Schlagwort: zen

Tagebuch Teil II

Twitterfavs am Freitag Morgen

Berlin, 8:44, Tag 929

Heute Nacht war ich sehr müde, hab gut geschlafen. Gestern bis Neune bei meinem ersten deutschen Elternabend dabei gewesen. War nicht ganz so schlimm, wie erhofft. Nach etwas über eine Stunde waren wir durch und alle wollten nach Hause. Spannend, wie anders das im Gegensatz zur türkischen Schule das ist und wie sehr mich die beiden Lehrerinnen doch an meine Schulzeit erinnert haben.

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Heute morgen liefen mir ein paar Tweets über den Weg, die ganz gut zu meiner Stimmung gepasst haben.

Der erste passt zur positiven, neuen, offeneren Stimmung hier in Deutschland, die mir grade sehr gefällt. Wenn auch alles immer noch sehr bigott erscheint, so finde ich doch, dass die Richtung sich etwas ändert.

Dann eine kurze Erinnerung, warum ich mich auch jeden Morgen auf mein Kissen setze und meinen Atem zähle. Dieses sich selbst wahrnehmen und dann anfreunden, mit dem was dort ist, dem Zwacken und Ziehen an der ein oder anderen Stelle, der Unruhe, den vielen Gedanken. Und zack waren die 20 Minuten auch schon wieder vorbei.

Dann Peter Breuer mit einem sehr passenden Tweet, der auf das immer wieder hoch ploppende Ego anspielt. Hier hatte ich sofort den Gedanken, wie einfach es doch wird, wenn wir das machen könnten. Einfach mal vorstellen, wie es für den anderen ist, ohne zu vergleichen. Ohne sich selbst in der Situation zu sehen, und wie man damit umgehen würde und dann Ratschläge zu erteilen. Empathie ist eben genau das nicht.

Der nächste von Daily Zen passt zu einer Situation in der Firma. Wie oft wir immer im Aussen danach suchen, dass unsere Erwartungen erfüllt werden. Es bringt nichts, die Erwartungen zu senken. Es bringt auch nichts, den Druck auf andere zu erhöhen, doch endlich die Erwartungen zu erfüllen. Das kann nur von innen kommen. Mit einem klaren Ja, einem klaren Bekenntnis dazu, gemeinsam auf den Weg zu gehen. Wie vorgestern geschrieben.

Und den Schluss bildet ein anderer Zen Tweet, der mich sehr berührt hat. Genau, Genau, Genau, habe ich gedacht. Es geht darum, den Zweck oder Grund, die Ursache des Momentes zu finden und das nicht zu bewerten. Was ist die Aufgabe, die das Leben uns grade stellt? Das dann anzunehmen und nicht zu werten ist eine sich immer wiederholende Aufgabe für mich. Die, wenn sie gelingt, aber zu ungeahnten, kaum vorstellbaren Erfolgen, zu Glück führen kann.

Mit dieser kleinen Twitterschau beende ich jetzt diesen Post heute und wünsche Euch einen grossartigen Freitag!

Tagebuch Teil II

Wir sind alle Lebensunternehmer!

Berlin, 6:07, Tag 875

Heute Nacht habe ich kurz und unruhig geschlafen. Wieder zeitig hoch und gleich alles zusammen gepackt und die Wohnung urlaubsfertig geräumt. Die Meditation hat mich beruhigt, das Vibrieren etwas verlangsamt. Um halb 10 fahre ich los, weg für 3 Wochen!

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Gestern hab ich mich so abgefüllt, der Input reicht eine Weile. Viel zu verdauen.

Erst hatten wir am Vormittag unser All Hands. Lief gut, hatte früh mit zwei Kollegen die Slides fertig geschrieben, Ausrichtung fürs nächste Halbjahr. Klären der Ziele, der Vorstellungen vom Ergebnis, das Würdigen der Anstrengungen, des Scheiterns vorm Erfolg.

Apropos Erfolg. Was ist Erfolg eigentlich? Na etwas, das Folgen hat. Den Firmenorganismus verändert, etwas Auswirkungen auf uns hat.

Das habe ich gestern am späten Nachmittag auf einem Vortrag von Götz Werner gehört, den Frau Zoschnik vom BVMW zum Forum Führung in die schöne DG Bank am Pariser Platz eingeladen hatte.

Wer ihn nicht kennt, Götz Werner ist der Gründer von DM, der Dogeriekette. Und ich glaube nun, da ich ihn live erlebt habe, er ist auch ein grosser westlicher Zen Meister. Zwei Referenzen dazu: er propagiert Bewusstsein, sich etwas bewusst machen (ich sag da Achtsamkeit oder Mindfulness zu) und gab uns an zwei Stelle die Aufgabe mit: meditieren sie da mal drüber. War eigentlich klar!

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Ohne Manuskript hat er ca eine Stunde frei erzählt. Er hatte leichtes Spiel mit uns.

Denn erst wurde das Niveau durch achvergisses, auf weit unter 0 gebracht. Ein in sich stark widersprüchlicher „Vortrag“ voller Trommelbegriffe, durchzogen von Anektoten, um sich selbst durch andere wichtig zu machen. Ich schreibe bewusst keinen Namen, es war zu schlimm, peinlich, voller Fremdscham. Scheinerfolgreicher Verbandsfunktionär als angstmachender Prediger, der uns vor der Sünde und der Hölle warnt. Dann aber zusammenhanglos, mit auch noch falschen Zahlen, sogleich das Gegenteil behauptet: wir gehen unter, aber stehen gut da! Ahhrrg!

Götz Werner griff nach dieser halbstündigen Qual, wie jeder gute Redner, die negative Stimmung im Publikum geschickt auf und liess mit Bezügen, Richtigstellungen und Zuspitzungen das Blut wieder fliessen, das sich in meinen Halsschlagadern aufgestaut hatte.

Ich habe mitgeschrieben, um meine Erinnerung zu unterstützen und die Wirkung des Erlebten zu verstärken, zu verlängern.

Gänsehaut bekam ich, als Götz Werner mittendrin Viktor Frankl erwähnte. Das Buch müsse man unbedingt lesen. Es ging um Freiheit. Was ist Freiheit eigentlich? Am Morgen zitiere ich selbst in meinem Blog Viktor Frankls Zitat zu Selbstbezogenheit und Erwartungen. Götz Werner nutze ihn, um uns daran zu erinnern, dass wir alle nicht deterministisch, keine Tiere seien, sondern in dem Zwischenraum von Reiz und Reaktion… uns entscheiden können, wie wir reagieren. Und genau dieser Zwischenraum, die Möglichkeit, uns als ein sich selbst veränderndes, entwickelndes Wesen charakterisiert, ja definiert.

Im zweiten Teil fand eine Diskussionsrunde auf der Bühne statt. Mit einem nun sitzenden Götz Werner, der er uns sehr frei assoziierend beim Denken zuschauen liess. Ganz andere Spannung (als im Stehen).

Danach wollte ich unbedingt eine Frage stellen: wie er verantwortlich für so viele Menschen, mit den Anforderungen, den Routinen des Amtes umgeht? Seine kryptische Antwort, scheinbar meine Frage ignorierend liess grosse Teile des Saales ratlos zurück. Die Nachbar drückten ihr Bedauern aus, dass er mich so offensichtlich ignorierte.

Nur das tat er nicht!

Er gab mit die perfekte Antwort. Ich fühle tiefe Dankbarkeit für diesen Abend und besonders diesen Moment. Danke, Götz Werner, für diesen starken Impuls!

Er stellte lang und scheinbar weit abschweifend seine Idee der Harmonie, der Abwechslung von Kreativität und Kontinuität vor, der zwei K, wie er das wohl in seinem Buch auf Seite 42 (!) beschrieben hat.

Und das ist so sehr Zen, so deutlich die Antwort auf meine Frage, dass ich sehr bewegt war, und keine Scham mehr ob meiner öffentlichen Frage empfand.

So, nun aber hier lose und leicht ergänzt, meine Mitschrift aus den zwei Stunden Götz Werner von gestern Abend:

digitaltisierung, industrie 4.0 sind nur trommelbegriffe

jeden morgen ist die kasse leer und ob sie sich heute füllt, wer weiss.

ich bin immer für andere tätig,
und andere sind immer für mich tätig.

industrie 5plus0

was wir nicht beobachten, sehen wir nicht.

wir leben in einer gesellschaft von fremdversorgern. hören sie auf zu denken, sie arbeiten für sich selbst.

geistesgegenwart, das beste was man haben kann.

wie wird man geistesgegwärtig? in dem man das geistige als realität anerkennt.

es ist alles geistig, alles sind ideen

unternehmen sind ideengetrieben

souverän den markt zu dominieren, das muss die zielsetzung sein

klare vision und unendliche liebe zum detail

mitarbeiter (er bevorzugt kollegen) wollen einbringen und selbst ausdrücken

philosophie, also erkenntnistheorien

wenn sie morgens keine vorstellung vom tag haben, bleiben sie besser liegen.

wie ein bauer, der morgen das wetter beobachtet, und dann weiss, was heute auf dem feld zu tun ist, so müssen auch sie eine vorstellung vom tag entwickeln.

mit anschauender urteilskraft

alles besteht aus leistungsaustauschbeziehungen
die immer partnerschaftsbeziehung sind.

ich beliefere die lieferanten mit geld, diese beliefern mich mit ware.

führung: harmonisieren, koordinieren des miteinander, des für einder tätig zu sein

theodor storm: der eine fragt: was kommt danach? der andre fragt nur: ist es recht? und also unterscheidet sich der freie von dem knecht.

das kreative geht nur zu den freien

unternehmen 1.0: die 1, das war ich, die 0 war das geld in der kasse

götz‘ vater hatte: 20 filialen, 180 mitarbeiter und ist in götz jugend insolvent gegangen.

wenn sie pleite gehen, merken sie es als letzter. weil sie aus ihren vorstellungen, ihrem erfahrungsgefängnis nicht raus kommen.

ein kleines unternehmen ist genau so schwer zu führen wie ein grosses

die frage ist, ob sie dem gewachsen sind

wie erkenn ich die welt? wie komm ich zu erkenntnissen. wenn sie erkennen, dann sehen sie nicht nur die krise, sondern immer auch die chancen

als unternemer müssen sie ständig zutrauen geben

sie müssen anderen was zutrauen!

zutrauen veredelt den menschen

viktor frankl schreibt darüber, was eigentlich freiheit ist.

sinn ist das schlüsselwort
wir menschen sind sinnsucher

wenn ich verfolge, was sinnvoll ist, dann brauch ich keine motivation

werbung sollte kommunizieren: ob das sinn macht, ob das einleuchtet. hier bin ich mensch, hier kann ich sein. meist wird nur unter die gürtellinie, an das tier in uns kommuniziert.

wir werden von der werbung nicht als mensch, sonder tier geshen: unsere eitelkeit, gewinnsucht, gier wird bedient.

es geht nicht darum, wie jemand/etwas ist, sondern wie er/es sein könnte.

das leben führt uns immer in situationen, die uns überfordern

von den mitbewerbern lernt man am meisten.

erfolg heisst erfolg, weil er folgen hat. man kann so nicht weiter machen.

höhepunkt deutscher kulturgeschichte, die wette im faust: werd ich zum augenblicke sagen: verweile doch! du bist so schön! dann magst du mich in fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!

wir sind nicht determiniert, sondern ein ergebnis offenes entwicklungswesen

freiheit wie frankl sagt, findet am zwischenraum zwischen reiz und reaktion statt. das ist ein riesen geschenk für uns.

wenn sie das pech haben, ein grosses unternehmen führen. pech, weil sie sich so anstrengen müssen, und keine ausreden mehr gelten.

brauchen sie interesse an menschen, und an der welt

das interesse am menschen und er welt müssen wir unseren kindern beibringen, in unseren kindern wecken.

sonst werden/sind wir zu autisten

es geht um das spannungsfeld zwischen individualität und gemeinschaft.

stellen sie sich die frage: ist der mitmensch/die frau/der kollege für mich mittel oder zweck? behandelt der andere mich als mittel oder zweck? wenn sie mittel sind, rennen sie weg.

love it, change it or leave it

arbeits- oder freizeit sind nur blendgranaten, denn es gibt nur lebenszeit.

jeder mitarbeiter sucht einkommen, sonst kann man nicht leben. aber arbeit kann man gar nicht bezahlen. durch das einkommen, wird die mitarbeit ermöglicht.

sie sollten das wertschätzen, lieben (erich fromm)
und mithelfen, dass der mitarbeiter in seiner tätigkeit einen sinn findet

das meisterprinzip gilt nicht mehr, aber was ist heute das leitmotiv?

unternehmen werden durch bewusstsein geführt! durch das harmonisieren und koordinieren von bewusstsein.

sie kriegen nur dann ne frage gestellt, wenn der kollege die antwort schon kennt, er will nur bestätigung.

es gibt keine frage, in der die antwort nicht schon enthalten ist.

wenn ihnen eine frage gestellt wird, stellen sie zwei zurück.

den rhythmus finden: einatmen – ausatmen, kontinuität – kreativität.

unternehmerische disposition: sich mit keiner antwort zufrieden geben. nie mit der ersten antwort zufrienden zu sein: helfen sie, sich zu entwickeln.

man muss diese restunzufriedenheit lieben.

sie können anfängergeist nicht erzwingen, das müssen sie auf der metaebene machen, eine idee entwickeln, ausprobieren

ein unternehmen ist kein uhrwerk, kein system, sondern ein organismus!

das system ist die erfindung des teufels.

sie dürfen kein perfektionist werden.

da hilft kein handbuch, das müssen sie erlebbar machen.

die realitivitätstheorie brauchen sie nicht mehr suchen, das können sie heute googeln. aber die beschäftigung mit dem generationenkonflikt ist eine tolle fragestellung, um zu lernen.

das gibt so viel ärger. aber was haben sie denn gegen ärger?

wenn ich sitze, schlafe ich meist ein. ich nenn dass, ich bin in einem höheren wahrnehmungszustand.

keiner will sich binden lassen, wieso legen sie dann kundenbindungsprgramme auf?

führung ist nicht druck machen, sondern sog aufbauen (flugzeug analogie)

sie sollte eine thermik in ihrem unternehmen kein, und kein tiefdruckgebiet, wenn sie in ihr unternehmen kommen.

nicht binden, sondern verbinden

schlechte angewohnheiten sich bewust machen, ändert diese bereits.

beharrlich im bemühen,
bescheiden in der erfolgserwartung

sie scheitern immer, wenn sie ungeduldig im bemühen und anspruchsvoll in der erfolgserwartung sind.

unterscheiden sie zwischen zutrauen und vertrauen.

als unternehmer haben sie eine bringschuld für zutrauen! ob daraus vertrauen wird, steht auf einem anderen blatt.

frage: was bleibt von ihrem lebenswerk, wie sorgen sie vor? antwort: wenn das, was wir pflegen, substanz hat, dann wird es weiter bestehen, werden das andere weiter pflegen.

das wichtigste ist, dass sie heute mit mehr fragen rausgehen, sls sie reingekommen sind

ein witz zum abschied: er erzählt von dem arzt der gleichzeitig clown ist, wie hiess der gleich nochmal, achja: hirschhausen.

der fragt das publikum: haben sie schon überlegt, was du auf deinen grabstein schreiben würdest?

im publikum, spontan wie aus der pistole geschosse:
‚guck nicht so! ich würde auch lieber am strand liegen‘

.
Meine Notizen während des Vortrages von Götz Werner beim Forum Führung am 1.7.2015 in Berlin

Wünsch Euch wieder voller Tatendrang einen grossartigen Donnerstag!

PS: ich hab ein Selfie mit ihm gemacht! Poste ich aber nicht, weil ich das posten von Selfies mit mir nicht mag. 😉

Tagebuch Teil II

Viele Gedanken über Nichts

Berlin, 6:56, Tag 801

Heute Nacht war sehr unruhig und ich habe mir meinen Traum nicht gemerkt. Hier ist noch ein halbes Krankenlager, aber wir bereiten uns auf unseren kurzen Urlaub vor und die Vorfreude lässt auch die Mädels schnell wieder fit werden.

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Es entwickelt sich hier gerade in meinem Kopf ein Dialog mit Himmelsscheibe. 😉

Die Assoziation mit dem inneren Zuhause lassen mich seit vorgestern nicht los. Ja, wir suchen doch sehr im Aussen nach Lösungen. Und so sehr entfernen wir uns dabei von uns selbst. Wir suchen und finden im Aussen, in anderen Menschen die Ursachen für unsere Gefühle und Gedanken.

Wir hängen diesen Illusionen an, wir brauchen sie, wir kämpfen dafür, dass es genau so ist, dass sie unsere Realität sind. Dabei selektieren wir unsere Wahrnehmung, filtern unsere Sinne. Wir wollen (nicht) verstehen, dass wir das Aussen benutzen, um uns unser Inneres zu rechtfertigen, zu bestätigen, zu entschuldigen.

Er hat aber x zu mir gesagt, …
S
ie hat mir doch y getan, …
Es ist mir doch x passiert, … 

Wir brauchen das. Unser Selbstverständnis basiert darauf. Unser Geist konstruiert sich dazu unser scheinbar eigenständiges Selbst aus diesem Aussen. Er erzeugt so unsere Identität, d.h. wir geben uns Bezeichnungen, sortieren uns in Kategorien und geben uns Eigenschaften, die genau unseren Erfahrungen, Erinnerungen und Erwartungen, Wünschen an uns selbst und unser Leben entsprechen. Wir untermauern das mit den positiven Gefühlen, die wir erspüren, wenn wir diesen Gedanken in uns Raum geben.

Ich bin doch Arne, der einen Vater, der anderen Mann, dem nächsten Freund…
Ich bin doch Berater, und dann Manager, und auch Inhaber…
Ich bin doch (un)ruhig, (un)glücklich, erfolgreich, gescheitert, entschlossen, schwach…

Ergänzt doch mal Eure eigenen Bezeichnungen, Kategorien und Gefühle: positive, wie negative. Macht mal eine kurze Inventur im Kopf, als wer und was und wie ihr Euch jetzt, heute Sonntag morgen seht, hört, fühlt oder denkt.

Nothing ever goes away until it has taught us what we need to know.
~Pema Chödrön

Das habe ich grade in zwischen meinen Fotos gefunden, die ich hier noch nebenbei importiere und sortiere, während Ihr noch mit der Inventur beschäftigt wart.

So wie das Zitat eben, so kommen auch oft Menschen, Situationen wieder und wieder scheinbar zufällig oder schicksalshaft in mein Leben. So lange, bis ich verstanden, bis ich gelernt habe, warum und wozu sie da sind.

Und so kommen auch unsere Bezeichnungen, Eigenschaften und Gefühle wieder und wieder in mein Leben. So lange, bis ich gelernt habe, warum und wozu diese da sind.

Einen Grund im Aussen zu suchen, eine Flucht nach Aussen zu wagen, führt mich dabei nur weg von meinem Zuhause, von meinem wahren Selbst. Die Antworten auf meine Fragen, die Lektionen, die ich im und vom Leben lernen kann, sind schon und nur in mir selbst vorhanden.

… … …

Auch die Nachfrage der Himmelsscheibe nach meiner Unterscheidung zwischen Ego und Selbstwertgefühl lässt mich seit gestern Mittag nicht mehr los. Auch hier suche ich nach den Ursachen und den Folgen meiner Unterscheidung.

Beim Schreiben waren es noch andere Gründe. Ich dachte im Aussen, an die grossen deutschen Manager, die Egos der Winterkorns und Piechs, über die grad in der letzten Woche so viel geschrieben wurde. Ich dachte an die Egos von Kollegen und von Menschen auf der Strasse mit grossen Autos, tollen Klamotten, wichtigen Aufgaben. Und ich dachte an die Selbstzweifel und Unsicherheiten, die ich bei den gleichen Anderen vermute, die ich vermutlich wahrnehme.

Später betrafen einige Gedankensplitter dann erschrocken mein eigenes Ego, mein eigenes Selbstwertgefühl. Ich erinnert mich. Ich kann manchmal beobachten, wie stark, wie gross das eine, wie schwach und klein das andere werden kann. Und ich bemerkte auch, wie sehr dieses Festhalten an beidem, etwas von dem Leid erzeugt, welches mich umgibt.

Doch dann die Lösung!

Es ist der Hungergeist, der uns nicht los lässt. Ein grosser Körper, ein grosser Magen, ein unstillbarer Hunger, ein Verlangen nach mehr, kommt unserem Ego gleich. Die Illusion unseres Egos, eines eigenständigen Selbst, etwas abgetrenntes, wir sind etwas, wir sind jemand und genau diese Vorstellung macht uns hungrig.

Im Gegensatz dazu steht unsere Fähigkeit, die Nahrung -die uns umgibt- aufzunehmen, zu zerkauen, zu spüren, zu schmecken, zu geniessen und zu verdauen, uns die enthaltene Energie zu erschliessen, uns nähren zu lassen.

Unsere Kehle ist schuld daran. Sie ist zu dünn, so spindeldürr und lang, so haarnadelfein, dass all das Essen, welches vor uns auf dem Tisch liegt, gar nicht von uns aufgenommen werden kann.

Und dies verbinde ich mit meiner Selbstwahrnehmung. Und abhängig davon, meinen Selbstwert, den ich mir beimesse.

Und ihr wisst, dass ich wenn ich hier von Essen rede, eigentlich unsere Beziehungen, unsere Arbeit, unsere Umgebung, das Wetter, die Kollegen, die Aufgaben, die Anerkennung, das Lob, die Sonne und die Luft meine, die um uns herum sind.

So entscheidet unsere Offenheit (die Dicke unserer Kehle) dafür, ob wir glücklich oder unglücklich, ob wir zufrieden oder unzufrieden sind, mit dem was wir haben. Unsere Offenheit entscheidet, ob wir glücklich oder unglücklich, ob wir zufrieden oder unzufrieden sind, mit dem was wir nicht haben. Und letztlich, ob wir uns diesen Zusammenhang überhaupt eingestehen können…

Doch glaubt mir nichts! Denn all die Konzepte und Gedanken über Nichts werfe ich nun weg, drücke befreit Publish, überlasse sie dem Netz.

Und wünsche Euch so erleichtert, einen luftig leichten, sonnig erholsamen Sonntag!

Tagebuch Teil II

Atemübung

Berlin, 6:59, Tag 799

Heute Nacht hat mich ein plötzlich grosser Hund gebissen. Ich rang ihn mit meinen blossen Händen nieder, brachte ihn fast um. Sofort bereute ich und brachte ihn in meinen Armen in die Notaufnahme der Charité. Ein riesiger Notfallsaal, irre hoch und weit und mit ganz vielen Stationen. Ich hatte den Arzt noch am Telefon, der mir den Weg wies. Der Hund lebte und aus dem Fell in meinem Arm wurde mit Hilfe des Tropfes wieder ein Hund. Er schaute mich an. Ich wusste, wir hatten uns gefunden. Und wachte zur üblichen Zeit auf. Jetzt klingt es wie ein Alptraum, fühlte sich vorhin nicht so an.

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Heute schreibe ich nicht darüber, dass mir Beziehungen zu anderen oft wichtiger sind, als ich selbst. Nein, ich schreibe heute nicht darüber, dass ich eher mich selbst, als die Beziehung aufgeben würde.

Auch diese Story möchte ich als das erkennen, was sie ist. Eine Illusion meines Geistes, meines Egos, meiner Vorstellung von einem eigenständigen Selbst, dass eine Wahl hätte, in Beziehungen zu anderen zu sein oder auch auch nicht und nicht sieht, dass es gar keine Unterscheidung gibt.

Also, darüber möchte ich heute nicht schreiben.

Statt dessen wollte ich heute darüber schreiben, wie ich schaffe, bei der Meditation meinen Atem zu zählen, ohne ihn zu beeinflussen. Die Konzentration auf den Atem ist mir ein wichtiges Hilfsmittel geworden.

Atmen beruhigt mich, es konzentriert mich, es macht mich glücklich, es lässt mich lächeln, wenn ich einfach mal ein- und wieder ausatme und dabei an nichts anderes denke, als diese Atemzüge.

Atmen ist Nothilfe, ein Rettungsanker, der Verband bei Problemen jeglicher Art, wenn ich es schaffe, mein Atmen zu spüren, wie sich meine Lungen füllen und wieder leeren, wenn ich fühlen kann, wie die Luft meine Nase berührt und durchzieht, dann relativiert sich jeder Schmerz.

Viele, die ich kenne, können ihren Atem zählen, aber gleichzeitig kontrollieren sie ihn dabei bewusst. Sie marschieren ihren Atem: 1-2-1-2-1-2.

Ja, das ist ein Beginn, schon mal was. Aber richtig toll wird es erst, wenn ich es schaffe, meinen Atem zu beobachten. Nur zu beobachten, wie es mich unbewusst atmet. Ich hab lange dazu gebraucht, ehe ich in der Lage war, dieses Wunder meines Atems so zu geniessen.

Nun glaube ich nicht an Abkürzungen, aber dies hier ist eine Übung, die mir wirklich geholfen hat, meinen Atem beim Zählen nicht mehr zu kontrollieren.

Macht mal mit: Atmet bitte einfach mal aus. Und wartet dann… … …

Es gibt bei diesem Warten, da unten ohne Luft einen Punkt, an dem Euer Körper Euch einen Atemimpuls sendet. Einen klitzekleinen Moment, an dem ihr gerne wieder einatmen würdet.

Nur diesem Moment gilt Eure Konzentration. Gebt ihm nach und atmet wieder ein.

Nun nochmal. Einfach ausatmen und warten… … …

Da ist er! Dieser kurze Moment, an dem der natürliche Atem einsetzen würde, wenn ihr nicht zählen müsstet, wenn ihr nicht darauf achten solltet.

Ich glaub, ihr habt es jetzt.

Diesen Moment zu erspüren, ist sehr nah dran, am reinen Beobachten und Zählen des Atems, wie es viele Meditationschulen lehren und wie so wenige es schaffen.

Nun wünsche ich Euch beruhigt und erfrischt einen wunderbaren Freitag!

tagebuch

Mein Leben im Fahrstuhl…

Berlin, 8:20, Tag 775

Heute Nacht stand ich in der Wueste im Stau. Die Szene erinnert mich nun an mein gestriges Stop&Go auf dem T-Damm, nur dass ich eben in einer weiten, hellen, heissen Wüste in der Autoschlange stand. Die Autos vor mir verschwanden so plötzlich, wie gestern auch, als ich nur „ganz kurz“ eine SMS schreiben wollte. Dann fuhr ich los und die Strasse wich einem Stoppelfeld, über das ich erfolgreich hoppelte. Ich kam in einem Haus voller alter türkischer Männer an, die mich zum Tee einluden. Ich wachte weit vor dem Wecker unruhig auf und setzte mich nach der Dusche erst mal 40min auf mein Kissen…

Die erste Woche, seit einem Monat wieder im Büro war super genial. Wir haben zusammen so viel geschafft, ich fühle mich so klar und frei wie lange nicht, beim etwas bauen, schaffen, handwerken, ja etwas zu tinkern, wie ich das gerne nenne, seit ich mit meiner Tochter wochenlang Tinkerbell gesehen habe.

Wenn things aren’t + adding up in you life, start – subtracting. #quote ~Anon

Das Leben scheint mir eine Achterbahnfahrt, ein ständer Wechsel, Veränderung. Ich sitze in einem Pendel, das hin und her schwingt. Nein, ich bin in einem Fahrstuhl, dessen Automatik mich immer zwischen Keller und Dachgeschoss hin und her schweben lässt, mit kurzen, scheinbar zufälligen Stops zum Durchatmen in allen möglichen Etagen. Und gleicht gehts wieder weiter!

Drinnen sind an drei Seiten Spiegel, die wie täuschend echte Fenster aussehen. Sie spiegeln nicht nur mein Äusseres, sondern auch meine Gedanken, meine Wünsche und Träume. Ab und zu geht die Tür der vierten Seite auf und lässt mich einen Blick auf die Wirklichkeit erhaschen.

Doch dann macht es *pling* und die Tür schliesst sich wieder.

Ob es nach unten oder oben geht, merke ich nicht. Ein kurzer Ruck und ich spüre nur Bewegung. Die Mechanik und wichtiger noch, die Bremsen sind genau dafür gebaut, dass wir nicht spüren, wie schnell und in welche Richtung sich der Käfig eigentlich bewegt.

Doch in der letzten Woche habe ich auf der Dachterasse tanzen können. Die Woche davor hatte ich mich im Keller verirrt. Die Wochen davor waren irgendwo dazwischen. Wie sehr ich mir wünsche, dass mein Leben nur aus einem Tanz auf der Dachterasse besteht -der Wechsel nur aus Sonnenauf- und Sonnenuntergängen- ich kann nicht anders, ich muss wieder einsteigen und weiter fahren, weiter suchen!

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Wünsch Euch einen tollen Tag auf Eurer Fahrt…

Disclaimer: Die Schindler AG in Ebikon ist mein Kunde. Dieser Post hat nichts mit meinen Projekten dort oder Schindler Aufzügen allgemein zu tun und drückt nur meine ganz private Meinung aus. 😉

tagebuch

Über Ablehnung, Verlangen und Ignoranz…

Stockholm, 7:05, Tag 703

Heute Nacht kann ich mich mal nicht an meine Träume erinnern. Es war nur eine kurze Nacht. Ich bin aber so entschlossen, dass ich zeitig aufgestanden bin, nur um keinen Sonnenaufgang zu finden. Es war zu neblig und eine schöne Übung. Bin nur für einen kurzen Besuch in Stockholm. Heute Abend geht es schon zurück. Das Stadhuset gestern im Abendleuchten war bemerkenswert.

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Gestern habe ich hier einen besonderen Typ Mensch beschrieben. Ok, wohl eher eine Eigenart von mir. Ok, eine von uns, die wir alle in uns haben und die wir manchmal eben ausleben. Ich habe mich erst gestern Abend und eben auch wieder erinnert, um was es da eigentlich geht.

Wir alle versuchen doch irgendwie sicher, glücklich, zufrieden oder einfach nur ok in diesem Leben zu sein. Und wir haben unterschiedliche Strategien, das zu erreichen. Wenn wir etwas erleben, sehen, erfahren, das in uns positive, gute Gefühle erzeugt, dann wollen wir meist mehr davon. Wenn wir Schmerz empfinden, etwas sehen, bei dem wir uns schlecht fühlen, dann wollen wir das Gegenteil: weniger davon. So sind wir nun mal: mhhh, der Kaffee ist aber lecker hier, was für eine Bohne das wohl ist? Oooch, warum ist der Sommer schon vorbei, es war doch so schön?

Gestern habe ich nur eine Art des Umgangs mit unserem Leben, unserer Welt beschrieben, die der Ablehnung, von dem was ist. Wir widerstreben, wir lehnen ab, wir verneinen, wir verweigern uns dem, was da ist. Wir bewerten, beurteilen und verurteilen. Wenn ich mit dieser Einstellung in einen Raum, in ein Meeting komme, dann sehe ich sofort, was falsch hier ist: das Fenster ist offen, es zieht. Keine Kekse auf dem Tisch, die Kollegin hat ihre Tasse vergessen, das Flipchart ist noch das von gestern, der rote Stift fehlt, der Stuhl steht schief. Kann denn hier keiner mal aufräumen, wenn er den Raum verlässt, was für ein Sauhaufen! Alles muss man alleine machen. Wenn wir in diesem Zustand sind, bewegen wir uns meist auch sehr schnell, wir laufen schnell, sind hektisch. Wir suchen und finden die Lücke, den Fehler und sprühen vor Ratschlägen, aber einfach nur, weil wir das ablehnen, dem widerstreben, das verneinen, was ist.

Eine andere Strategie, um glücklich zu werden ist das Gegenteil von dem eben beschriebenen. Es gibt auch einen gierigen, verlangenden, wollenden Zustand. Das wird auch der  „wenn dann“ Zustand genannt. Wir fühlen die Leere in uns, die wir auffüllen möchten. Wir kommen in einen Raum und sehen sofort, was wir wollen. Das Buch im Regal, die Zeitung und da liegt eine vergessene Jacke, die sieht gar nicht mal so schlecht aus. Alles untersuchen wir, ob wir es haben oder gebrauchen können. Wir finden dann die Flipchartstifte in unserer Hand, alle vier. Wir suchen einen Block, nehmen den dicksten Schokokeks, holen uns erst mal Kaffee und geniessen den ersten Schluck so richtig. Wir denken, wenn wir nur genug Geld/Zuwendung/Aufmerksamkeit/Whatever haben, dann sind wir glücklich, sicher, zufrieden und ok. Der gierige, verlangende Mensch ist der Genussmensch in uns, der immer eine gute Flasche Wein zu hause haben möchte, der elegant und leicht läuft, eher spaziert und tanzt und alles in seiner Umgebung daraufhin untersucht, ob er es besitzen kann, ob er die Leere in sich damit füllen kann.

Es gibt auch noch eine dritte Strategie, die der Verwirrung, der Täuschung. In diesem Zustand, wissen wir nicht, was wir wollen. Wenn ich in diesem Zustand in ein Meeting komme, ist mir alles egal, ich weiss nicht, wo ich mich hinsetzen soll, eine Agenda, wozu? Auf die Frage Tee oder Kaffee, antworte ich mit: ich nehme das, was Du nimmst, mach dir keine Mühe. Ich stosse mir erst mal das Schienenbein am Tisch, beschmiere meine Finger mit Kuli und die Jacke rutscht von der Stuhllehne. Wir verstehen alles falsch, sind im falschen Film, wundern uns, was wir hier eigentlich machen, wenn wir in diesem Zustand sind.

All diese drei unterschiedlichen Typen sind in mir, manchmal in einem Meeting alle drei nacheinander, manchmal gemixt. Es sind Zustände, die aus Angst, aus Unsicherheit und einem Gefühl von Mangel heraus entstehen. Uns wurde das von klein auf so beigebracht: wenn etwas gut ist, bitte mehr davon. Wenn etwas schlecht ist, bitte weniger davon. Wenn ich etwas ignoriere, dann ist es nicht da und ich bin glücklich, dann bin ich ok.

Aber nichts ist beständig, keine Wahrnehmung, kein Gefühl, kein Gedanke, keine Erinnerung hält ewig an, sie wechseln sich ständig ab. Mal gut, mal schlecht, mal neutral, gut, gut, schlecht, gut, neutral, gut, schlecht, schlecht, wieder gut… so ist das Leben einfach eingerichtet. So sehr wir an Gutem festhalten, so sehr wir klammern, je mehr wir wollen, je stärker wir Schlechtes ablehnen, so sehr wir das Gute oder Schlechte auch ignorieren wollen: nichts davon ist beständig!

Dabei gibt es doch andere Momente, die in denen wir klar sehen und in denen wir offen und aufmerksam sind, für das was wirklich ist.

Es gibt sie immer wieder, diese Augenblicke, in denen wir aus Verständnis, Liebe und Mitgefühl heraus reagieren können. Wir ahnen doch, dass  wir nicht in diesen drei Zuständen in einem ewigen Kreislauf gefangen sein müssen. Irgendwann kapieren wir vielleicht, dass sie alle Drei nicht zu dem gewünschten Ergebnis von Glück, Zufriedenheit und Sicherheit führen…

Meine drei Übungen am Morgen: Meditation im Sitzen, im Betrachten oder im Schreiben zeigen mir einen Ausweg. Es hilft aber meist schon, wenn man sich selbst mal beobachtet, wenn man sich mal hinsetzt und reflektiert und sich von aussen betrachtet, was einen da grade wieder reitet. Wenn man seinen Zustand mal einem der drei Typen zuordnet oder die Momente bemerkt, in denen man nicht so ist.

Zum Schluss fallen mir wieder die drei Grundsätze der Zenpeacemaker ein: Nicht Wissen, Zeugnis Ablegen und Mitfühlendes Handeln. Mit diesen Schritten ermahne ich mich immer wieder und hole ich mich zurück aus der Ablehnung, dem Verlangen und der Ignoranz. Und fange an zu lächeln…

tagebuch

Können wir Mangel wirklich sehen?

Berlin, 6:43, Tag 702

Heute ist ein schöner Morgen. Ich empfand Dankbarkeit, dass ich den Sonnenaufgang bezeugen konnte. Ich empfand Dankbarkeit, dass ich wach wurde. Dankbarkeit, dass ich das sehen konnte. Dankbarkeit, dass meine Füsse nass wurden. Dankbarkeit, dass ich das spüren konnte, dass ich die Kälte spüren konnte. Und als dann das Leuchten begann, überschwemmte mich ein Gefühl von unbestimmtem Glück.

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Auch wenn ich noch müde bin, auch wenn der Rücken leicht zieht, auch wenn der Tag lang werden wird, auch wenn die Nacht kurz war, auch wenn die Füsse kalt sind, auch wenn… egal.

Mir bewusst zu sein, was ist, mir klar zu machen, wo grad kein Mangel herrscht, das ist (k)ein einfacher Trick.

Es geht darum zu sehen, was wir haben. Doch es scheint uns leichter zu fallen, das nicht zu tun. Es scheint uns leichter zu fallen, zu sehen, wenn etwas fehlt. Wir sind Meister darin, eine Lücke zu finden. Ich frag mich grade, wie können wir etwas sehen, was gar nicht da ist?

Wir haben tausend Ausreden für uns selbst: ich bin müde, ich hab Stress, die Kinder müssen los, ich hab Hunger, ohne Kaffee bin ich nicht zu gebrauchen, sprich mich nicht an, erst muss ich Duschen, ich hab gleich einen Termin, ich darf die Bahn nicht verpassen… unendlich viele Ausreden. Wir haben tausend Tips für andere: sei nicht so hektisch, lächel doch mal, bleib doch ruhig, mach schneller, mach langsamer, streng dich mehr an, hab keine Angst.

Wir lieben es so sehr, uns und andere zu kritisieren für das, wir noch nicht können, für unsere Fehler, unsere Schwächen. Wir verpacken das gut. Wir tratschen doch nur ein wenig. Wir geben Feedback. Wir denken dann, es ist unsere Aufgabe, andere auf ihre Fehler hinzuweisen. Jeder will doch besser werden, wir meinen es doch nur gut.

So überschwemmen wir die Welt mit unserer Besserwisserei, mit unserem Laserblick für Mangel, Fehler und Lücke. Wir denken, dass wir so helfen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. So wurde uns das erklärt, so funktioniert das eben. Es geht nicht anders.

Und dann ärgern wir uns, dass uns niemand zuhört. Dann ärgern wir uns, dass wir uns ständig streiten. Aber wir wissen es doch besser, wir haben das doch schon erlebt, wir waren doch da schon, also warum -in aller Welt- hört denn niemand auf unsere nur gut gemeinten Ratschläge?

Wir merken gar nicht, dass wir blind sind. Das wir blind sind, für das was wirklich ist. Wir sehen nur, was fehlt. Und dabei merken wir gar nicht, dass uns genau diese Blindheit, dieses nicht sehen, so viel Kraft kostet und unseren Stress und Ärger verursacht. Es ist keine Blindheit, es ist ein aktives nicht sehen, weg schauen, dicht machen, weg rennen, sich schützen. Und das strengt an!

Wenn wir dass doch nur wieder verlernen könnten. Wenn wir das vergessen könnten. Wenn wir nicht daran fest halten würden. Wenn wir das einfach nicht tun könnten. Es scheint so leicht und doch so schwer. Wir sollen funktionieren, wir müssen das tun, wir haben Verantwortung, die Welt ist halt so. Das wird uns wieder und wieder und wieder erklärt. Wir erklären es uns selbst, jeden Tag aufs Neue, dass die Welt eben so ist, nur Leistung lohnt sich, die Welt ist halt so eingerichtet. Widerstand ist zwecklos. Sei doch vernünftig!

Doch wie können wir lernen, hinter diese Fassaden zu schauen? Wir können den Fake aufdecken?

Wir können lernen, genau hinzuschauen und uns bewusst zu machen, was vorhanden ist, womit wir heute, jetzt, genau jetzt, arbeiten können. Was uns umgibt, wie viel Überfluss wir heute morgen hier in Berlin doch haben. Egal, wie gestresst wir uns fühlen, weil wir vielleicht Angst haben und nicht wissen, ob diesen Monat die Kohle reicht, der Auftrag kommt, der Kunde bleibt, die Deadline gehalten, das Projekt abgeschlossen, der Chef zufrieden, das Kind wohlerzogen sein wird.

Wir könnten jeden Morgen aufwachen und üben. Wir könnten uns in Dankbarkeit üben. Wir könnten aufstehen und uns mit dem verbinden, was vorhanden ist. Ich habe dafür drei Übungen.

Einmal hinsetzen und meditieren. Meinen Atem zählen und spüren, was ist. Manchmal meinen Körper spüren, manchmal an meine Wohnung, an meine Lieben, an meine Kollegen denken und spüren was ist. Dabei sitzen bleiben und den Atem zählen. Nicht aufstehen. Nicht auf den Wecker schauen. Sitzen bleiben. Egal, was für Gedanken und Sorgen und Ängste und Glück und Freude auch kommen. Und auf den Gong im Timer warten, denn der hilft mir dabei.

Dann zweitens aufs Dach oder vor die Tür oder aus dem Fenster schauen und meine Umgebung sehen. Mich mit der Welt da draussen verbinden, mich mit dem Ort verbinden, an dem ich gerade bin. Die Wolken, die Sonne, den Regen, den Himmel, die Kirche, die Silhouette, die Möven, die Krähen, den Wind spüren. Und dann ein Foto für Instagram machen, denn das hilft mir dabei.

Und drittens hier zu sitzen und auf zu schreiben, was ist! Unzensiert und ohne Wertung und ohne Angst. Einfach nur sitzen, warten, schreiben, korrigieren, schreiben, denken, warten, schreiben. Und dann auf Publish drücken, denn ihr alle helft mir dabei.

Danke!

Und das ist heute mein Lied: „Whenever I see failing/absence/scarecity/lack/defect, I am happy. Because I have learned, to look deeply.“ 😀