Tagebuch Teil I

Berlin, 6:31, Tag 771

Heute Nacht bin ich auf Zypern über die Grenze gelaufen, habe mich an einen spiegelglatten See gesetzt und die Reste eines Formel 1 Rennens hier betrachtet. In dem spigelglatten See gab es Inseln, auf denen Urlaub gemacht wurde. An dieses starke Bild erinnere ich mich, das habe ich schon einmal geträumt. Zuvor habe ich einen ehemaligen Kollegen auf dem Rücken am Morgen aus einer Kneipe getragen, bin gestolpert, er hat sich den Fuss verstaucht und gejammert… bin müde, nach langem Schlaf, vom Wecker geweckt worden.

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Wünsche einen schönen, schlanken Tag!

Berlin, 6:13, Tag 770

Heute Nacht hab ich von einem Goldhändler geträumt, von dem ich zwei seiner besten Mitarbeiter abgeworben habe. Ich beobachtete mich bei den Verhandlungen, die ich in engen Strassen und grauen Wohnungen statt fanden. Unsicher, ob die beiden fachfremden Kollegen sich einarbeiten könnten und es funktionieren würde, wachte ich ausgeschlafen kurz vor dem Wecker auf…

Es gibt viele Gedanken, viel Bewegung, schneller Wechsel von Sonne, Wolken, Regen. Seit einigen Tagen sieht es in meinem Kopf so aus:

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Vorhin habe ich angefangen, meine Musik zu spielen. Ich suchte mir ein Instrument, schaute mir kurz den Zustand an und will gleich anfangen. Bei den ersten Tönen merke ich aber, dass etwas nicht stimmt. Mein Fokus liegt nicht auf der Melodie und dem Rhythmus, sondern nur allein beim Instrument. Oft denke ich dann, mit einer neuen Gitarre spielt es sich bestimmt von ganz allein und dann fange ich an, nach neuen Gitarren zu suchen.

Ich vergesse dabei vielleicht, dass ich nicht allein, sondern in einer Band spiele. Auch spielen wir ohne Dirigent und ohne Noten, so etwa wie Free Jazz. Es gibt aber in meinem Konzerthaus auch mehr als eine Free Jazz Bands in der ich mit spiele und die alle irgend versuchen, den Flow, den Groove zu finden. Zusammen klingt das nicht sehr gut, nah dran an Chaos.

Wenn ich mich konzentriere, kann ich ein paar phantastische Solisten erkennen, ein paar Melodien sind unglaublich schön, ab und zu setzt sich ein Rhythmus durch und alles spielt kurz im selben Takt, dann zerfällt es wieder.

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Vereinfachung, Entschlackung, Konzentration, Fokus scheint nun dran zu sein. Also doch erst Fokus auf das Lied und nicht das Instrument? Takt und Melodie reichen doch bestimmt. Oder sind vielleicht doch die Instrumente entscheidend Bestimmt beides zusammen?

Doch irgendwie glaube ich, es fängt doch alles mit der Frage an: Welches Lied wollen wir heute zusammen spielen?

 

Südharz, 9:09, Tag 769

Heute Nacht hab ich wenig und leicht geschlafen, so dass ich in meinen Traeumen wach war. Ein angenehm fliessender Zustand am Rande des Schlafes. Dann war ich, kurz vor 8, doch der Erste beim Frühstück…

Gestern habe ich mich den ganzen Tag grossartig unterhalten. Von früh an.

Die Einsamkeit bei der Fahrt, die Rührung der Zeremonie, die Gelöstheit beim Empfang, eine Rückkehr in den Wald, die Natur beim Spaziergang, dann Anregung der Sauna im Wechsel mit Entspannung bei Meditation im Ruheraum, der Genuss beim aufwendigst und geschickt zubereiteten Abendessen, das Aushalten der Stille, das Aushalten der Gespräche, der Schwälle an Nacherzähltem, Gehörtem und Gewolltem, die erleichterte Freude beim Austausch, durchsetzt von fast euphorischen Momenten, in denen sich Seelen erkennen durch die Schleier der Angst vorm Unbekannten und Unkontrollierbaren.

Und immer wieder diese unbändige, unschuldige, pure Freude am blossen Sein. Fühle grosse Dankbarkeit und Freude darüber, hier eingeladen und nun für immer ein Teil dieser tiefen Kerbe im Kalender zu sein.

Vorhin habe ich beim Frühstück bemerkt, dass das Hotel hier der Jagd- und Forstgesellschaft Stolberg/Harz mbH gehört, deren Chef -und jetzt kommt’s- Dr. Clemens Josef Karl Hanno Maria Kempski von Rakoszyn ist. Der auffällige Name hat mich eben kurz neugierig das Netz checken lassen. Auch hatte ich mich gestern schon über traditionell gekleidete und perfekt behundete Jäger hier gewundert. Viel gibts nicht über den Ritter: ein Welt Artikel über seine Hochzeit, ein bisschen hier und dann schon nicht mehr viel, selbst nicht in der Wikipedia. Irgendwie spannend!

Nun gut, hier gibt oben nur paar Bilder von des Ritters Forst rund um den Auerberg. Und damit wünsche ich Euch einen schönen Sonntag!

Noch Berlin, 6:53, Tag 768

Heute Nacht hab ich schön lange geschlafen, die einzige Szene meines Traumes, die ich retten konnte, spielte in einem kleinen Besprechungsraum, randvoll mit Menschen die alle auf mich warteten.

Eben bei der Morgenmeditation kamen meine Vorträge hoch. Ich habe die Struktur meines neuen Hauptvortrages vorbereitet: Open Patent Data, das Oxymoron. Geschichte, Status und Zukunft dieser beiden eher gegensätzlichen Bewegungen, aber auch die Gemeinsamkeiten, die gemeinsamen Wurzeln, die Bedingtheit, die Abhängigkeit der beiden Konzepte.

Traue ich mir erst mal nur aus technischer Sicht zu. Aber die ökonomische, die soziale und auch die politische Sicht ist sehr interessant.

Immer wenn ich bemerkte, was ich da während der Meditation tat, atmete ich ein und aus, konzentrierte mich wieder auf den Atem. Doch schnell kamen wieder die Gedanken an den Vortrag hoch. Und so pendelte ich auf meinem Kissen zwischen Loslassen und Festhalten hin und her.

Gleich fahre ich los. Nein, jetzt fahre ich los, zur Hochzeitsfeier ein langjährigen, lieben Freundin im Südharz, gleich neben dem grossen Auerberg. Ich freu mich sehr auf die Fahrt, den Tag, auf den Abend, auf das aus Herausfallen aus der Zeit und normalen Orten für 36h und noch mehr für das junge Paar im Glück!

Mit einem trüben Bild in den Regen ohne Möwen, aber mit kleinem Licht, wünsche ich Euch ein gemütlichen Start in Euer Wochenende…

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Noch Istanbul, 6:10, Tag 767

Heute Nacht habe ich meine Arme weit geoeffnet und warte auf den Einschlag. Dann drehe ich mich um die eigene Achse, auf einem leeren Bauernhof. Ich schaute ueberall nach. Es war leer, niemand und nichts ausser den Gebaeuden und Geraeten war vorhanden. Alles sah wie kurz vor der Benutzung aus. Als ob eine Eroeffnung an stand. Mit dem drohenden, ploetzlichen Einschlag sollten die Tiere und Pflanzen und die Gäste ankommen. Doch ich wachte auf…

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Wenn ich endlich Sicherheit, wenn ich endlich Freiheit, wenn ich wahre Liebe hätte, dann… ja dann würde ich endlich sein können. Dann erzeuge ich immer mehr von solchen Sätzen, baue mir immer höhere Hürden. Entferne mich immer weiter von mir selbst. Verpacke, bedecke, verstecke mich. Voll im Stress. So viel zu tun, um die Illusionen aufrecht zu erhalten in meinem Leben.

Ich kann nicht mehr, ich halte das nicht mehr aus, so geht das nicht weiter, ich muss etwas ändern. Wenn es endlich anders wäre, dann… ja dann würde ich endlich sein können. Ich ändere, kämpfe, trainiere mich. Voll im Stress. So viel zu tun, um die Illusionen aufrecht zu erhalten in meinem Leben.

Dann sitze ich da, höre nur zu und mein Kopf leert sich, leert sich immer mehr, immer weiter. Ich selbst werd immer kleiner und kleiner, sitze in der Mitte eines riesigen Saales.

Wenn alles nur noch leerer Raum ist, wenn alles verschwunden ist, was dann bleibt, das macht mir Angst: ohne Ausreden, ohne Pläne, ohne Beschäftigung, ohne Titel, ohne Job, ohne zu Wissen. Was bleibt denn dann von mir?

Istanbul, 6:06, Tag 766

Heute Nacht, also was soll ich sagen, hab ich wieder nur belanglos geträumt. Die Kleine war zeitig wach, so dass ich sie als Ausrede benutzen konnte, noch etwas mit ihr liegen zu bleiben. Es war ein ruhiger, besonnener Start in den neuen Tag.

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Wir können uns entscheiden. Wollen wir heute, jetzt, hier über Ärger, Angst und Mangel gehen und das Unvollständige, das Unfertige zum Maßstab unseres Handelns machen. Oder aber: wollen wir heute, jetzt, hier über Freude, Spass gehen und Überfluss gehen und Schönheit, Ordnung und Struktur zum Maßstab unseres Handelns machen. Also?

Nie wird mir das so deutlich, wie hier in Istanbul. Meinem selbstgewähltem Exil, in dessen gewollter Sprachlosigkeit.

Eine Aufgabe hier ist Family First. Das fühlt sich mittlerweile einfach an. Die nötige Gelassenheit, die Kompromisse, die eigene Gestaltungskraft im Zusammenspiel mit meinem beiden Damen, das alles klappt immer besser. Je geübter und achtsamer wir dabei werden, desto klarer, harmonischer und häufiger werden Momente mit positiver Intention und Ausgang. Das ist richtig schön, zu beobachten.

Meine andere Aufgabe hier ist Reflektion. Das verändert sich gerade wieder stark. Mein Schwanken zwischen operativem Tun, der ergebnisorientierten Zusammenarbeit, auch über weite Entfernungen hinweg sowie dem strategischen Tun, dem Nachdenken, Planen, Verarbeiten und Vorbereiten, wird mir nur hier sehr deutlich. Berlin ist eindeutig Business First. Und ich hole Kommunikation nach, die hier -aufgrund der Hürden durch die Entfernung- zu kurz kommt.

Heute passend dazu ist das neue Buch von Jason Fried, einem der Gründer von 37signals erschienen: Remote. Office Not Required. Bin mal gespannt darauf. Vor allem aber, weil ich das erste Buch Rework: Change the Way You Work Forever von Jason vor drei Jahren schon so sehr gemocht und seit dem viel zitiert habe.

Mit diesen Gedanken und der Buchempfehlung will ich am liebsten meinen Post heute mal auf halbem Wege beenden. Der Entscheidung vom Anfang ausweichend. Dabei kann ich nicht ausweichen, auch wenn ich jetzt schnell poste.

Ich denke manchmal, ich kann, sollte, muss mich nur entscheiden. Ich denke manchmal, wenn ich mich nur oft genug für das Positive entschieden habe, verschwindet das Negative oder wird zumindest schwächer. Ja, das ist meine Hoffnung. Ja, das ist mein Glaube. Em Ende wird schon alles gut werden. Doch dann sehe ich, dass dieses Bewusst machen der Entscheidungsmöglichkeit nur der Beginn ist: nicht zu wissen, einfach zu bezeugen und dann achtsam handeln… ist die Fortsetzung.

Zu Erkennen, wann ich werte, wann ich etwas trenne, ist der nächste Schritt. Also Ärger, Angst und Mangel als meine Realität zu begreifen und abzulehnen. Denn auch Ablehnung, auch ein Dagegen-Entscheiden macht es immer noch zum Masstab meines Handelns. Das Ausweichen, Unterdrücken, das Nicht-wahr-haben-wollen löst es für mich nicht.

Ich bin so trainiert, mich als nicht gut genug zu erachten, daraus meine Kraft zu schöpfen, dass ich es kaum aushalte, mit irgend etwas zufrieden und glücklich zu sein.

So lange ich beides (Ärger und Freude) nicht als die beiden Seiten der gleichen Münze, von zwei Seiten an mir, zu begreifen, so lange versuche ich weniger negatives, mehr positives zu tun. So lange ich das versuche, werde ich hier wohl weiter schreiben (müssen). So lange werde ich weiter verstehen wollen, weiter reflektieren, weiter schreiben und schauen, was passiert, was mit mir passiert, wenn ich das raus zerre aus den Tiefen meiner Gedanken, meiner Persönlichkeit, rein ins Licht der Glasfaserkabel…

Istanbul, 6:42, Tag 765

Heute Nacht hab ich getraeumt, es nicht aufgeschrieben beim Wachwerden und es jetzt einfach vergessen. War nicht so beeindruckend. Bin morgens immer noch sehr entspannt diese Tage, sicher noch durch die Winterzeit Umstellung. Doch auch heute Morgen finde ich keine Ruhe und keine Kraft für ein neues Thema hier. Draussen war noch immer Nebel, was die Sonnenaufgänge geheimnisvoll wirken lässt…

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Und trotz diese Leere in mir will ich ein Lebenszeichen senden, einen Pausenpost schreiben, euch einen schönen Tag wünschen!