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Tag 986

Istanbul, 7:31

Erstaunliche Konstanz in der Schreibzeit, dabei stehe ich unterschiedlich auf und meditiere unterschiedlich lang, mal ist die Tochter hier, mal nicht. Bin überrascht.

Bin heute etwa später hoch, ist ja Samstag und unser letzter voller Tag hier. Hab auf das Knacken der Heizung um 6 gewartet. Und noch ein wenig länger.

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Fange grade an, mich für Apple HomeKit zu interessieren. Hab doch schon mal einen Vortrag gehalten, über das Internet der Dinge, so vor zweieinhalb Jahren. Es hat sich ja soooo viel getan in der Zwischenzeit. Den kleinen Sensor, der mir ne SMS schickt, wenn er nass oder trocken wird, hab ich sogar noch in der Schublade im Büro. Und drei Phillips Hue Lampen hab ich doch auch noch, die wollten wir mal auf ner Messe als Blickfang einsetzen letzten Sommer, haben wir dann aber gelassen.

Auch habe ich gestern Abend mal meine Rezepte bei IF (This Than That) durchgeschaut und den Grossteil davon abgeschaltet. Die haben im Hintergrund die ganze Zeit meine Check In’s bei Foursquare/Swarm in meinen Google Calender eingtragen, mein Gewicht in ein Google Spreadsheet und meine Instagrams in meine Dropbox. Hab ich nie wirklich benutzt, mir kaum angeschaut. War nur immer schon begeistert von der Möglichkeit, genau so etwas jetzt zu tun können. Aber über den Status Spielerei komme ich bei beiden Themen noch nicht hinaus. Finde einfach keine Routine, die sich ersetzen lässt und eine neue Routine auf Basis dieser Tools zu entwickeln, fällt mir nicht ein.

Etwas war noch besonders an der Woche hier: Erstens, hatten wir zu Hause nur superlahmes Internet, weil die hier sogar im Festnetz einen Volumendeckel nach 10GB haben und sich dumm und dusselig verdienen mit der Aufhebung des Deckels, und wir das für die paar Wochen, die wir im Quartal noch hier sind, aber nicht bezahlen wollen. Damit war kein Streamen möglich. Und da wir auch Kabel schon abgemeldet hatten, damit gab es für mich in dieser Woche kein Fernsehen zu schauen. Und zweitens, habe ich vor einiger Zeit schon alle Spiele von Laptop, iPhone und iPad geschmissen. Damit war die zweite Ablenkung weg. Blieb nur noch Lesen übrig, bei Facebook/Twitter/Feedly/Kindle. Und hier stellte sich in dieser Woche auch eine gewisse Sättigung ein.

Fiel mir besonders auf, als ich mich ertappte, dass ich gestern Abend träumend eine halbe Stunde auf dem Balkon sass und mir dieses, mir eigentlich sehr unangenehme, einfach mal Nichts Tun Gefühl anschaute. Doch danach sind wir noch zu einem Abendspaziergang durchs Viertel hier los und dann zeitig ins Bett.

Bin mir nicht so sicher, ob nun die Fernseh/Stream/Spiel Abstinenz oder mein kleines Experiment, keinen Zucker mehr zu essen, oder keine Speisen, in denen Zucker enthalten ist, diese komisch andersartigen Gefühle auslöst. Vermutlich kommt beides zusammen, bedingt sich einander. Fühle mich grad viel, sehr viel lebendiger!

Übernächste Woche wollten wir eigentlich ein zu einem kurzen Meditations Retreat fahren, für drei Tage. Wird leider nix, die anderen können sich nicht loseisen, zu viele Termine. Überleg nun, allein zu fahren. Wir wollten dieses mal eh ein Schweige Retreat machen, also mal nicht die ganze Zeit beim Kochen und Putzen und Lesen miteinander reden. Hab heute morgen mal durchgespielt, was alles zu tun wäre: nicht soo viel, und wie sich das anfühlt: wie eine schöne Herausforderung. Ach, hab ja noch über ne Woche Zeit, mir das zu überlegen, aber bis dahin lass ich den Termin mal im Kalender geblockt.

So, krieg etwas Appetit, geh jetzt mal frühstücken und wünsch Euch einen schönen Start in Euer Wochenende!

Tag 985

Istanbul, 7:29

Heute Nacht lag geschlafen, leicht verspätet hoch, aber schon vierzig Minuten meditiert.

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Gestern war hier Feiertag, Geburtstag der Republik, alle Läden zu.

Eigentlich wollten die Kleine und ich zum Grossen Bazaar, ne Fotorunde drehen. Sind dann alternativ mit der Fähre kurz nach Asien zum Mittagessen gefahren.

Dauert mit allem drum und dran knapp drei Stunden von unserer Wohnung aus, davon jeweils ne halbe Stunde Weg bis zur Fähre, jeweils ne halbe Stunde aufm Wasser mit der Fähre und ne Stunde fürs Essen. War ein schöner Ausflug.

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Hab gestern doch wirklich noch meine ToDo Liste abgeschrieben. Es gab früh so einen Moment, da dachte ich, dass die Ankündigung hier schon manchmal ausreicht, um den Rebellen in mir zu aktivieren und es dann nicht zu tun.

Auch hat sich gestern die Terminkollision wunderbarerweise geklärt: einer der beiden konnte auf den nächsten Vormittag verschoben werden. Ist nur noch ganz leicht unbequem, weil das genau der Vormittag unseres All Hands ist und ich den normalerweise gerne im Büro verbringe. Aber das ist auch schon alles, was geblieben ist.

Hab jetzt grad vier Vorträge im Kopf: die Ausschreibung, die Vorstellung, das All Hands und die Konferenz. Alles im November. Drei davon nächste Woche. Hab einen neuen Leitgedanken, um mein Ego bei diesem Thema in den Griff zu kriegen. Erzähle ja oft mit Begeisterung von Dingen, Themen oder Gedanken, die mich faszinieren. Dann hab ich ja schon mitgekriegt, dass Geschichten oder Gleichnisse erzählen auch ganz gut funktioniert. Nun geht es für mich darum, heraus zu kriegen, was oder wie ich den Zuhörern und Zuschauern am besten helfen kann. Das soll meine neue Intention sein: wie kann ich hilfreich sein?

Die Intention, die Ursache, das Warum unseren Handelns macht für mich den Unterschied aus. Gleiche Aktionen, Worte, Handlungen, ja sogar die gleiche Ergebnisse dieser Handlungen haben für mich eine fundamentale andere Qualität, wenn die Intention nicht aus unserem Ego, also nicht verlangend, gierend oder aus Schmerz, Angst oder Ignoranz stammt, sondern wenn die Intention positiv, freundlich, hilfsbereit, selbstlos ist. Diese Erkenntnis möchte ich mehr in meinen Alltag integrieren, für mich selbst.

Nicht für andere. Ich sehe und werte oft die Intention anderer! Das muss ich schleunigst lassen, denn was weiss ich denn schon darüber? Nichts! Bilde mir ein, die Intention zu sehen, zu erahnen oder zu kennen. Bullshit!

Oh, das kam jetzt aber deutlich. Lass das mal so stehen und etwas sacken und geh jetzt mal in Ruhe frühstücken.

Wünsch Euch einen freundlichen Freitag!

Tag 984

Istanbul, 7:30

Heute Nacht von James Altucher und Gaby geträumt. Energisch aufgewacht und von zwei wunderbaren Artikeln (danke Tony:) begrüsst worden. Die muss ich hier einfach gleich verlinken und kurz erklären.

Im ersten Artikel von Ryan Ferguson, geht es um unsere Gewohnheiten und warum und wie schwer es manchmal ist, sie zu ändern. Ein Thema, das auch mich schon lange begleitet. Wir haben schon immer alle Informationen, alles Notwendige, um bestimmte Ziele zu erreichen. Aber wir schaffen es zu oft nicht. Einmal liegt das an unseren überhöhten Erwartungen selbst. Aber andererseits auch daran, dass wir den unangenehmen Gefühlen ausweichen wollen. Die Zirkel, in die das führen kann und die der Autor beschreibt, kenne auch ich nur zu gut.

Im zweiten, dazu schön passenden Artikel von Jason Fried, geht es um Konsum, unsere Art irgend etwas (Zucker, News, Arbeit, Geschäftkigeit) zu konsumieren und abhängig davon zu sein. Wenn man es schafft, auf die ein oder andere Droge eine Zeit lang zu verzichten, merkt man erst, was da in seinem eigenen Leben bisher los war. Erinnert mich an Luis CKs Stück, in dem er erzählt, dass er niemals Drogen nimmt, denn wenn er dann mal welche nimmt, machen sie soooo viel mehr Spass, ansonsten hat er doch einfach nur ein weiteres Problem in seinem Leben.

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Arbeite gleich an meiner Now Liste. Habe das vor einer Weile schon mal gemacht, einfach aufzuschreiben, was grad wichtig ist, was ich grad erreichen, erledigt haben möchte. Die Liste liegt schon fertig in meiner Kladde und passt gut hier her oder woanders hin, auf jeden Fall möchte ich sie elektronisieren.

Gestern kam trotz Ausschreibung und Vorstellungsrunde und dem Auftragsexcel und den anderen Themen ein Vortrag in drei Wochen wieder hoch, den ich noch nicht fertig vorbereitet habe. Als ich aber heute morgen aufgestanden bin, die beiden Artikel gelesen hatte, habe ich mich gefragt, ob es wirklich jetzt, heute wieder wichtig ist, diesen Vortrag vorzubereiten, oder ob es nicht andere Dinge gibt, die dran sind.

Die Aufregung des öffentlichen Auftritts, diese Gefühle ziehen mich weg von Themen, die jetzt dran sind. Sie lassen mich schon schaudern, vor der eventuellen Blamage, es ist die Vorfreude auf das Lampenfieber, auf das Adrenalin. Und damit überdecke ich die beiden Termine nächste Woche, damit entziehe ich mich hier diesem Moment.

Dazu gibt es noch einen dritten Artikel von Gunnar Sohn über Wolf Lotter vo der BrandEins, der mich erinnerte, wie auch ich, wie wir mit unseren Computern umgehen. Das Umfeld des Vortrages spricht nicht für ihn, aber ein paar Gedanken finde ich trotzdem sehr sehr spannend. Habe bemerkt, dass ich in meiner verhunzten, übervollen Keynote letztes Frühjahr, versucht habe, genau darüber zu sprechen.

Es geht um die Rückkehr zur Konzentration, sagt Wolf Lotter dabei. Computer sollen uns die Zeit frei machen, damit wir wieder geistig arbeiten können und uns nicht beschäftigen. 

Alo, wünsch Euch einen konzentrierten Tag voller Denken ohne Ablenkung!

 

Tag 983

Istanbul, 7:08

Heute Nacht bin ich nochmal umgezogen. Nach einem sehr intensiven Workshop in der Firma, den ich unbeendet lassen musste, wohnten wir plötzlich im Zentrum von Leipzig. Die Wohnung war schön, bis ich vor die Tür trat. Über mir, eine riesige 747 im Landeanflug, ein Puff gleich rechts, die Strasse voller schräger Leute. Aber ein schöner Fluss schimmerte durch Bäume und die Schule lag gleich am Flughafenzaun. Es fühlte sich alles an wie ein schrecklicher Alptraum.

Die aktuelle Ausschreibung und unseren kürzlichen Umzug nach Berlin finde ich in diesem Traum wieder. War auch gestern schon sehr dünnhäutig, übersensibel. Entsprechend anstrengend ist grad der Umgang mit mir.

Dieses Zurückfinden in den Moment, dieses Sehen von scheinbaren Ursachen und Wirkungen, von Wurzel und Frucht, hat manchmal unangenehme Nebenwirkungen. Nämlich dann, wenn ich in Moll bin. Und warum fällt mir grade jetzt Kernkraft dazu ein? Aber nur weiter rein und nicht raus, noch eine Stufe tiefer, noch eine Schicht weg. Und dabei alles los lassen. Nicht hängen bleiben. Es sehen und durchziehen lassen. So verführerisch die dunkle Seite auch zu sein scheint, sie kennt kein Glück.

Auf einer Fahrt zur Uni gestern sind wir an der Medine Mescidi Moschee vorbei gekommen. Gestern habe ich sie mit Aleyna zusammen besichtigt. Nur zwei ältere Herren passten auf, liessen uns rein, und uns in Ruhe. Wir schauten, bewunderten die Details und haben sogar zusammen für fünf Minuten auf dem Teppich meditiert. Als die vorbei waren, schob sich die Sonne durch die Wolken und schien mit genau in die Augen.

Nach der Sancaklar Moschee, die mich an Japan und Zen erinnerte, meine zweite modern gestaltete Moschee. Und dies mal hatte ich die ganze Zeit jüdische Assoziationen, als ob dem Architekten der Davidsstern als Inspiration diente?

Eine Terminkollision beschäftigt mich sehr und induziert, verstärkt, kanalisiert, potenziert meine Unruhe. Erinnere mich an diesen Text von Petra Schulte, der mich zum damaligen Zeitpunkt sogar fast Rat geben ließ. Ich will wieder in diesen Zustand zurück, möchte wieder Vertrauen finden, dass alles gut ist, wie es ist, alles gut wird, wie es wird. Diese heutige Unruhe und Rastlosigkeit, fast Verzweiflung, die Angst vor Kontrollverlust, die darin begründet liegt, nicht alle Beteiligten zufrieden stellen zu können.

Das auszuhalten, fällt mir sehr schwer.

Und dann, genau in diesem Moment des Nachfühlens leuchtet mich der Sonnenaufgang vor dem Fenster an, malt Farben und Kontraste in den Himmel.

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Wir können dem Leben nicht unseren Willen aufzuwingen. Wir können es nur annehmen, es auskosten, die Höhen und die Tiefen. Beide gehören zusammen. Beide sind gleich schön, gleich hässlich. Auf unsere Wertung kommt es nicht an!

Wünsche Euch, ganz ruhig, einen Mittwoch voller Vertrauen.

Glücksdeterminismus

Istanbul, 7:54, Tag 982

Heute Nacht wieder mal wild geträumt, zeitig wach, nicht so zeitig aufgestanden. Hab immer die zwei Stunden Zeitverschiebung im Kopf, die uns nächste Woche sehr zeitig wach sein lassen werden.

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So, das Highlight gestern war sicherlich meine „Reparatur“ der Waschmaschine am Abend. Ich hatte den neuen Einkauf gewaschen und geschockt festgestellt, dass Aleynas Teppich, den unsere Putzfrau gewaschen hatte, richtig viele kleine Schaumstoffstreifchen hinterlassen hatte, die die Wäsche eingesaut und den Flusensieb verstopft hatten. Nur, dass das Flusensieb unserer türkischen Maschine hinter zwei Blechen mit einer Dichtung gesichtert, kurz vor der Pumpe, am hinteren unteren Teil des Gerätes, lag.

Normalerweise bin ich nicht mehr so der Handwerker. Es gibt viele Menschen, die das einfach viel besser können und deren Job es ist, so was zu machen. Bei Haushaltsgeräten bin ich aber vorsichtig, da die Diagnose immense Möglichkeiten bietet. Von Totalschaden bis zum Austausch ganzer Baugruppen, statt des mühevollen, ersatzteilosen Rumbastelns am Schlauch mit Sieb.

Wir waren Mittags mit Freunden Essen, sehr schöner Austausch, angenehme Stimmung. Ist nicht immer so, eben weil wir uns schon so lange kennen. Aber diesmal war es wirklich ein richtig schönes Wiedersehen.

Am Nachmittag habe ich mich dann unserem Auftragsexel gewidmet. Noch habe ich keinen Durchbruch erzielt, gestern Abend scheint alles auf eine Datenbank hinauszulaufen. Das lag aber auch an einem vermaledeiten Absturz nach knapp einer Stunde Flow ohne Zwischenspeichern.

Die Tage hier kommen mir wie ein Abschied vor. Ein Abschied vom Istanbul der letzten fünf Jahre. Wir sind in dem gleichen Apartment, haben nichts besonderes vor. Als ich vorhin die Schulkinder halb Acht vor dem Haus sah, habe ich mich auch erinnert, dass es noch gar nicht so lang her ist, dass ich genau in diesem Moment die Kleine hätte runter bringen dürfen.

Ein letztes noch: das worauf wir uns fokussieren, was wir in unsere Gedanken lassen, das bestimmt unsere Gefühle und unser Handeln. Die Umgebung reagiert entsprechend und spiegelt unsere positiven oder unsere negativen Gedanken, bestärkt, verstärkt uns in unserer jeweiligen Sicht.

Nur dass wir den Ausgangspunkt: also unsere Intention bei allem ergründen und beeinflussen können. Das heisst für mich am Leben, ein Mensch zu sein. Also, selbstbestimmt sein. Das hat jetzt irgendwas mit Determinismus zu tun, den ich doof finde. Was genau, weiss ich nicht, googelt es bitte selbst.

Aber es geht um diesen kurzen Moment nach dem Ausatmen.

Wenn man sich darauf mal konzentriert, dann kann man den wirklich kurzen Moment finden, in dem man von ganz allein, ohne Entscheidung, ohne Willen, Wollen, Möchten, ohne Denken, Fühlen, wieder Einatmen will.

Dieser Impuls ist für mich das Determinierte an mir! Das ist Ausdruck meines am Lebens sein. Aber ich kann mit meinem Willen, den Zeitpunkt des Einatmens, der Tiefe, der Intensität, der Dauer klar selbst bestimmen. Nur den Impuls selbst, den kann ich nicht kontrollieren.

So ist es für mich auch mit vielen Gedanken, die ich denke. Deren Erscheinen in meinem Bewusstsein, kann ich nicht kontrollieren. Es ist Ausdruck meines am Lebens sein. Aber wie ich mit dem Gedanken umgehe, ob ich ihn stärker mache, ihn bewusst denke, ob ich ihn kaum bemerke, wie wir oft unseren Atem kaum bemerken, ob ich ihn anhalte und die Spannung aushalte, die mein Nichtatmen, mein Nichtdenken verursacht, ob ich ihn mit Muskelkraft unterstütze und zu einem tiefen Gedanken werden lassen, das alles liegt in meiner Hand.

Als ich heute morgen aufwachte, ist mir genau das wieder mal klar geworden. Ich habe jetzt hier grad versucht, ein paar wenige Sekunden eines Gedankengefühlsgemisches fest zu halten, zu erklären und für mich stärker zu machen.

Ich glaube, es geht um die Fähigkeit, uns zum Glücklich entscheiden zu können. Weil das zu unserem am Leben sein dazu gehört.

Wünsch Euch einen aufmerksamen Dienstag!

Der Bosporus hat uns zurück!

Istanbul, 8:22, Tag 981

Heute Nacht spät eingeschlafen, dann wild geträumt, hab die Erde vom Weltall aus gesehen und hab versucht, die Regeln einer Schule einzuhalten, es misslang.

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Der Morgen ist unerwartet klar. Die Türken haben mal kurzerhand die Winterzeit um zwei Wochen nach hinten verschoben, vermutlich wegen der Wahlen und aus Patriotismus. Deshalb ist mein 8:24 hier, ein 6:24 zu Hause in Berlin.

Gestern war ein schöner Tag! Ein Frühstück bei den Schwiegereltern, dann ein Besuch bei Godiva, Kaffee und Schokolade, mhhh! Gleich anschliessend der kurze, schnelle Einkauf, wie ich ihn liebe, für ein paar Wintersachen. Der am Samstag ausgefallene Besuch im Hammam konnte nachgeholt werden: Entspannung und Belohnung pur. Ein Taxi fuhr uns danach an den Bosporus. Wir assen Fisch und spazierten verdauend zwei Stunden lang in schönem Herbstwetter am Ufer bis zur zweiten Brücke. Da war es schon um 6 und wir haben den Abend ruhig ausklingen lassen.

Wünsch Euch nun hoffentlich auch gut erholt einen schönen Start in die neue Woche!

Boşver – Gib leer

Istanbul, 8:19, Tag 980

Heute Nacht wieder gut geschlafen. Schon witzig, wie mein Körper den Stress verarbeitet. Hatte es gar nicht so anstrengend empfunden, hab schon mehr gelitten vor Abgabeterminen oder Vorträgen, als dieses mal. So dachte ich zumindest.

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Hab heute morgen meine Achtsamkeit verflucht.

Auf der Suche nach diesem Artikel, der im August, als ich ihn fand viel lustiger war, als heute, fiel mir boşver ins Auge, und zwar in diesem schönen Artikel hier, der heute noch genau so schön ist, wie an dem Tag, als ich ihn das  erste mal fand.

Also, es gibt jeden Tag tausend Dinge, die wir tun, die nicht ok sind. Wären wir achtsam, würden wir bemerken was wir da wirklich machen, und es lassen. Meistens sind wir das ja nicht, also juckt es uns auch nicht. So meckern wir, so fluchen wir, so essen wir zu fett, trinken zu wenig oder zu viel oder das falsche, wir rauchen, sitzen zu viel, schauen doofe Serien, sinnlose Zeitungen, lesen im Web irgendwelchen Quatsch. Alles ganz normal.

Wenn man nun aber anfängt zu meditieren und das eine Weile macht, passiert folgendes: man merkt immer mehr und immer mehr, was man da eigentlich den ganzen Tag lang tut. Und weil man jetzt aber nun mal unbedingt Facebook checken will, fängt man an, sich dabei schlecht zu fühlen. Vielleicht weil man merkt, dass man es aus Langeweile startet, oder weil man keinen Bock auf die eigentliche Aufgabe hat und es nicht aushält.

Statt Facebook setzt einfach Eurer aktuelles Laster ein, welches ihr grad los werden wollt.

Da fallen mir ein paar Ratschläge ein, die ich alle schon erhalten habe: denk nicht so viel nach, leb doch einfach dein Leben, hab doch Spass dabei, wenn man schon Mist macht, dann mach es wenigstens mit Stil.

Tja, und deshalb auch boşver. Das hört man in der Türkei relativ häufig, es wird meist im Sinne von macht nix, geht schon, alles ok, ach egal. Verwendet. Nun bin ich kein Linguist, aber boş heisst leer oder nichts und ver(mek) heisst geben. Und da wird das türkisch wieder mal sehr schön für mich, und ich bereue, dass ich es in den letzten zehn Jahren nicht systematisch gelernt habe.

Also, Achtsamkeit funktioniert nur zusammen mit Loslassen, sonst dreh man durch.

Und nun wünsche ich ganz achtsam, einen grossartigen Sonntag voller Sünde!

Rückkehr

Istanbul, 14:17, Tag 979

Gestern Abend hat mich hier in Istanbul ein richtiger Platzregen begrüßt. Dazu kam ein Mörderstau, der den Taxifahrer dazu brachte, mich an der U-Bahn auszusetzen. Kam spät pitschnass zu Hause an.

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Die Nacht konnte ich nicht schlafen, scheinbar hat ein Virus drauf gewartet, dass wir das Angebot abgegeben haben, ehe er meinen Körper übernahm. Fühlt sich komisch an hier. Fünf Jahre war das mein zu Hause, hier nun nur für eine Woche her zu kommen, in die gleiche Wohnung, mit den gleichen Nachbarn.

Morgen wird sicher schon wieder besser sein, der Regen wird aufhören, der Virus wird bekämpft sein. Wünsch Euch einen schönen Restsamstag!

Abgabetag

Berlin, 8:48, Tag 978

Habe trotzdem gut geschlafen. Nur mache ich hier heute eine Pause.

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Wünsch Euch einen schönen Freitag.

Schreibtischzeit

Berlin, 7:55, Tag 977

Heute Nacht wieder lang und traumreich geschlafen. Vorhin wieder Doppelmeditation, diesmal tat der Rücken weh und die Augen waren müde.

Dafür hat sich schon ganz zeitig ein schöner Sonnenaufgang angekündigt.

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Mit der Ausschreibung liegen wir in den letzten Zügen, sieht gut aus, trotz wiederkehrender leichter Panikanfälle. Da hilft nur los lassen und selbst bewusst sein. Genau so versuche ich, die steigende Spannung anzugehen. Wenn ich in Ärger-, Angst- oder Trauerstarre verfalle, nehme ich mir den Spass und auch die Kreativität.

Habe einen Schreibtischtimer reaktiviert, mit dessen Hilfe ich mich in max 55min Blöcken bestimmten Themen widme. So lange der Timer läuft, darf ich nichts anderes machen, ausser in dem Thema bleiben. Er hilft mir dabei, zu sehen, wie viel Zeit ich schon investiert habe. Und gleichzeitig gibt er mir etwas Zutrauen, dass ich nach dem Ablauf des Timers eine Pause habe, in der ich all die Dinge machen kann, zu denen es mich hin zieht, wenn es schwierig wird.

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Den Timer habe ich schon sehr lange, Tony hat ihn mir schon vor einem Jahr mal mitgebracht. Nun erst ist es soweit, dass ich auch selbst und allein benutzen kann, um mich selbst über durch die Täler zu führen, durch die unweigerlich der Weg führt.

Die Alternative war bisher immer, mit anderen zusammen zu arbeiten, ein Meeting zu machen, eine persönliche Abstimmung. Aber wenn man dann mit seinen Aufgaben zurück am Schreibtisch ist, ist die Versuchung doch wieder sehr gross, sich ablenken zu lassen. Es geht darum, die Unruhe und das Nichtwissen auszuhalten, drin zu bleiben in der Aufgabe, nicht unendlich, nur ein paar Minuten, noch ein paar Minuten.

Vor allem, wenn nicht nur etwas abzuarbeiten ist, wenn es nicht darum geht, anderen zu helfen oder sie mit wasauchimmer zu versorgen. Wenn es darum geht, selbst zu machen, selbst etwas zu erzeugen, fertig zu stellen, etwas noch nicht da gewesenes, etwas neues. Nicht Sand schippen, sondern das Haus bauen, dessen Plan einem im Kopf rum schwebt.

So, der Wecker hat geklingelt. Ich verabschiede mich.

Wünsch Euch einen gut getimten Tag!