Glücksdeterminismus

Istanbul, 7:54, Tag 982

Heute Nacht wieder mal wild geträumt, zeitig wach, nicht so zeitig aufgestanden. Hab immer die zwei Stunden Zeitverschiebung im Kopf, die uns nächste Woche sehr zeitig wach sein lassen werden.

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So, das Highlight gestern war sicherlich meine „Reparatur“ der Waschmaschine am Abend. Ich hatte den neuen Einkauf gewaschen und geschockt festgestellt, dass Aleynas Teppich, den unsere Putzfrau gewaschen hatte, richtig viele kleine Schaumstoffstreifchen hinterlassen hatte, die die Wäsche eingesaut und den Flusensieb verstopft hatten. Nur, dass das Flusensieb unserer türkischen Maschine hinter zwei Blechen mit einer Dichtung gesichtert, kurz vor der Pumpe, am hinteren unteren Teil des Gerätes, lag.

Normalerweise bin ich nicht mehr so der Handwerker. Es gibt viele Menschen, die das einfach viel besser können und deren Job es ist, so was zu machen. Bei Haushaltsgeräten bin ich aber vorsichtig, da die Diagnose immense Möglichkeiten bietet. Von Totalschaden bis zum Austausch ganzer Baugruppen, statt des mühevollen, ersatzteilosen Rumbastelns am Schlauch mit Sieb.

Wir waren Mittags mit Freunden Essen, sehr schöner Austausch, angenehme Stimmung. Ist nicht immer so, eben weil wir uns schon so lange kennen. Aber diesmal war es wirklich ein richtig schönes Wiedersehen.

Am Nachmittag habe ich mich dann unserem Auftragsexel gewidmet. Noch habe ich keinen Durchbruch erzielt, gestern Abend scheint alles auf eine Datenbank hinauszulaufen. Das lag aber auch an einem vermaledeiten Absturz nach knapp einer Stunde Flow ohne Zwischenspeichern.

Die Tage hier kommen mir wie ein Abschied vor. Ein Abschied vom Istanbul der letzten fünf Jahre. Wir sind in dem gleichen Apartment, haben nichts besonderes vor. Als ich vorhin die Schulkinder halb Acht vor dem Haus sah, habe ich mich auch erinnert, dass es noch gar nicht so lang her ist, dass ich genau in diesem Moment die Kleine hätte runter bringen dürfen.

Ein letztes noch: das worauf wir uns fokussieren, was wir in unsere Gedanken lassen, das bestimmt unsere Gefühle und unser Handeln. Die Umgebung reagiert entsprechend und spiegelt unsere positiven oder unsere negativen Gedanken, bestärkt, verstärkt uns in unserer jeweiligen Sicht.

Nur dass wir den Ausgangspunkt: also unsere Intention bei allem ergründen und beeinflussen können. Das heisst für mich am Leben, ein Mensch zu sein. Also, selbstbestimmt sein. Das hat jetzt irgendwas mit Determinismus zu tun, den ich doof finde. Was genau, weiss ich nicht, googelt es bitte selbst.

Aber es geht um diesen kurzen Moment nach dem Ausatmen.

Wenn man sich darauf mal konzentriert, dann kann man den wirklich kurzen Moment finden, in dem man von ganz allein, ohne Entscheidung, ohne Willen, Wollen, Möchten, ohne Denken, Fühlen, wieder Einatmen will.

Dieser Impuls ist für mich das Determinierte an mir! Das ist Ausdruck meines am Lebens sein. Aber ich kann mit meinem Willen, den Zeitpunkt des Einatmens, der Tiefe, der Intensität, der Dauer klar selbst bestimmen. Nur den Impuls selbst, den kann ich nicht kontrollieren.

So ist es für mich auch mit vielen Gedanken, die ich denke. Deren Erscheinen in meinem Bewusstsein, kann ich nicht kontrollieren. Es ist Ausdruck meines am Lebens sein. Aber wie ich mit dem Gedanken umgehe, ob ich ihn stärker mache, ihn bewusst denke, ob ich ihn kaum bemerke, wie wir oft unseren Atem kaum bemerken, ob ich ihn anhalte und die Spannung aushalte, die mein Nichtatmen, mein Nichtdenken verursacht, ob ich ihn mit Muskelkraft unterstütze und zu einem tiefen Gedanken werden lassen, das alles liegt in meiner Hand.

Als ich heute morgen aufwachte, ist mir genau das wieder mal klar geworden. Ich habe jetzt hier grad versucht, ein paar wenige Sekunden eines Gedankengefühlsgemisches fest zu halten, zu erklären und für mich stärker zu machen.

Ich glaube, es geht um die Fähigkeit, uns zum Glücklich entscheiden zu können. Weil das zu unserem am Leben sein dazu gehört.

Wünsch Euch einen aufmerksamen Dienstag!

Denkstoff

Berlin, 7:35, Tag 870

Heute Nacht war kurz. Bin sehr spät ins Bett, nach München und Bergmannstrassenfest und langem, gutem Gespräch. Hab das erste Aufwachen ignoriert.

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Und ein unscharfes Foto geschossen. Naja, ist ja auch kein Sonnenaufgang, deshalb lass ich das einfach mal so.

Weil mir heute aber leider immer noch nicht nach Aufschreiben hier ist, geb‘ ich Euch mal zwei grosse Artikel zum Lesen, die ich erst in der letzten Woche gefunden und die ich noch am Verdauen bin.

Einmal vom Zentrum für politische Schönheit ein langer Artikel über unseren fehlenden aggressiven Humanismus. Bin hier sogar erst zur Hälfte durch, aber trotzdem fesseln mich die Gedanken und Beobachtungen, die Referenzen. Mein Interesse für Geschichte, meine Vergangenheit im Osten, meine Gespräche mit meinem Vater, die Doktorarbeit meiner Liebsten, spielt da alles mit rein. Hatte gestern das Gefühl, dass diese Ansichten nicht meine, aber mir sehr nah sind.

Und dann führte mich ein missverständlicher Linktitel, zu einem grossartigen Text von David Weinberger im The Atlantic über das Netz, die grundlegende Architektur, das Ermöglichen von Prototypen und die sich daraus ergebende Bedeutung für uns, unsere Gesellschaft.

Humans don’t understand things in terms of neat, clean definitions, but through examples we take as clear and of the essence.

Das ursprüngliche Netz wird so unter neuen Anwendungsschichten versteckt, dass viele die grundlegende Architektur, ihre immense Schönheit, ihren ursprünglichen Wert für uns alle nicht mehr erkennen, nicht mehr erfahren können.

In diesem Sinne bin ich übrigens ein absoluter Spätstarter, ich bin in keiner dieser ursprünglichen Projekte heimisch gewesen, noch habe ich mich vollständig in Netzcommunities eingebracht. Hatte immer mal wieder Berührungspunkte und intensive Phasen: das frühe Facebook, Friendfeed, Second Life, Instagram, Ingress, etc. Aber immer als Beobachter, als Suchender, nicht und niemals All In.

Habe viel gelernt, viele Stunden investiert, viel gespielt, mich viel und gut unterhalten (lassen). Aber mich aktiv in Diskussionen einbringen, Gleichgesinnte suchen und dann echte Beziehungen im Netz bauen, davor habe ich mich immer gedrückt, davor habe ich mich geschützt. Das Netz ist damit immer noch nur Werkzeug, nicht Heimat für mich.

Vom vernetzten Personal Computing im Bankenumfeld und zu Haus bin ich erst in den 0ern überhaupt eingestiegen. Erst nach der New Economy, die ich fast komplett ignorierte, habe ich mich wirklich mit dem Netz an sich beschäftigt. Damit ich habe ich die Vernetzung sehr lange immer nur im Firmenumeld, und eben nicht zwischen Individuen erlebt.

Die Erkenntnis über die immensen Möglichkeiten der Architektur auf jeden von uns, privat und beruflich, kam wirklich erst mit Friendfeed und dann Facebook wirklich bei mir an. Auch das ist jetzt schon knapp 10 Jahre her. Vielleicht gefällt mir genau deshalb der Artikel eines, der das lange vor mir verstanden und erlebt hatte, so sehr.

Wünsch Euch einen guten Start ins Wochenende!

Worte zum Sonntag

Istanbul, 6:27, Tag 829

Heute Nacht habe ich geträumt. Bin schnell aufgestanden. Bei der Meditation habe ich bemerkt, dass ich alles bereits vergessen habe. Nur noch die Erinnerung an die Erinnerung war vorhanden.

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Die neue Woche hat noch nicht begonnen. Und doch ist sie schon sehr präsent. Möchte vorbereiten, mich und die anderen. Dinge jetzt schon erledigen, so dass ich dann entspannt die Woche überstehe.

Wonach suche ich? Was ist der Grund meiner Unruhe?

Verbindung. Beziehung.

Das war die erste klare Antwort.

Gesehen werden. Gehört werden. Gespürt werden. Von anderen.

Einsam. Allein.

Das war die zweite klare Antwort.

Akzeptieren, was ist. Anerkennen. Angst und Traurigkeit. Bei mir.

Das ist die Suche nach der Wurzel, die Suche nach der Frucht meiner Gedanken und Gefühle. Was ist die Wurzel von Beziehung? Was ist die Frucht? Was ist die Wurzel von Einsamkeit? Was ist die Frucht?

Spüren, am Leben zu sein. Einatmend. Ausatmend. Fühlend. Denkend. Mit all meinen Sinnen. Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen.

Gleichgewicht. Balance.

All die Konzepte, die ich gelernt habe, verlieren ihre Bedeutung. Es sind nur Gedanken.

Schrift ist gespeicherte Zeit. Vorträge, Bücher, Artikel, Texte, die Lebenszeit anderer Menschen, gespeichert in Text, in Schrift.

Selbst gedankenlose Statusmeldungen auf Facebook. Ein paar Sekunden Lebenszeit von anderen Menschen. Konserviert im Netz. So viele Handlungen, die notwendig sind, von so vielen Menschen, die nötig sind, damit ich sie jetzt lesen könnte.

Selbst hier, der Editor. Evolution von Software. Über viele Jahre von mir begleitet, beobachtet, benutzt. Ich erinnere mich kurz an alte Zeiten. Wie ich lernte. Wie ich Lebenszeit benutzt habe, zu lernen, hier zu Schreiben. Nur das wie, nicht das was.

Die Zeit für das Was kommt noch dazu. Die Zeit für die Wurzel ist schon vergangen. Die Zeit für die Frucht wird noch kommen.

Vertrauen. Liebe.

Fühlt sich an wie eine Lösung, wie ein Weg. Ich bin jetzt hier. Alles ist ok, so wie es ist. Ich brauche nichts, was jetzt nicht hier ist. Nichts ist zu viel. Nichts ist zuwenig. Es ist immer alles schon vorhanden. Wenn wir kochen, dann nur mit den Zutaten, die in der Küche vorhanden sind. Sonst kochen wir nicht, sondern wir sind shoppen.

Es geht darum, aus den vorhandenen Zutaten, das bestmögliche Mahl zu zubereiten. Mit Aufmerksamkeit, Konzentration kommt Einsicht, in die Gründe und die Folgen unsere Seins.

Unergründlich. Unerschöpflich. 

Es gibt immer was zu tun. Jippihjaajajippihjippijeh. Den Folgen meiner Taten kann ich nicht entgehen. Meine Taten sind der Boden, auf dem ich steh. Viele Jahre schon, kenne ich diese Worte: 2008, 2012, 2015. Jahrtausend alte Einsichten. Komprimierte Zeit. Texte, die die Jahre überdauert haben.

Dankbarkeit. Glück.

Wenn ich verbunden bin, mit dem was ist, jetzt hier im Moment, dann bin ich nicht allein. Wenn ich am Leben bin, dann bin ich nicht allein. Mein Ego, mein eigenständiges Selbst, ist eine Illusion, eine Folge des nicht Erinnern, des nicht Sehen.

Keine Antwort, ist eine Antwort. Nichts tun, tut etwas.

Ich trinke meinen Tee und schaue aus dem Fenster.

Und wünsch Euch einen schönen Sonntag!