Es reicht, da zu sein

Bizimköy, 6:30, Tag 883

Heute Morgen fühlt sich etwas klarer an, dadurch entschlossener. Die Unterschiede zu gestern sind gering, die eine Stunde vorm Aufstehen meiner Kleinen ist so anders als zu Haus in Berlin oder Istanbul. Vermutlich weil die Tage hier so ruhig und selbstbestimmt sind, ist der Morgen zum Zentrieren nicht ganz so bedeutsam.

IMG_7597 (1)

Gestern Morgen waren ja die Vorträge und Faust Thema. Heute ist das gar nicht mehr wichtig. Eine Woche ist nun schon rum. Der Taktwechsel, das Ausbrechen aus den vielen Routinen, das Runterfahren strengt nun schon weniger an. Mein Einlassen auf das Anders sein, auf andere Beschäftigungen, das Nichtwerten, das noch näher ran rücken an die Gedanken und Gefühle meiner beiden Mädels, gelingt immer besser. In den Zwischenräumen habe ich gestern Fotos sortiert, Dokus über die Burgen der Kreuzritter im Nahen Osten geschaut, mich mit Swift beschäftigt, ein paar Türkisch Vokabeln in Anki wiederholt, geschlafen, geschwommen, gesonnt, gegessen.

Wenn ich zurück bin, habe ich Kraft für alles, was dann kommt. So ein wiederkehrender Gedanke. Ich brauche jetzt meine Vorträge nicht vorbereiten, ich brauche jetzt nicht alle Mails bearbeiten, beantworten, mit lesen reicht völlig aus. Ich muss grad auch nicht wissen, was alles genau passiert in Berlin. Das ich nicht weiss, wie es allen geht, beunruhigt mich. Dass ich unsere Zeit hier nicht durchtakte und plane und das Optimum raus hole aus jedem Tag, beschäftigt mich auch. Dass ich kein tolles Sommerprojekt habe, dass ich echt wenig fotografiere, dass hier nur wir sind, kein Wegrennen, kein Ausbüchsen, kein Betäuben mit Aktion, das nehme ich wahr.

Wäre so gern perfekt! Das Vergleichen, also das Verbinden mit der Restunzufriedenheit geht auch, ohne immer gleich handeln zu müssen. Ich kann Lächeln und einfach Machen zu Dingen, die nicht von mir kommen. Und finde dann trotzdem noch die Zeit für mich. Das größte Geschenk ist, dass ich hier langsam, langsam aufhöre, den Retter zu spielen. Einfach da sein, zu hören, präsent sein, reicht völlig aus.

Wünsch Euch einen schönen, wunderschönen Tag!

Vorträge und Faust

Bizimköy, 6:59, Tag 882

Heute Morgen ist Ruhe und Entschlossenheit mein Thema hier. Gestern haben wir es spielend spät werden lassen. Möchte trotzdem zeitig aufstehen. Werde wohl wieder einen Mittagsschlaf einlegen. Is schliesslich Urlaub.

IMG_7585

Fange an über meine Vorträge in diesem Jahr nachzudenken. Eher fühle ich vor. Und verbinde mich dabei mit meinen letzten Vorträgen. Die letzten beiden All Hands, das letzte Sommerfest. Diese drei Referenzen möchte ich stärken, mich daran orientieren. Freies erzählen, Slides nur als Stichwortzettel oder Handout. Die Ähms am Anfang noch wegkriegen. Beim letzten All Hands hab ich sie zum ersten Mal überhaupt selbst bemerkt, mich selbst dabei beobachten können.

Drei Vorträge sind schon gebucht. Grad gestern kam die Idee für einen Vierten rein. Ich fang schon an, in Evernote Soundbits zu sammeln. Stelle mich schon in Gedanken auf die Bühne und provoziere mein Publikum. Das fühlt sich gut an. Aufwecken, Aufmerksamkeit bündeln. Allein das reicht nicht.

Was interessiert wirklich? Die Ergebnisse, die Erfolge unserer Arbeit. Mhhh. Verkaufe ich Abkürzungen? Teile ich mein Wissen? Was hilft ganz praktisch? Kann ich Fragen beantworten? Oder sollte ich dabei helfen, dass bei den Zuhörern noch mehr Fragen entstehen? Interessieren andere meine Erfahrungen? Oder wie es mir dabei ging? Gute Geschichten hört ja  jeder gern, so mit Held und Schwierigkeiten und Happy End.

Lese seit letztem Mittwoch ab und zu im Faust. Ohmann! Was für ein Juwel. Vor dreissig Jahren das erste Mal gelesen. Wie hat das Götz geschafft? Er hat ja nur ein kurzes Stück frei rezitiert: über Restunzufriedenheit (Verweile doch, du bist so schön…).

Eben schlage ich das Buch auf, also ich meine, ich öffne die Kindle App auf meinem iPad und finde das hier.

An Hoffnung reich, im Glauben fest,
Mit Tränen, Seufzen, Händeringen
Dacht ich das Ende jener Pest
Vom Herrn des Himmels zu erzwingen.

Denke dabei sofort an meine Weltrettungsphantasien, die Ideen und Gedanken, wenn ich über die Griechenlandkrise lese, schön gemixt, international in Facebook oder schrecklich eindimensional im Spiegel & Co. Oder auch an unsere Bemühungen, den konservativ, festgefahrenen Patentinfo Markt zu revolutionieren.

Ein paar Seiten zurück das hier:

Was du ererbt von deinen Vätern hast.
Erwirb es, um es zu besitzen.
Was man nicht nützt, ist eine schwere Last,
Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.

Vor allem hier in der Türkei fällt mir das auf. Wir sind hier in einer Sitesi, einer Siedlung, die in den 70igern des letzten Jahrhunderts erbaut worden ist. In einer schönen, damals einsamen Bucht des Maramarameers, 70km weg vom Zentrum Istanbuls. Damals war das hier High Society, ganz exclusiv, nur für die oberen 10.000. Heute sitzen wir, die Erben hier. Über die Hälfte der Häuser ist verrammelt und steht leer. Alles ist leicht runter, in die Jahre gekommen. Vor sechs Jahren hat hier eine neue Verwaltung das totale Abgleiten der Sitesi verhindert, hat die Zäune repariert, den Rasen wieder bewässert. Kurze Zeit später haben wir das für uns entdeckt, das Haus renoviert. Nun benutzen wir das Erbe von Sedas Grossvater wieder.

Doch nur im Augenblick, nur in den Momenten in denen wir voll am Leben sind, nützt es uns überhaupt etwas. Sind wir nicht hier, würden wir nicht jeden Sommer kommen, so wird es schnell zur Last. Man muss dann planen, sich trotzdem kümmern, damit niemand einbricht, damit es den Winter übersteht, nichts verschimmelt und vergammelt in der stehenden Luft bei ungeöffnetem Fenster, damit die Rechnungen trotzdem gezahlt werden. Es hat einfach nur einen Wert im Augenblick.

So, mit diesem Gedanken verabschiede ich mich jetzt mal ganz abrupt.

Wünsch Euch einen ruhigen Donnerstag!

Sommerunruhe

Bizimköy, 7:11, Tag 881

Heute ein ruhiger Morgen. Aber stark geträumt und jetzt vergessen. Voller Scham und schlechtem Gewissen zeitig aufgewacht. Küche aufgeräumt, Terrasse gefegt, am Strand meditiert und hier ein paar Fotos sortiert. Und schon geht es besser.

IMG_7582

Nun musste ich auch noch ein paar Mails sortieren, ehe ich mich wieder diesem offenen Fenster hier zuwende. Gestern ist nicht viel passiert. Strandtag. Essen. Gelb rote Spinne. Lesen. Spielen. Umzugsplanung. Grosse Heuschrecke. Meine Sommergrippe ist zum Glück vorbei, kann wieder frei atmen. Mag grad nicht eintauchen in meine Gedanken und sie hier fliessen lassen.

Bis Morgen wieder! Wünsch Euch einen wunderbaren Tag.

Wie ich fast zum Moslem wurde…

Bizimköy, 7:01, Tag 880

Heute mal vorm Aufstehen der Kleinen am Strand meditiert. Keine Hundrudel. Kein Sonne im Nacken. Schön ruhig, plätschernd. Habe vorher, also heute Nacht, davon geträumt, als neuer Lehrer in einer Schule anzufangen. Wurde rumgereicht, sollte mal zu diesen, mal zu jenen Kindern. Ein grosser offener Raum, voller Kinder, Tische und Stühle, Räume, Sachen.

IMG_0519

Hab gestern den Mietwagen zum Flughafen zurück gebracht. Bin dann mit dem Bus zurück ins Dorf gefahren. So was macht mir viel Freude, seit ich mich ein wenig auskenne. Hab keinen Stress mehr mit dem Finden des Weges, oder des richtigen Busses. Hab am kleinen Busbahnhof Yenibosna, Gözleme gegessen und Ayran getrunken.

Ein bärtiger Missionar, also so würde ich ihn nennen, sprach mich an.

Er wies mich auf den Ramazan hin, dass ich hier jetzt nicht essen solle. Er fragte, ob ich gläubig sei, ein Muslim. Mit meinem bisschen türkisch erklärte ich ihm, dass ich nur ein hungriger Zenbuddhist sei. Wollte ihm auf seinem Niveau entgegen kommen. Ich ahnte, als Atheist wäre ich ihn sicher nicht mehr losgeworden.

Er wollte unbedingt, dass ich ihm ein Stück auf arabisch nachspreche. Ich nahm es statt dessen mit meinem iPhone auf, fand er wenig spannend.

Seda übersetzte mir das grade. Sinngemäss ist es die Glaubensformel, mit der ich zum Islam übergetreten wäre. Hossa, grad nochmal Glück gehabt. 😉

Dann ging er zum Nebentisch und fing an, einem Türken dort Vorhaltungen zu machen. Der Wirt schritt ein und erklärte ihm, dass er doch die Gäste bitte in Ruhe essen lassen solle. Der sitzende Herr hier sei doch offensichtlich krank und dürfe deshalb während des Fasten natürlich etwas in seinem Imbiss zu sich nehmen. Fand ich erst peinlich delikat, später im Verlauf der Diskussion dann sehr mutig vom Wirt. Ein Verteidiger seiner Gäste gegen den Mann Gottes als Provokateur.

Und ich liebe die Körpersprache der Türken. Diese Gesten mit den Händen, die das gesagte unterstreichen. Auch ein kleiner Grund, meine Ausrede, warum ich kein Türkisch gelernt habe. Ich achte so viel mehr auf die Gestik.

Es ergab sich, dass der Missionar mit seinem Gehilfen später im Bus neben mir sass. Welch eine Freude auf seiner Seite, aber ich hatte schon eine Idee. Ich würde versuchen, ihn zu bekehren! 🙂

Ich erzählte ihm von der Sancaklar Moschee und dass ich dort gern meditiere. Ich glaubte, er verstand und fand das nicht so witzig, ich solle besser dort beten. Dann sollte ich seinen Chef googeln. Ah, eine sunnitische Sekte, deren Mahmut Efendi von Erdogan am Vorabend der 2014er Wahl prominent besucht worden sei. Ausserdem sei sie in zwei Morde verwickelt, schreibt Wikipedia.

Ich habe ihm dann ein Bild von Thich Nhat Hanh im Telefon gezeigt und ihm bedeutet, dass dies mein Hodscha (Lehrer) sei. Er hatte 0 Interesse. Schade für ihn.

Er unterhielt sich dann so lautstark mit einem anderen Mitreisenden, dass ein Dritter schliesslich um etwas Ruhe bat. Scheinbar fand dieser Dritte die richtigen Worte. Die restliche Busfahrt vertiefte er sich in einen schönen, goldledern gebundenen Koran. Ich verabschiedete mich höflich mit Handschlag.

Ebenso bei seinem jungen, zurückhaltenden Begleiter, der sich bei allem Vorgefallenen immer ausdruckslos im Hintergrund gehalten hatte. Eine klitzkleinen Funken Freude entdeckte ich aber schon, als ich ihn einfach genauso herzlich verabschiedete, wie seinen dominanten Kollegen.

Wünsch Euch einen gesegneten Dienstag!

Moschee, Pferd, Fisch, Rasen, Sein

Bizimköy, 8:24, Tag 879

Heute ist es aber spät geworden. Haben schon das vierte Kapitel Türkisch gelernt, diesmal die Zahlen. War endlich wieder am Strand meditieren. Habe eine kleine Runde Speedminton geübt. Nun setz ich mich zum Schreiben hin, eh das Frühstück vorbereitet wird.

IMG_0496

Nachdem des gestern viele Wolken und sogar einen Regenschauer etwas weiter weg gab, ist der Morgen nun klar und wolkenlos.

Der Tag gestern war schön und ruhig. Konnte meine Restunzufriedenheit im Bauch lassen und es war richtig harmonisch schön. Hab sogar eine Torte mit Kerzen und ganz viele Luftballons bekommen, inclusive Ständchen.

Am Nachmittag bin ich in die Sancaklar Moschee gefahren, ihr erinnert Euch vielleicht? Nee, könnt ihr gar nicht. Letzten Sommer hab ich das wohl gar nicht gebloggt. Tsss. Habe vierzig Minuten, bei relativ laut redenden türkischen Touristen, aber trotzdem grossartig meditieren können. Auf dem Rückweg bin ich einfach drauf los, durch die Felder gefahren. Aber mir war nicht nach Fotos. Habe nach interessanten Objekten für die Drohne Ausschau gehalten und mir schon die Kamerafahrten überlegt, die ich machen könnte. Aber auch das, loslassen oder sie holen. 🙂

Abends dann Fisch essen in Silivri.

Vorher wollte ein Pferd, angebunden am Parkplatzrand, mit kleinem Klapperwagen, in die News. Die Besitzer waren kurz baden, als es sich wohl erschreckte. Laut scheppernd, an den parkenden Autos entlang schrammend, ging es samt Wagen durch. Ein Junge rannte in Shorts, seine Jeans und Shirt weg werfend hinter ihm her. Es war auf dem Weg ins Zentrum und blieb zum Glück am Kreisverkehr wieder ruhiger stehen. Kein Foto, weil alles viel zu schnell passierte und vorbei war.

Beim Verdauungsspaziergang dann ein Schild: ‚Bitte, Rasen nicht betreten‘ genau dahinter baute ein anderer Junge die Tische und Stühle für den Abendtee auf. Das ist so typisch türkisch. Zwei Polizisten liefen vorbei und hatten wohl auch andere Probleme. Der Rasen war frisch verlegt. Das ist wohl die Entdeckung des Jahres hier: Rollrasen.

IMG_0494

So, hier beginnt nun der erste volle Urlaubstag. Schalte gleich meinen Abwesenheitsagenten ein, muss überlegen, wie viel ich machen möchte, viel präsent ich hier im Laptop sein will. Es gibt ja so viel zu tun. Aber eigentlich gibt es immer soo viel zu tun, auch hier am Haus, auch hier im Urlaub. Nicht nur zu Hause, nicht nur in der Firma.

Am besten nicht so schwer nehmen, nicht so viel drüber nachdenken, einfach sein. Sollte reichen! Hach!

Wünsch Euch einen schönen Start in Eure neue Woche!

Restunzufriedenheit

Bizimköy, 7:18, Tag 878

Gestern hat mich ne Sommergrippe erwischt. Am späten Vormittag fing das Kratzen im Hals an. Hab unruhig geschlafen, viel getrunken, viel aufgestanden. Die Morgenmeditation war auch eher schwer heute.

IMG_0480

Beim Wecken meiner Kleinen war gleich alles wieder gut. 😉

Suche mein Sommerprojekt. Merke, wie schwer es mir doch fällt, so von 100 auf 0 runter zu fahren. Mein Schwenk des Fokus auf die Familie führt zu Stress.

Ich solle meine Restunzufriedenheit mit Allem lieben lernen, sagte am Mittwoch Götz zu mir. Diese Unzufriedenheit mit der ersten Antwort. Dieses immer weiter fragen können. Das macht meine Mädels, ok, mein jeweiliges Umfeld, manchmal verrückt. Es ist wohl einfach anstrengend. Für die anderen, aber auch für mich.

Mein Mund ist so schnell dabei, diese Ideen, diese Gedanken auszusprechen. Der Impuls gerade hier, ohne viel Ablenkung, sehr stark.

Hab meine Drohne in Berlin gelassen. Ärger mich grade darüber, dann hätte ich mich ab und zu mal verpieselt und hätte ein paar Akkus leer geflogen. Vermutlich hätte ich sie am zweiten Tag gecrasht und mich schwarz geärgert.

Hab auch noch meine Specksteinbrocken hier. Vor zwei Jahren schon vom Moritzplatz hier her geholt. Ab und an feilen die Kleine und ihr Freund an kleinen Stückchen rum und weissen die Terasse mit dem feinen Staub. Auf dem Bergmannstrassenfest gab es einen Stand mit Specksteinfiguren, die mich wieder inspirierten.

Ein Foto davon, trotz unsortiertem Haufen, finde ich ganz schnell:

IMG_7560

Hab auch noch mein Gehaltsexcel, neben den zehntausenden unsortierten Fotos.

Könnte meine Restunzufriedenheit darauf richten, was noch nicht ordentlich, noch nicht fertig ist. Fällt aber schwer, bei mir zu suchen. Ist einfacher im Aussen, bei anderen.

Immerhin, als guter Impuls in die richtige Richtung, habe ich eben die ersten drei Kapitel Türkisch für Anfänger nochmal wiederholt. Mit meiner Tochter zusammen, macht das richtig Spass.

Warum habe ich das nicht eher gemacht? Was hielt mich zurück?

Diese Fragen nerven! Diese Fragen sind es, die aus der Restunzufriedenheit entstehen. Deshalb sei ich Unternehmer, sagte Götz! Ok, aber könnte ich manchmal bitte kurz Pause von mir haben?

Rhythmus: Ein und Ausatmen, Abwechslung zwischen Ruhe und Aktion, Aufnahme und Reflektion, Lernen und Anwenden, Tun und Nichtstun, Fragen und Antworten.

Das ist der Schlüssel, den Rhythmus als mein Leben, als das am Leben sein akzeptieren.

Diese ständig mitlaufende Kommentarmaschine in den Bauch schieben und einen Filter zwischen Bauch und Mund packen. Mein Ego loslassen, meine Vorstellungen davon, wie etwas sein soll, loslassen.

Meine Restunzufriedenheit mit dem was ist, lieben lernen. Vielleicht ist genau das mein Sommerprojekt?

Wünsch Euch einen geruhsamen Sonntag!

Zwei Fotos, die ich nicht geschossen habe.

Bizimköy, 6:59, Tag 877

Als wäre ich schon länger hier. Konnte gestern ankommen, und war gleich wieder im Rhythmus der letzten Jahre. Das ist also der Vorteil des wiederholten Urlaubs am selben Ort. Man erinnert sich einfach und schaltet die alten Routinen wieder an. Nicht schlecht!

IMG_0467

Waren gestern in der nahen Großstadt einkaufen und im Hafen zu Abend essen. Also nicht Istanbul, sondern das ehemalige Fischerdorf Silivri, mit nun 155.000 Einwohnern. Dort am Hafen wurde vor ein paar Jahren eine Promenade gebaut, mit ein paar Teegärten und am Ende vier Restaurants, immer abwechselnd gibts Fisch oder Köfte.

Ein Wagen vollen kaputten Spielzeuges fiel mir auf.

Eine kleine Ziege war im Schatten unter, hinter dem Wagen angebunden. Wie clever, dachte ich so bei mir! Die kleine Ziege zieht die Kinder an: wie niiiieeedlich. Und damit sie genug zu fressen kriegt, muss man eben eine Kleinigkeit aus Plaste mit nehmen.

Hat auch bei uns funktioniert und mit einem Seifenblasendigens für nur ein Lira sind wir weiter geschlendert.

IMG_0443 IMG_0444

Als wir auf dem Rückweg wieder an dem Wagen vorbeikamen, hatte sich das Zicklein in eine dicke alte Zigeunerin verwandelt. Jedenfalls sass nun eine hinter dem Wagen auf einem kleinen Hocker. Ich suchte ja nur das Zicklein.

Sie schaute mich erschrocken, ärgerlich an. Sie kaute mit vollem Mund und hatte die Hände voller Brot. Dabei trug sie eine typische, dunkelbunte Rockhose mit einem passenden T-Shirt und einem schwarzen Kopftuch.

Der Blick in ihre Augen und auf ihr Brot dauerte nur drei Millisekunden. Was für ein tolles Bild dachte ich sofort in der vierten Millisekunde. Aber ich hatte das iPhone in der Hosentasche und konnte es unmöglich in den drei nächsten Millisekunden rausholen, die ich noch Zeit hatte, ehe sie sich abwandte, um ihre Sünde vor mir zu verstecken. Es waren ja noch etwa zwei Stunden zu warten, ehe sie beim Iftar (dem allabendlichen Fastenbrechen) hätte essen dürfen.

Und das war schon das zweite Foto, dass ich gestern nicht geschossen hatte.

Das erste war noch in Istanbul und betraf eine ebenfalls ältere, nicht sehr schlanke Frau. Nach dem Frühstück lief ich zum Supermarkt. Auf dem Rückweg schaute ich kurz vom schmalen Bürgersteig hoch. Mir kam jemand entgehen und der Bürgersteig ist hier nur breit genug für eine Person. Ich schaute also hoch, um nonverbal abzustimmen, wer von uns beiden auf die Strasse müsse, um nicht zu kollidieren.

Bei diesem Blick fiel mir ihr schwarzes T-Shirt auf.  Es trug die Aufschrift Zero Gravity. Darüber waren zwei riesige Sneaker aufgedruckt. Diese hatten allerdings der Schwerkraft nichts mehr entgegenzusetzen. Kopfschüttelnd und grinsend vermutete ich auf dem Weg zurück, dass sie wohl einfach nicht weiss, was die Buchstaben bedeuten.

Tja, und dieses Bild war gestern das erste Foto, das ich nicht gemacht hab.

Wünsch Euch einen wunderbaren Samstag!