Gefühle wegatmen…

Berlin, 6:31, Tag 622

Heute Nacht bin ich beim Gewitter spät eingeschlafen und um 3 kurz panisch aufgewacht. Wir verhandeln neue Angebote mit unserem größten Kunden, mein Kopf lief auf Hochtouren mit hätten wir doch, könnten wir dann, würden wir sie, wenn wir… Gedankenspielen. Doch ich beendete ruhig atmend die schreienden Ungerechtigkeit unseres Kampfes um Fairness als David vs. Goliath. 😉 Ich habe so meinen Traum nicht fortsetzen können und der erneute leichte Schlaf löschte jegliche Erinnerung daran.

Mich selbst wieder zu balancieren, mich mit dem Moment und mir zu verbinden, ist das nützlichste Ergebnis meiner Meditationspraxis. Erkennen, Annehmen und Loslassen in wenigen Sekunden oder Minuten. Manchmal kann ich meine Gefühle wegatmen: ich sehe meine Wut, ich sehe die Ursache, ich sehe, dass ich mich wütend mache, ich sehe die Energie, die in meiner Wut steckt, ich kümmere mich um meine Wut.

Wenn ich mir das sage, in den Momenten in den ich mich über den Einkäufer aufrege, dann sehe ich plötzlich, dass ich mich auch über meine Trägheit in der Vergangenheit aufrege, dass ich den Anderen oder meine Umgebung nur als Stellvertreter oder Auslöser benutze, dass ich über die Abhängigkeit von diesem Kunden wütend bin, weil ich Angst davor hab, ihn zu verlieren. Weil ich gezwungen werden könnte, etwas ändern zu müssen. Weil ich mich wütend sehe, erkenne ich plötzlich, dass solche Abhängigkeiten natürlich und überall sind. Ich sehe, dass ich keine Angst vor Veränderungen haben muss, es ändert sich schon alles in jeder Sekunde.

Und dann, wenn ich dran bleibe, dann kommt vielleicht ein Moment, in dem ich mich entscheiden kann, erst mal mich besser zu behandeln, in dem ich erst mal nicht mehr wütend auf mich bin. Dann schreibe ich oft die Gedanken, die Ideen, die Felder der Wut auf. Ich mache mir Notizen, programmiere so mein Unterbewusstsein, wandle die Energie der Wut in eine Energie des Handelns um. Versuche die Entschlossenheit der Wut zu speichern für später, wenn ich am Telefon und noch mehr im Termin all meine Energie, all meine Kreativität, all meine Fähigkeiten brauche, um erfolgreich zu verhandeln.

Diesen neuen Umgang mit Wut zu trainieren führt dazu, dass ich mich wohler fühle mit mir, dass ich selbstbestimmter und freier lebe. Nicht mehr dem Diktat meiner Gefühle unterworfen, nicht mehr abhängig von meinen Gefühlen, sondern anerkennend, wohlwollend, achtsam mit mir, meinen Gefühlen und den Menschen und Dingen um mich herum umzugehen.

Falls ihr nicht wütend werdet, nehmt Ärger, Neid, Gier, Angst, irgend ein eher negativ wirkendes Gefühl. Und genau das funktioniert im übrigen auch mit unseren positiven Gefühlen. Wenn wir etwas anziehend, schön empfinden, wenn wir zufrieden sind und Glück empfinden, auch dann lohnt es, sich mit dem Atem zu verbinden und sich die Herkunft und die Folgen seiner positiven Gefühle klar zu machen. Aber das ist ein ander Post an einem anderen Tag…

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Wünsch Euch lächelnd einen Tag voller Gefühle!

Die es uns schwer machen, sind unsere Lehrer…

Berlin, 7:31, Tag 266 (noch 98 Tage)

Heute war ich an einer Grenze, ich sass in meinem schönen Auto, hielt an, zwei Kontrolleure in ihren Häuschen hinter Glas, nebeneinander. Der eine war Meiner, der andere, der Fremde. Der Fremde kontrollierte aufwendig und langsam. Es war eng in ihren Kabinen, daneben ein Schlafsaal, Chaos, Decken, Schlafsäcke, Matratzen, Betten. Mein Pass war doch in Ordnung, ich ging zurück zum Auto, wollte losfahren, doch es brach Chaos draussen aus, die Grenze löste sich auf. Ich sollte wegfahren, konnte nicht, Sperren, Soldaten, Gefahr – Schnitt – ein grosses Schiff fährt durch einen Kanal, der Bug bis fast zur Mitte lose hängend, schwingend, schwebte über’m Wasser. Das Schiff parkte elegant am Kai ein, der Bug ragte weit ins Land hinein. Ich wachte auf…

Die es uns schwer machen, sind unsere Lehrer.

Wenn meine Grenzen überschritten werden, meine Komfortzone verletzt wird, wenn ich mich aufrege, ärgere, wütend werde. Wenn mich jemand enttäuscht, nicht das macht, was ich von ihm erwarte, nicht mit denkt oder sich ungeschickt anstellt…

Wenn das immer wieder passiert, es sich wiederholt, manchmal über Jahre, immer die gleichen Themen, immer die gleichen Muster, Fehler, Schwächen in immer ähnlichen Situationen…

Wenn es unangenehm wird, ich dem Gespräch ausweiche, es vermeide, übergehe, überdecke, dämpfe und beim nächsten Mal dann doch fast explodiere, überreagiere mit schnellen Mails, Kommentaren, Gesprächen oder Anrufen voller Vorwürfe und Beschwerden…

Wenn das, was ist, was war, was hätte sein sollen und noch hätte sein können mir einfach nicht reicht…

Wenn meine Grenzen überschritten werden, wenn es mich konkret betrifft, wenn ich betroffen bin. Dann ruhig zu bleiben, die Energie zu nutzen und entschlossen klar zu machen, was grad mit mir passiert, dabei keine Vorwürfe zu schleudern und ohne diesen Frust zu zeigen. Das zu Lernen, ist mein Weg.

Heute morgen dann ein Aufleuchten von Erkenntnis, von Ausweg: ich kann doch ohne, diese eine Sache, dieses eine Ding. Ich kann weiter, ohne dem vergangenen Nichttun von Nichtigem hinter her zu hängen. Denn ich kann immer ohne! Ohne dass der Andere sich ändert, ohne dass sich etwas verändert. Einfach weil es geht.

Und dann genau im Moment des Erkennens findet mich der Weg. Das beim Anderen Gesuchte taucht plötzlich doch auf. Alles war umsonst und doch notwendig.

Wünsche einen Tag voller Kraft, seine Lehrer zu finden, anzunehmen und auszuhalten…