Zartes Leuchten an den Rändern

Eben war noch alles blauer Himmel. Beim Aufwachen strahlte die junge Sonne durch die Blätter. Nur eine Stunde später zieht es langsam zu. Das Leuchten des Kirchturms neben dem Küchenfenster ist schon verblasst.

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Zwischen Ablenkung und Vertrauen.

Zwischen Hingabe und Aufgabe.

Ruhige Routine gegen aufgeregte Erinnerung.

Der Gedanke, dass wir jeden Morgen neu geboren, dass jeder Morgen frisch und neu ist, hilft.

Nichts ist vorbestimmt! Es gibt keinen Zwang.

Ich habe einen Plan: einfach machen.

Lächeln.

Freundlich sein.

Einfach tun. Einen Schritt. Eine Bewegung. Ein Wort. Ein Satz. Ein Frühstück. Eine Fahrt. Eine Begrüßung. Einen Tee. Eine Notiz. Eine Zeichnung. Eine Liste. Eine Information. Finden. Teilen. Erkenntnisse. Fest. Halten. Los. Lassen.

Erwartungen wecken. Erwartungen erfüllen. Erwartungen enttäuschen.

Keine Erwartung!

Weiter geht’s.

 

 

Ingelhartsche Fragen

Berlin, 6:10, Tag 782

Heute Nacht habe ich eine Gruppe Obdachloser besucht, die in einem Raum, vermutlich einem mit Geldautomaten, auf dem Boden schliefen. Irgend etwas wollte ich dort abholen. Eine Frau schnorrte mich um eine Zigarette an und ich kaufte einen ganzen Pack und rauchte eine davon mit ihnen gemeinsam. Am Geldautomaten hatte ich nur zu wenig und polnisches Geld, der Automat schluckte auch das und ich fand noch einen Schein, den der Automat, obwohl völlig zerknittert mit einer unglaublichen Geschicklichkeit als echt erkannte und die Schachtel ausspuckte. Ich setzte mich dazu, zog meine Schuhe aus, um die Decke nicht dreckig zu machen. Wir verstanden uns prächtig, unterhielten uns länger und ich fühlte mich wohl. Für einen Telefonhack kam mein ältester Freund A. an, er sah mich belustigt distanziert an, aber ich kenne ihn zu lange, um mich nicht darüber zu freuen. Die Alarmanlage ging los, das Telefon klingelte, der Wachschutz erschien. Und obwohl ich das Passwort nicht hatte, verliessen sie uns nach einem kurzen Rundgang sofort  wieder. Irgendwie musste ich los, gemeinsam mit einer Frau und ihrer Tochter liefen wir los und ich wachte zeitig vor dem Wecker auf…

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Weil es grad stark regnet, gibts jetzt ein Bild vom gestrigen Sonnenuntergang hier in Berlin. Die grossen grauen Wolken verzogen sich in wenigen Minuten durch einem starken Wind. Es war kurz vor halb 8, den Rest hab ich nicht mehr mitbekommen, da ich um genau diese Zeit meine Kleene mittels Facetime vorlesend ins Bett bringe.

Bin immer noch sehr, sehr unruhig, aber sehe auch Land. Wenn ich einfach mache, was jetzt dran ist und versuche die mich immer begleitenden Gedanken und Geschichten meiner Erwartungen und Befürchtungen einfach mal los zu lassen, gehts schon besser. Liege jetzt auf dem Sofa und schreibe hier. Die Alternativen zum Jetzt, die vielen Möglichkeiten, was ich jetzt noch alles tun müsste, könnte und sollte, überfordern mich oft. Diese Gedanken halten meinen Kopf besetzt und verhindern dabei sehr effektiv, dass ich wirklich etwas tue. Sie geben mir aber das postiv besetzte, aber negativ wirkende Gefühl, total wichtig, beschäftigt und voll ausgelastet zu sein.

Es gibt ein Inselspiel, so nenne ich das jedenfalls. Eine kurze Recherche führte mich von S. 57 von Dieter Hermanns: „Werte und Kriminalität: Konzeption einer allgemeinen Kriminalitätstheorie“ zum Inglehart-Index, den Ronald Inglehart in den 80igern des letzten Jahrhunderts entwickelte im Rahmen seiner Post-Materialismus Forschung. Einfach mal „zwölf gegenstände werte“ googeln. Passt schon!

Zurück zum Spiel: welche zwölf Gegenstände würdest du mit auf eine einsame Insel nehmen? Bring dann die Gegenstände in eine Rangfolge, zB gruppiere sie dann in sechs Zweiergruppen und wirf, fast wie in einem Tennismatch,  im KO Verfahren immer eines davon raus. Die sechs verbleibenden Gegenstände wieder gruppieren, die drei letzten dann ebenfalls. Die Gegenstände, wenn man das Spiel mit einer gewissen Ernsthaftigkeit spielt, repräsentieren persönliche Werte. Bei mir sind die letzten drei: Freiheit, Beziehung, Entwicklung. In genau der Reihenfolge.

Nach dieser Offenbarung musste ich erst mal mein Frühstücksgeschirr abwaschen und, weil es grad angefangen hat, zu schneien (wirklich!), bin ich ins etwas wärmere Büro nach unten umgezogen.

Zurück zu den Werten:

„We must turn from the inappropriate use of the disease model of emotional distress and understand that individuals’ psychological pain arises within social systems as well as within their own brains.“

Habe ich in einem Slate Artikel über den Germanwings Absturz gelesen. Es geht hier und in dem Artikel nicht um den Absturz oder dessen Ursachen. Es geht um die Stigmatisierung von Menschen mit Hilfe von Diagnosen oder Krankheitsbezeichnungen. Stigma, altgriechisch στíγμα, Mehrzahl Stigmata, bedeutet wörtlich „ Stich-, Punkt-, Wund- oder Brandmal“ schreibt Wikipedia hier. Wir benutzen Stigmata, wie Depression oder auch Drogensucht, um bestimmte Verhaltensweisen, die nicht unserer Vorstellung, unseren aktuellen gesellschaftlichen Normen entsprechen, zu kennzeichnen und damit abzuwerten.

Mein Problem mit diesen Stigmata ist, dass sie keine Lösung der Probleme für uns Menschen bieten. Es entsteht eine Industrie von Medikamenten, Ärzten, Vereinen, Einrichtungen, Systemen die für ihre eigene Existenz, immer die Existenz des Stigma, des Problems benötigen. Diese Systeme tragen dann unbewusst dazu bei, die Ursachen für die Depression oder auch Drogensucht zu erhalten, sonst würden sie sich selbst ja entwerten und letzlich ihrer eigenen Existenz berauben. Die stärksten Drogengegner sind deshalb niemals für die Legalisierung von Drogen, sie können es nicht sein, denn dann würde sie sich selbst ihrer Identität als Drogengegner berauben, da Drogen aufhören würden welche zu sein.

Der Rückschwenk zu den Werten fällt jetzt etwas heftig aus, also Achtung: aber ich glaube fest daran, dass persönliche Freiheit, dass echte, vielfältige Beziehungen und dass Entwicklungsmöglichkeiten dazu beitragen, meine eigenen Stigmata, meinen eigenen Ausreden und Selbstkennzeichen zu schwächen. Mir hilft diese Besinnung auf meine Grundwerte dabei, mein Lebensglück, meine Zufriedenheit, mein am Leben sein, in mir zu suchen und nicht in Pillen, Doktoren, in Diagnosen, Therapien oder sonstwo im Draussen, sondern in mir, im jetzt, im hier!

In diesem Sinne! Ich wünsch Euch einen wertvollen Dienstag!