Über die Reziproziätsfunktion von Automatons

Ich bin faul. Gehe nicht mehr raus für meine Sonnenaufgänge. Fühlt sich an, als ob das eine Ewigkeit her ist. Ist bestimmt gar nicht so lang.

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Heute Morgen leuchtet es mich wieder an, als ich meine Morgenroutine startete. Ein kurzer Blick von der Terrasse, der leider nicht unverstellt ist, bestätigte die Wahrnehmung.

Und eben das hier. Ein superhelles Leuchten neben mir am Küchentisch.

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Kommt nicht richtig rüber. Aber der Kirchturm leuchtet richtig, richtig hell. Wie eine gigantische Kerze.

Fühlt sich wieder komisch an. Hab ich jahrelang schon gemacht. Trotzdem kriecht eine kleine Sorge in mein Zwerchfell. Gut! Da kommt mir eine kurze Episode von gestern Abend  in den Sinn. Die passt hier ganz gut.

Also, irgendwann vor zwei Wochen bekomme ich einen Brief von einem Anbieter von Weiterbildungen für Führungskräfte. Sehr freundlich, professionell. Ich krieg den nur auf den Tisch, weil ein kleiner Kasten aus Holz dabei liegt, in dem sich erkennbar durch ein kleines Fenster, eine Dollarnote befindet.

Im Brief steht, der Dollar sei echt und dies sei eine Rätselbox. Ich sollte doch meine Führungskräfte auf ihre Schulungen schicken, dann würde ich das Rätsel des Geld verdienens lösen könne, oder so ähnlich. Es ging bestimmt auch um versteckte Potentiale. Eigentlich egal. Ich legte die Box an die Kaffeemaschine. Wir waren mehrmals kurz davor, den Werkzeugkoffer zu holen, aber übten uns dann doch in Geduld.

Na jedenfalls überfiel uns gestern jemand am Telefon und wollte unbedingt mich persönlich sprechen. Meine Teamassistentin reichte mir schon das Telefon durch das leer geräumte Büro (ihr erinnert Euch: Überschwemmung) und sagte mir einen Namen, den ich aber gar nicht kannte. Also lehnte ich ab. Die Überfallerin schrieb daraufhin wieder ganz professionell eine Mail, dass sie mich unbedingt wegen dem Schreiben sprechen müsse. Woraufhin sie eine freundliche Absage mit einem Verweis auf unsere Personalverantwortliche bekam. Mal schauen, wie es weiter geht. Soweit zum Kontext.

Nun zum Link zu meinem Blog. Ich schrieb gestern noch meinem Team, dass es doch ganz einfach sei, an ihnen vorbei an mich ran zu kommen. Man müsste sich nur ein wenig Mühe geben und würde relativ schnell bei meinem Blog landen. Hier könne man alles finden, um mit mir persönlich sprechen zu können.

Vorhin überlegt ich aber, ob es nicht usus, gelebte Praxis, höflich, o.s.ä. sei, den Vertriebsaufwand des Dienstleisters durch eine persönliche Kommunikation zu honorieren? Vermutlich funktioniert das wirklich erstaunlich oft. Eben weil es so ist, dass es eben üblich ist, wenn man eine halbwegs aufwendige Massenmail bekommt, doch zu antworten und persönlich abzusagen. Ignoranz ist doch schlimmste.

Grade denke ich an obdachlose Bettler, die wir auch allzuoft ignorieren, selbst wenn sie einen Heidenaufwand treiben, um unsere Aufmerksamkeit und Spende zu erhalten.

Dieses in uns Menschen eingebaute Prinzip der Reziprozität, ich schenke jemandem mein Lied, meinen Brief, meine Rätselbox und bringe ihn damit in eine Antwortschuld.

Facebook macht das ja auch mit seinen Videos: schau, unsere Programmierer haben sich echt Mühe gebeben, aus Deinen Schrottfotos ein tolles Video zusammen zu schneiden, mit Grafiken zu illustrieren und gar mit Musik zu unterlegen, jetzt share das doch bitte auch in Deinem Newsfeed. Ohahh, da werd ich grad aggressiv!

Nochmal, es funktioniert ja wirklich gut! Viele, viele sharen, klicken, spenden oder antworten und so entstehen dann sicherlich wirklich manch neue Beziehungen zwischen uns Menschen. Zumindest, interagieren wir miteinander auf dieser Basis.

In unserer industrialisierten Welt ist das vermutlich auch der Normalzustand der Interaktion zwischen Menschen. Aber ich denke grade, dass wir so zu Dingen auf dem Fliessband unseres Lebens werden, eher zu Automatons. Und wenn ich das bin, dann brauche ich tatsächlich eine Schulung!

Zurück zum Anfang! Wenn sich jemand wirklich Mühe gibt, ein Teil seiner Intention und seiner Motivation aus echtem Interesse an meiner Person besteht, dann kommt er immer an mich ran. Das ist ein erschreckender Gedanke. Aber er beschreibt einfach nur eine Lebensrealität. Selbst ein Zeugenschutzprogramm gibt keine absolute Sicherheit. Wir können uns nicht einigeln, verstecken und hoffen, dass uns nichts passiert. Solch ein Leben möchte ich nicht führen.

Wir können nur raus gehen und unser Leben leben. Und wir können uns nur jeden Moment neu entscheiden, ob wir aus Angst vor dem oder aus Freude über das Leben heraus handeln? Jeder auf seine Weise.

Die einen, in dem sie mir Briefe schicken und anrufen, weil sie davon überzeugt sind, dass mir ihre Dienstleistung fehlt und mir helfen, mich besser machen würde.

Die anderen, in dem sie die Briefe lesen und ablegen, weil sie die bewusste Entscheidung treffen, dass das Thema grad jetzt nicht dran ist.

Sollten wir der Mühe anderer, immer mit eigener Mühe begegnen? Hat das etwas mit Respekt und Wertschätzung zu tun? Sollten wir nicht werten? Nicht wissen!

Sondern sollten wir nicht für uns entscheiden, einfach weiter unserer Intuition zu folgen, für andere da zu sein, anderen zu helfen und dabei einfach unser Leben voll zu leben? Wie wird man dabei nicht verrückt?

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