Bizimköy, 6:32, Tag 908

War sehr warm heute Nacht. Wenig Wind, viel Schweiss.

Heute mal ein anderes Bild. Habe wieder keinen Unterschied entdecken können, beim Sonnenaufgang heute morgen. Nach fünf Minuten warten auf eine Krähe oder eine Elster, bin ich an den Strand zur Meditation.

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Das lustige an den Türken ist ja ihre Unbekümmertheit!

Ein Beispiel: Ich setze mich an den Strand, der ca. 3km breit ist und in viele verschiedene circa 50m Abschnitte unterteilt ist. Und dabei suche ich mir genau die Stelle aus, an der gleich zwei ältere Damen ihr Morgenbad nehmen werden. Ich sitze auf dem Kissen am Strand und sie kommen zielstrebig angelaufen, packen ihre Handtücher und Badelatschen in drei Metern Entfernung neben mich. Und gehen genau vor mir -die ganze Zeit schnatternd- ins Wasser.

Während ich wie ein Buddha mit geschlossenen Augen daneben meditiere und meinen Rücken durchstrecke, um meinen Konzentrationsbemühungen auch äusserlich Ausdruck zu verleihen.

Was für eine Übung. Ich überlegte kurz, ob ich den Platz wechseln sollte und nahm dann doch die Herausforderung an. Nach ein paar Atemzügen merkte ich, dass die Wellen am Strand ein ähnlich monotones Geräusch machen, wie die Stimmen der beiden tratschenden Damen im Wasser. Nach weiteren Momenten der Konzentration auf meinen Atem, verschwanden die Stimmen und ich war wieder gefangen in meinen eigenen Gedanken.

Mir fielen in Vorbereitung auf meine Vorträge zwei Geschichten ein.

Solche Geschichten, die einem normalerweise einfallen, wenn man mitten in der Nacht wach wird, einen absoluten Geistesblitz und nichts zu schreiben neben sich hat. Um dann am nächsten Morgen noch eine Erinnerung an das Gefühl der Erkenntnis zu haben, aber nicht mehr zu wissen, worum es ging. Oder, falls man es sich doch aufgeschrieben hat, die Genialität der Worte einfach nicht mehr zu begreifen.

Es soll bei meinen Vorträgen ums Scheitern gehen. Also etwa so:

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Nun will ich aber in den Vorträgen keine anderen „gescheiterten“ Existenzen, wie Michael Jordan zitieren, deren Scheitern hierzulande ja kaum bekannt ist oder irgend eine Rolle spielen würde.

Also dachte sich mein Bewusstsein vorhin, mir ein paar Geschichten aus meinem Leben einzuspielen. Sozusagen als Anregung. Warum? Keine Ahnung!

Vielleicht weil Ärger (über tratschende Damen) doch irgendwie mir Scheitern (bei der Platzwahl für meine Morgenmeditation) verknüpft ist? Oder weil ich vielleicht gestern erst diesen Artikel hier gefunden habe. „Through failure you find out who the survivors are.“ ist noch das beste Zitat, der Rest ist eher so lala. Aber mich interessiert zur Zeit der Grundgedanke.

Aber, nun aber zur Meditation am Strand und den Geschichten:

Vor 26 Jahren fiel ja die Mauer und die DDR scheiterte krachend. Eine für mich wichtige Erkenntnis dabei war ja: egal, was sie Dir erzählen, morgen kann alles anders kommen. Eine gesunde Skepsis gegenüber Regierungen, Politikern und Medien begleitet mich seit dem.

Zwei Jahre vorher passierte folgendes: ich beschwerte mich beim System über das Versagens eines ihrer Teilnehmer. Wir sollten im Kuhstall, in dem ich mit 16 anfing zu arbeiten, eine Grundeinweisung, ja Grundausbildung bekommen. Dauer zwei Wochen. Danach würden wir im Schichtdienst mitarbeiten.

Nun war es so, dass wir vom ersten Tag an voll mitarbeiteten und entsprechend gestresst waren. Als dann irgend jemand mal wieder über Planerfüllung und Erfolge laberte, konterte ich mit der Realität des Scheiterns unserer Ausbilder, die uns einfach nicht grundausgebildet hatten.

Daraufhin entzog das System unseren Ausbildern die Prämie, die uns darauf hin noch bescheidener behandelten. Und alle(!) Beteiligten waren sauer! Auf mich! Das System: weil es nun Stress mit der Realität hatte. Meine Ausbilder: weil sie weniger Kohle hatten. Meine Mitauszubildenden: weil sie noch mehr getriezt wurden.

Das war die erste Geschichte! Nun zur Zweiten:

Zwei Jahre nach dem Mauerfall in einer westdeutschen Sparkasse passierte etwas ähnliches. Ich war in der Wechselabteilung, einem Relikt aus frühkapitalistischen Zeiten. Der dortige Ausbilder war 56 und seit 40 Jahren bei der Sparkasse und seit 37 Jahren in der Wechselabteilung. Er machte noch alles mit Stift und Kassenbüchern. Benutzte aber schon mechanische Rechenmaschinen, sogar die mit einem zweifarbigem Bonstreifen. Als ich kam, war ich komplett faszniniert. Ich versuchte alles zu lernen, scheiterte aber immer wieder an der mir eigenen Schnelligkeit und der daraus resultierenden Ungenauigkeit. Diese, gepaart mit fehlender Übung, und ich durfte wochenlang nichts in das Kassenbuch eintragen. Er fand, Tipp-Ex zerstörte die Schönheit seiner Aufzeichnungen.

Nun hatte ich ja im Osten gelernt, dass Beschwerden beim System zum Sauersein aller Beteiligten führte. Und zwar auf mich.

Diesmal beschwerte ich mich also nicht. Kein Wort über die Irrelevanz der Ausbildung in dieser Abteilung. Statt dessen schaltete ich nach Feierabend den zugedeckten, unbenutzten Rechner auf einem der Schreibtische in seinem Zimmer an.

Das Ergebnis dieser Aktion war, dass wenig später die Wechselabteilung geschlossen wurde und ich belobigt wurde. Das Programm auf dem Computer, rechnete die Wechsel automatisch ab. Aufwand: halbe Stunde pro Woche.

Es gab nur noch einen, der sauer auf mich war: der Herr, der nun nach über 37 Jahren einen anderen Job hatte und in der Kreditabteilung manuell Darlehen verlängern musste.

Er war im übrigen Millionär, wie ich wenig später per obl Abfrage im 3270 Terminal illegal herausfand. Weil? Er wohnte noch bei Papa und fuhr einmal jährlich in den Urlaub: nach Oldenburg, zur Besichtigung der Landeszentralbank. Sonst hatte er keine Ausgaben und alles, alles Geld, was er verdiente in Sparkassenprodukten und Berlin Darlehen angelegt.

Ok, die Geschichten lassen sich nicht vergleichen. Einmal ging das System eines ganzen Landes unter, ein andermal nur die Abteilung einer Bank. Aber meine aufgefrischte Erkenntnis aus diesen zwei Erinnerungen: Beschwerden beim System bringen Ärger. Computer anschalten und benutzen bringt Lob.

Mhh, diese beiden Erlebnisse fielen mir also vorhin ein, als ich neben den schwimmenden Tratschtanten meditierte. Machen jetzt, nachdem ich sie aufgeschrieben habe, überhaupt keinen Sinn mehr für meine Vorträge. Aber das ist ja immer so, bei solchen Geistesblitzen. 😉

Und nun wünsch ich Euch noch einen schönen Freitag, ohne viel Ärger!

Veröffentlicht von Herr Krueger

vater · ehemann · mitgründer der moving targets consulting gmbh · services, development und support · zazen · fotografie

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