zazen

Es ist etwas unklar, ob ich grade noch Urlaub mache oder nicht. Ich liebe diese Unklarheit und die daraus resultierenden Gedanken. Letzte Woche war ich eindeutig weg. Diese Woche verbringe ich in Berlin. Bin vormittags, bis auf Mittwoch, im Büro gewesen und hab etwas Formalkrams erledigt, aber keine Meetings, ausser ein paar Telefontermine.

Heute Nacht träume ich von unseren nächsten Strategietagen und einem darauf folgenden Zeitungsartikel. Die Strategietage fanden in einem etwas schwierigen türkischen Hotel statt, weitläufig und unorganisiert. Meine Schuhe blieben am Eingang liegen. Wir fühlten unsere Gemeinschaft. Der darauf folgende Artikel erinnerte mich an die Berichterstattung über die Bundesdruckerei. Ein, zwei Fakten stimmten, aber der Rest war einfach spekuliert. Dass dies nun mit uns passierte, fand ich sehr interessant.

Als ich dann aufstand, gab es einen weiteren starken Gedanken!

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Wenn ich eine Ablehnung, einen Ärger, ein Nein, ein Unwohlsein, eine Unfreundlichkeit erlebe, suche ich nach einer Erklärung. Warum geht es mir jetzt so? Was ist der Auslöser? Was ist die Ursache?

Manchmal passiert es mir, dass wenn meine Hilfe, meine Unterstützung, ein Rat, meine Zeit und Aufmerksamkeit verlangt wird… dass ich ich dann unwirsch reagiere. Beim darüber Nachdenken, bin ich wieder mal bei den Hungergeistern gelandet.

Wie kann ich es erklären?

Es geht um die Ursache, die Absicht hinter unseren Handlungen. Wenn die Absicht unrein ist, also in unserem Ego oder Angst oder Gier liegt, immer dann fühle ich dieses starke Unwohlsein. Dann will ich wohl nicht Teil davon sein. Dann will ich nicht helfen. Und dann reagiere ich erst mal unwirsch. Oft sehr spontan, überraschend, unerklärlich für mich. Wie eine Welle an Aggression, aber eher eine Abwehr. Ich will mich verteidigen, gegen diesen Angriff auf mich, mein Leben, meine Energie.

Der andere versteht nicht, was in mir passiert und wundert sich über den Ausbruch, die Attacke, diese Ablehnung. Was ist denn nun schon wieder mit Dir los?

In diesem Momenten zurück zum Atem zu finden, freundlich und bei mir zu bleiben, ist eine schöne Herausforderung für mich. Ich gönne den anderen ihre Hungergeister nicht. Ich will mit den Folgen nichts zu tun haben.

Es ist mein eigener Hungergeist, der mich so aggressiv werden lässt. Mein eigenes Ego, welches mir sagt, dass ich dem anderen jetzt nicht Helfen kann. Mein Ego rationalisiert dann und findet Gründe, warum mein Ausbruch ok war, warum ich rein sachlich, faktenbasiert Recht habe. Recht haben muss. Es kann doch nicht sein, dass ich unfreundlich bin und nicht helfen möchte.

Das ist das vertrackte an solchen Situationen! Ich verstehe langsam, langsam die Dynamik und die Wechselwirkungen. Es hat etwas damit zu tun, ob ich meinen Einsichten, meinen Werten, meinem Glauben auch wirklich folgen kann. Es geht darum, ob ich danach strebe, meinem eigenen Anspruch an mich, an mein Leben gerecht zu werden. Es geht darum, ob ich es aushalte, daran zu scheitern und wie ich mit diesem Scheitern umgehe. Wie ich damit umgehe, mich und andere scheitern zu sehen; andere, die mir lieb und teuer sind, die mir wichtig sind, nahe stehen, die ich mag, die ich liebe.

Denn genau bei diesen Menschen fällt es mir am Schwersten!

Gestern Nachmittag hab ich mich auf die Bank vor der Dorfkirche gesetzt für ein Telefonat. Dann schaute ich hoch und sah genau dieses Bild hier.

Und war auf einmal sehr dankbar! Sehr Dankbar, dass ich auf diesem Fleck der Welt zum Leben gekommen bin, zu diesem Zeitpunkt in der Weltgeschichte. Ich hätte es nicht besser treffen können! Es ist perfekt und ich bin so froh darüber. Wir haben hier doch alles, was wir brauchen. Eher zu viel, eher nur ungleich verteilt.

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Ich bin so froh über mein Umfeld, meine Familie, meine Freunde, mein Team bei mtc, über all die Menschen, die ich kenne. Ich wachse in und an meinem Umfeld! Die täglichen Herausforderungen, die Widerstände, die vielen schönen Momente, die tollen Beziehungen, die anstrengenden Beziehungen, Beziehungen überhaupt. Ich hab solch ein Glück gehabt in meinem Leben mit meiner Sangha, meiner Gemeinschaft!

Und dann bin ich so froh über die tollen Lehrer und Meister, die ich in meinem Leben schon treffen konnte. Ich verneige mich vor ihrer Gabe, ihr Können und Wissen an andere weiter geben zu können. Und bin sehr dankbar, dass ich so oft schon als Schüler gewählt worden bin und mich unter Aufsicht und Obhut von diesen Lehrern entwickeln konnte.

Klingt jetzt alles ein wenig pathetisch, aber vor jeder Meditation, jeden Morgen hier zu Hause auf meiner kleinen Decke und meinem kleinen Kissen, verneige ich mich drei Mal.

Mir ist das jetzt, wenn ich es so aufschreibe, peinlich.

Aber ich sage jeden Morgen drei mal mich verneigend Danke: danke bei meinen Lehrern, danke bei meiner Familie, meiner Firma und ich sage danke beim Universum, also der Welt und bei allen und allem, die ich nicht kenne.

Drei kurze Momente an jedem Morgen! Die mich halten, die mich verbinden mit dem, was wirklich wichtig ist, die mir klar machen, was für ein privilegiertes, aussergewöhnlich, glückliches tolles Leben ich doch leben darf.

Aller Schwierigkeiten, aller Probleme, allem Leid zum trotz!

Einmal am Tag den Augenblick, all meine Gedanken und Gefühle und meinen Körper auf das ausrichten, was ich alles habe, was alles gut ist. Mich davor verneigen und kurz innehalten. Und dann in den neuen Tag, in das neue Jahr, in mein Leben starten…

 

Eben war noch alles blauer Himmel. Beim Aufwachen strahlte die junge Sonne durch die Blätter. Nur eine Stunde später zieht es langsam zu. Das Leuchten des Kirchturms neben dem Küchenfenster ist schon verblasst.

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Zwischen Ablenkung und Vertrauen.

Zwischen Hingabe und Aufgabe.

Ruhige Routine gegen aufgeregte Erinnerung.

Der Gedanke, dass wir jeden Morgen neu geboren, dass jeder Morgen frisch und neu ist, hilft.

Nichts ist vorbestimmt! Es gibt keinen Zwang.

Ich habe einen Plan: einfach machen.

Lächeln.

Freundlich sein.

Einfach tun. Einen Schritt. Eine Bewegung. Ein Wort. Ein Satz. Ein Frühstück. Eine Fahrt. Eine Begrüßung. Einen Tee. Eine Notiz. Eine Zeichnung. Eine Liste. Eine Information. Finden. Teilen. Erkenntnisse. Fest. Halten. Los. Lassen.

Erwartungen wecken. Erwartungen erfüllen. Erwartungen enttäuschen.

Keine Erwartung!

Weiter geht’s.

 

 

Wieder Berlin, 6:57, Tag 1108

Schon wieder zurück in der hektischen, normalen Welt. Ein kurzer Retreat nur, der kürzeste bis jetzt, trotzdem. Die Verbindung zu den früheren Retreats war sehr präsent, viele Erinnerungen und so gut wie keine Umstellungsschwierigkeiten, von 100 auf 0, auf den eigenen Takt. Viel geschlafen, viel getrunken, um die Schlafdefizite auszugleichen und die Flüssigkeitsspeicher wieder aufzufüllen. Dort in der Abgeschiedenheit der Ferienwohnung ist es immer einfach. Hier, zurück im Leben, bei Familie, Beruf in der Grosstadt, hier liegt die wahre Aufgabe.

Heute Morgen wild geträumt, die Kleine kam auch halb 5 aus einem Alptraum zu uns. Bin mit einer Rakete geflogen mit Leonardo und meiner Liebsten. Er im Cryoschlaf, beim Aufwache gleich Drohne fliegend. Eigentlich völlig unwichtig.

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Der Morgen startete nach den Träumen schon mal gut, ruhige Meditation, Tee gemacht, aufgeräumt, alles ganz ruhig. Nun sitze ich hier und weiss nicht so genau, wie ich anfangen kann, was zu tun ist. Zugegeben, es ist noch sehr zeitig, kurz nach 7 erst. Eines möchte ich nicht mehr, mich nicht so einfach in Ablenkungen und Unterhaltungen fliehen, sondern sitzen bleiben und die Unruhe und Unzufriedenheit und den Ärger einfach kurz aushalten. Nicht danach handeln, nur merken.

Jetzt zum Beispiel bin ich unruhig. Könnte los und mit den Kollegen reden, die grade schon gekommen sind. Hätte kein wirkliches Ziel. Denke mir aber eigentlich immer superschnell eines zur Rechtfertigung aus: fragen, wie das All Hands war, mich updaten lassen, einen Auftrag verteilen, eine Doku noch ein bisschen besser zu machen. Das alles aber eigentlich nur, weil ich grad hier unruhig bin. Das ist der Auslöser.

Statt dessen bleibe ich hier sitzen und schreibe drüber. Warte auf den Impuls und schreib ihn auf. Nebenbei habe ich schon Evernote aufgeräumt, es gab einen Vorsatz gestern oder vorgestern, mich ein wenig besser zu organisieren und meine grossen Projekte besser zu dokumentieren. Ein weiterer Vorsatz betraf meinen Umgang mit Kollegen, die Informalität, die Nachlässigkeit bei Fehlern, bei Nichtwissen. Ich helfe heute noch nicht wirklich effektiv, dass ich selbst und andere ständig besser werden können. Da -so glaube ich grade- liegt noch ein grosses Potential. Wie ich das genau mache, weiss ich noch nicht. Aber eines weiss ich, es jeden Tag neu zu versuchen, ist schon mal ein guter Anfang.

Wünsch Euch einen tollen Donnerstag!

Rheinsberg, 6:35, Tag 1107

Heute Nacht schräg von einem Maserati geträumt, der von einem Gründer verschönt werden sollte, was gar nicht geht, und ich mir aber das Video dazu ansehen musste: 6:21.

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Aufgewacht mit Unruhe und schlechtem Gewissen. Versuche das Loszulassen. Es ist jetzt nicht die Zeit dafür. Der Grund für das schlechte Gewissen liegt schon in der Vergangenheit. Und ich bin jetzt hier, nicht dort. Sicher könnte ich anrufen und mailen oder chatten, aber um was zu machen? Ich bin jetzt hier, nicht dort.

Denke statt dessen darüber nach, ob meine Kollegen auch zu Arbeit kommen würden, wenn sie ein bedingungsloses Grundeinkommen von sagen wir mal 1.500€ pro Person in ihren Haushalten bekommen würden. Familie mit zwei Kindern: peng 6.000€. Unsere Arbeit wäre sicher eine ganz andere. Einige würden nicht mehr kommen, andere sicher doch und Angst und Kontrolle wären weniger ein Faktor. Wir hätten mehr Zeit uns um den Sinn und das Ergebnis unserer Arbeit zu kümmern.

Heute ist Einkommen eine Voraussetzung, damit die Menschen bei uns überhaupt arbeiten können. Wenn es uns nicht gelingt, Einkommen zu erzeugen, kann niemand diese, seine Arbeit bei uns mehr tun. Wir wären nicht fähig dazu in dieser Gesellschaft, wir hätten jede Menge anderer Probleme. Da unsere Grundsicherung eben nicht bedingungslos ist, sondern mit irre vielen Anträgen, Terminen bei Ämtern, Regeln, Wohnungssuche, etc, gäbe es kaum noch Zeit, uns auf unser Tätigsein zu konzentrieren, bzw. wäre es viel anstrengender. Gleichzeitig verbieten wir Arbeit sogar für einen Teil der Menschen, die hier leben. Damit zwingen wir sie in die Kontrolle und Überwachung der Ämter unseres Staates. Wir nehmen ihnen die Möglichkeit, Einkommen zu erzielen. Damit dürfen sie nicht arbeiten, selbst wenn sie es könnten und wir viele unerledigte Aufgaben bei uns haben.

Wie wir uns organisieren, welche Regeln für die Zusammenarbeit wir uns selbst geben, dass wir uns überhaupt Regeln geben und nicht alles mehr informell, bilateral regeln können. Darüber denke ich auch nach. Wie muss ich mich ändern? Welches Verhalten ist dienlich, welches ist eher schädlich? Wie schaffe ich das, motiviert zu bleiben, im Prozess zu bleiben? Es gibt so viele Gedanken da oben, so viele Ideen und so viel Frust dazu. Sisyphus.

Und trotzdem, bleibt nur, es immer wieder neu probieren. Dran bleiben. Vertrauen.

Wünsch Euch einen achtsamen Tag!

Rheinsberg, 20:39, Tag 1106

Heute ein voller Tag hier. Über unseren Tagesplan hab ich hier sicher schon berichtet. Vorhin bemerkten wir, dass wir hier eigentlich keinen Meditations- sondern einen Achtsamkeitskochkurs machen. Die Mahlzeiten takten den Tag. Die Vorbereitung, Zubereitung, das Essen, das Saubermachen. Dazwischen Pausen, die mit Meditation, Gesprächen oder dem Nachkaufen von Zutaten verbracht werden. Gefühlt bin ich schon drei Tage hier, obwohl wir gestern morgen erst hier angekommen sind.

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Heute morgen habe ich mich gewundert, wie die Enten im kalten Wasser bei knapp unter 0 Grad schlafen können. Wenig später, schliefen sie auf dem Eis weiter.

Es gab zum Mittagessen ein gelbes Curry, Fenchel und Möhren in Kokosmilch gekocht, unglaublich lecker. Zum Abendessen haben wir uns eine Udon Nudelsuppe gemacht, nur mit Zwiebeln, etwas Möhren; Pilzen und Räuchertofu und viel Misopaste. Ebenfalls grossartig.

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Denke und spreche sehr viel über die Arbeit. Und wie ich mich verändern, entwicklen kann, was ich machen kann, was ich anders machen kann. Habe viele Ideen, viele Anregungen bekommen aus mir selbst und im Gespräch. Viele Einsichten: über meine Ungeduld mit anderen und mit mir selbst. Übers Verstehen, um zu Ändern. Über Verstehen, Liebe, Loslassen die drei Mächte eines ethischen Arbeitsumfeldes, die Balance zwischen Glück und Profit. Hab mir mein Scheitern angeschaut und wie es dazu gehört, aber wie es transformiert werden kann. Hab gespürt, wie meine dunklen Seiten die Macht über mich verlieren, wenn ich erkenne, dass ich eine Wahl habe. Hab mich erinnert, an die vorigen neun Retreats, die Verbindung hergestellt, angeknüpft.

Und jetzt klappe ich hier schnell zu. Lese noch ein paar Seiten und schlaf mich nochmal richtig aus. Guten Abend.

Rheinsberg, 20:23, Tag 1105

Heute Morgen nach kurzer Nacht zum diesjährigen Retreat aufgebrochen. Waren um 10 schon hier, konnten einchecken und einräumen. Unser Mittagessen war ein schöner Linsenreis, superschnell mit Ziebeln, Ingwer, Tomaten und Pilzen zubereitet. Unser Abendbrot Teriyakigemüsenudeln, grossartig mit grünem Tee, statt Brühe.

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Nun liege ich satt und müde schon im Bett, zeitig schlafen, morgen dann ein voller Tag voller Achtsamkeitsübungen und Meditation. Der Sonnenuntergang vorhin war sehr interessant, davon gibt es noch ein Bonusfoto hier:

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Schönen Abend!