Überfreundlich

Berlin, 6:13, Tag 893

Da es heut nach Leverkusen geht, bin ich schon zeitig, leicht aufgeregt, gespannt wach.

Fühle mich vorbereitet. OK, CheckIn hatte ich gestern Abend nicht mehr gemacht, die Slides sind auch noch nicht final. Aber gestern Morgen kam eine ganz gute Idee hoch, die wir sogar noch fertig ins Excel gegossen gekriegt haben. Der Ausfall eines anderen Meetings kam zu Hilfe. Nun kann es nur noch schief gehen! 😉

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Manchmal fühle ich mich echt nicht gut. Habe aber gelernt, dass nicht zu zeigen.

Man sieht es mir zwar trotzdem an, aber ich setze eine Maske aus Lächeln, Ruhe und Geschäftigkeit auf. Ich bin dann respektlos freundlich!

Also nicht freundlich zu mir, auch nicht freundlich zu anderen. Sondern respektlos freundlich, also ein Arsch. Verzeiht!

Das ist eine Freundlichkeit, die laut schreit: rette mich, sei jetzt auch nur nett zu mir, beachte und kümmer dich jetzt um mich. Denn ich bin doch soooo freundlich, obwohl es mir soooo schlecht geht. Das musst Du doch sehen. Nein, doch, es ist alles ok. Nein, ja, es ist alles i.O.. Nein, doch, doch is schon gut.

Innen ist der Teufel los.

Eigentlich würde ich gern sagen, ich bin sauer, dass es so oder so grade läuft oder nicht läuft. Ich bin traurig. Wütend! Ich ärgere mich unheimlich! Mir is grad nicht nicht nach reden, sondern nach schreien!

Aber ich trau mich nicht. Ich hab gelernt, man macht das nicht. Man behält die Fassung, man bleibt immer freundlich.

Doch ich lächle, bin freundlich. Bitte geht jetzt, danke! Bitte lass mich mal kurz allein. Uff!

Da ich das nicht lange so aushalte, gibt es relativ schnell Übersprungshandlungen, Explosionen oder Ausbrüche. Am gleichen Tag, drei Tage später, anderen und den gleichen Personen gegenüber.

Voll spannend, das anzuschauen, das mal zu reflektieren und rechtzeitig zu erkennen, wenn ich das mache. Wenn ich so bin, aber anders fühle und denke. Wenn ich nicht kongruent bin, im Innen und Aussen.

Erstens kostet das unheimlich viel Kraft, einen solchen Zustand aufrecht zu erhalten. Zweitens kostet das unheimlich viel Beziehung, weil das natürlich jeder trotzdem merkt und das Einfluss auf alle Gespräche, alle Zusammenarbeit hat.

Auch hier hilft mir meine Meditation, meine Rückkehr zum Atem in den Momenten, in denen ich das Auseinanderdriften von Aussen und Innen bemerke. Die Spannung löst sich, die Kraft kann fliessen, das lässt mich Tanzen. Mit schönem Schwung!

Genauso wünsch ich Euch jetzt einen schwungvollen Tag voller Aufrichtigkeit!

Wenn Täuschung endet

Wieder Berlin, 6:13, Tag 891

Ausgeschlafen. Kühler ist’s. Ganz angenehm eigentlich. Bin allein zurück hier. Es war viel Unruhe gestern am Reisetag, gleich eingetaucht in alten, fremden Frust. Und wieder raus. Die ganze Zeit schnell vibrierend, schwebend. Das Wiedersehen tat sehr, sehr gut!

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Gestern war ja ein abgebrochener Post. Zwei Gedanken kamen dazu noch hoch.

Erstens der von heute morgen. Erwartungen wecke ich oft sehr leichtfertig. Ich verspreche, male eine Zukunft, selektiere, verstärke das Positive, versuche zu motivieren, zu begeistern. Und ich mag die Energie des Machens, des Aufbruchs, der Veränderung, von Dynamik und Schwung. Das mach ich mit selbst zuerst, aber auch mit meine Freunden, Kollegen, Bekannten. Wenn ich hier vorsichtiger bin, freundlicher und offener mit den konkreten Erwartungen, diese klarer und deutlicher mache, mehr Aufmerksamkeit darauf lege, dann kann ich mir und anderen manche Enttäuschung ersparen. Eine unrealistische Erwartung kann nur enttäuscht werden. Anderen etwas versprechen und dann nicht liefern, kann Enttäuschung erzeugen. Hier spüre ich jetzt Reue, Trauer, Schuld. Möchte ungeschehen machen, trösten, mich entschuldigen, ent schuldigen.

Was mich zum zweiten Gedanken bringt. Enttäuschung, habe ich gestern zum ersten mal als etwas Positives gesehen, als eine Lernerfahrung.

Ich bin ent täuscht.

Eine Täuschung ist zu Ende. Nun bin ich klar, nicht mehr getäuscht, ich bin enttäuscht. Da könnte ich mich grade rein knien, beäumeln und freue mich riesig über diesen wunderbaren, positiven Touch. Etwas, was mich sehr oft scheinbar negativ beeinflusst hat, was mich unter Druck, teilweise ungeheuren Druck gesetzt hat: die Erwartungen von mir selbst und von anderen zu enttäuschen. Wenn ich mich aber in den Erwartungen getäuscht habe, und nun enttäuscht bin. Was dann?

Ja, dann gibt es dieses dumpfe Gefühl des Versagens, des Scheiterns, was wir alle einfach ungern fühlen, dem wir gerne ausweichen würden, wenn wir könnten. Ich halte das oft nicht aus! Will das kontrollieren, schnell retten, wieder heile machen.

Aber!

Aber wenn ich mich in den Erwartungen getäuscht habe, dann bin ich jetzt eben auch nicht mehr getäuscht, habe jetzt ein wenig mehr Klarheit, etwas weniger Täuschung. Ich weiss nun besser, wie die Erwartungen wirklich waren, kann mich anpassen und nun aufgrund dieser neuen Erkenntnisse mein Handeln verändern. Dieser zweite Gedanke, dass ich mich an einer „Ent täuschung“ auch kurz erfreuen kann hilft mir grade sehr! Es fühlt sich sogar so, als ob ein Fluch augehoben wurde, als ob eine Entzauberung erfolgte.

Und das fehlte gestern hier noch, denn das gehört irgendwie dazu.

So, Euch erst mal einen klaren Dienstag gewünscht und auf in den Tag!

Abschied! Mit dem 777. ist hier erst mal Schluss…

Berlin, 6:13, Tag 777

So, ihr lieben Leser! Nun kommt’s: dieser 777. Post hier wird der letzte in dieser Serie an öffentlichen Schreibmeditationen sein. Das habe ich gestern Abend im Bett nach dem Einschlafen und wieder Aufwachen beschlossen. Es fühlt sich nicht mehr richtig an. Ich muss meine eigenen Regeln brechen, will meine Routinen weiter entwickeln, mich weiter entwickeln.

Zwei Jahre, ein Monat und sieben Tage meines Lebens lange habe ich es geschafft, jeden Tag hier etwas zu schreiben und bin nicht wenig stolz darauf. Ihr könnt die Entwicklung, meine Entwicklung, zumindest die, an der ich Euch teilhaben lassen wollte, hier nachlesen. Wie ich vom Aussen, immer weiter und weiter nach innen schrieb. So viele Gespräche, so viele Rückmeldungen, ja sogar neue Freundschaften habe ich nur dadurch gewinnen können, für alles bin ich dankbar, unglaublich dankbar! Ich hätte nie gedacht, dass ich das alles überhaupt schaffe, als es los ging.

Ich werde weiter schreiben, ich kann nicht anders. Nur nicht mehr in diesem Format, nur nicht mehr durchnummeriert, nur nicht mehr mit meinen (oft echt verrückten) Träumen einleitend.

Von einigen persönlichen Rückmeldungen und den Stats weiss ich, dass hier viele immer nur still und heimlich mit lesen, ohne jemals zu kommentieren. Falls also nun jemand von Euch traurig ist, kann sich und mir einen grossen Gefallen tun:

Tragt Euch bitte hier auf meiner neuen Mailingliste ein. An diese werde ich neue Beiträge schicken, die ich hier oder woanders veröffentlichen werde.

Ohmann, ich hab keine Ahnung, ob das jetzt richtig ist, was ich hier mache und Euch hier schreibe. Es fühlt sich gut an und gleichzeitig habe ich Angst vor der Veränderung. Ich hab Angst davor, etwas zu verlieren, etwas grosses und wichtiges kaputt zu machen, wenn ich die Reihe hier unterbreche. Ich spüre diese Angst in meinem Bauch und in meinen Augen.

Aber ich möchte einfach nur frei sein, mich entwickeln, innerlich frei und mich von innen heraus entwickeln. Auf diesem Weg muss ich Neues probieren und mich meinen Ängsten und meiner Trauer stellen.

Weil ich fühle, dass hinter der Trauer das Neue wartet, sage ich nun Ciao und noch mal ganz herzlich Danke für all Eure bisherige Aufmerksamkeit!

Wir sehen uns!

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PS: wer nicht will, dass ich hier aufhöre? Schreibt mir ne Mail oder drückt hier unten Like… 😉

Welches Lied wollen wir spielen?

Berlin, 6:13, Tag 770

Heute Nacht hab ich von einem Goldhändler geträumt, von dem ich zwei seiner besten Mitarbeiter abgeworben habe. Ich beobachtete mich bei den Verhandlungen, die ich in engen Strassen und grauen Wohnungen statt fanden. Unsicher, ob die beiden fachfremden Kollegen sich einarbeiten könnten und es funktionieren würde, wachte ich ausgeschlafen kurz vor dem Wecker auf…

Es gibt viele Gedanken, viel Bewegung, schneller Wechsel von Sonne, Wolken, Regen. Seit einigen Tagen sieht es in meinem Kopf so aus:

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Vorhin habe ich angefangen, meine Musik zu spielen. Ich suchte mir ein Instrument, schaute mir kurz den Zustand an und will gleich anfangen. Bei den ersten Tönen merke ich aber, dass etwas nicht stimmt. Mein Fokus liegt nicht auf der Melodie und dem Rhythmus, sondern nur allein beim Instrument. Oft denke ich dann, mit einer neuen Gitarre spielt es sich bestimmt von ganz allein und dann fange ich an, nach neuen Gitarren zu suchen.

Ich vergesse dabei vielleicht, dass ich nicht allein, sondern in einer Band spiele. Auch spielen wir ohne Dirigent und ohne Noten, so etwa wie Free Jazz. Es gibt aber in meinem Konzerthaus auch mehr als eine Free Jazz Bands in der ich mit spiele und die alle irgend versuchen, den Flow, den Groove zu finden. Zusammen klingt das nicht sehr gut, nah dran an Chaos.

Wenn ich mich konzentriere, kann ich ein paar phantastische Solisten erkennen, ein paar Melodien sind unglaublich schön, ab und zu setzt sich ein Rhythmus durch und alles spielt kurz im selben Takt, dann zerfällt es wieder.

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Vereinfachung, Entschlackung, Konzentration, Fokus scheint nun dran zu sein. Also doch erst Fokus auf das Lied und nicht das Instrument? Takt und Melodie reichen doch bestimmt. Oder sind vielleicht doch die Instrumente entscheidend Bestimmt beides zusammen?

Doch irgendwie glaube ich, es fängt doch alles mit der Frage an: Welches Lied wollen wir heute zusammen spielen?

 

Hilfe, ich bin schizophren!

Istanbul, 6:13, Tag 645

Heute Nacht habe ich schön geträumt, beim Duschen und der Meditation hatte ich noch eine lose Verbindung zu den dramatischsten Szenen, die sogar nicht in einem Hotel und auch nicht auf der Flucht spielten. Ich wachte müde, aber motiviert auf.

Gestern dachte ich, dass ich verrückt geworden bin. Nein, eher ganz konkret: ich bin schizophren. Ich habe Seiten an mir wieder entdeckt, die ich nicht mag, die ich nicht kenne und die ich in meinem normalen Leben ausblende, die ich vor mir selbst nicht wahr haben möchte.

Der Auslöser war einfach: ich wurde nicht gemocht, für etwas das ich tat.

Dabei habe ich alle möglichen Tricks im Laufe meines Lebens entwickelt, damit ihr mich alle gerne habt. Aber manchmal klappt keiner der Tricks. Manchmal habe ich sogar keine Lust auf Tricks. Manchmal will ich nicht nett sein.

Wenn es ganz schlimm wird, fühle ich shizophren: will zwar gemocht werden, verhalte mich aber wie ein Ar***. Und dann wundere ich mich, was schief gelaufen ist. Und dann seid ihr Schuld!

Unterschiedliche Interessen scheinen diese Schizophrenie zu verursachen.

Und wenn ich will, finde ich überall unterschiedliche Interessen. Es gibt doch nur unterschiedliche Interessen auf dieser Erde. Niemand will, was ich für richtig halte. Niemand versteht mich, meine Gründe und vor allem: niemand nimmt mich ernst. Ich werde ignoriert!

Und wenn ich mich dabei erwische, das zu denken, genau dann bin ich nicht nett. Dann bin ich schizophren! Dann höre nicht mehr zu, dann will mit dem Kopf durch die Wand und wieder geliebt werden. Und mit jedem Satz reite ich mich tiefer in die Sosse rein. Jede Erwiderung des Anderen bestätigt meinen Verdacht, dass er mich niemals und nicht versteht und mir nur Böses will und überhaupt! Es ist doch gar nicht so kompliziert!

Ich höre dann wirklich nur noch, was genau meinen Interessen entspricht. Ich erwidere genau nur, um meinen Standpunkt zu verdeutlichen. Ich argumentiere ausschliesslich mit Tatsachen, die doch nur Behauptungen sind. Ich entlarve jeden Satz des anderen als Behauptung, um sie dann mit meinen Tatsachen zu widerlegen. Ich sage, es geht mir ums Verstanden werden wollen, dabei will ich doch nur Recht haben. Ich sage, ich meine es doch nicht böse, dabei bin ich stinksauer! Ich fühle mich angegriffen, dabei feuere ich die ganze Zeit aus allen Rohren.

Ich schäme mich in Grund und Boden für die Ausbrüche, für diese Anfälle. Ich versuche mich zu entschuldigen, ich will erklären, wieder grade biegen. Und mache alles nur noch schlimmer!

Gestern nachmittag hatte ich einen Durchbruch! Ich habe bemerkt, was alle diese Situationen in den letzten Monaten gemeinsam haben.

Mir passieren solche Eskalationen vor allem dann, wenn ich mich selbst grad überhaupt nicht mag. Wenn ich unzufrieden mit mir und meinem Leben bin. Wenn ich grade in einer pessimistischen Phase bin. Dann habe ich hier einen Post gefunden, der mir klar wachte, was es ist:

There are times, when I always seem angry and continuously look for conflict. Walk away: the battle I’m fighting isn’t with you, it is with myself. ~Arne Krueger

Gestern nachmittag ist mir damit eingefallen, was die beste Medizin gegen diese Art von Krankheit ist. Gegen die Shizophrenie des GemochtWerdenWollens hilft nur, sich selbst wieder zu mögen. Sich endlich wieder mal in sich selbst zu verlieben. Sich endlich wieder etwas Gutes tun zu wollen. Das ist der Schlüssel!

Das Grinsen im Herzen, das daraus folgt, kann man nicht verbergen. Es strahlt durch jeden Satz, durch jeden Blick und jedes Wort durch. Man versteht plötzlich nicht mehr alles falsch. Es klärt sich alles auf.

Die dunklen Wolken der Konflikte verziehen sich. Man sieht den anderen plötzlich wieder. Man versteht auf einmal die Position des anderen. Man bemerkt seinen eigenen Anteil am Konflikt.

Dabei ändert dieses Grinsen des Verliebtseins nichts an den unterschiedlichen Interessen! Man ist ja nicht in den anderen verliebt, sondern in sich! Man nimmt sich selbst ernst, aber nicht wichtig. Und die Energie fliesst nun in den Ausgleich der Interessen und nicht mehr in die Betonung der Unterschiede… das ist schön!

Wünsch Euch einen verliebten Start in die neue Woche…

 

Kraft und Zuversicht…

Berlin-Tegel, 6:11, Tag 613

Heute Nacht hab ich geträumt, aber ich bin schon am Flughafen, hatte einen Blitzstart um meinen rotarischen Freund Lee zu seinem Flug zurück nach Hause/Seattle zu bringen.

Anderen fremden Menschen dabei zu helfen, neue Erfahrungen zu machen, mich selbst mal zurück zu nehmen, meine Routinen, meine Pläne los zu lassen für jemanden, den man überhaupt nicht kennt, das gibt mir grad Kraft und Zuversicht. Aber ich sehe nach Istanbul durch den Bildschirm meines Laptops und ich könnte nur noch heulen. Ich konnte nicht einschlafen: war wütend, verzweifelt, die schreiende Ungerechtigkeit, die Selbstgerechtigkeit, die Maske der Gleichgültigkeit, die Grausamkeit, die Kälte, die Brutalität… es ist Teil unserer Welt, es hilft nichts, wir müssen die Existenz von Leid akzeptieren: dabei fühle ich mich nur noch wrecked! Ich fühle mich wrecked, wenn die kaputte Welt in mein komfortables Leben eindringt und mir klar macht, dass es jeden Moment vorbei sein kann.

There is nothing random in this Universe. All is unfolding perfectly.

schrieb grad Trent in Facebook. Der Glaube daran, gibt grad mir Kraft und Zuversicht zurück. Aber erst muss ich mich selbst gut behandeln, dann habe ich Kraft, um für andere da zu sein. Und ich bin müde und mein Tag startet erst, in wenigen Minuten… aber ich versuch nun einfach, auch heute mein Bestes zu geben!

Einatmend, Ausatmend, Lächeln. Und los!

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Wünsch Euch einen einen Tag voller Kraft und voller Zuversicht…