. Die dabei so offensichtlich, so offen sichtlich leiden, sich abschneiden von Mitgefühl, von Empathie, von Liebe. Sich verstecken hinter Schutzschilden, seien es ihre Verträge oder ihre Ausrüstung. Vor zwei Jahren sah ich Polizisten mit Gasgranaten auf Protestierende zielen. Vor zwei Jahren sah ich Protestierende Steine auf Polizisten werfen. In den letzten Tagen waren es Worte, viele verletzende Worte. Und ich empfinde die gleiche Verzweiflung bei mir aufsteigen. Die gleiche Ohnmacht.

Und das aberwitzige ist doch, dass es sich um die gleiche Ohnmacht, die gleiche Verzweiflung handelt, die ich manchmal hier in diesem kleinen Systems meines Urlaubes empfinde. Wenn etwas nicht so gelingt, wie erdacht und erhofft. Wenn ein Streit um irgend eine hochwichtige Belanglosigkeit entbrennt. Wenn die Unruhe überhand nimmt. Die Lösung zu allem aber, liegt nur in mir. Wir haben schon immer alles, was wir brauchen. Das gilt fürs kleine Hier und das grosse weite da Draussen.

Meine Kleine kommt die Treppe runter. Jetzt zählt der Moment, nur dieser Moment. Ich kann anwesend, aufmerksam, achtsam sein oder ich kann mich in meinen Gedanken, Erwartungen, Gefühlen, Erinnerungen verstricken. In Dinge, die nicht hier, sondern nur in meinem Kopf hier sind.

Einatmen, Ausatmen, wahrnehmen, was ist.

Und damit wünsche ich euch einen achtsamen Dienstag!

Sonntagsmix

Bizimköy, 7:13, Tag 885

Heute ein ruhiger Morgen. Gestern wurde noch einsichtig anstrengend. Ein Entenküken am Vormittag. Office 2016 für den Mac ist da. Endlich wieder Excel nativ aufm Mac und sogar eher verfügbar als die Windows Version. Etwas weiter an meinem Stanford iTunes-U iOS Dev Kurs Taschenrechner in Swift gebastelt. Dann ein Besuch des schlechten Gewissens. Ging aber schnell vorbei. Am Nachmittag Strand: Speedminton, Strandlauf, Sonne, Eis, Wasser, Reden, Musik. Und zwischendurch immer mal wieder in Krishnamurtis Awakening of Intelligence gelesen.

Heute ist Sonntag. Bin gespannt, was heute alles passiert. Wie gut ich schaffe, diesmal die Momente zu nehmen, wie sie sind. Nicht zu denken, wie sie sein sollten oder könnten oder waren oder wären. Sondern die Schönheit im Moment zu belassen, so wie sie ist (das war jetzt Krishnamurti).

Die Sonne wärmt schon ganz gewaltig. Die Raben und Krähe verteidigen draussen lautstark ihre wasauchimmer gegen die am Morgen jagenden Katzen hier. Ich höre ihren Unmut, ihren Stress, ihre Angriffslust, resultierend aus ihrer Luftüberlegenheit in ihren Stimmen.

Die Treppe knarrt, die Kleine ist wach! Wünsch Euch einen aufregenden Tag!

Krach, Parken, Rasen

Bizimköy, 6:06, Tag 884

Heute aber zeitig hoch! Die Müllabfuhr war um 5 schon da und laut krakelend stimmten sich die Müllmänner über die Reihenfolge der Müllcontainereinhängung in ihrem nicht schallgedämpften Müllkomprimierungswagen ab, oder übers Wetter. Oder darüber, wieso man hier um 5 schon Müllcontainer leert. Oder ob jetzt wirklich alle schon wach sind oder sie noch ein, zwei mal an dem Hebel ziehen sollten, bei dem es immer so schön scheppert, wenn der Container oben hängt. Nicht dass ich das nicht voll nett finde von den Müllmännern. Denn volle Müllcontainer sind doof. Die Katzen und der Wind fegen bei vollen Containern lose Verpackungen über den Parkplatz in dessen linke, untere Ecke. Und genau in dieser Ecke liegt unser Hintereingang. Ihr versteht.

Apropos Parkplatz. Die Nachbarin kommt mit ihrem Wagen beim Parken jeden Tag ein Stück näher. Wenn ich das richtig überschlage, würde sie Mitte nächster Woche in unser Küche parken. Wir scheinen eine anziehende Wirkung auf Autos zu haben. Also seit wir keines hier haben, weil man hier keines braucht.

Wo wir schon bei den Nachbarn sind. Unsere zweiten Nachbarn haben alle ihre Sitzmöbel auf die öffentliche Rasenfläche vor ihrer privaten Rasenfläche gestellt. Ich glaube, sie wollen durch das Gewohnheitsrecht ihr doch recht kleines Grundstück vergrößern. Wenn sie nur lange genug auf dem öffentlichen Rasen gesessen haben, dann gehört es ja praktisch ihnen. Das spannende ist, dass sie damit beim Sitzen genau unserer hintere Terrasse im Blick haben. Für sie scheint das spannend zu sein, sonst würden sie da ja nicht sitzen und uns beim terrassieren zuschauen. Aber da ich selbst von Müllmännern gerne lerne, machen die Nachbarn ihren Mittagsschlaf nicht mehr auf dem Rasen, sondern doch wieder in ihrem Bungalow.

Das sind nun aber auch schon alle Probleme, die wir hier haben. Voll erholsam, ich liebe diesen Urlaub! Wollte ich Euch nur mal kurz erzählt haben.

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Wünsch Euch einen voll tollen Start ins neue Wochenende!