donnerstag

Ein neuer Morgen. Schräg geträumt und mit einer Erkältung aufgewacht. Ruhige Morgenmeditation. Habe viel gelernt die letzten drei Tage. Vor allem noch gestern nachmittag beim Gespräch über den Führungsstil eines unangenehmen Chefs.

Im Arbeitstreffen davor hatte ich ein surreales Erlebnis. Ich schaute uns zu und sah, was und wie wir redeten, wie wir unsere Stifte benutzen, um alle zeitgleich etwas aufzuschreiben. Wie zwei dabei einfach warteten, bis etwas interessantes passierte. Und ich fragte mich, wie es dazu kommt, dass wir Menschen uns solchen Beschäftigungen hingeben und dafür Name, Titel, Notwendigkeit entwickeln und sogar Belohnungen in Form von Geld erhalten. Was genau machen wir da? Warum sind wir dabei so selten aufrichtig miteinander? Wir sind dabei alle Vertreter von unseren Organisationen, kleinen oder größeren Teams oder Fachspezialisten, einzelne Wissende für ganz besondere Themen, mit denen sich einfach niemand sonst auskennt.

Wir kommen alle zwei Monate zusammen und besprechen uns. Ja, das Wort Besprechung drück es eigentlich sehr genau aus. Wir besprechen uns gegenseitig. Wir unterhalten uns nicht. Also doch, vor und nach der Besprechung und in den Pause, da unterhalten wir uns miteinander. Aber während dessen besprechen wir Themen. Statt uns über Themen zu unterhalten, besprechen wir sie.

Und gestern fiel mir das auf und ich entspannte mich etwas, war ganz froh, diese Perspektive, diesen kleinen Abstand überhaupt entwickeln zu können und versuchte, zu einer Ursache von wiederkehrenden Problemen, Inneffizienzen und Konflikten vorzudringen.

Hat nicht richtig geklappt, es war ja eine Besprechnung, die zwar Arbeitstreffen heisst, aber keines ist. Vielleicht hat es doch etwas verändert. Wir werden sehen.

Gestern hatte ich dann noch das Glück eine weitere Halo um mein Flugzeug zu entdecken. Der Ring um den Flugzeugschatten, der wie ein kleiner Heiligenschein aussieht. Hab grad gelesen, dass man diesen Effekt auch Glorie oder Gloriole nennt. Ja, passt.

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Nun startet gleich ein hoffentlich ruhiger Donnerstag hier in Kreuzberg. Möchte anknüpfen an die Produktivität vom letzten Freitag, mit weniger Nachdenken, weniger Werten, mehr einfach Machen, die richtigen Happen aus dem Riesenberg an Dingen erwischen und einfach gut kauen und runterschlucken. Uhhrg, was für ein Bild…

Heute ist einer der Tage an den mir nichts, aber auch gar nichts einfällt. Nicht, das Nichts passiert wäre. Also gibts ein Bild und einen Gruss!

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Im Zug, Tag 1141

Heute morgen aus wilden Träumen zeitig aufgewacht, sehr erholt. Bin noch liegen geblieben. Hab mich erinnert, an das NASA Gebäude mit den unglaublich hohen, offenen Büroräumen, den tollen Designertischen, eine perfekte Weiterentwicklung von Eiermanns und dem Polizisten, der mich rauswerfen wollte und dann doch Nachsicht zeigen konnte, wegen meiner echten Begeisterung.

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Musste zeitig los für ein Treffen in Leverkusen, bin nun auf dem Weg für einen Abend in Hamburg. Morgen dann wieder zurück in Berlin und fast schon Wochenende.

Im Zug gibts kaum Telefon und noch kaumer Internet. Es ist ja nur 2016, wir sind ja nur mitten in Deutschland, ochmannehj. Elektrizität, dass könne sie aber wenigstens, das Licht bleibt wirklich dauerhaft ohne zu flackern brennen, gut! Aber Toiletten, nee, Toiletten scheint auch schwer zu sein, die gehen in vier Wagons nicht.

Ein Satz hat mich heute morgen schwer beeindruckt: wir können ja niemanden Retten… ist eines meiner Mantras. Also, niemand lässt sich wirklich retten, nicht ich selbst, kein anderer, schon gar nicht vor sich selbst. Das ist ein Verwandtes von: es gibt keine Abkürzungen. Dieses jemanden retten zu wollen, es aber nicht zu können, darum ging es vorhin beim Herflug. Ich halte das ganz schwer aus, dass ich nicht alle retten kann, dass ich manchmal weiss, was zu tun, zu sagen, zu machen ist, es aber nicht kann. Man kann ja nicht jeden retten, und dann hat man sie an der Backe, sind die abhängig von einem. Ganz schräge Gedanken, die manchmal darin münden, dass ich gar nichts mache. Dass ich weg gehe, weg renne, mich weg ducke, mich tot stelle, flüchte, erstarre und eben nichts mache. Dabei könnte ich helfen. Nicht retten, aber helfen. Etwas tun, einen Schritt, nur einen Schritt in die richtige Richtung tun, den Weg zeigen, anleiten, lernen und lehren. Aber weil ich ja niemanden retten kann, tue ich es nicht. Helfe nicht und lasse andere Allein. Eine schöne Enttäuschung. Eine schöne Erkenntnis.

Nun geht es leichter, nun kann ich Fragen nach Rettung als Fragen nach Hilfe interpretieren, dann kann ich schauen, ob ich jetzt (nur jetzt) etwas tun kann, ob ich helfen kann. Und dann mach ich das einfach, ohne lange nachzudenken.

Helfen ist nicht Retten. Helfen ist Hilfe. Ich kann helfen!

Istanbul, Tag 1134

Das Extra3 Video macht ja immer noch die Runde, vor allem seit gestern auch noch die Bundesregierung Stellung bezogen hat. Die Kommentare unter dem Post habe ich mit Interesse gelesen. Mich hat das an meine wunden Punkte, meine Knöpfe erinnert.

Jeder hat einen wunden Punkt. Wenn man den berührt, tut es weh, gibt es eine emotionale Reaktion. Wenn jemand viele solcher wunden Punkte hat, nennt man ihn sensibel. Sensible Menschen nehmen sich viel zu Herzen, reagieren häufig emotional. Ich reagiere oft aggressiv mit Ärger oder Schärfe, wenn jemand einen meiner Knöpfe drückt. Ob nun absichtlich oder unabsichtlich ist dabei egal.

Dann gibt es das Phänomen: getroffene Hunde bellen. Also ich habe einen wunden Punkt, der auf einem schlechten Gewissen wegen irgend etwas beruh, habe etwas getan, auf das ich nicht stolz bin und irgend jemand in meinem Umfeld stösst mich mit der Nase drauf. Lässt meine Ausreden und Erklärungen nicht gelten, sondern deckt sie als solche auf.

Zwischen beiden Dingen gibt es einen Unterschied: die wunden Punkte haben etwas mit meinen Werten, meinen Grundüberzeugungen zu tun, die herausgefordert werten. Mein schlechtes Gewissen hat etwas mit konkreten Handlungen zu tun.

Für mich selbst herauszufinden, ob meine emotionale Reaktion auf einer Werteverletzung oder aufgrund einer meiner vergangenen Handlungen beruht, hilft mir weiter.

Einmal kann ich die Werte überprüfen, wo sie her kommen, was die Ursache dafür ist und sie für mich bestätigen oder versuchen sie zu hinterfragen. Das ist keine leichte Aufgabe. Werte haben oft etwas mit meiner Identität zu tun und es kann  sehr anstrengend sein, sich selbst in Frage zu stellen. Was bleibt denn dann von mir, wenn ich meine Überzeugungen, meine Werte aufgebe oder ändere?

Im Falle der Handlungen fällt mir das eindeutig leichter, ich kann mir vornehmen, solche Handlungen in Zukunft zu unterlassen und der wunde Punkt, der auf einem schlechten Gewissen beruht, heilt so ab.

Kenne deine wunden Punkte: prüfe Deine Werte und steh zu deinen Handlungen.

Istanbul, Tag 1127

Heute gut geschlafen. Ich freu mich grad immer auf den Schlaf und das Aufstehen am Morgen. Gestern waren wir am Nachmittag Essen in Asien mit Freunden, das Wetter hat schon 20 Grad. Der Verkehr hielt sich in Grenzen. Davor und danach gab es intensive Arbeit. Wieder viele Emotionen und etwas Ärger ab und zu. Kriege ich noch nicht hin ohne. Arbeite ich aber dran. Jeden Tag.

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Kognitive Dissonanz ist auch das Ergebnis von Spezialistentum. Man glaubt etwas wirklich fest, man glaubt zu wissen, man glaubt es wirklich richtig zu machen. Die Wirklichkeit kommt einem dazwischen. Zing. Dissonanz.

Ich bin ein Spezialist im Ärgern. Seit vielen Jahrzehnten übe ich, mich über etwas zu ärgern, um damit genügend Energie zu finden, es zu ändern. Mich motiviert Ärger. Dafür werte ich die Aktionen anderer in Sekundenbruchteilen. Und ebensoschnell gleiche ich meine Erwartungen an andere mit der Realität ab. Dann rationalisiere ich meinen Ärger. Ich gebe Ratschläge, Hinweise. Ich helfe sogar, aus diesen Gründen. Weil ich meine zu wissen, wie etwas richtig, besser, gut zu machen ist. Und weil es mich ärgert, wenn jemand unter seinem Potential bleibt, wenn jemand etwas tut, was ihm oder anderen nicht gut tut. Wenn ich mich ärgere, bin ich am Leben. Wenn ich mich nicht ärgere, dann verschwende ich mein Leben. Das ist einer meiner eingebrannten Glaubenssätze. Ich glaube aber auch daran, dass ich mich für meinen Ärger selbst entscheide. Dass mein Ärger in mir liegt. Zing. Dissonanz.

Wenn mir nun noch jemand zu beweisen versucht, dass es andere Wege gibt, ausser den des Ärgers, dann ärgere ich mich sofort über denjenigen. Wenn ich merke, wie sehr mein Ärger andere und mich demotiviert, dann ärgere ich mich über mich. Das ist kein schöner Zustand, in dem mir diese unterschiedlichen Realitäten klar und bewusst werden und ich sie einfach nicht auflösen kann.

Aber ich suche. Ich suche in diesem Zustand nach der Kraft, meinen Glauben an den Ärger los zu lassen, um mein Verhalten dauerhaft zu ändern. Mit Rückfällen gelingt das immer mehr. Der Trick geht wieder über Aufmerksamkeit. Wenn wir darauf achten, was wir da tun; es nicht wegschieben, wegdrücken, unterdrücken, sondern aushalten dass wir so fehlerhaft und schrecklich sind und auch diese Wertung irgendwann loslassen, dann gibt es die Chance für wirkliche Entwicklung, für wirkliche Freiheit.

Ärgere dich nicht, sei frei.

 

 

Berlin, Tag 1120

Heute Nacht nicht gut geschlafen, die Kleine war viel wach und ich bin erst spät ins Bett gekommen. Der Tag lief sehr in Moll heute, sehr viel Emotion, sehr viel Schwere.

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Dass ich die kommenden zwei Wochen nicht hier bin, wirft seine Schatten voraus.

Es fühlt sich komisch an, ich möchte nicht weg, will weiter machen, mehr machen, besser machen. Möchte unten in Istanbul in den co-workingspace vom Kolektif House gehen. Ist wie ein Cafe, ganz fixes Internet und freundlich, nette Mitmenschen, inmitten eines Autowerkstattviertels mit extrem leckergünstigen Mittagsimbissen.

Hab grad keine Leichtigkeit, kein Lächeln bei der Arbeit. Es ist schade, dass es Phasen gibt, in denen ich das nicht habe oder finde. Es sind hoffentlich Wehen. Die Ankündigung von etwas Neuem, noch nicht da gewesenem. Was auch immer es ist, es ist besser als dieser Schwebezustand kurz vor der Geburt. Es muss jetzt auch langsam mal raus. Einen Namen hab ich schon, noch keine Wiege, noch keine Strampler. Naja, ein paar Wochen hab ich auch noch Zeit, ehe es wirklich losgeht.

Berlin, Tag 1115

Heute schon wieder wild geträumt, sehr müde aufgestanden. Die Morgenmeditation rettet und ankert mich aber zum Glück gerade sehr. Etwas Aufregung hatte ich schon da mit hinein genommen, weil ich vorher Martin Schulzes Reaktion auf eine rassistische Äusserung im Europaparlament geschaut hatte. Und leider auch zwei Videos vom Verursacher, die ich hier nicht verlinken will.

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Seit letzter Woche bin ich tief in Details versunken, schmiede Pläne, versuche zu verstehen und lerne viel. Mir gehts dabei nicht sehr gut, bin sehr reizbar, leicht im Ärger, verliere mich in Einzelheiten, beisse mich fest und komme ungern wieder raus. Bemerke meine Wissens und Fähigkeitenlücken, fülle einiges wieder auf. Ist ja alles doch irgendwie immer das Gleiche.

Bin drauf und dran, den grossen Knopf für den Neustart, für einen „big flush of the toilett“ zu drücken und alles wegzuspülen. Sich neu besinnen. Es kommen andere Bilder hoch: wir fällen Bäume, pflanzen neue Setzlinge, aber eigentlich sollten wir an unserem Produkt schnitzen. Wo ist das Werkstück eigentlich, an dem wir arbeiten. Es ist begraben in unseren Tools für Dokumention, Organisation und Verwaltung. Keiner erkennt es mehr, keiner weiss mehr, was als nächstes wirklich wichtig ist, alle sind super beschäftigt und so richtig gut ist alles nicht, aber was solls.

Irgendwie hängen wir sehr an dem Vergangenen, an unseren Erfahrungen, unseren Erlebnissen, die wir alle irgendwo dort in den Bergen an Tasks, Dokumenten, Commits, Code, Chats zu sehen glauben. Wenn das weg wären, wüssten wir doch gar nicht mehr, wer wir sind und was wir machen. Wir würden zum eigentlichen Kern, zum eigentlichen Warum kommen. Etwas hält uns zurück. Es ist einfach, an einem bescheidenen Stück Code, einem komplexen, irgend etwas machenden Tool weiter zu schrauben, als sich wieder und wieder der Frage zu stellen, ob das jetzt wirklich Sinn macht.

Und sich nicht aus Bequemlichkeit mit der ersten oder zweiten Antwort zufrieden zu geben, sondern aus echter Faulheit weiter zu fragen. Ich meine die Faulheit, die einem sagt, wenn man es jetzt nicht richtig macht, dann wird man dieses bescheidene Thema nie, nie, nie mehr wieder los.

Also, ich wünsche Euch mit diesem Gedanken einen wunderbar faulen Arbeitstag!