Istanbul, Tag 1123

Heute Morgen ruhig ausgeschlafen, mit vielen Träumen zwar, aber trotzdem ganz angenehm. Die Morgenmeditation war konzentrierter. Erinnerungen.

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Die Stimmung hier nach dem Anschlag gestern auf der Istiklal ist angespannt. Die Strassen sind leer, kein Stau, viele bleiben einfach zu Hause oder besuchen sich. So wie wir nur zu Freunden zum zweiten Frühstück sind und vorher beim Opa zum ersten Frühstück waren. Die Bilder im Fernsehen von Istiklal zeigen nur ein paar Menschen, die unterwegs sind. An der Anschlagsstelle, die von der Polizei wieder freigegeben wurde, treffen sich die Journalisten, um Live zu erzählen. Im Hintergrund Blumen, Türkeifahnen und ein paar kleine Löcher in der Wand. Mehr ist nicht geblieben.

Grad eben machte hier ein Video des Attentäters die  Runde: kurz vor, während und kurz nach dem Moment der Explosion. Ich war geschockt. Celal, mit dem wir hier frühstücken, hat ein Restaurant überm Goethe Institut an der Istiklal. Er ist zehn Minuten vor der Explosion an genau der Stelle vorbeigelaufen.

Wir waren schon am Flughafen, als wir die Nachricht bekamen. Haben kurz überlegt, ob wir in Berlin bleiben. Quatsch. Die gewinnen nicht. Wir bleiben nicht aus Angst zu Hause! Es gibt hier 17 Millionen Menschen. Zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, hat die gleiche Wahrscheinlichkeit wie ein Lottogewinn. 17 Millionen zu 5.

Mein Beileid und mein Mitgefühl den Opfern dieser verrückten, verzweifelten Tat. Es ist furchtbar, so zu sterben. So sinnlos. Es ist die Folge einer Politik der Eskalation, der Unterscheidung und der Trennung: wir gegen die. Keine Versöhnung, kein Verbinden, kein Verzeihen, kein Kompromiss, kein Versuch, die Gräben zu überwinden. Immer nur Bedingungen. Immer nur müssen erst die anderen irgend etwas tun.

Es ist wie in meinem eigenen Leben eine Entscheidung nötig. Eine Entscheidung für das Gute in uns. Eine Entscheidung, diesen Konflikt nun endlich beenden zu wollen. Von ganzem Herzen. Eine Entscheidung, das zu sehen, zu stärken und zu betonen, das uns verbindet und eben nicht dem, was uns trennt und unterscheidet, unsere Aufmerksamkeit zu schenken. Ich fürchte, dass zu viele Menschen zu abgestumpft, zu verletzt, zu sehr mit der Angst leben, um das zu tun.

Und ja, es fällt auch mir nicht leicht, meine Angst, meine Trauer, vergangene Verletzungen und der erinnerte Schmerz, meine Gedanken bestimmen zu lassen. Es fällt mir nicht leicht, mich nicht abzulenken, zu unterhalten, mich zu dämpfen, es auszuhalten. Ich verstehe das. Mein Ausweg, mein Weg ist wirklich nur der Vorsatz am Morgen, kurz nach dem Aufstehen. Der Vorsatz, es heute wieder zu versuchen: aufrichtig und freundlich zu sein. Zu mir selbst und zu anderen.

 

Verfasst von Herr Krueger

vater · ehemann · mitgründer der moving targets consulting gmbh · services, development und support · zazen · fotografie

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