Tag 998

Berlin, 8:38

Heute Nacht sehr unruhig geschlafen, mit schweren Gedanken relativ spät aufgewacht. Die Meditation hat mich wieder etwas beruhigt und mich mit mir verbunden.

Hier zwei ganz passende Bilder vom gestrigen Heimflug. Einmal die Küste, die mich mit ihrem klaren Wasser fast erschreckt hat. Und dann zwischen den Wolken, schon im Sinkflug kurz vor Berlin.

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Bin grad auf der Suche nach mir. Wenn ich etwas näher hinschaue, sehe ich fast nur Gedanken von und über andere, im Aussen. Tief drinnen unter all den Schichten finde ich mich, manchmal, sehr selten. Ahnungen nur.

Zwei Blogpost beschäftigen mich dazu, einmal Money, gift and imaginal cells und dann dear men…. dazu fällt mir auch sofort wieder Bernie Glassmans Buch: Instructions to the cook ein, der sich ebenfalls genau damit beschäftigt hat. Vor allem mit dem ersten Thema, der Schwierigkeit in dieser Welt für seinen Lebensunterhalt sorgen zu können und die Kompromisse und Zwänge, die daraus entstehen.

Wenn wir annehmen könnten, was ist; wenn wir das Entstehen dieser Unterscheidungen und Wertungen einfach nur beobachten könnten; wenn wir es aushalten könnten, wie schwach wir sind, wie schwer es manchmal scheint, wenn wir unser Ego, welches uns erzählt, was gut oder schlecht für uns ist, aushalten würden. Und wenn wir dann liebevoll, freundlich dem Moment und Umfeld angemessen handeln würden, dann wäre alle gut!

Aber ein weiterer Grundsatz im Zen ist, dass immer alles schon vorhanden ist! Es ist immer alles schon da, was wir brauchen. Wir können es nicht sehen, weil wir in unserer eigenen Realität, in unseren Vorstellungen von Realität gefangen sind. Dies ist, weil das ist. Alles hängt immer mit allem zusammen. Und alles ist perfekt, wie es ist. Wir können es nur nicht sehen.

Zurück zu Filiz: in einem Post sieht sie die Männer der Welt und erzählt, wie sich diese Sicht verändert hat. Sehr persönlich, sehr berührend.

Aber was passierte in mir ein paar Tage später, heute morgen? Ich lese den Artikel und ersetze Men mit Women. Ich fühle die gleiche Geschichte in mir entstehen, nur aus meiner männlichen Perspektive, den gleichen Ärger auf Frauen, das gleiche Ausschliessen, das gleiche Herunterschauen, verantwortlich machen für meine Sorgen, Probleme, Nöte in meinem Leben. Es ist so einfach und schwer zugleich, durch die Zuschreibung eines Labels, einer Kategorie, einer Vorstellung eine Trennung zwischen mir und denen zu erzeugen. Aber was wirklich passiert ist, dass wir durch diese Unterscheidungen nicht mehr Liebe, sondern oft mehr Leid und Schmerz erzeugen. Und das in bester Absicht, mit echter positiver Intention!

Zurück zu Filiz: in einem anderen Post, eigentlich dreien, erzählt sie von ihren Schwierigkeiten ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wie es sie einschränkt, wie es sie hindert und beschäftigt. Und sie zeigt mit Texten von anderen (Charles Eisenstein, Nick Jankel) die Ursachen und mögliche Auswege. Ein eindringlicher Appell, zumindest für mich. Ich spüre, dass ich helfen könnte, sollte, wollte. Und viele der Ideen in dem Artikel finde ich inspirierend auch für meine Arbeit, für meine Firma.

Aber was passierte in mir ein paar Tage später, heute morgen? Als Eigentümer und Manager einer Hundertmannfirma, habe ich das mit dem Lebensunterhalt irgendwie, offensichtlich, anscheinend gelöst. Sicher habe auch ich Existenzängste, erkenne die Abhängigkeiten, erstrebe Freiheit, sehe den Preis den meine Kollegen, meine Familie und ich zu zahlen haben, um unseren Lebensunterhalt weiter so zu verdienen, und die Firma am Laufen zu halten und weiter zu entwickeln.

Manchmal träume ich davon, den ganzen Tag im Cafe zu sitzen, mich selbst Autor oder Blogger zu nennen und von diesem Geschreibsel hier leben zu können. Ja, manchmal träume ich davon, die Schönheit der Welt mit meiner Kamera in der Hand oder am Kopter einzufangen und davon leben zu können. Manchmal möchte in einem Labor an coolen Ideen arbeiten können, ohne mich um deren Verwertung und Vermarktung kümmern zu müssen.

Ich weiss sogar, wie das ginge. Aber ich bin nicht bereit zu tauschen. Ich möchte meine Leidenschaften nicht professionalisieren oder härter formuliert prostituieren. Es würde sie verändern. Es wäre kaum möglich, frei zu schreiben und zu knipsen. Sicher in einer idealen Welt funktioniert das, mein Geschenk an einzelne oder eine Gemeinschaft sollte doch einen Wert haben und entlohnt werden können: The process of liquidating social and natural capital is called “development.

Vorgestern in der Keynote sprach Brigitte Andersen auch von unterentwickelten Märkten, genau wie Charles Eisenstein, allerdings bezog sie sich fast ausschliesslich auf den Markt für geistiges Eigentum, für IP/Intellectual Property. Sie argumentierte schlüssig, fesselnd und begeistert, dass es heute für den Handel von geistigem Eigentum keinen wirklichen Markt gibt,  dass der Handel mit Patenten zum Beispiel so extrem aufwendig ist, den Einsatz Anwälten und persönlichen Verhandlungen erfordert, dass eine Bewertung und damit Verwertung dieses geistigen Eigentums heute kaum möglich ist. Sie ruft dazu auf, einen Marktplatz zu schaffen, Patente zu standardisieren und zu einfach handelbaren Gütern zu entwickeln und damit der Branche der Patent Informations Experten einen Ausweg, eine Zukunft zu weisen.

Sie nennt das geistige Eigentum, die geistigen Güter das Intangible Gold unserer Zeit. Ihr erstes Ziel für Europa bis 2025 ist es: Democratise access to knowledge, ideas and creativity. Put all of Europe’s private and university IP on one go-to global market place. Dem ersten Satz stimme ich voll zu, den zweiten Satz würde ich noch gerne im Hinblick auf Filiz viel weiter fassen.

Und dann mir fällt auf, dass Brigitte Andersens intangible Gold doch genau die imgaginal Cells sind, von denen Filiz Telek spricht.

Und diese Verbindung, die ich hier herstelle zwischen zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, das bin ich. Nur das! Nicht mehr und nicht weniger. Und hier reflektiere ich nur die Gedanken anderer. Überlege, welche Meinung, welche Gedanken die meinen allein sind und werde nicht fündig. Einige Gedanken ziehen mich mehr an, andere stossen mich mehr ab.

Die Verbindung zu sehen, das ist ein Zeichen, das Zeichen von mir selbst.

Wünsch Euch nachdenklich einen schönen Tag!

One thought on “Tag 998

  1. … die Schwierigkeiten, den Lebensunterhalt zu verdienen… vielleicht, weil das, was früher „Arbeit“ genannt wurde, jetzt ein „Job“ ist, der sich überall hineindrängelt, der nicht einfach schnöde zum Gelderwerb dient, sondern mehr sein soll, Identifikation, Verwirklichung, Selbsterfüllung. Da gibt es keine Zeit für Muße, sondern selbst diese dient wieder zu etwas, ebenso wie die Beziehung zu Menschen. Überall steht ein „um zu“ dahinter…

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