Tagebuch Teil I

Bologna, 6:42, Tag 758

Heute Nacht habe ich davon geträumt, wie ich mit M. Gewehre verteile, so klassische Halbautomaten. Wir verteilten auch Schmerzmittel. Für eine Operation, der ich beiwohnte und deren Details ich Euch erspare.

Eben konnte ich auf dem Dach meditieren. Ich empfehle eher selten Hotels, aber das Hotel San Donato, ein Best Western, hier in Bologna ist der Hammer. Mittendrin im jahrhundertealten Zentrum. Und eine 360 Grad Dachterasse ganz oben und auch ich hab eine kleine Terasse. Und dabei absolut erschwinglich. Und auch der Flughafen ist nur 15€ mit dem Taxi entfernt.

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Das Wetter ist trübe, aber noch schön warm. Bologna schläft um 6 noch. Ein einzelner Hund bellte sein Echo an. Autos habe ich nicht gehört. Auch keine Vögel.

Heute gibt’s einen langen ersten Konferenztag mit Diskussionsrunden und der offiziellen Eröffnung am Nachmittag, danach ein Empfang im Palazzo Re Enzo. Ich bin gespannt…

Noch Istanbul, 6:10, Tag 757

Heute Nacht kann ich mich nicht an meine Träume erinnern. Ich bin schon wieder im Reisemodus, breche grade auf zur EPO Patent Information Conference 2013 nach Bologna, ein zeitiger Flug. Es ist so zeitig, dass noch nicht mal ein Sonnenaufgangsfoto funktioniert, es ist noch stockdunkel.

So, nun bin ich am Flughafen. Und konnte mein Foto machen. Ich erinner‘ mich an letztes Jahr, da konnte ich um diese Zeit auch immer die Sonne in und um den Flughafen aufgehen sehen.

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Die zweite Woche in between startet also. Fühle mich wieder leicht schräg. Nach der Reiseorganisation, die ich vorhin noch einmal überprüft habe, bin ich etwas ruhiger.

Versuche meine Ziele und Erwartungen an die nächsten vier Tage zu justieren. Letzte Woche in Wien bei der ersten meiner beiden Herbstkonferenzen, drehten sich meine Erwartungen um Inhalte und dann ging es eigentlich nur um „Beziehungen“. Die Inhalte -bis auf Patent Analysen mittels verschiedener Toools- traten in den Hintergrund. Meine Motivation und die aktuellen Probleme der Branche, waren die eher allgemeinen Themen, um die es ging.

Das Motto der Konferenz, zu der ich nun fahre, ist eigentlich Rechtststand. Meine inhaltlichen Erwartungen sind diese Woche damit eher gering. Vermutlich wird es diese Woche wieder anders kommen, als ich denke. Zumal einige mehr Bekannte, Kollegen, Freunde da sein werden. Wie immer aber, wird es wohl darauf hinaus laufen, meine Balance zu behalten und das beste draus zu machen, egal ob meine Erwartungen sich erfüllen oder nicht.

Also, nun aber ab zum Gate! Wünsch Euch einen grossartigen Start in die neue Woche…

 

Istanbul, 9:19, Tag 756

Heute mal echte PAUSE! Sogar mit ohne Traum… aber einem Lächeln 🙂

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Wünsche Euch ’nen schicken Sonntag…

 

Kapadokya, 8:53, Tag 756

Heute Nacht bin ich aus einem Tunnel voll mit fast allen meinen Exfreundinnen geflüchtet. Zusammen mit Gu auf einem Moped. Wenig später wurden wir von zwei, dann drei Polizisten verhört und beschuldigt „irgendwie“ einen Auffahrunfall verursacht zu haben. Ich hatte nichts bemerkt, der einzige Zeuge log offensichtlich. Die Polizisten waren aber von unserer Schuld überzeugt. Nach endloser und fruchtloser Diskussion, in der wir nur Fragen stellten, um die Unlogik aufzudecken, schmissen wir sie raus und verwiesen auf einen noch zu findenden Anwalt. Ich wachte sehr spät auf, der Start war entsprechend hektisch.

Nun sitzen wir wieder im Bus, das Internet hier ist erstaunlich schnell auch ausserhalb von allen Dörfern oder Städten, viel schneller als in Berlin. Gestern hab ich schon viel auf Facebook und auch wieder in den Photostream nebenbei gepostet. Immer, wenn wir zum nächsten Highlight fuhren. Facebook ist aufwendiger, Photostream geht aufm iPhone super einfach und schnell. Ich habe auch aufgehört, meinen Workflow in Camera+ auf jedes Foto anzuwenden, bin jetzt also fast puristisch unterwegs. Ich fotografiere quadratisch, wegen der Wiederverwendbarkeit in Instagram und wende kaum noch meine Filter an. Fühlt sich viel besser an. Liegt wohl aber auch daran, dass ich die Überarbeitung der im neuen iOS 7 eingebauten Kamera App sehr schätze.

Dazu hatte ich für die grossen Highlight auch noch die mittlere Kamera, meine OM-D, mit dabei. Da aber das Transferkabel und auch ein Kartenleser zu Hause geblieben sind, kann ich Euch noch nichts von diesen Aufnahmen zeigen. Ach, falls Facebook mal pleite geht oder Apple, knalle ich Euch alle Bilder einfach auch noch mal hier in meinen Blog.

Also, viel Spass damit und Euch allen einen grossartigen Sonntag gewünscht…

Kapadokya, 8:30, Tag 755

Heute Nacht habe ich ganz gut geschlafen und wild geträumt. Es ging um den Zieleinlauf einer brutalen Verfolgungsjagd in einer futuristischen Strasse, mit Kollegen. Aber ich konnte sehr lange nicht einschlafen, so dass mir immer noch etwas Schlaf fehlt.

Es gibt grosse Übungen hier: Erstens, die Butterfahrtelemente unserer Tour aushalten. Vorbei gefahren zu werden an grandiosen Städten, unglaublichen Natur- und Menschenwundern im Bus. Und dann im Nirgendwo zum Essen und Shoppen angehalten zu werden. Dann gehts weiter zu zwei grossen Sehenswürdigkeiten: einmal 40, dann 20 Minuten zum Fotografieren. Reicht doch? Da werd ich grade wütend und traurig. Die ganze Gruppe hier, schrammt immer haarscharf an der Meuterei vorbei.

Ich glaube, das sind die Folgen des schwach regulierten, sehr starken Wachstums der Türkei in den letzten Jahren. So viele Menschen hier können sich endlich solche Touren leisten: und werden gnadenlos abgezockt. Und zwar von ihren eigenen Landsleuten, die ja auch nur vom Boom profitieren wollen. Das erste Mal, dass ich laut nach Regulation rufe, dass ich die Vorteile von Regulation so begreifen kann. Einfach auch um solche Gegenden hier nicht zu verschandeln, zu entstellen mit immer neuen Touristenfallen.

Das Zweite sind die unglaublichen Motive, die ich hier NICHT fotografieren kann. Der Himmel hier inmitten des Kontinents, inmitten der Türkei ist so dramatisch, so anders, so wunderschön. Das ist jetzt aber nur der Nachteil jeder Gruppenreise, jeder Tour. Ich muss einen Grossteil meiner Selbstbestimmung, meiner Neugier und Entdeckerdranges zügeln. Ich muss einfach am Fotomotiv des Jahrhunderts, an Wolken, Himmel, Sonne, Landschaft, Motiv vorbeifahren, und nicht anhalten. Die Chancen ziehen am laufenden Band vorüber, vorbei für immer.

Auch heute das gleiche. Ich würd‘ am liebsten die ganzen Kuriositäten aufzählen, die uns gestern schon passiert sind. Aber das bringt ja nix. Noch kann ich nicht drüber lachen, bin noch mitten drin. Aso, hier gibt es einen Link zu meinem Photostream, in den ich ab und zu ein paar Motive hoch lade. Die richtige Fotoshow der Bilder, die ich trotz dieser Umstände machen konnte, kommt erst später.

So, nun schau ich jetzt -trotz allem- lieber weiter aus dem Busfenster, als hier ins Laptopfenster. Wünsch Euch einen angenehmen Freitag!

Zwischen Istanbul und Kayseri, 8:17, Tag 754

Heute Nacht hab ich nur vier Stunden schlafen können. Ich hab geträumt, hätte mir es auch aufschreiben können, aber ich habe die Chance vorüber ziehen lassen. Meine Kleene hat mich 10min vor dem Wecker ganz lieb geweckt *hach*.

Wir fliegen gerade nach Kapadokya, das liegt fast genau in der Mitte der riesigen Türkei, so etwa 700km weg von Istanbul, glaub ich jedenfalls. Ein knapp 50min Flug nur, vom zweiten Flughafen auf der asiatischen Seite von Istanbul.

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Obwohl ich schon seit 2004 mit meiner Frau zusammen bin, habe ich es jetzt fast 9 Jahre später erst geschafft, einmal von hier zu fliegen und es auch das erste mal geschafft, überhaupt ins Landesinnere zu kommen. Bis jetzt sind wir nur übers Land nach Izmir oder andere Küstenstädte gefahren, aber noch nie wirklich ins Landesinnere.

Auch gestern Nacht hatte ich noch ein Riesenglück. Der Flug von Wien war relativ spät, es ging erst 8 Uhr los, Ankunft in Istanbul kurz vor 11 Uhr Ortszeit. Das war weniger anstrengend, als gedacht, ich hatte noch ein tolles Gespräch mit einem Freund und eventuellen Kooperationspartner bis halb 6. Dann habe ich mein Review der Konferenz fertig geschrieben. Und dann im Flieger die letzte Stunde vom Klassiker Godfather fertig schauen können. Mich ab und zu ganz nett mit meinem Nachbarn, einem jungen Percussionisten der türkischen Staatsoper angeregt unterhalten können. Und dann Anflug über die Stadt! Yupiiiihhh!

Hier die zwei schönsten Bilder, die ich durchs Fenster mit meinem iPhone schiessen konnte. Einmal die erste Bosphorusbrücke…

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…und dann ein Blick auf Taksim, Galata und Sultanahmet. Sogar die Blaue Moschee kann man rechts am Rand noch erkennen.

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So, meine Tochter meint neben mir, ich würde zu viel schreiben (sie hat alles ganz stolz mitgelesen;). Jetzt fragt sie auch noch, warum ich überhaupt Tagebuch schreiben würde. Oje, ich versuch ihr das jetzt mal zu erklären.

Und verabschiede mich von Euch in den Donnerstag, mit einem vorfreudigen Lächeln…

 

Noch Wien, 7:02, Tag 753

Heute Nacht habe ich angenehm geträumt und geschlafen, trotzdem bin ich unruhig aufgewacht und während der Meditation kamen viele Themen -von gestern und überhaupt- hoch. Es herrscht grad viel Anspannung in mir. Als ob sich etwas Grosses oder eine Veränderung ankündigt.

Nun ist die ICIC 2013 schon fast rum. Es gab für mich drei herausragende Vorträge, über die ich hier kurz berichten möchte. Neben vielen sehr angenehmen, anregenden, vertrauten Gesprächen mit den Teilnehmern, die ich schon fast als typisch für diese Konferenz bezeichnen möchte.

Gestern Abend fand dieser eher freundschaftliche Aspekt seinen Höhepunkt, als es eine kurze Erinnerungsrunde an die letzten 25 Jahre gab. Eine gute Handvoll der Kollegen hier sind schon von Anfang an dabei. Es war grossartig zu sehen, dass hier wirklich lebenslange Freundschaften entstanden sind und mind. jährlich gepflegt werden. Aber zurück zur Arbeit.

Den Auftakt der drei Vorträge macht Anthony Williams Bericht über den Aufbau eines nationalen Archivs für Chemie in England. Anthony ist ein Verfechter von Offenheit. In den Zeiten des digitalen Wandels stellte er sich folgende Fragen:

How much data ist lost? How many compounds never get reported? How many syntheses fail or suceed? How much data gets generated in a lab, that COULD go public, is lost forever? For me as a Chemist: I did few dozen chemical syntheses, thousands of analytical spectra, but only 5% are publihsed, most is lost. But things are different today.

Er hat mit ChemSpider eine solche Datenbank aufgebaut und an die Royal Society of Chemistry verkauft, die ihm den Weiterbetrieb und die Weiterentwicklung in einem optimalen Umfeld ermöglichen. Anthony bezeichnet ChemSpider als ein erfolgreiches Experiment, ein Hub für crowdsourced Anmerkungen zu chemischen Verbindungen.

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Er beschrieb, was die Datenbank auszeichnet (not a big disk; searchable, integrated, segregated; private, shared, embargoed, public). Aber er legte auch grosse Aufmerksamkeit auf die Fragen, wie man die Gemeinschaft der Chemiker zum Mitmachen bewegen kann. Ich war sehr beeindruckt, von seinen Erfahrungen und der Reife die der Dienst heute schon zeigt. Absolut fantastisch!

Der zweite Vortrag war ein richtiger Knaller. Wohl einfach, weil er nichts mit Patenten oder Chemie zu tun hatte. Grosses Kompliment an das Programm Kommittee der Konferenz und Christoph,dass sie diesen Vortrag aufgenommen haben.

Wolfie Christl von Cuteacute hier aus Wien, hat das Serious Gamae Data Dealer vorgestellt. Am besten schaut Ihr Euch den TEDxVienna Vortrag von ihm an.

Ok, es geht also um unsere Privatsphäre und unsere persönlichen Daten in der heutigen vernetzten Welt. Seine Misson teile ich 100pro:

Much more people should know how it works.

Am provokantesten war seine Liste an Datensammel Firmen, die heute bereits Datenbanken mit allen im Netz frei verfügbaren Informationen anlegen und diese kommerziell verwerten wollen. Eigentlich, wie Google und Facebook, die er übrigens Smoogle und Tracebook nennt, nur eben heimlich, verborgen und unbekannt.

Als sogar noch ein Patent Informations Anbieter in der Liste auftauchte, dessen Patentbereich sogar hier auf der Konferenz Vortrag und Stand hat, wurde mir ganz mulmig. Das war harter Tobak, aber es ist nun mal so, dass es solche Dienste gibt. Punkt. Die gehen auch nicht mehr weg! Ausrufezeichen!

Hier Marketingsprüche der drei „interessantesten“ NSA Pendants aus lovely USA:

  • Reapleaf, mit „Real-Time Data on 80% of U.S. Emails, dann
  • InsightOne mit „Can you predict your customer needs? We can!“ und eben
  • Lexisnexis mit „Make informed decisions by identifying, authenticating, investigating and monitoring individuals.“.

Uhhh, wie furchteinflössend.

Das Spiel dient dem Zweck, dass einfach mehr Menschen als heute verstehen, was da genau mit ihren Daten passiert, welche Geschäftsmodelle sich daraus entwickeln können und Wolfie hat auch die drei naheliegenden Lösungen diskutiert. Die eigentliche Lösung: eine Veränderung unserer Kultur, unserer Art, wie wir zusammen leben, hat er allerdings nicht angesprochen. Auch der Zusammenhang mit meiner Freiheit, diesen Firmen meine Daten aktiv zur Verfügung zu stellen, um zum Beispiel ein besseres Scoring zu bekommen, wurde komplett ausgeblendet, obwohl ich mir sicher bin, dass auch das schon längst in irgend einer Ecke des Netzes existiert.

Alles in allem, ein grossartiger Abschluss des ersten vollen Konferenztages.

Der zweite Tag begann etwas ruhiger und wieder genau zum Thema Patent Informationen mit Tony Trippe, ein Evangelist und Enthusiast, der uns über freie Tools zur Big Data Visualisierung informierte und dabei alle mitriss, sich auch mit diesem Thema zu beschäftigen.

Seine Einleitung war schon klasse: Er geht sehr gerne auf solche Konferenzen, da er hier mit Professionals konfrontiert wird, die ihn aus seiner Komfortzone führen. Yes.

Dann erzählte uns voller Begeisterung, dass das neue STN auf Hadoop basiert, dass wir Excel vergessen können, und nun alle R lernen sollten, dass OpenRefine ein Knaller für messy data ist. Leider habe ich ein Slide zum angekündigten IBM Many Eyes vermisst, aber das habe ich mir nach diesem tollen Vortrag sofort selbst zusammen gegoogelt.

Da wir bei mtc uns mit Microstrategy zur Visualisierung beschäftigen, passte das einfach wunderbar. Wir haben uns danach noch angeregt unterhalten und einen weiter gehenden Gedanken- und Erfahrungsaustausch beschlossen. Und genau dafür bin ich auf solchen Konferenzen.

Und damit bin ich schon am Schluss meines kurzes Reviews. Es gab noch weitere, sehr interessante Vorträge, die ich vielleicht später oder gar nicht erwähnen werde. Wer sich für mehr interessiert, dem sei die Konferenz Homepage empfohlen, auf die in den nächsten Tagen auch fast alle Präsentationen hochgeladen werden.

So, der dritte Konferenztag ist nun rum. Ich sitze schon am Flughafen, zurück nach Istanbul. Die nächsten vier Tage sind Urlaub, weil Opferfest in der Türkei ist und wir zum UNESCO Weltkulturerbe Kapadokya fahren, auf dessen Steine ich mich schon wie verrückt freue…

Wünsch Euch noch einen schönen Abend!