Widerstand ist zwecklos!

Heute habe ich nichts zu sagen. Heute habe ich nichts zu zeigen. So sitze ich hier und versuche, davon zu kommen. Ich übe das sehr viel. Widerstand!

Erinnerungen. Es gab schon einmal einen Post hier, bestimmt nicht nur einen. Widerstand!

Reaktionen. Das WordPress Thema hier ist nicht das Neueste. Das unterste Menü hat ja noch Standardtext. Schön, dass ich wieder hier schreibe. Freuen auf das Sommerfest. Freude und Spannung auf meine Rede. Widerstand!

Meine Gedanken denken und denken und ich fühle Unruhe. Ich spüre den Widerstand körperlich. Ich sabotiere meinen Fokus. Prokrastination. Ärger. Ablenkung. Unterhaltung. Facebook? Spiegel Online? Schokolade zum Frühstück? Widerstand!

Finde doch zurück zur Arbeit. Abwartend. Vertrauend. Mutig. Freundlich und liebevoll. Im ständigen Wechsel. Wie mein Atem. Ein und Aus.

Hier zu Hause geht grad das Internet nicht. Zum ersten Mal seit langem. Eine willkommene Hürde. Eine Ablenkung. Ärger. Nein, dafür ist es zu klein, zu sehr mein Gebiet. Aber Ablenkung. Logs checken, Neustarten. Abwarten. Erhöhte Aufmerksamkeit.

In einem der letzten Posts hier habe ich über meine Morgenroutine geschrieben. Über meinen idealen Start in einen neuen Tag. Auch finde ich so viel Widerstand.

Ich werte und messe mich daran, ob ich meine Routine blogpostmässig durchgezogen habe oder nicht. Hab hier doch geschrieben, wie ich das jeden Tag, also jeden Tag, mache. Und fühle mich gescheitert, wenn ich mal keinen Bock habe, müde bin und Teile davon ausfallen lassen oder auch nur abkürze. Sind ja nur ganz kurze Gedanken, aber sie bestimmen meine Richtung, die Stimmung am Tag.

Sie beeinflussen mein Leben, mein Wachstum, meine Entwicklung.

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Manchmal beneide ich Menschen, die sich einfach immer für ok halten, für gut, vollständig, erfolgreich und toll. Ich stelle mir vor, dass es das gibt. Ich stelle mir sogar vor, dass ich diese wertenden Gedanken einfach nicht denke und es mir damit besser geht. Selbstreflektion my ass!

Ein weiteres Feld für diese Übung in Impulskontrolle und Willenskraft ist meine Ernährung. Hier habe ich in den letzten Monaten wirklich viel geübt. Es ist so einfach. So banal. Und man kann wirklich sehr viel scheitern. Und trotz allem Widerstand bemerke ich doch, wie sich mein Leben verändert. Immer mehr. Immer wieder. Immer!

Es war bei der Mediation doch auch so! So oft ausfallen lassen, so oft gescheitert, so oft so viele Gedanken auf dem Kissen. Und doch! Es war beim Sport doch auch so. So oft geflucht, so oft abgebrochen, so oft geschummelt. Und doch! Es ist beim Essen genau so. So oft doch wieder schwach geworden, und die Schokolade genossen. Und doch!

Was wäre ich ohne diese wertenden Gedanken, ohne den Widerstand? Wie schön könnte es doch sein, wenn ich mich nicht über mich selbst aufrege? Mich selbst nicht so wichtig nehmen, um mich wirklich wichtig zu nehmen?

Widerstand ist zwecklos. Was doch nur bedeutet, dass er keinen Selbstzweck hat. Es gibt andere Wege. Ich kenne sie schon! Bin sie schon gegangen!

Internet geht jetzt übrigens wieder. Der Neustart hat es gerichtet! Na dann! Auf in den Tag…

Kognitive Dissonanz

Istanbul, Tag 1127

Heute gut geschlafen. Ich freu mich grad immer auf den Schlaf und das Aufstehen am Morgen. Gestern waren wir am Nachmittag Essen in Asien mit Freunden, das Wetter hat schon 20 Grad. Der Verkehr hielt sich in Grenzen. Davor und danach gab es intensive Arbeit. Wieder viele Emotionen und etwas Ärger ab und zu. Kriege ich noch nicht hin ohne. Arbeite ich aber dran. Jeden Tag.

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Kognitive Dissonanz ist auch das Ergebnis von Spezialistentum. Man glaubt etwas wirklich fest, man glaubt zu wissen, man glaubt es wirklich richtig zu machen. Die Wirklichkeit kommt einem dazwischen. Zing. Dissonanz.

Ich bin ein Spezialist im Ärgern. Seit vielen Jahrzehnten übe ich, mich über etwas zu ärgern, um damit genügend Energie zu finden, es zu ändern. Mich motiviert Ärger. Dafür werte ich die Aktionen anderer in Sekundenbruchteilen. Und ebensoschnell gleiche ich meine Erwartungen an andere mit der Realität ab. Dann rationalisiere ich meinen Ärger. Ich gebe Ratschläge, Hinweise. Ich helfe sogar, aus diesen Gründen. Weil ich meine zu wissen, wie etwas richtig, besser, gut zu machen ist. Und weil es mich ärgert, wenn jemand unter seinem Potential bleibt, wenn jemand etwas tut, was ihm oder anderen nicht gut tut. Wenn ich mich ärgere, bin ich am Leben. Wenn ich mich nicht ärgere, dann verschwende ich mein Leben. Das ist einer meiner eingebrannten Glaubenssätze. Ich glaube aber auch daran, dass ich mich für meinen Ärger selbst entscheide. Dass mein Ärger in mir liegt. Zing. Dissonanz.

Wenn mir nun noch jemand zu beweisen versucht, dass es andere Wege gibt, ausser den des Ärgers, dann ärgere ich mich sofort über denjenigen. Wenn ich merke, wie sehr mein Ärger andere und mich demotiviert, dann ärgere ich mich über mich. Das ist kein schöner Zustand, in dem mir diese unterschiedlichen Realitäten klar und bewusst werden und ich sie einfach nicht auflösen kann.

Aber ich suche. Ich suche in diesem Zustand nach der Kraft, meinen Glauben an den Ärger los zu lassen, um mein Verhalten dauerhaft zu ändern. Mit Rückfällen gelingt das immer mehr. Der Trick geht wieder über Aufmerksamkeit. Wenn wir darauf achten, was wir da tun; es nicht wegschieben, wegdrücken, unterdrücken, sondern aushalten dass wir so fehlerhaft und schrecklich sind und auch diese Wertung irgendwann loslassen, dann gibt es die Chance für wirkliche Entwicklung, für wirkliche Freiheit.

Ärgere dich nicht, sei frei.

 

 

Nur Details

Berlin, 7:01, Tag 1072

Heute Nacht wieder viel geträumt, es vergessen lassen. Nicht ganz so zeitig hoch, unruhige Meditation. Sitze schon in der Küche, obwohl die Tochter erst kurz vor 9 zur Schule darf.

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Gestern Elternabend am Abend, eigentlich ganz stressfrei und angenehm, kaum langweilig. War irgendwie überrascht. Ist es wirklich ok gewesen, oder habe ich mich so verändert, dass ich das jetzt schon ok finde?

Bis dahin hatte ich grundlosen Ärgertag. War unzufrieden mit mir, meinem Leben, meiner Arbeit aber hauptsächlich mit mir, war unzufrieden mit meiner Unzufriedenheit. Habe dann angefangen zu sortieren, das half etwas. Dann konnte ich auch wieder kommunizieren, das hat es wieder etwas eingerenkt. Heute fühlt es sich auch besser an. Der Anfall scheint vorüber.

Es sind ja immer nur Details, die kleinen Dinge, die man machen, die man ändern kann. Und immer nur Details in diesem Moment. Sich dann aufzuraffen, und dieses kleine Detail zu verändern, das ist es. Ich weiss das, aber es hilft so oft nicht. Dann füllt sich meine Brust bis zu meinen Augen mit schweren Gedanken, dann fliesst die Schwere ab über Ärger, Frust, Härte. Kein Lächeln. Kein Freundlich sein. Kein Nicht wissen.

Am nächsten Morgen, jetzt, schon besser. Wieder mehr im Fluss, wieder mehr Bewegung. Wieder freundlicher, ein leichtes Lächeln auch jetzt.

So, mache ich jetzt weiter. Wünsch Euch einen schönen Tag.

Angst- oder Ärgertyp?

Berlin, 6:15, Tag 1065

Sehr zeitig aus einem emotionalen Traum erwacht und aufgestanden. Wollte keine Fortsetzung des Kindergartens riskieren, in dem mein Leben manchmal stattfindet.

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Hab das Schreiben eben fürs Lesen geopfert.

Erst The resolution of the Bitcoin experiment von Mike Hearn und das NYT Pendant: A Bitcoins Believer’s Crisis of Faith dazu. Denn das Experiment droht zu scheitern, an menschlichen Problemen, Schwächen und unterschiedlichen Idealen. Dabei spielt aus meiner Sicht immer wieder die Ignoranz vom grundlegendem Handwerk des Miteinander eine grosse Rolle. Kindergarten: Konflikte, Kränkungen, Inkonsequenzen, und die daraus resultierende Bockigkeit, der Trotz, Freund oder Feind und dann die übertriebene Freundlichkeit zu Freunden, die übertriebene Härte zu Feinden, die Selbstbestätigung, -verstärkung. Reality Distortion. Chaos. Ende. Neuanfang.

Mir fiel gestern auf, dass ich zwei unterschiedliche Typen kenne: einmal die Angststarren und dann die Ärgerstarren.

Ich bin jemand der in Angst noch gut handeln kann, dem es Spass macht, schnell zu fahren, auf der Klippe oder Bühne zu stehen, den Grat entlang zu wandern. Vor allem in Angst vor Verlust von Partner, Kind, Firma, Freunden, Projekten bin ich relativ gut, diese Angst in Aktion umzuwandeln und zu handeln. In eine Richtung, die der Angst entgegenwirkt, das ist die Anfängernummer. Die Angst als Motivation zu nutzen, als kreative Energie, wertungsfrei einfach mal hinhören und was tun, anfangen, einen Schritt in die richtige Richtung zu machen, das kriege ich über Angst alles hin. Aus dieser Sicht ist Angst für mich etwas sehr positives, lebensbejahendes, ein Gefühl von: ich weiss, was ich will oder nicht will, und ich tue etwas dafür.

Ich bin niemand, der im Ärger noch gut handeln kann. Wenn ich mich über etwas oder jemanden ärgere, schneide ich mich von allem Handeln ab. Dann bleibt höchstens noch Meckern, Jammern oder Streiten übrig, aber kein sinnvolles, den Grund des Ärgers irgendwie bessernd, behebend, lindernde Aktion. Dann bin ich im Kindergarten meines Lebens und bin bockig, trotzig und klar auf den Auslöser meines Ärgers im Aussen als meinen momentanen Feind fokussiert. Das lässt mich manchmal richtig obsessiv werden, dann kann ich nicht aufhören darüber nachzudenken, zu grübeln und Briefe und Mails und Texts zu entwerfen, die ich wieder und wieder umformuliere, bis sie genügend Gift oder wenigstens Schärfe enthalten, dass ich eindeutig gewinne. Puhh, anstregend, allein hier jetzt darüber zu schreiben. Meine Aufgabe ist es, diesem Ärger nun seine starre Macht zu nehmen, und ihn wie die Angst in Handeln, in ein positives, lebensbejahendes Gefühl zu wandeln, zu einem Gefühl von: ich weiss, was ich will oder nicht will, und ich tue etwas dafür.

Ich passe gut zu Menschen, die im Ärger gut handeln können und bei Angst in Starre verfallen. Das ergänzt sich dann wunderbar. Als Duo bleibt man in diversen Situationen komplett handlungsfähig, lässt sich mit ziehen und zieht selber mit. Kann ich nur empfehlen. Auch wenn es natürlich immer und grundsätzlich anstrengend bleibt, mit jemand zusammen zu sein oder zu arbeiten, der anders ist, als man selbst.

Achtet mal drauf, ob und wie ihr und euer enges Umfeld in Ärger oder Angst reagieren? Würde mich wirklich interessieren, ob meine Thesen hier stimmen.

Schönen Dienstag!

 

 

 

 

Lektionen lernen

Bizimköy, 6:14, Tag 913

Heute Nacht war kurz. Spät ins Bett, viel gelacht, gelesen mit der Kleinen. Dann gleich schnell geträumt. Dann bis zum Morgen immer wieder und lange wach gelegen.

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Gestern hat es Nachmittags mal kurz geregnet. Aber es gab keine nennenswerte Abkühlung.

Der Schwung vom Morgen verkehrte sich schnell ins Gegenteil, das Pendel schwang zurück. Von den hohen Erwartungen und Hoffnungen an den Tag, kam ich sehr schnell und mehrfach in der Realität an. Hatte ich früh übertrieben? War ich zu sehr im Optimismus, im „es ist doch so einfach, wenn du nur…“ Modus? Sicher! Was sollte ich sonst lernen aus dem Verlauf des gestrigen Tages.

Jede Einsicht, jedes Wort hilft nur bedingt. Es kommt doch anders. Und dann hilft? Nicht wissen, Aushalten, Zeugnis ablegen. Liebevoll Handeln. Und wenn man das grad nicht kann? Wenn man das nicht mal schafft, dann wird es noch schlimmer, fühle ich mich noch schlechter. Entgegen aller guten Einsichten, alles Wissens und Ahnens, bum, übernimmt die andere Seit der Macht. Aber ich hab immer schon alles, was ich brauche. Die Antwort kam dann doch schnell: ich kann, darf, soll mir verzeihen! Das sollte ich gestern lernen!

Das Nicht wissen ist ernst gemeint, und umfassend. Auch im Aushalten, im Zeugnis ablegen steckt verzeihen, vergeben, nachsehen, sanft sein mit drin. Und ich bin oft so hart, so unnachsichtig, so ungeheuer wissend, nicht verzeihend, nicht vergebend sonder: Finger in die Wunde, die Bemerkungen nicht nicht machen könnend, aber es ist doch so, ich sehe das doch. Ich kann einfach nicht annehmen, aushalten, was ist, ohne zu werten! Das macht sooo müde!

Und dann kann man nicht schlafen! Um es noch schlimmer zu machen, um noch klarer zu machen, dass Widerstand zwecklos ist. Bis man die Lektion lernt. So lange erhöht das Leben die Dosis.

Nun aber, schnell Schluss mit diesem Befindlichkeitskram! Und Euch einen leichten, lockeren Tag gewünscht.

Tratschtanten

Bizimköy, 6:32, Tag 908

War sehr warm heute Nacht. Wenig Wind, viel Schweiss.

Heute mal ein anderes Bild. Habe wieder keinen Unterschied entdecken können, beim Sonnenaufgang heute morgen. Nach fünf Minuten warten auf eine Krähe oder eine Elster, bin ich an den Strand zur Meditation.

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Das lustige an den Türken ist ja ihre Unbekümmertheit!

Ein Beispiel: Ich setze mich an den Strand, der ca. 3km breit ist und in viele verschiedene circa 50m Abschnitte unterteilt ist. Und dabei suche ich mir genau die Stelle aus, an der gleich zwei ältere Damen ihr Morgenbad nehmen werden. Ich sitze auf dem Kissen am Strand und sie kommen zielstrebig angelaufen, packen ihre Handtücher und Badelatschen in drei Metern Entfernung neben mich. Und gehen genau vor mir -die ganze Zeit schnatternd- ins Wasser.

Während ich wie ein Buddha mit geschlossenen Augen daneben meditiere und meinen Rücken durchstrecke, um meinen Konzentrationsbemühungen auch äusserlich Ausdruck zu verleihen.

Was für eine Übung. Ich überlegte kurz, ob ich den Platz wechseln sollte und nahm dann doch die Herausforderung an. Nach ein paar Atemzügen merkte ich, dass die Wellen am Strand ein ähnlich monotones Geräusch machen, wie die Stimmen der beiden tratschenden Damen im Wasser. Nach weiteren Momenten der Konzentration auf meinen Atem, verschwanden die Stimmen und ich war wieder gefangen in meinen eigenen Gedanken.

Mir fielen in Vorbereitung auf meine Vorträge zwei Geschichten ein.

Solche Geschichten, die einem normalerweise einfallen, wenn man mitten in der Nacht wach wird, einen absoluten Geistesblitz und nichts zu schreiben neben sich hat. Um dann am nächsten Morgen noch eine Erinnerung an das Gefühl der Erkenntnis zu haben, aber nicht mehr zu wissen, worum es ging. Oder, falls man es sich doch aufgeschrieben hat, die Genialität der Worte einfach nicht mehr zu begreifen.

Es soll bei meinen Vorträgen ums Scheitern gehen. Also etwa so:

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Nun will ich aber in den Vorträgen keine anderen „gescheiterten“ Existenzen, wie Michael Jordan zitieren, deren Scheitern hierzulande ja kaum bekannt ist oder irgend eine Rolle spielen würde.

Also dachte sich mein Bewusstsein vorhin, mir ein paar Geschichten aus meinem Leben einzuspielen. Sozusagen als Anregung. Warum? Keine Ahnung!

Vielleicht weil Ärger (über tratschende Damen) doch irgendwie mir Scheitern (bei der Platzwahl für meine Morgenmeditation) verknüpft ist? Oder weil ich vielleicht gestern erst diesen Artikel hier gefunden habe. „Through failure you find out who the survivors are.“ ist noch das beste Zitat, der Rest ist eher so lala. Aber mich interessiert zur Zeit der Grundgedanke.

Aber, nun aber zur Meditation am Strand und den Geschichten:

Vor 26 Jahren fiel ja die Mauer und die DDR scheiterte krachend. Eine für mich wichtige Erkenntnis dabei war ja: egal, was sie Dir erzählen, morgen kann alles anders kommen. Eine gesunde Skepsis gegenüber Regierungen, Politikern und Medien begleitet mich seit dem.

Zwei Jahre vorher passierte folgendes: ich beschwerte mich beim System über das Versagens eines ihrer Teilnehmer. Wir sollten im Kuhstall, in dem ich mit 16 anfing zu arbeiten, eine Grundeinweisung, ja Grundausbildung bekommen. Dauer zwei Wochen. Danach würden wir im Schichtdienst mitarbeiten.

Nun war es so, dass wir vom ersten Tag an voll mitarbeiteten und entsprechend gestresst waren. Als dann irgend jemand mal wieder über Planerfüllung und Erfolge laberte, konterte ich mit der Realität des Scheiterns unserer Ausbilder, die uns einfach nicht grundausgebildet hatten.

Daraufhin entzog das System unseren Ausbildern die Prämie, die uns darauf hin noch bescheidener behandelten. Und alle(!) Beteiligten waren sauer! Auf mich! Das System: weil es nun Stress mit der Realität hatte. Meine Ausbilder: weil sie weniger Kohle hatten. Meine Mitauszubildenden: weil sie noch mehr getriezt wurden.

Das war die erste Geschichte! Nun zur Zweiten:

Zwei Jahre nach dem Mauerfall in einer westdeutschen Sparkasse passierte etwas ähnliches. Ich war in der Wechselabteilung, einem Relikt aus frühkapitalistischen Zeiten. Der dortige Ausbilder war 56 und seit 40 Jahren bei der Sparkasse und seit 37 Jahren in der Wechselabteilung. Er machte noch alles mit Stift und Kassenbüchern. Benutzte aber schon mechanische Rechenmaschinen, sogar die mit einem zweifarbigem Bonstreifen. Als ich kam, war ich komplett faszniniert. Ich versuchte alles zu lernen, scheiterte aber immer wieder an der mir eigenen Schnelligkeit und der daraus resultierenden Ungenauigkeit. Diese, gepaart mit fehlender Übung, und ich durfte wochenlang nichts in das Kassenbuch eintragen. Er fand, Tipp-Ex zerstörte die Schönheit seiner Aufzeichnungen.

Nun hatte ich ja im Osten gelernt, dass Beschwerden beim System zum Sauersein aller Beteiligten führte. Und zwar auf mich.

Diesmal beschwerte ich mich also nicht. Kein Wort über die Irrelevanz der Ausbildung in dieser Abteilung. Statt dessen schaltete ich nach Feierabend den zugedeckten, unbenutzten Rechner auf einem der Schreibtische in seinem Zimmer an.

Das Ergebnis dieser Aktion war, dass wenig später die Wechselabteilung geschlossen wurde und ich belobigt wurde. Das Programm auf dem Computer, rechnete die Wechsel automatisch ab. Aufwand: halbe Stunde pro Woche.

Es gab nur noch einen, der sauer auf mich war: der Herr, der nun nach über 37 Jahren einen anderen Job hatte und in der Kreditabteilung manuell Darlehen verlängern musste.

Er war im übrigen Millionär, wie ich wenig später per obl Abfrage im 3270 Terminal illegal herausfand. Weil? Er wohnte noch bei Papa und fuhr einmal jährlich in den Urlaub: nach Oldenburg, zur Besichtigung der Landeszentralbank. Sonst hatte er keine Ausgaben und alles, alles Geld, was er verdiente in Sparkassenprodukten und Berlin Darlehen angelegt.

Ok, die Geschichten lassen sich nicht vergleichen. Einmal ging das System eines ganzen Landes unter, ein andermal nur die Abteilung einer Bank. Aber meine aufgefrischte Erkenntnis aus diesen zwei Erinnerungen: Beschwerden beim System bringen Ärger. Computer anschalten und benutzen bringt Lob.

Mhh, diese beiden Erlebnisse fielen mir also vorhin ein, als ich neben den schwimmenden Tratschtanten meditierte. Machen jetzt, nachdem ich sie aufgeschrieben habe, überhaupt keinen Sinn mehr für meine Vorträge. Aber das ist ja immer so, bei solchen Geistesblitzen. 😉

Und nun wünsch ich Euch noch einen schönen Freitag, ohne viel Ärger!

Angemessenheit

Berlin, 6:05, Tag 841

Heute bin ich zur üblichen Zeit aber sehr müde aufgewacht und noch ne Stunde liegen geblieben. Das war gut. Hatte wilde Träume. Es gibt wohl viel zu verarbeiten. War gestern auch 17h auf den Beinen, sagte mir abends die Apple Watsch. Bin jetzt immer noch müde, aber schon für den Tag entschlossen. Die Meditation war schön konzentriert, der Sonnenaufgang düster dramatisch:

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Der Berge– und der Druckpost wirken noch nach. Bin grad in einer Antwort noch mal rein in meinen Frust, in meinen Ärger, mein Ego. Gehe gerne über gefühlte Ignoranz, über das scheinbare nicht gehört werden. Das triggert bei mir fast automatisch, den Lautstärkeregler nach oben zu drehen. Diese Verbindung zu sehen, ist eigentlich sehr einfach.

Meine Aufgabe ist es aber, auch andere Formen der Kommunikation meiner Vorstellungen, Wünsche, Ideen zu finden.

Das ist mein rechtes Bemühen!

Eine der Situation und dem Gegenüber jeweils angemessene Form zu finden, fällt mir heute nicht immer leicht. Zu verführerisch ist der naheliegende Laustärkeregler. Zu verführerisch ist es, sich einfach nur zu ärgern und das zu zeigen und dann vom anderen zu erwarten, sich retten zu lassen. Zu verführerisch ist es, sich anderen scheinbar wichtigeren Dingen zu zuwenden und die Aufgabe sich selbst zu überlassen.

Wird schon! Bin ja Optimist!

Und das sind auch meine Ausreden, mein Rationalisieren, meine Ignoranz. Diesen Teil in mir anzunehmen, eine kleine Distanz aufzubauen, eine Millisekunde der Entscheidungsmöglichkeit zu erzeugen, darum geht es. Es als ein Werkzeug zu sehen, als eine Möglichkeit von vielen, das wäre schön. Wenn ich wählen könnte, ob Ärger oder Lautstärke jetzt die angemessene Reaktionen sind. Hach…

Ich ärgere mich gerade über ein Schild in der Espressolounge, in die ich mich für ein Brötchen gesetzt habe. Dort steht: „Liebe Gäste, der Verzehr von mitgebrachten Speisen ist nicht gestattet“. Direkt an der Kasse.

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Jeder „liebe Gast“, der hier etwas essen oder trinken möchte, bekommt diesen handgeschriebenen Zettel zu Gesicht.

Für mich ist das grad wie anlasslose Totalüberwachung.

Für den einen von tausend Gästen (und die Chefin hier wird jetzt sicher argumentieren, dass es ja viel viel mehr seien, ich hätte ja keine Ahnung), der sich hier nur hinsetzen und etwas selbst mit gebrachtes Essen möchte, für den wird jeder(!) Gast darauf hingewiesen, dass man hier gefälligst, seinen Schockoriegel in der Tasche zu lassen hat.

Das ist das Einzige was mir einfällt, was ich manchmal gerne mache würde, meine Lieblingsschokolade zu einem guten Kaffee essen zu wollen. Und auch mir, der das noch nie gemacht hat, mir wird unmissverständlich klar gemacht, dass dies hier nicht unerwünschtes Verhalten ist: ich darf hier nur essen, was auch hier verkauft wird.

Wie dumm!

Diese Schild sagt für mich alles über die Einstellung gegenüber ihren Gästen, ihren Kunden aus. Und diese Einstellung lehne ich ab, teile ich einfach nicht. Mit dieser Einstellung erhebt man sich über den Gast, gängelt ihn, teil ihn in gut und böse, in gewünscht und unerwünscht ein! Und verpackt das ganze noch in „Lieber Gast“, als ob es dadurch besser werden würde. Aber Verbote funktionieren im Servicegeschäft einfach nicht. Das ist Ausgrenzung, also Diskriminierung von unerwünschtem Verhalten in einem Cafe, wie soll das gehen? Gastfreundschaft wählt nicht! Entweder ist man Gastfreundlich oder man ist es nicht. Das ist doch eigentlich sehr einfach, zu verstehen, oder?

Aber vermutlich ärgert sich hier die Chefin auch einfach nur über die Touris, die ein billigers Brötchen nebenan kaufen die dann hier Plätze belegen und möchte mit Hilfe des Zettels eine Verstärkung haben. Oder der Zettel ist eigentlich für Ihre eigenen Mitarbeiter, die diese ungehörigen, selbstessenden Gäste darauf hinweisen sollen, bitte zu gehen, wenn sie eigene Speisen hier essen. Ohmann!

Ich schreibe das hier alles zu mir! Ich will mir klar machen, wie unangenehm und dumm es ist, sich zu ärgern und aus diesem Ärger heraus zu handeln. Wie unangenehm und umm auch ich bin, wenn ich mich ärgere.

Bei anderen sehe ich das so klar, bei mir selbst bin ich so oft so blind.

Dumm ist, wer sich selbst schadet, ohne dass es anderen nützt!

Sich zu ärgern oder auch ein Verbotsschild, kann sicher manchmal angemessen sein. Oft ist es das aber nicht! Wünsch Euch ernüchtert einen tollen Freitag!