Nicht Wissen

Berlin, 5:18, Tag 867

Heute Nacht war kurz, wieder ein intensiver Traum, diesmal schon vergessen. Bin zwei Minuten vor dem Wecker hoch. Zeitig.

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Gestern Abend kam wieder ein neuer Artikel von Boz zur genau richtigen Zeit. Es geht um den Anfängergeist. Ums Nicht Wissen, sondern ums offen und verletzbar sein. Darum, nicht schon alle Antworten zu haben. Sich nicht gegenseitig zu verstärken in den vorgegeben Pfaden, sondern das Nicht Wissen auszuhalten und auf sich und den Moment zu vertrauen.

So leicht, und doch so schwer. Es ist beides, immer beides!

Am Morgen heute, fängt es wieder schwer an. Bin so traurig. Halte meine Schwächen und Versäumnisse kaum aus. Sehe Freunde in Schwierigkeiten. Sehe ihr Festhalten an Überzeugungen aus vergangenen Erfahrungen. Sehe ihr Leid. Sehe meinen Anteil daran. Meine Nachlässigkeit, meine Trägheit. Die mit daran Schuld trägt, dass diese Schwierigkeiten existieren. Habe zu wenig erklärt, zu wenig geschrieben, zu wenig informiert und ihnen zu lange das Gefühl gegeben, dass es schon gut ist, wie es ist.

Veränderung ist unvermeidlich. Widerstand zwecklos.

Wie gehen wir damit um, nicht zu wissen, nicht wissen zu können? Nicht kontrollieren, nicht managen zu können?

Auch beim Mittagessen war das, nur das, das eigentliche Thema. Es geht darum, dass unsere Vorstellungen, unsere Ideen und Konzepte oft nicht mit der Realität übereinstimmen. Wir leiden, wenn wir das bemerken. Wir können ablehnen, was ist. Wir können wollen, was nicht ist. Wir können diese Fakten ignorieren. Aber wir entkommen uns selbst nicht. Wir können das nicht im Kampf lösen. Wir schaffen das vielleicht manchmal. Wir vergleichen uns. Wir suchen uns Beispiele, wo es doch schon geklappt hat in unserem Leben und wir hoffen.

Wir hoffen und träumen und ärgern uns und werden wütend.

So ist es einfach. Wir schwimmen im Fluss unserer Gefühle. Wir gleiten von Moment zu Moment. Wir machen einfach. Weiter. Unsere Analysen und Wertungen bringen uns nicht weiter (wie schwer es mir fällt, diesen Satz zu schreiben!). So schnell unser Kopf auch denkt, wir kriegen es manchmal einfach nicht hin, uns die Welt so einzurichten, wie wir sie wollen, brauchen, träumen, erhoffen.

Ich habe einen Plan, er lautet, Dinge zu tun. Wieder zurück zu finden, zum Atem, zu sich selbst. Bei sich zu sein, und sich nicht davon tragen zu lassen, von den eigenen Gedanken, Überzeugungen oder Gefühlen. Diese wahrzunehmen und auszuhalten und auszubrechen, aus dem Automatikmodus, aus der geübten, gewohnten Reaktion, ist die Schwierigkeit.

Sich eine Option mehr zu erarbeiten, zu erdenken, zu erfühlen. Und dann noch eine. Und noch eine! Dabei zu beobachten, als Zeuge. Noch nicht als Täter. Nicht mehr als Opfer. Sondern als wahrnehmender, fühlender, denkender Mensch. Dieser Mensch kann dann entscheiden, welche Handlung jetzt möglich, welche Option jetzt alle da sind, ehrlich und sich selbst bewusst.

Frage Dein Herz. Frag Deinen Verstand. Höre zu, halte aus. Handle dann. Aus liebevoller Freundlichkeit dir selbst, den Beteiligten und Unbeteiligten gegenüber.

So leicht, und doch so schwer. Es ist beides, immer beides!

Wie schön wir sind, wenn wir das so tun tun können. Wie viel leichter es fällt, mit diesem Anfängergeist des nicht Wissen zu leben, sehen wir erst dann, wenn wir uns trauen, wenn wir es wirklich versuchen.

Für mich ist das ein Ausweg. Das ist die Hoffnung. Ab und an schaffe ich das schon, im Rückblick sind das die Momente, die Kraft geben, die mitten im Tun, den Akku laden. Diese Situationen, in denen ich beobachte und aushalte und dann erst handele, sind die Momente, in denen ich wirklich am Leben bin.

Ich habe den Vortragstitel festgelegt: Wenn Angst den Erfolg verhindert. Der Vortrag ist Ende November und schon jetzt spüre ich meine eigene Angst vor dem Auftritt, vorm Versagen, vor der Ablehnung. Aber das ist gut!

So, jetzt ist mir ein tolles Gespräch mit vielen neuen Einsichten genau jetzt dazwischen gekommen. Ich schreib jetzt nicht weiter.

Sondern wünsch Euch einfach einen tollen Tag!

Es ist fast zu leicht!

Istanbul, 5:18 CET, Tag 575

Heute Nacht erinnere ich mich nicht an meine Träume, bin unruhig sehr zeitig aufgewacht.

Es verändert sich etwas. Wie eigentlich immer. Ich spüre, wie sich etwas verändert hier. Es fällt mir in diesen Tagen überhaupt nicht leicht, hier zu schreiben. Ich weiss nicht mehr, warum ich das überhaupt mache. Drüben beim Zen-Koch ist noch nichts passiert. Es zieht mich immer wieder dort hin. Aber nachdem ich hier geschrieben habe, erlahmt der Enthusiasmus, damit habe ich eine Ausrede. Es gibt ein paar Dinge, vor denen ich mich drücke, das sind aber eher die einfachen ToDos und das sich Drücken ist nur ein Symptom.

Gestern war ich drauf und dran, zu beschliessen, in der nächsten Woche noch hier in Istanbul zu bleiben: das hätte persönliche Gründe, die nicht hier her gehören. So würde auch die offizielle Begründung lauten. Ich würde nicht an einer Paneldiskussion teilnehmen, die mich schon seit Wochen aus meiner Komfortzone zieht. Ich würde mich nicht mit 4.999 anderen durch die re:publica schieben. Ich würde unser All Hands wieder nur per Hangout machen können, das ich noch nicht mal vorbereitet habe. Gegen Ende der Woche würde ich einen Termin verpassen, der zwar noch nicht bestätigt ist, der mich aber sehr wahrscheinlich, wenn er stattfindet, auch aus meiner Komfortzone holen würde.

Es wäre nun relativ leicht, sich zu drücken und aus persönlichen Gründen abzusagen. Ich weiss auch, wie ich das ohne Schaden anzurichten, hinkriege. Ich würde einfach alle drei Termin intensiv von hier vorbereiten. Viel intensiver noch, als ich es machen würde, wenn ich dabei wäre. Das ginge ganz gut. Alle Vorwürfe, allen Stress, den mein Nichterscheinen auslösen würde, könnte ich so halbwegs ausgleichen. Für mich selbst zumindest. Ohne schlechtes Gewissen, mit dem angemessenen Engagement, laufen die meisten Vorwürfe ins Leere.

Nun versuche ich heraus zu finden, warum meine persönlichen Probleme hier auf einmal wichtiger und dringender sind, als diese seit langem fest stehenden Termine vor Ort in München und Berlin. Habe ich diese Probleme nur, weil ich nicht aus meiner Komfortzone möchte? Benutze ich diese Probleme als Ausrede, weil ich unbewusst Angst vor Verletzung und Bloßstellung habe? Ich versuche darüber zu meditieren, meine Gedanken und Gefühle zu ergründen. Dabei fiel mit wieder mal der Vergleich mit der Eifersucht in Beziehungen ein.

Wenn man sich seinen eigenen Ansprüchen und Werten entsprechend verhält, wenn man kein schlechtes Gewissen hat, weil man zu seinen Gefühlen, Gedanken und zu seinen Handlungen stehen kann, wenn man sich achtsam verhält und nicht im Rausch oder Dämpfung hat treiben lassen, dann kann man die Eifersucht seines Partners als das sehen, was sie auch sein kann: ein Wunsch nach Aufmerksamkeit und Ausdruck der Beziehung und Liebe.

Wenn man sich aber selbst in undichte Handlungen verstrickt, spüren das die Menschen um einen herum. Obwohl, es ist eher anders rum, die reinen Handlungen erscheinen uns als das Besondere, das aussergewöhnliche.

Wenn man selbst also unachtsam jedem Reiz hinterher läuft, jedem Impuls des eigenen Egos, der eigenen Ängste oder auch der eigenen Bequemlichkeit nach geht, dann erzeugt Eifersucht etwas anderes in einem, dann spricht die Eifersucht des Partners mit dem eigenen schlechten Gewissen. Dann hält uns Eifersucht einen Spiegel vors Gesicht, dem wir schwer ausweichen können und in den wir grade nicht schauen wollen. Dann werden wir vielleicht unwirsch, regen uns auf oder wir  streiten uns sogar.

Da ich sehr oft, fast ausschliesslich unbewusst handle, fällt mir es mir so schwer zu erkennen, was die Ursache meiner Gedanken, Gefühle und Handlungen war und vor allem, was die Folgen sind. Aber zurück zu meinem Problem mit der kommenden Woche und der Abwägung der Anforderungen, die das Leben an mich stellt. Zurück zur Frage der Priorisierung, der Ursachen und der Auswirkungen.

Also, ich weiss, was ich machen muss, um die Auswirkung meiner Abwesenheit in Berlin zu minimieren. Übrigens genau das gleiche, was ich machen würde, um die Auswirkung meiner Anwesenheit zu maximieren: voll und ganz da sein, mich engagieren und Achtsamkeit und Aufmerksamkeit investieren.

Es ist fast zu leicht! Aber das an einem Samstag Morgen zu erkennen, ist das eine. Sich seine Handlungen und Entscheidungen bewusst zu machen und vor allem, die Konsequenzen aktiv anzunehmen und so sein Leben selbst zu gestalten, ist das andere.

Alles hat Auswirkungen und alles hat Ursachen. Ob sie mir gefallen oder nicht, ist dabei sekundär. Ob sie anderen gefallen oder nicht, ist ebenfalls nicht entscheidend. Das ich ganz am Leben bin, also ganz bewusst bei dem bin, was ich tue, das erst macht es leicht(er)!

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Wünsch Euch einen leichten, klaren Start ins Wochenende!

‚Vorfahrt hat man nicht, Vorfahrt bekommt man gewährt.‘ /danke und /cc @saschalobo

Berlin, 7:49, Tag 518

Heute Nacht habe ich geschlafen. Und dann bin ich aufgewacht, wollte über Erwartungen schreiben. Darüber, welche Erwartungen wir an die Zukunft, an uns, an andere haben und darüber, was wir denken, was andere von uns heute und in Zukunft erwarten. Das wird das Thema unserer diesjährigen Strategietage werden.

Aber eine andere These, die der dieswöchigen Sascha Lobo Kolumne, verdrängte eben alles und muss zuerst behandelt werden. Ich zitier und kommentier hier mal ganz frei und selektiv, um meiner Begeisterung für dieses in Deutschland völlig vernachlässigte Thema Ausdruck zu verleihen. Ich könnte die ganze Kolumne neu mit meinen Worten schreiben. Das, was ich bei meinem TEDxESCP Auftritt versucht habe, ging genau in diese Richtung: Offenheit, seinen Fehlern gegenüber zu entwickeln. Das Scheitern nicht nur einzukalkulieren, sondern sich seine Fehler einzugestehen, aufzustehen und schneller und besser neue Fehler machen.

„Hier ruht Herr Müller. Er hatte Vorfahrt.“ überschreibt Sascha das Kapitel über die deutsche Netzkrankheit. Und ich werde ständig gefragt, wie wir denn mit opd Geld verdienen möchten, wie hoch der ROI sein wird, was genau das Business Modell ist, wenige fragen nach der Zielgruppe oder dem Markt und noch weniger fragen nach dem Problem, welches wir versuchen zu lösen und noch noch keiner hat gefragt, was wir denn dabei lernen wollen.

Das ist die deutsche Netzkrankheit: digital nur zu tun, was vermeintlich sicher funktioniert und so das wichtigste Erfolgsrezept des Internets zu missachten, also die ständige Neu- und Weiterentwicklung, die kleinteilige, experimentelle Überprüfung, Mut zum Dauerversuch und Dauerirrtum.

(…)

Das perfektionistische Bestreben, jeden Fehler schon vorab auszuschließen, hat so zweifellos zu hervorragenden Industrieprodukten geführt.

Ich kämpfe jeden Tag mit meiner eigenen Planlosigkeit, nur langsam höre ich auf, mich dafür zu entschuldigen bei meinem Team, meinem Partner, meiner Liebsten, bei potentiellen Multiplikatoren. Statt dessen möchte ich meiner Begeisterung für die Idee Ausdruck verleihen, die ungebrochen ist.

Im Netz heißt es, dass der fehlerfreie Plan für eine neue Plattform zu 50 Prozent fertig ist, wenn die Idee anderswo schon zehnmal umgesetzt wurde und neunmal davon mit wertvollen Lerneffekten gescheitert ist.

Es handelt sich um ein Problem des Umgangs mit neuen Informationen, eigentlich also ein Lernproblem. Learning by doing gilt in Deutschland als beinahe unseriöse Praktik, wie kann jemand ohne Diplom sich erdreisten zu jodeln?

Wenn man etwas Neues versucht, lernt man immer dazu, sonst macht man doch nichts Neues. Das gilt für Institutionen und Organisationen, genau wie für kleine Prozesse, sogar für unsere Gewohnheiten. Etwas verändern führt zu Unsicherheit, führt zu Fehlern, zum Lernen und das erzeugt erst das neue für jeden Teilnehmer.

„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ ist der nächste Spruch, der mich sehr berührt hat und den ich auch langsam versuche, abzustreifen. Es gibt kein Ende des Lernens, keinen Beginn des Erntens irgendwann mal. Alles ist ständig im Fluss und wechselt sich immer ab, ständiges Lernen führt zu ständigem Ernten.

Dieser dämliche Spruch sagt viel über das gewachsene, deutsche Verhältnis zur Bildung aus: Es gibt eine Scham des Lernens. Der deutsche Lernende schämt sich dafür, dass er noch nicht alles weiß.

Das aber wirkt katastrophal in digitalen Zeiten, die von ständiger Veränderung geprägt sind, in denen „lifelong learning“ der einzige Weg ist. Es lässt sich kaum lebenslang lernen, wenn man danach strebt, endlich mit dem Lernen fertig zu sein. Damit die Herrenjahre beginnen.

Ich bin genau so erzogen, wenn man etwas nicht weiss, bekommt man eine schlechte Zensur. Das wurde mir 13 lange Jahre, ich war sehr jung und aufnahmebereit, in der Schule vorgelebt. Das hat Spuren hinterlassen. Etwas nicht zu wissen, für etwas nicht hart zu arbeiten, ist dadurch mit Scham und Versagensängsten besetzt.

Und nun wieder den Schwenk aus diesem Tal zu finden, den Ausweg aus diesem anerzogenen Panzer aus Gefühlen und Denkgewohnheiten, ist nicht einfach. Für mich bietet sich unter dem Stichwort „Agiles Vorgehen“ genau solch ein Ausweg. Ein Baukasten an Methoden, die es ermöglichen dieses tiefe Trauma anzugehen und zu transformieren. Wir versuchen das innerhalb unserer Organisation, innerhalb der gewachsenen Strukturen aufzubrechen und uns anzupassen, an eine veränderte Welt:

Der Begriff „Perpetual Beta“ bezeichnet die ständige, kleinteilige Weiterentwicklung von Software und Netzplattformen, das digitale Produkt ist nie fertig, sondern wird als ständiges Experiment begriffen, dessen Fehler die Verbesserung ermöglichen. Die großen Netzkonzerne entwickeln sich nach diesem Verfahren quasi minütlich weiter, weil das Facebook von 2009 im Jahr 2013 so viele Leute interessieren würde wie StudiVZ.

Und weiter geht es in der Argumentation, die sicherlich etwas einseitig nur aufs Internet schaut. Aber es ist zulässig, ich halte das Internet ähnlich wie die Mathematik für eine Querschnittsfunktion, das durch alle Bereiche, Themen und Schichten hindurch Wirkung ergo Veränderungen erzielt.

Die Ära des Internets ist die historisch bisher ungünstigste Zeit für eine Veränderungs- und Lernresistenz. Dabei hat diese Resistenz wenig mit technischem Fachwissen zu tun, sondern ist eine Haltungsfrage. Die meisten bundesdeutschen Angestellten müssen einfach nur in die EDV-Abteilungen ihrer Unternehmen gehen, um die erbittertsten Kämpfer gegen neue Entwicklungen der digitalen Sphäre zu finden: Facebook? Teufelszeug. Tablets? Spielerei. Eine neue, hocheffiziente Programmiertechnologie? Erst, wenn sie sich tausendfach bewährt hat und dann noch mal fünf Jahre warten. „Das haben wir schon immer so gemacht, das geht nicht anders“ – diese Einstellung ist auch unter Technikapologeten weit verbreitet. Es fällt weniger Sachkundigen nur nicht so stark auf.

Ich könnte diese Sätze nehmen und ausdrucken! Die Ausdrucke würde ich dann per Hand kolorieren und signieren, danach den Briefumschlag und die Marke mit meiner Spucke anlecken und zukleben und persönlich ein paar Menschen in die Hand drücken, mit denen ich im letzten Jahr die heftigsten Diskussionen hatte.

So, heute bin ich etwas ärgerlich merke ich grade! Und unser All Hands geht ja gleich los, heute wird unser Nachbar Diébédo Francis Kéré seinen Vortrag bei uns halten, über die schönsten Schulen der Welt, die er in seinem Heimatdorf Gando in Burkina Faso baut. Einen Link zum Google Hangout füge ich gleich hier ein, dann könnt Ihr mit oder später auch dort nachschauen, wie es war!

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Wünsch Euch einen entspannteren Tag.

PS: Übrigens hat mein sehr strenger Fahrlehrer zu mir schon 1994, als ich den Busführerschein machen durfte, immer wieder gesagt: Arne, Vorfahrt hat man nicht, Vorfahrt bekommt man gewährt. Dieses (un)angenehm Anders sein hat sich mir wohl eingeprägt und ich zitiere diesen Spruch seit dem immer wieder, wenn’s ums Recht haben geht…