Miteinander, Füreinander

Tag 1, Horsemanship Diary

Jetzt beginnt der zweite Tag hier bei der Weinzierl Horsemanship Academy 2019. Ich sitze in der Sommerküche. Habe grade angeheizt, mir einen Kaffee gemacht und Deutschlandfunk Kultur Spotify Playlist angemacht.

Bin seit Samstag ganz spät Abends hier. Der Sonntag verflog damit, meinen Charlie aus der Tierklinik zurück zu holen und zu versorgen, mich in meinem Zimmer einzurichten und den Trecker zum Abziehen der Wiesen fertig zu machen, Steine von den Weiden abzulesen und dann schon ein paar Runden mit der Egge zu drehen.

Die anderen kamen nacheinander an und wurden begrüßt. Wir haben dann abends zusammen Lasagne in drei Varianten gemacht: bolognese, vegetarisch und eine dritte vegane Lasagne. War meine erste Lasagne, hab einfach auf chefkoch.de gesucht und gefunden und die Mengen verdoppelt.

Gestern morgen startete ich zeitig 5:30 und schaffte es sogar, zu meditieren. Das hatte ich mir fest vorgenommen, auch hier den Tag mit dieser Praxis zu beginnen. Eigentlich schon angespannt und den Kopf voll mit den Dingen, die zu erledigen sind. Gerade dann finde ich es wichtig, sich 20min hinzusetzen und nur zu atmen. Das klappte gut.

Am Vormittag gab es die grosse Erstbesprechung. Ich hab einfach, wie es meine Gewohnheit ist, mitgeschrieben und gleich ein Protokoll erstellt.

Am Nachmittag gab es die Ankaufsuntersuchung, also prüfte die Trainer hier, was für Schüler sich hier angemeldet hatten. Wir hatten jeder 20min Zeit im Roundpen mit einem Pferd zu zeigen, was wir schon können. Das war gleich zum Start eine schöne Prüfungssituation und ein Sprung ins kalte Wasser. Mir macht sowas Spass auch wenn ich sicher noch viel rumstümpere und unpräzise, ungenau bin. Ich durfte ein toll ausgebildetes Pferd nehmen, Charlie steht noch in der Krankenbox und darf sich schonen (eine Knieverletzung heilt gut ab).

Dann bin ich wieder auf die Weide und habe weiter die Egge gezogen bis der Hintern brummte und es Zeit zum Abendessen war (Kartoffeln mit Quark).

Danach Tagesfeedback Runde und kurze Vorstellungsrunde mit den Fragen: wie verdienst Du bisher Deinen Lebensunterhalt? Und was denkst Du, passiert nach der Academy, möchtest Du mit der Ausbildung hier einmal Deinen Lebensunterhalt bestreiten?

Zehn unterschiedliche Antworten gab es. Einige Gemeinsamkeiten, ein paar Unterschiede. Wir haben vom Abiturienten über gestandne Geschäftsfrauen bis zu Pferdehofbetreiberin oder Tierheilpraktikerinnen alles dabei.

Ich bin so froh, dass ich hier sein kann. Dass mein Unternehmen in Berlin es möglich macht, dass ich von hier aus für sie da sein kann. Dass ich nicht jeden Tag ins Büro muss, sondern dass ich mich hier weiter entwickeln kann um mit dem Gelernten weiter für sie da zu sein. Mir wurde so bewusst, dass mein Leben dann am erfülltesten ist, wenn ich für andere da bin. Und das nicht allein sondern am besten gemeinsam. Götz Werner nannte das: „Miteinander, Füreinander Tätig Sein“, dass sei der Sinn unseres Daseins hier auf der Welt. Wir sind soziale Wesen, wir brauchen andere Menschen, eine Gemeinschaft in die wir uns einfügen, in der wir für andere und anderer für uns tätig sind.

Dieser Ort hier im Wald macht mir das so überdeutlich. Eine zusammengewürfelte Truppe von Menschen, die das Interesse am Horsemanship eint. Menschen, die hier leben und diese Ort für andere öffnen, uns einladen, auf Zeit mit ihnen zu leben, zu wohnen, zu arbeiten und zu lernen. Mich berührt das tief.

Ich schliesse mein Tagebuch mit einer kleinen Galerie der Eindrücke von den ersten beiden Tagen. Viel Spass beim Durchklicken.

So, doch noch zwei Videos vom Tag gestern. Einmal ein kurzes Stück vom Trecker fahren…

Und dann eine schöne indirekte Lektion von Moirin: Falling Leaves mit einem der Ausbildungspferde hier.

Wünsche Euch einen guten Tag! Moment zu Moment!

Horseman Diaries

Seit im Oktober 2018 kenn ich Pferdeflüsterei oder Natural Horsmanship. In goldenem Herbstwetter in den Ruhner Bergen bei Schwerin hatte ich einen Kurs gebucht.

Meine Frau und meine Tochter wollten in den Herbstferien alleine nach Istanbul. Ich wollte nicht mit, habe nach einem Reitkurs gesucht. Der Ferienkurs bei Weinzierl Horsemanship war ausgebucht, also geht auch eine Woche vorher? Kurze Rücksprache mit der Liebsten: mach doch. Jeah!

Meinen Charlie lies ich abholen und fuhr Samstag hinterher und nach dieser einen Woche war mein Leben nicht mehr so wie vorher.

Sofort haben wir die Camppferde am ersten Abend schon auf eine 10ha grosse Weide gelassen, alle zusammen. Das Gefühl, als die Pferde realisierten, dass sie frei sind und über die Wiese galloppierten, werde ich nie vergessen. Uwe fragte, ob ich mit der Drohne filmen könne. Später beim Abendessen erzählten wir von uns: aber nichts über Pferde, sondern über Drogen, Sex und Weltrevolution.

Die Woche verlief wie ein Rausch. Das Camp war durchgetaktet, das Leben halbwegs organisiert. Neben dem Essen gibt es vormittags Roundpenarbeit, Nachmittags dann auf Trail- oder Reitplatz, am späten Nachmittag ein Ausritt. Jeden Tag.

Beim zweiten Ausritt bog Uwe vor mir einfach vom Weg ab und ich war in meinem Element. Trabend zwischen den Bäumen hindurch cruisend. Unter mir ein Pferd in seinem Element, sich seinen Weg suchend, mir vertrauend. Es war das zweite Mal, dass ich tief berührt, tief geflasht war.

Ich muss zugeben, wir hatten irre Wetterglück. Ein goldener Herbst, mit T-Shirt Wetter, langer Dämmerung, mild, leuchtend, der ganze Wald müde von dem langen heissen Sommer.

So, nun aber! Ich fahre heute mit Uwe nach Nizza auf ein Männerwochenende mit seinen Freunden und am Sonntag fahre ich für vier Monate nach Neu Drefahl, in die Ruhner Berge.

Bin ja nicht aus der Welt. Inszeniere das nicht wirklich gross, habe habe natürlich eineiges organisiert, dass meine physische Abwesenheit von Familie und Firma keine allzu grossen negativen Auswirkungen haben wird.

Bin nicht aus der Welt, hab mein Telefon dabei, werde aber keine @mtc.berlin Mails lesen, mich aus Slack abmelden, einfach damit ich etwas Abstand kriegen kann. Möchte mich die nächsten Wochen und Monate darauf konzentrieren, in einer völlig anderen Umgebung mit einer völlig anderen Gruppe von Menschen zu leben und zu lernen.

Ich werde nicht zurück kommen. Oder anders: meine größte Angst ist es, nicht zurück zu kommen.

Ok, das klingt jetzt zu hart.

Aber es ist doch so, dass der Arne, der geht, eben nicht wieder zurück kommen wird. Denn ich werde mich hoffentlich entwickelt und verändert haben.

Meine größte Herausforderung für die nächste Zeit wird sicher sein, dass ich mich selbst mit nehme, mit all meinen Erfahrungen, Erinnerungen und Gewohnheiten und Muster.

Dass ich hier los lasse, in den Moment finde, bewusst meinen Tag in dieser gänzlich anderen Umgebung, ohne meine von mir ordentlich eingerichtetes und jahrelang, jahrzehntelang optimiertes Leben, dass ich nicht zum Sklave meiner Widerstände, meine Abneigungen, meiner Zuneigungen werde, das wünsche ich mir. Ich möchte viel und oft in den Moment finden und dann das tun, was jetzt dran ist, ohne zu werten und zu urteilen.

Und klar, ich wünsche mir am meisten, dass ich heile bleibe. Die Arbeit mit fünfzig Pferden im Wald ist eine körperliche Herausforderung, die von den Risiken weit über denen meines normalen Bürosjobs mit den täglich gleichen Wegen liegt.

Und ich wünsche mir, dass ich die Methode Natural Horesemanship a al Weinzierl, das Weinzierl Horsemanship üben, üben, üben kann, um dann damit meinen eigenen Weg finden zu können.

Im Moment sein, einen Plan haben, nicht werten. Das sind Grundsätze der Methode, die ich schon seit dem Oktoberwochenende verstehen konnte. Dazu Balance zwischen Vertrauen und Respekt finden. Parelli sagt Horsemanship ist: Love, Language and Leadership.

Mit einem lauten Yiiiiiihaaa!!! verabschiede ich mich nun von meinem alten Leben und begrüße mein Neues!