Berlin, 7:26, Tag 902

Heute mal wieder Espressolounge. Hier fing alles an mit dieser Art Tagebuch. Damals noch in eine schöne Kladde und mit Stift. Erst nachdem drei Kladden voll waren, hab ich mich getraut, das hier in public zu starten. Das alles mit diesem Blick hier:

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Heute Morgen bin ich aufgeregt aufgestanden! Ich pendle seit fünf Jahren zwischen Berlin und Istanbul, und an den Reisetagen wache ich doch immer noch aufgeregt auf. Geträumt habe ich intensivst. Von einer Kollegin im Mutterschutz, wie sie noch schwanger mit ihrem Mann ihre Wohnung einrichtete. Nichts davon habe ich persönlich mitbekommen.

Bin vor dem Wecker aufgewacht, habe mich an den Traum erinnert, bin wieder eingeschlafen und habe nahtlos weiter geträumt.

Geht das überhaupt? Oder ich habe mein Aufwachen geträumt. Ach egal!

Ist doch sehr spannend, was einem das Bewusstsein, diese alles beobachtende, kommentierende Gedankenmaschine da oben so alles in den Stream kippt.

Ich glaube ja, dass zb Google PageRank und auch EdgeRank in Facebook deshalb so erfolgreich sind (also von so vielen Menschen benutzt werden), weil sie diesen Gedankenstrom nachbilden, der in jedem von uns abläuft.

Alles was wir wahrnehmen, was reinkommt über alle Sensoren die wir haben, wird irgendwo da oben verarbeitet und gefiltert.

Und dann in Form von Gefühlen und Gedanken als Newsfeed in unser Bewusstsein gespült. Wir haben dann die Möglichkeit, Like oder Dislike zu drücken, zu kommentieren oder zu sharen.

Entweder lasse ich die Gedanken und Gefühle, die ich grade im Moment habe, einfach durchrauschen (scrolle also einfach immer weiter). Beobachte nur, beobachte mich nur beim Fühlen und Denken.

Oder aber ich stoppe kurz und geh rein in meinen Ärger, meine Wut, meine Enttäuschung, meine Trauer, die Liebe, die Lebensfreude, die ich vielleicht grad empfinde. Und ich halte fest an einem dieser Gefühle und Gedanken, mache ihn stärker (klicke Like, starte das Video, öffne den Link, geh in die Kommentare).

Dann kann ich da drin bleiben, in meinem jeweiligen Gefühl und alles, den ganzen weiteren Tag von dort aus starten oder ich lass los, geh zurück in das, was ich vorher gemacht habe (zurück zum Newsfeed und auf Neues warten).

Das ganz Netz ist doch so! Browser auf ist doch genau wie kurz mal nach schräg oben in die Erinnerung geschaut und angefangen zu denken, zu planen, zu träumen, zu lachen, zu weinen, zu reden, zu tratschen.

Naja, ihr habt ja verstanden. Weiss wohl grad nur nicht, wie ich jetzt wieder raus komme aus dieser Analogie. Wo der Zurückbutton ist. Will ja nicht die History aufrufen, um mich zu erinnern, wo dieser Gedanke eigentlich herkommt. Hilfe! 😉

Die beiden Top-Posts gestern waren einmal eine Mail, die wohl aus Unachtsamkeit vom falschen Account verschickt worden ist, der doch schon eine Weiterleitung enthielt. Huch!

Und was für eine tolle Möglichkeit, zu lernen. Schade, verletzend, entlarvend auf der einen Seite. Verständlich, menschlich, normal auf der anderen Seite. Mein Anteil daran? Sehr gross. Ich bin der Auslöser, ich habe es kommen sehen und nichts unternommen. Der Witz ist, ich hatte mich bewusst entschieden, nichts zu unternehmen. Das habe ich nicht erklärt, verpackt oder sonst wie kommuniziert. Ich hätte helfen können, die Enttäuschung, die in dieser Mail gestern gipfelte zu vermeiden, aber ich wollte ich nicht. Hatte keine Kraft, keine Zeit, keine Lust. Anderes schien so viel wichtiger!

Freundschaft (wie jede Form von Liebe) kann nicht an Bedingungen oder an Erwartungen an den Anderen geknüpft sein, ohne Konflikte zu erzeugen: Meine Vorstellung von Freundschaft gegen Deine Vorstellung von Freundschaft. Ich hätte mir schon gewünscht, Du würdest Dich mal melden. Ouch, da reagiere ich fast allergisch.

Fazit des ersten Top-Posts: ja, ich bin positiv verrückt! Viele kommen damit nicht klar, das tut mir leid. Aber ich verzeihe mir meine Verrücktheiten, meine Sein immer und immer wieder. Denn meine Taten sind meine einzigen wahren Besitztümer, meine Taten sind der Boden auf dem ich steh! Die guten, wie die schlechten. Und das wirklich Gute ist doch, das gilt für jeden von uns. Karma sei Dank!

Hier steht eine elegante Überleitung zum zweiten Top-Post.

Der hat auch mit positiver Verrücktheit zu tun. Die für die, die nicht genau schauen, wie Egoismus, Kälte oder Härte ausschaut.

Doch im Tod verlieren diese Wertungen plötzlich ihre Bedeutung. Es bleibt: Trauer und Liebe! Es gibt plötzlich kein Objekt mehr, auf das man sauer, wütend, zornig und enttäuscht sein kann. Man hat nur noch seine Erinnerungen an das Objekt, und die Gedanken und Gefühle, die diese Erinnerungen auslösen (Timeline!).

Gestern Nachmittag kam ich damit in Berührung! Ich tröstete meine Oma, die nach knapp siebzig Jahren Ehe, ihren Mann, meinen Opa verloren hat. Wir hatten nie viel Kontakt, mein ganzes Leben nicht, vielleicht einmal im Jahr haben wir uns gesehen. Und trotzdem bin ich die Fortsetzung, trage ihre Gene, ihre Geschichten auch in mir.

Wir haben viel gelacht und geweint.

Oma ist voller Geschichten, voller Trauer, voller Einsamkeit und Wut über den Abgang, auch über die Härten ihres Lebens. Und doch irgendwo auch stolz und froh, es soweit geschafft zu haben. Sie erzählt gern und genoss die ungeteilte Aufmerksamkeit sichtlich, die ich ihr geben konnte. Heute träum ich von Dir, sagte sie zum Abschied, die Süsse! 🙂

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Auf dem Rückweg fielen mir die gemeinsamen Erlebnisse ein, das Kirschen pflücken, Pilze suchen, Holz hacken, Mauer bauen, Mauer einreissen, gemeinsames Essen und Trinken. Wenige Stunde, Tage nur und doch spüre ich seine Anwesenheit, seine Präsenz in mir, jederzeit, wenn ich das möchte!

Wünsche Euch einen achtsamen, wunderschönen Samstag! Geniesst so viel ihr könnt.

Veröffentlicht von Herr Krueger

vater · ehemann · mitgründer der moving targets consulting gmbh · services, development und support · zazen · fotografie

2 Comments

  1. Günther Gottschalk 9. August 2015 um 05:57

    Arne es ist beeindruckend mit welcher analythischen Genauigkeit Du in Dich reinhörst, Gefühle und Zweifel zulässt – und uns daran teilnehmen lässt. Bin schon auf die nächsten Tagebuchseiten gespannt! Liebe Grüße Günther

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    1. danke dir! es ist eine gewohnheit geworden… fühle mich unaufgeräumt, wenn ich mir hier nicht die zeit nehme zu schreibmeditieren.

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